Dom Prosper Guéranger: Antiliturgische Häresie (1). Hass gegen vorformulierte, liturgische Formen


03-bildersturm-vinkeles-nach-buys-1786Da nicht alle unserer Leser ein Hochschulstudium im Allgemeinen und ein Theologiestudium im Besonderen absolviert haben, so werden wir die weniger bekannten Begriffe mit Fußnoten erläutern, die mit arabischen Ziffern angegeben sind. Die mit römischen Ziffern hingegen zeichnen die Fußnoten des Originaltextes aus. Alle kursiv geschriebenen Sätze sowie Sätze IN GROSSBUCHSTABEN stammen im nachfolgenden Text von Dom Guéranger O.S.B. selbst.

Das erste Kennzeichen der antiliturgischen Häresie ist der Hass gegen die Tradition, welche in den [vorformulierten] Formeln des göttlichen Kultes [ihren Ausdruck findet]. Es lässt sich nicht leugnen, dass dies das Spezialmerkmal aller Häretiker ist, die wir genannt haben: vom Vigilantius[1] bis zum Calvin und der Grund dafür ist einfach zu nennen. Jeder Sektierer, der eine neue Doktrin einführen will, findet sich untrüglich angesichts der Liturgie wieder, welche die Tradition in ihrer höchsten Vollmacht verkörpert und er wird nicht eher ruhen bis er diese Stimme verstummen lässt, bis er die Seiten, welche an den Glauben der vergangenen Jahrhunderte erinnern in Stücke zerreißt. Wie haben es denn der Lutheranismus, der Calvinismus und der Anglikanismus geschafft über die Maßen [der Gläubigen] die Oberhand zu gewinnen und diese zu erhalten? Alles was sie zu tun brauchten, war es die alten [liturgischen] Bücher und die alten [liturgischen] Formeln mit neuen [liturgischen] Büchern und mit neuem [liturgischen] Formeln zu ersetzen und alles war vollendet. Es gab nichts mehr, was die neuen Lehrer peinlich berühren konnte; sie konnten nunmehr nach ihrem Gutdünken predigen: der Glaube des Kirchenvolkes lag von nun an ohne Verteidigung dar. Luther Begriff diese Vorgehensweise mit einer Scharfsinnlichkeit, die unserer Jansenisten[2] würdig war, als er in der ersten Periode seiner Neuerungen, in einer Epoche, in welcher er sich gezwungen sah noch einen Teil der äußeren Formen des lateinischen Kultes zu wahren, damals schon setzte er die nachfolgende Bestimmung für die reformierte Messe ein:

„Wir befürworten und bewahren die Introitus[3] der Sonntage und der Herrenfeste, d.h. Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Wir sollen aber darauf Wert legen, dass die gesamten Psalmen in diesen Introitus gesungen werden, wie es früher der Fall war; wir wollen aber uns an den jetzigen Brauch anpassen. Wir verurteilen nicht diejenigen, welche die Introitus auch an Apostelfesten, an Festen der Gottesmutter Maria und an anderen Heiligenfesten beibehalten wollen, WENN DIESE DREI INTROITUS DEN PSALMEN UND ANDEREN FRAGMENTEN DER SCHRIFT ENTNOMMEN WERDEN.[i]

Er [Luther] verabscheute die heiligen Gesänge, welche die Kirche selbst als Ausdruck ihres Glaubens komponierte. Er spürte in ihnen die Lebenskraft der Tradition, welche er verbannen wollte. Würde er der Kirche das Recht zugestehen ihre Stimme auf den [protestantischen] Gebetsversammlungen mit den Sprüchen der Heiligen Schrift zu vermischen, so würde er hören, wie Tausende [singende] Münder [der Gläubigen] die neuen Dogmen mit einem Anathema belegen. Daher sein Hass gegen all das in der Liturgie, was nicht ausschließlich aus der Heiligen Schrift extrahiert wurde.

[1] Vigilantius (gest. ca. 400) trat in seinen Schriften u.a. gegen das Zölibat, den Reliquienkult und die Heiligenverehrung auf. Er wurde schriftlich und polemisch vom Hl. Hieronymus bekämpft, hauptsächlich in der Schrift Contra Vigilantium (Gegen Vigilantius).

[2] Eine theologisch-religiös-politische Strömung die Ende des XVII Jhds. von Frankreich ausging und eigentlich bis zum Vatikanum II nachwirkte. Man kann sie sicherlich als den Versuch der Protestantisierung der Kirche von innen heraus bezeichnen. Die Jansenisten empfahlen eine seltene Kommunion und eine noch seltenere Beichte, um sich der eigenen Sündigkeit und Unwürdigkeit bewusst zu werden. Sie unterstrichen das Ausmaß der Konsequenzen der Erbsünde so sehr, dass sich viele von Gott verworfen sahen. Sie traten gegen den Kult der Heiligen und der Reliquien auf und forderten mehr Biblizismus. Interessanterweise wurden sehr viele der jansenistischen Forderungen, welche die Kirche über drei Jahrhunderte bekämpfte, nicht nur durch das Vatikanum II und die nachfolgende Liturgie verwirklicht aber eigentlich schon durch die Brevierreform des Pius X.

[3] Eingangsgesang in der Liturgie der Tridentinischen Messe. Es besteht aus vereinzelten Psalmenversen, aber nicht aus einem ganzen Psalm, aus Gloria Patri und der Wiederholung des Vorderteils. So sieht der Introitus zum Siebten Sonntag nach Pfingsten wie folgt aus: [Ps. 46,2] Omnes gentes, plaudite manibus: jubilate Deo in voce exsultationis. [Ps. 46, 3] Quoniam Dominus excelsus, terribilis: Rex maguns super omnem terram. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. Omnes gentes, plaudite manibus: jubilate Deo in voce exsultationis. Die deutsche Übersetzung lautet wie folgt: „Ihr Völker alle, klatschet in die Hände; jubelt zu Gott mit lautem Jauchzen. Denn hocherhaben und gewaltig ist der Herr: der große König über alle Welt. Ehre sei dem Vater und dem Sohn etc. Ihr Völker alle, klatschet in die Hände; jubelt zu Gott mit lautem Jauchzen.“ Der Grund für die Auswahl der Psalmenverse liegt, von der Länge z.B des Psalms 119 abgesehen, darin, dass die Kirche mit dieser Auswahl eine liturgisch-dogmatische Aussage trifft.

[i] Lebrun, Explication de la Messe, tom. IV, pag. 13.

Kommentar

Der o.a. Text zeigt überdeutliche Parallelen aller heterodoxen Liturgiereformen mit den deuterovatikanischen Reformen. Wie richtig Dom Guéranger zeigt: Erst durch die Liturgie mit all ihren rituellen Wiederholungen dringt man zum einfachen Kirchenvolk durch, da die theologischen Traktate kaum jemand liest oder versteht. Legt jemand den vorkonziliaren Gotteslob, den nachkonziliaren und den neuesten nebeneinander, so sieht man, was alles „abgespeckt“, ausgelassen beziehungsweise geändert wurde. Man lese nur die Strophen der bekannten Lieder. Der neueste Gotteslob hat da wirklich noch eins drauf gesetzt, um es so salopp auszudrücken. Dies ist auch der Grund, warum in Deutschland die gesamten Texte des Gloria und des Credo niemals vom Volk gebetet werden, wie es bspw. in Polen und woanders der Fall ist und wie es die liturgischen Texte eigentlich vorschreiben. Damit man wirklich nicht weiß, was den Inhalt des Glaubens ausmacht. Die Priester sagen zwar, dass das Beten der vorgeschriebenen Teile zu lange dauern würde und es in Deutschland diesen Brauch nicht gibt. Man muss aber wohl annehmen, dass wieder einmal die berühmten pastoralen Gründe dafür sprechen, da sonst die PastoralreferentInnen (die wollen ja heiraten!) nicht dazu kommen würden über das anstehende Grillfest oder über ähnlich Nichtssagendes von der Kanzel aus zu berichten. Erst durch die Liturgie erreicht man das Unbewusste, welches sich an Wiederholungen und Gesten orientiert. Hätte man nach dem Konzil in Deutschland die Liedertexte nicht geändert, so könnten ebenfalls „Tausende [singende] Münder [der Gläubigen] die neuen Dogmen mit einem Anathema belegen“. Da aber kaum jemand die alten Texte kann, so kann dies auch nicht geschehen. Es ist kaum wiederzugeben wie banal, öde und nichtsagend diese neuen Lieder und Texte sind. Wir werden sie hier vielleicht einmal darlegen und zergliedern. Sie nähren nicht den Glauben, sondern den Unglauben und machen aus der Messe eine Vereinsversammlung, in welcher der Kanninchenzuchtverein X (Kanninchen wurden ja in der letzten Zeit vom Papst Franziskus aufgewertet) andere Lieblingslieder als der Kanninchenzuchtverein Y singt, damit alle sich wohl fühlen und das Miteinander stattfindet.