Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (4) Was ist Phänomenologie?


adam und eva

Nachdem wir Personalismus als Unsinn abgestempelt haben oder akademisch ausgedrückt als eine Philosophie, welche der Wiedergabe der katholischen Lehre wenig zuträglich ist, so wenden wir uns nun  der Phänomenologie zu, welche – ja, wir ahnen es – ebenfalls Unsinn ist. Auf den eventuellen Einwand antwortend, dass wir allzu inflationär mit der Bezeichnung „Unsinn“ umgehen und ihn auf alles anwenden, was nicht thomistisch ist oder was wir selbst nicht verstehen, stellen wir fest, dass wir doch annehmen den phänomenologischen Ansatz verstehen zu können und uns hier nicht mit Sinn oder Unsinn (Was ist das?) verschiedener philosophischen Schulen befassen, sondern ihrer Brauchbarkeit für die katholische Theologie.  Und Phänomenologie, auch auf die Gefahr hin, dass sich jetzt Johannes Paul II im Grabe umdreht, ist unbrauchbar!

Was ist aber, einfach formuliert, diese ganze Phänomenologie? Es ist Personalismus erkenntnistheoretisch gewendet. Und das bedeutet? Man hat nur den Zugang zu den Phänomenen seines eigenen Bewusstseins und von dort konstruiert man das übrige, z. B. Gott, die Welt, die anderen Menschen, von dem man nicht weiß, dass es existiert. Die gute Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt die Grundannahme der Phänomenologie wie folgt:

Phenomenology is the study of structures of consciousness as experienced from the first-person point of view. The central structure of an experience is its intentionality, its being directed toward something, as it is an experience of or about some object. An experience is directed toward an object by virtue of its content or meaning (which represents the object) together with appropriate enabling conditions.

Phänomenologie ist das Studium der Strukturen des Bewusstseins wie es in der Ersten-Person-Perspektive erfahren wird. Die zentrale Struktur der Erfahrung ist seine Intentionalität als auf etwas [anderes] gerichtet und als solche [stellt sie die] Erfahrung eines Objekts dar. Eine Erfahrung ist auf ein Objekt mittels der Kraft seines Inhalts oder Bedeutung (welche dieses Objekt repräsentiert) gerichtet zusammen mit den entsprechenden Bedingungen, die solche eine Erfahrung möglich machen.[1]

Und was bedeutet das im Klartext? Man suhlt sich permanent in eigenen Bewusstseinsinhalten: „mir ist kalt“, „ich habe die Gottesidee in mir“, „ich habe eine Gebetserfahrung“ und weil man nicht nur sich selbst, sondern auch etwas in sich selbst erfährt, so versucht man in der phänomenologischen Methode auseinanderzuklamüsern, wo das eigene Ich endet und die äußere Erfahrung anfängt. Ja, ja, wir wissen alle worum es geht. Frauen über 40, sitzen in Lila-Latzhosen im Kreis, trinken Tee aus biologischem Anbau und erzählen über ihre Suche nach dem Ich in der Phase der Selbstfindung, welche eigentlich schon stattfindet, aber irgendwie immer noch nicht ganz vorhanden ist. Männer tun es leider Gottes auch schon und war man vor diesem permanenten Kreisen um sich selbst nicht schon depressiv, dann wird man es dadurch erst recht. Machen wir uns hier über Phänomenologie lustig? Jawohl, das tun wir. Aber wir können die phänomenologischen Hauptinhalte in der deutschen Wissenschaftssprache ihrer Hauptvertreter wiedergeben.

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Wikipedia, die auch gute Artikel vorweisen kann, schreibt wie folgt:

Husserl [einer der Hauptvertreter und Begründer dieser Richtung Red.] stellt diesen Zusammenhang in einem Artikel in der Encyclopædia Britannica 1927 folgendermaßen dar:

„Phänomenologie bezeichnet eine an der Jahrhundertwende in der Philosophie zum Durchbruch gekommene neuartige deskriptive Methode und eine aus ihr hervorgegangene apriorische Wissenschaft, welche dazu bestimmt ist, das prinzipielle Organon für eine streng wissenschaftliche Philosophie zu liefern und in konsequenter Auswirkung eine methodische Reform aller Wissenschaften zu ermöglichen.“

Husserliana IX, 277[2]

  Wollen Sie noch mehr? Wikipedia fährt fort:

Husserls Phänomenologie ist stark beeinflusst von Franz Brentanos deskriptiver Psychologie, die ebenfalls psychische Phänomene unabhängig von den sie erzeugenden physischen Reizen beschreibt. In Abgrenzung zu einer empirischen Psychologie hatte Brentano den Begriff des intentionalen Bewusstseins gebildet. Dies ist Ausdruck der Überzeugung, dass Bewusstsein niemals ohne Bezug auf etwas ist: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas.

„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.“

– Psychologie vom empirischen Standpunkte, 1874, S. 124

Diese trivial anmutende Entdeckung ebnet den Weg zu einem der grundlegenden philosophischen Probleme – der Spaltung der Welt in Subjekt und Objekt. Auf Grundlage des intentionalen Charakters des Bewusstseins konnte dieses Problem aus einer neuen Perspektive bearbeitet werden.

Auch Brentano ging davon aus, dass sich die Grundlagen der Logik nicht in einer naturalistischen Psychologie begründen lassen. Husserl greift diesen Aspekt auf und weitet diesen Gedanken der deskriptiven Psychologie Brentanos aus zu einer transzendentalen Phänomenologie, welche die Möglichkeiten von Bewusstseinsakten überhaupt erklären will.[3]

Für die philosophisch Vorgebildeten lässt sich an dieser Stelle sagen, dass all diese Themen viel besser, kürzer, verständlicher und eleganter in Aristoteles Analytica priora und Analytica posteriora gelöst wurden und in seiner Metaphysik erst recht. Das eigentliche Problem der Phänomenologie besteht aber darin, dass sie die Welt ausklammert und sich nur auf das eigene Bewusstsein konzentriert, zu dem man ja einen direkten Zugang hat. Sie bleibt also im Zustand des carthesianischen methodischen Zweifelns  noch vor dem ontologischen Gottesbeweis (ein wenig Fachsimpeln muss auch sein, sorry). Die gute Wikipedia schreibt darüber wie folgt:

Epoché und eidetische Reduktion

Die Methode der Epoché (Enthaltung, Innehalten) ist für Husserl die Ausschaltung der Generalthesis der natürlichen Einstellung. Das Einklammern der damit verbundenen Vormeinungen nannte Husserl „eidetische Reduktion“. Dabei sollen zunächst alle theoretischen Annahmen (Hypothesen, Beweisführungen, tradiertes Vorwissen …) über den betrachteten Gegenstand ausgeschaltet werden (vgl. Reduktionismus). In einem zweiten Schritt (der transzendentalen eidetischen Reduktion) wird die Existenz des Gegenstandes insofern außer Betracht gelassen, dass sich nur die „Washeit“ zeige, also das, was der Gegenstand ist, sein Wesen.

Aus der Perspektive des transzendentalen Bewusstseins wird das Sein nur noch als Korrelat des Bewusst-Seins angesehen, also ohne Annahmen oder Urteile über das tatsächliche Sein oder Nicht-sein der Bewusstseinsinhalte. Diese Methode nähert sich den Gedankenexperimenten von Descartes und Hobbes über die so genannte „Weltvernichtung“ (die Frage: Was bleibt erhalten, wenn es die physische Welt nicht mehr gäbe?). Damit ergibt sich aber auch sofort eines der größten Probleme der Phänomenologie. Husserl hatte nämlich den oben erwähnten Unterschied zwischen Bewusstseinsakt (Noesis) und Bewusstseins-Inhalt (Noema) angebracht. Dies entspricht einer Einteilung, die unterscheidet, was das Bewusstsein ist und was es bedeutet (denn nach Brentano ist das Bewusstsein immer intentional). Wie kann man aber sagen, dass die Inhalte des Bewusstseins noch Bedeutung haben, wenn jegliche Existenz ausgeklammert wurde? Husserl wollte die Existenz ausklammern, da die Objekte ihm zufolge das Bewusstsein transzendieren: wenn es sie gibt, so gibt es sie außerhalb des Bewusstseins selbst. Um Zugang zu den reinen Ideen gewinnen zu können, muss daher ihre Existenz ausgeklammert werden. Die Phänomenologie muss beantworten können, wann und wie es möglich sei, dass das Bewusstsein sich auf etwas „Bewusstsein-Transzendentes“ bezieht. Husserls Erklärung wird lauten, dass der Inhalt sehr wohl bewusstsein-transzendent sei, aber dass das Intendieren selbst bewusstsein-immanent sein müsse. Also wird etwas immer immanent intendiert, während es als bewusstsein-transzendent intendiert wird, weil es, wenn es existieren würde, außerhalb des Bewusstseins sein würde.[4]

Und was bedeutet das? Es bedeutet, dass man:

  1. Nur den Zugang zu den eigenen Bewusstseinsinhalten hat,
  2. Welche irgendetwas wiedergeben,
  3. Von welchem man nicht weiß, ob es überhaupt existiert,
  4. Das man nur den Zugang zu der „Washeit“, aber nicht der Existenz hat,
  5. Bezüglich der letzteren muss man sein Urteil in der Schwebe lassen (Epoché),
  6. Weil es die Phänomenologie es so vorschreibt.

Ist es nicht Unsinn? Ja und ein sehr großer dazu. Wie kann man so etwas annehmen, es geht doch dermaßen gegen den gesunden Menschenverstand!

„Deswegen ist es hoch, gelehrt und philosophisch“, sagen die Phänomenologen,

„Es ist wie im Märchen von »Des Kaisers neue Kleider«. Nur die Intelligenten und gute Beamten können sie sehen.“

Natürlich ist unsere Darstellung der Phänomenologie vereinfacht, aber nicht falsch. Wie im Personalismus führt auch hier die Ausklammerung des Seins (esse) und zwar noch radikaler als beim Personalismus eigentlich zum Solipsismus („Ich bin allein auf der Welt, denn ich habe nur den Zugang zu meinen Bewusstseinsinhalten“.) Wie soll man da noch Gott und die Welt unterbringen? Entweder gar nicht oder nur als Teil der eigenen Bewusstseinsinhalte, von welchen man nicht weiß, ob sie in Wirklichkeit tatsächlich existieren.

Zwar wurde die Phänomenologie als solche nicht expressis verbis vom Lehramt verurteilt, aber ihre erkenntnistheoretische Grundlage durchaus. Dies geschah durch Pius X. in Pascendi (1907) in folgenden Worten:

„Die Grundlage der religiösen Philosophie sehen die Modernisten in jener Lehre, die man gemeinhin Agnostizismus nennt. Demzufolge wird die menschliche Vernunft völlig von Phänomenen eingeschlossen, Dingen nämlich, die erscheinen, und zwar in der Gestalt, in der sie erscheinen: deren Grenzen zu überschreiben, hat sie weder das Recht noch die Möglichkeit. Deshalb ist sie weder imstande, sich zu Gott zu erheben, noch dessen Existenz wie auch immer durch, das was man sieht, zu erkennen. Daraus wird geschlossen, dass Gott in keiner Hinsicht direkt Gegenstand der Wissenschaft sein kann; was aber die Geschichte angelangt, dass Gott keineswegs als geschichtliches Subjekt anzusehen ist.“ (DH 3475)

Bei der phänomenologischen Methode, bei der man nicht sicher sein kann, ob irgendetwas da draußen ist, verfällt natürlich jeglicher Gottesbeweis, z.B. aus der Vollkommenheit der Schöpfung, weil wir nicht wissen, ob es so etwas wie Schöpfung gibt.  Aber auch bezüglich der eucharistischen Realgegenwart hat die Phänomenologie ihren ungesunden Samen gestreut, denn in der Verurteilung von Mysterium fidei aus dem Jahre 1965 wird dieses Sicht der Eucharistie verurteilt, wonach die Wesenswandlung nicht real, d.h. in Wein und Brot stattfindet, sondern nur in den Bewusstseinsinhalten der Anwesenden qua „Transsignifikation“ und „Transfinalisation“. So schreibt DH in seiner Einführung dazu: „Unter dem Einfluss der Phänomenologie und der Existenzphilosophie erwuchs Ende der fünfziger Jahre eine Diskussion um den Begriff der Transsubstantiation“.[5]

Die lehramtliche, obzwar nachkonziliare, Verurteilung lautet wie folgt:

  1. Denn Wir haben erfahren, daß es unter denen, die über dieses heilige Geheimnis sprechen und schreiben, einige gibt, die über die privat gefeierten Messen, das Dogma der Wesensverwandlung und den eucharistischen Kult Ansichten verbreiten, die die Gläubigen beunruhigen und in ihnen nicht geringe Verwirrung bezüglich der Glaubenswahrheiten verursachen, als ob es jedem gestattet wäre, eine von der Kirche einmal definierte Lehre in Vergessenheit geraten zu lassen oder sie in einer Weise zu erklären, daß die wahre Bedeutung der Worte oder die geltenden Begriffe abgeschwächt werden. (DH 4410)

  2. Es ist beispielsweise nicht erlaubt, die sogenannte Messe ,,in Gemeinschaft“ so herauszustellen, daß den privat zelebrierten Messen Abbruch getan wird. Auch darf man die Sichtweise des sakramentalen Zeichens nicht so deuten, als ob die Symbolbedeutung, die nach allgemeiner Meinung der heiligen Eucharistie ohne Zweifel zukommt, die Sichtweise der Gegenwart Christi in diesem Sakrament ganz und erschöpfend zum Ausdruck bringe. Gleichfalls ist es nicht gestattet, das Geheimnis der Wesensverwandlung zu behandeln, ohne die wunderbare Wandlung der ganzen Substanz des Brotes in den Leib und der ganzen Substanz des Weines in das Blut Christi – von der das Konzil von Trient spricht – zu erwähnen, so als ob sie nur in einer sogenannten „Transsignifikation“ und ,,Transfinalisation“ bestünde. Schließlich geht es nicht an, eine Ansicht zu vertreten und zu praktizieren, derzufolge Christus, der Herr, in den konsekrierten Hostien, die nach der Feier des Meßopfers übrigbleiben, nicht mehr gegenwärtig wäre. (DH 4411)[6]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir in Kardinal Wojtyla/Johannes Paul II einen Theologen und Papst haben, welcher Philosophien anhängt, die entweder, wie Personalismus, nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen oder wie Phänomenologie wenigstens sensu lato lehramtlich verurteilt wurden. Solchen philosophischen Ansatz präsentiert er also als Papst in den Jahren 1979-1984 in seiner Theologie des Leibes und später in anderen Bereichen ja leider auch, woraus kurzfristig und langfristig, siehe Amoris Laetitia, natürlich nichts Gutes herauskommen konnte. Oh weh.., oh weh…oh weh….

[1] http://plato.stanford.edu/entries/phenomenology/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[5] Denzinger-Hünermann, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Freiburg-Basel-Wien: Herder, 201043, 1245

[6] Deutsche Fassung nach: http://w2.vatican.va/content/paul-vi/de/encyclicals/documents/hf_p-vi_enc_03091965_mysterium.html

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (3) Was ist Personalismus?


adam und eva

Was ist Personalismus?

Nach der längeren Einführung zum katholischen Verständnis der Philosophie und zum Vorteil des Thomismus und der scholastischen Methode kann man sich wohl an dieser Stelle denken, dass die Wahl der Personalismus und Phänomenologie seitens Karol Wojtylas und des späteren Johannes Paul II keine gute Wahl war, welche die exakte Wiedergabe der traditionellen Inhalte der katholischen Lehre garantieren konnte. Dies ist tatsächlich auch der Fall. Was ist aber, in einfachen Worten ausgedrückt, eigentlich Personalismus und Phänomenologie? Um es ganz einfach auszudrücken: Es ist ein ständiges Kreisen um sich selbst und um die eigenen Bewusstseinsinhalte.  

Die mehr philosophische Definition des Personalismus geben wir hier nach Stanford Encyclopedia of Philosophy an, da es die Amerikaner, im Gegensatz zu anderen Völkern, tatsächlich fertigbringen sowohl gelehrt als auch verständlich zu schreiben.[1] Personalismus von Lateinisch persona – die Person, ist eine philosophische Richtung des frühen XX Jahrhunderts, welche von Frankreich ausging und sich in Europa und den USA ausbreitete.[2] In Deutschland war der Personalismus aufgrund des unseligen kantischen und idealistischen Erbes Personalismus nicht so populär wie beispielsweise er in Polen war, wohin er über französische Vermittlung kam.  Personalismus sieht sein Hauptanliegen darin den Wert der menschlichen Person zu betonen, hochzuhalten und die menschliche Person als den Anfang aller philosophischen Untersuchungen anzusehen. Lesen wir die Kerndefinition des Personalismus nach der Stanford Encyklopedia of Philosophy:

Personalists regard personhood (or “personality”) as the fundamental notion, as that which gives meaning to all of reality and constitutes its supreme value. Personhood carries with it an inviolable dignity that merits unconditional respect.

Die Personalisten betrachten das Personen-Sein (oder die “Persönlichkeit”) als eine fundamentale Idee, welche als solche aller Wirklichkeit ihre Bedeutung gibt und welche ihren obersten Wert konstituiert. Das Personen-Sein beinhaltet eine unverletzliche Würde, welchem ein bedingungsloser Respekt gebührt.[3]

Da wir hier an keine Fachphilosophen schreiben und unsere Leser nicht überfordern wollen, so halten wir hier inne, da eigentlich schon hier alles gesagt wurde.

„Was ist denn so falsch daran?“ – könnte doch jemand fragen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“,

sagt doch das Deutsche Grundgesetz und eigentlich alle Konstitutionen, welche auf der Französischen Revolution fußen.

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Personalismus begeht aber den Fehler, dass er gleich beim Menschen anfängt und alles andere zuerst ausklammert oder verwirft oder es nur insoweit zum Menschen, also der Person, in Beziehung setzt, inwieweit es der Person nützt.

 „Was gibt es denn noch außerhalb des Menschen?“, kann man fragen.

 „Allerhand“,antworten wir.

Es gibt das Sein (esse). Was ist denn das Sein? Alles was existiert und den Menschen schafft und prägt. Aus der christlichen Sicht haben wir die folgende Reihenfolge des Seins:

  1. Gott
  2. Engel
  3. Schöpfung
  4. Menschen

Die Menschen, wohlgemerkt und nicht der einzelne Mensch, kommen erst an vierter Stelle, da nach dem Schöpfungsbericht und der Evolutionslehre ja auch, lange, lange, lange vor dem Menschen die ganze Natur existierte, bevor der erste Mensch aufkam. Heutzutage, viele Jahre nach der Schöpfung, treffen die Menschen in Massen auf, es gibt die menschliche Gesellschaft mit ihrer Kultur, sodass das Individuum recht viel Zeit braucht, um sich, falls es will, aus der Menge zu emanzipieren und sein eigenes  Ich zu entdecken, welches natürlich auch nicht so individuell ist. Niemand beginnt als ein selbstständiges Individuum zu existieren, da er als Säugling im höchsten Maße hilfsbedürftig ist und durch die ganze Erziehung und Sozialisation viele, viele Werte in sich aufnehmen muss, welche das kollektive Bewusstsein irgendwie wiederspiegeln. Daher ist der personalistische Ansatz bei der Person als solchen, welche um ihrer selbst willen bedingungslos wertgeschätzt werden sollte schon rein evolutionsbiologisch und entwicklungspädagogisch verfehlt.

Personalismus zeichnet eine Person, welche niemanden über sich hat, niemanden neben und niemanden unter sich. Eine einsame, quasi leibnizistische Monade, welche jedoch klar fordert, dass sie, sie, sie unbedingt absolut gesetzt und wertgeschätzt werden sollte. Ist es nicht ein wenig kindisch und narzisstisch? Ja, das ist es und vielleicht liegt hier philosophisch gesehen der Ursprung des dämonischen Narzissmus über den Ann Barnhardt so beeindruckend schreibt[4] und referiert[5] und was wir hier übersetzen werden. Es ist doch die alte, teuflische Versuchung, welche uns einredet:

„Du bist ja so was von Besonders. Ganz, ganz, ganz einzigartig. Alle sollen vor Dir niederfallen und Dich anbeten, denn Du bist nur deswegen so wertvoll, weil Du existierst“.

Nach der christlichen Lehre und Philosophie aber ist der Mensch zwar das herausragende Geschöpf Gottes, mit unsterblicher Seele und Gottesebenbildlichkeit ausgestattet, aber man ist nur insoweit wertvoll, inwieweit man diese Gottesebenbildlichkeit in sich realisiert. Ein Heiliger ist viel wertvoller als ein schwerer Sünder, z.B. Massenmörder.  In der Schöpfung gibt es eine Hierarchie, d.h. Gott ist am besten, Engel sind gut, Menschen sind insoweit gut, inwieweit sie gottförmig geworden sind, die gefallenen Engel sind ganz schlecht. Nicht alles ist gleich und es gibt keinen Egalitarismus, also keine Gleichmacherei. Warum? Weil Gott das Sein schlechthin ist, an welchem wir nur Anteilhaben. Man kann auch sagen, dass nur Gott allein wirklich existiert, weil Er esse subsistens, also das wesende Sein ist. Der einzelne Mensch, dessen Lebensspanne ja begrenzt ist, der von der Erbsünde lädiert ist, kommt erst an viel, viel, viel späteren Stelle. All das verwirft der Personalismus. Er setzt den Menschen an die erste Stelle, er setzt ihn absolut. Und zwar nicht die Menschheit, sondern tatsächlich das Individuum. Von der Person her wird erst alles gewertet und gleichsam konstruiert.

Der Schreiber dieser Zeilen hat während seines stark personalistisch gefärbten Studiums den Satz:

„Die menschliche Person ist um ihrer selbst willen bedingungslos wertzuschätzen (persona est afirmanda propter seipsa)“

wirklich ad nauseam gehört und er fragte immer:

„Aber warum eigentlich?“

Und er bekam zu Antwort:

„Weil sie eine menschliche Person ist“.

„Aber das ist doch tautologisch“,

erwiderte er, worauf seine Dozenten nichts zu erwidern wussten und entweder ihn anschrien und des Raumes verwiesen oder still in sich zusammensackten. Man versuchte den Personalismus dadurch zu retten, indem man mit der Schöpfungsgeschichte argumentierte.

„Aber das ist doch keine philosophische Antwort“,

erwiderte der Schreiber dieser Zeilen.

„Es ist ein dem Personalismus fremder, aufgepfropfter Theismus, welcher dem Personalismus als solchem fremd ist“.

great-chainDas ist er auch, da es auch atheistische Personalisten gibt, welche bei dem tautologischen Anfangssatz stehenbleiben. Dann folgte das argumentum ad bacculum, dass Personalismus die Philosophie von Johannes Paul II sei, modern und nachkonziliar und dass er sich doch nicht dagegen versündigen wolle. Er wollte sich damals dagegen nicht versündigen, aber Personalismus überzeugte ihn nicht und war ihm schon damals nicht geheuer, weil der Anfangssatz tautologisch war. Es gibt natürlich eine Masse an philosophischer Fachliteratur zum Thema: „Ob und wieweit Personalismus mit Katholizismus zu vereinbaren sei“. Wir glauben, was an der Theologie des Leibes von Johannes Paul II sichtbar wird, dass er es nicht sei, sondern ein nachaufklärerischer, nachkantianischer, subjektivistischer, subjekttheoretischer Unsinn ist, welcher uns unter anderem Amoris Laetitia mit der subjektiven und objektiven Sündenunterscheidung beschwert hat. Wie sagte doch der Gott-sei‘s-geklagt-Gott-wird-ihn-schon-strafen-Kardinal Schönborn in einem Interview mit Antonio Spandaro SJ:

Pater Antonio Spadaro: Der Papst behauptet, daß es „in bestimmten Fällen“, wenn man sich im objektiven Zustand der Sünde befindet – aber ohne subjektiv schuldig zu sein oder ohne es vollständig zu sein – , möglich ist, in der Gnade Gottes zu leben. Ist das ein Bruch mit dem, was in der Vergangenheit gesagt wurde?

Kardinal Christoph Schönborn: Der Papst lädt uns ein nicht nur auf die äußeren Bedingungen zu schauen, die ihre Wichtigkeit haben, sondern uns zu fragen, ob wir Durst nach der barmherzigen Vergebung haben mit dem Zweck, besser auf die heiligmachende Dynamik der Gnade antworten zu können. Den Übergang von der allgemeinen Regel zu den „bestimmten Fällen“ kann man nicht nur durch Berücksichtigung formaler Situationen machen. Es ist daher möglich, daß in bestimmten Fällen jener, der sich in einer objektiven Situation der Sünde befindet, die Hilfe der Sakramente empfangen kann.[6]

Und was heißt das im Klartext? Dass dann, wenn jemand etwas nicht für eine Sünde hält und es „für ihn ok ist“, es auch keine Sünde ist. Das ist doch die Aufhebung der objektiven Normen und der Gesetze Gottes! Aber aus der personalistischen Sichtweise ist doch die menschliche Person stets und ihrer selbst Willen wertgeschätzt zu werden, also wohl gleich was sie tut. Oder? Wenn es für sie ok ist, dann ist es keine Sünde, nach Schönborn und Papst Franziskus.

Man muss fairerweise dazu sagen, dass viele christliche Personalisten die Gefahr dieses Subjektivismus sahen und die Person in einen Wertekomplex einbinden wollten und mussten. Kardinal Wojtyla hat es ja auch getan. Aber der Fehler bestand darin, von der Person auszugehen und alles ihr anzupassen. Um es ganz platt zu sagen:

„Nicht der Mensch qua Person passt sich der Welt und Gott an, sondern die Welt und Gott passen sich ihm an.“

Warum? Weil die Person als solche wertgeschätzt werden muss und zwar bedingungslos, um ihrer selbst willen. Macht das denn nicht die Person gottgleich? Genauso ist es. Nur Gott muss um seiner selbst wertgeschätzt werden, weil er die Summe aller Vollkommenheiten ist. Der Mensch ist es nicht! Der Mensch ist nur insoweit gut und insoweit wertzuschätzen, inwieweit er die objektive, gottgewollte Norm realisiert. Wenn jeder absolut wertzuschätzen ist, dann ist jeder gut und damit gibt es nichts böses, siehe Amoris Laetitia. Dies ist aber eine Aushebelung des Naturrechts und des gesunden Menschenverstandes auch. Es gibt die Erbsünde, es gibt die gefallenen Engel, es gibt die Sünde. Und deswegen muss man leider sagen, dass die personalistisch bestimmte Theologie, wie die des Johannes Paul II, was wir noch zeigen werden, viel zu optimistisch und eigentlich pelagianisch ist. Die göttliche Ordnung bleibt außen vor, die realistische, denn durch die Erbsünde geschwächte Sicht der menschlichen Natur, die Einordnung des Menschen in die Natur, aber auch in die Gesellschaft ebenso.

Bei dem personalistischen Ansatz oder anders ausgedrückt beim Personalismus als philosophischen Rahmenwerk und Instrument der Theologie ist keine Mission möglich. Warum? Weil die menschliche Person an sich bedingungslos wertgeschätzt werden soll. Sie ist also gut und bildet gleich ein Optimum. Sie braucht also keine Erlösung, keine Bekehrung, alles ist ok. Man soll der Gemeinde einen „schönen“ Gottesdienst anbieten, die Kinder nach vorne kommen lassen, niemanden belehren oder beurteilen. Der typische nachkonziliare Horizontalismus. Da jede Person wertgeschätzt werden soll, so sollen es andere Religionen ebenfalls wertgeschätzt werden und daher solle es keine Judenmission und keine Islammission geben, wie neulich aus dem Vatikan verlautbart wurde.[7] Dies ist alles leider nur konsequent gedacht. Das kommt eben bei der Wahl der falschen Philosophie raus.

[1] http://plato.stanford.edu/entries/personalism/

[2] http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#EurPer  http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#AmePer

[3] Mehr dazu: http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#WhaPer: Most important of the latter is the general affirmation of the centrality of the person for philosophical thought. Personalism posits ultimate reality and value in personhood — human as well as (at least for most personalists) divine. It emphasizes the significance, uniqueness and inviolability of the person, as well as the person’s essentially relational or communitarian dimension. The title “personalism” can therefore legitimately be applied to any school of thought that focuses on the reality of persons and their unique status among beings in general, and personalists normally acknowledge the indirect contributions of a wide range of thinkers throughout the history of philosophy who did not regard themselves as personalists. Personalists believe that the human person should be the ontological and epistemological starting point of philosophical reflection. They are concerned to investigate the experience, the status, and the dignity of the human being as person, and regard this as the starting-point for all subsequent philosophical analysis.

Personalists regard personhood (or “personality”) as the fundamental notion, as that which gives meaning to all of reality and constitutes its supreme value. Personhood carries with it an inviolable dignity that merits unconditional respect. Personalism has for the most part not been primarily a theoretical philosophy of the person. Although it does defend a unique theoretical understanding of the person, this understanding is in itself such as to support the prioritization of moral philosophy, while at the same time the moral experience of the person is such as to decisively determine the theoretical understanding. For personalists, a person combines subjectivity and objectivity, causal activity and receptivity, unicity and relation, identity and creativity. Stressing the moral nature of the person, or the person as the subject and object of free activity, personalism tends to focus on practical, moral action and ethical questions.

[4] http://remnantnewspaper.com/web/index.php/fetzen-fliegen/item/2508-diabolical-narcissism-why-princes-betray-their-king

[5] https://www.youtube.com/watch?v=tIeHhl_Lhsk

[6] http://www.katholisches.info/2016/07/09/kardinal-schoenborn-und-die-ausdrueckliche-einladung-zum-sakrileg/

[7] http://www.katholisches.info/2016/05/30/kardinal-koch-muslime-bekehren-vatikan-rudert-zurueck-keine-proselytenmacherei/

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (2) Die Wahl der richtigen Philosophie.


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Die wahre und richtige Philosophie als das theologische Gefährt

Warum ist aber die Theologie des Leibes so schlecht? Erstens darum, weil sie ihr philosophisches Fundament Personalismus und Phänomenologie bilden. Die richtige oder falsche Philosophie macht eben was aus. Obwohl die von Gott geoffenbarten Inhalte des Glaubens übernatürlich sind und daher geoffenbart werden, d.h. sie befinden sich in der Heiligen Schrift, so bedient sich der Mensch, um die Glaubenswahrheiten darzulegen einer menschlichen Sprache, welche als Sprache der Philosophie die letzten Gründe der Welt und seiner Existenz im Lichte des Verstandes darlegt. Diejenigen von uns, die keine Philosophie studiert haben oder Fachphilosophen sind (denn es gibt auch diese) sind sich wahrscheinlich nicht darüber im Klaren, wie sehr Philosophie unser Lebensbild prägt, denn solche Begriffe wie Materie, Ursprung, Natur, Seele, Zweck etc. sind philosophische Begriffe, welche verschieden in verschiedenen philosophischen Systemen definiert werden. So bedeutet „Materie“ im Neuplatonismus ein beinahe Nichts, beim Aristoteles den ungeordneten Stoff (hyle), der auf die ihn prägende Form wartet, im Positivismus oder Materialismus bedeutet sie ein dreidimensionales, messbares Etwas.  So wie man nach der Uhrzeit gefragt: „Wie viel Uhr ist es?“  mit der Frage: „Wo denn?“ antworten sollte, so kann man ebenso die Sinnfrage mit dem Gegenfrage nach dem jeweiligen philosophischen System beantworten. Welche Philosophie ist denn die beste? Diejenige, die am besten und mit den wenigsten Widersprüchen die Wirklichkeit abbildet. Was ist die Wirklichkeit? Das, was die jeweilige Philosophie dafür hält. Ist das nicht ein Teufelskreis? Ja und daher braucht man die Offenbarung und nicht jede Philosophie ist mit der göttlichen Offenbarung und dem katholischen Glauben kompatibel, was schon der erste christliche Philosoph, Justin der Märtyrer herausstellte.[1] Philosophie war schon immer pluralistisch, ist es immer noch und wird es immer sein. Dies war schon Platon klar, welcher sich in der Zeit der widersprüchlichen, philosophischen Meinungen nach einem sichereren Gefährt sehnte. Und so lesen wir im Platons Dialog Phaidon, wo es um die grundsätzlichen und letzten Dinge geht die folgende Aussage:

„Denn Eines muss man doch in diesen Dingen [des philosophischen Konsens Red.] erreichen, entweder wie es damit steht lernen oder erfinden, oder wenn dies unmöglich ist, die beste und unwiederleglichste der menschlichen Meinungen darüber nehmen, und daraus wie auf einem Brette versuchen durch das Leben zu schwimmen, wenn einer nicht sicherer und gefahrloser kann auf einem festeren Fahrzeuge oder einer göttlichen Rede reisen.“ (Phaidon 85 C-D).[2]

Was bleibt uns also übrig?

  1. Etwas selbst zu erfinden,
  2. Die besten, denn die unwidersprüchlichste der bisherigen Meinungen annehmen oder
  3. Auf die göttliche Rede, sprich auf die Offenbarung warten.

Sehr richtig vergleicht Plato den nur-philosophischen Weg mit einem Brett, an welches sich der Schiffsbrüchige klammert und auf diese Weise hofft durch das Meer zu schwimmen und ans Land gespült zu werden. Es ist sehr unbequem und gefährlich, was der Schreiber dieser Zeilen bezeugen kann, da er mehr als einmal an ein Surfbrett oder Windsurfing-Brett geklammert an den Strand angespült wurde. Was ist also die göttliche Offenbarung? Ein Motorboot oder ein Schiff, welches uns bequem an das andere Ufer der Ewigkeit bringt. Deswegen hat sich die ganze Philosophie des Altertums  nach der göttlichen Offenbarung gesehnt, was sehr schön Philo von Alexandrien darlegt und begründet. Was vielleicht nicht allen bekannt ist, so bestand der philosophische Kampf der ersten nachchristlichen Jahrhunderte nicht, wie die nachaufklärerische Philosophiegeschichte uns klarzumachen versucht, im Kampf des Rationalismus mit dem ominös Religiösen, sondern im Kampf der einen wahren, denn christlichen Offenbarung mit der anderen, dämonisch-gnostisch, theurgisch, paganen Offenbarung. Denn sowohl Christen als auch die Heiden beriefen sich auf ihre Offenbarung, die Heiden auf den Glauben der Väter, auf die Mysterien, auf die Weissagungen und andere okkulte Erlebnisse. Das Übernatürliche wucherte in den ersten fünf Jahrhunderten stark und niemals davor hatte es einen solchen Aufschwung der Magie gegeben (die nächste „Spitze“ fiel auf die Renaissance und jetzt erleben wir eine dritte des New Age). Und daher fragte sich ein Heide im dritten Jahrhundert nicht: Welche Religion ist die besten, weil die vernünftigste für mich?, sondern er fragte: Welche Religion hat die beste, weil sie durch die meisten übernatürlichen Phänomene bestätigte Offenbarung enthält?

Das Verhältnis: Offenbarung – Vernunft

Die Offenbarung (revelatio) steht also höher als jegliche Philosophie, weil die erstere göttlichen Ursprungs ist und übernatürliche Inhalte darstellt und behandelt. Und so heißt es in der dogmatischen Konstitution Dei Filius über die Offenbarung des Ersten Vatikanischen Konzils (1870):

„Denn die göttlichen Geheimnisse ragen ihrer Natur nach dermaßen über die geschaffene Erkenntnis hinaus, dass sie selbst nach ihrer Mitteilung durch die Offenbarung und ihrer Annahme im Glauben noch mit dem Schleier des Glaubens bedeckt in ein gewisses Dunkel gehüllt bleiben, solange wir als Pilger in diesem sterblichen Leben fern vom Herrn weilen; denn noch wandeln wir im Glauben, nicht im Schauen (vgl. 2 Kor 5,6f) .“ (DH 3016)[3]

Dennoch aber sagt die Lehre der Kirche:

„Gott, unser Schöpfer und Herr, kann aus den geschaffenen Dingen durch das natürliche Licht der Vernunft mit Sicherheit erkannt werden.“  (De fide) (DH 3026, vg. 2441, 3004, 3875 ff.) [4]

Ferner sagt eine sententia fidei proxima[5], also eine Aussage von der man allgemein annimmt, dass sie geoffenbart wurde und welche auch zum Glaubensgehorsam verpflichtet:

„Das Dasein Gottes kann mittels des Kausalschlusses bewiesen werden.“[6] (DH 2751, 2812, 3537, 3890, 3892)

Und wie kann man das Dasein Gottes mit dem natürlichen Licht der Vernunft erkennen? Unter Zuhilfenahme der richtigen Philosophie. Und welcher konkret? Der ewigen Philosophie, der philosophia perennis, d.h. Platonismus, Aristotelismus und Thomismus. Denn leider haben sich fast alle andere Philosophien als nicht kompatibel mit dem Christentum erwiesen, Platonismus und Aristotelismus mussten erst durch viele Jahrhunderte hindurch entsprechend umgeformt werden. Katholizismus ist wirklich diejenige Religion, welche sich am meisten der Philosophie als ihres Werkzeugs der Argumentation und der Sprache bedient. Aber nicht jede Philosophie ist erlaubt, weil sich nicht jede bewährt hat. Und so schreibt Leo XIII in seiner Enzyklika Aeterni Patris vom 4. August 1879:

„Schließlich ist es auch Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, die von Gott überlieferte Wahrheiten gewissenhaft zu schützen und denen, die sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. In dieser Hinsicht ist es ein großes Lob der Philosophie, dass sie als eine Schutzwehr des Glaubens und als ein starkes Bollwerk der Religion gilt.“ (DH 3138)

In dieser Enzyklika wird auch der Gebrauch der „goldenen Weisheit des heiligen Thomas“ (DH 3140) eindringlich empfohlen. In seiner Enzyklika Pascendi dominici gregis (1907) verurteilt Pius X. sehr genau die falschen philosophischen Prinzipien des Modernismus (DH 3475-3483), da er weiß, wie die vorangegangenen Verurteilungen:

  • Antons Günthers vom 1857 (DH 2828-2831)
  • Der Ontologisten vom 1861 (DH 2841-2847)
  • Jakobs Frohschammers vom 1862 (DH 2850-2861)
  • Des Pantheismus, Naturalismus, Rationalismus durch den Syllabus des Pius IX. vom 1864 (2901-2980)

dass doch nicht gleich ist, welche Philosophie man verwendet.  Pius XII. stellt in Humani generis fest:

„In der Theologie aber gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen möglichst abzuschwächen; das Dogma selbst möchten sie von der in der Kirche seit langem üblichen Ausdrucksweise und den Begriffen der katholischen Philosophie freimachen, um bei der Erklärung der katholischen Lehre zu den Formulierungen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. […] (DH 3881)

Haben sie dann die katholische Lehre zu diesem Stand gebracht, so glauben sie, werde der Weg bereitet, auf dem den modernen Bedürfnissen entsprechend das Dogma auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne, ganz gleich, ob es der ”Immanentismus”, ”Idealismus”, ”Existenzialismus“ oder irgendein anderes System ist. Es könne und müsse das deshalb auch geschehen, behaupten einige mit einiger Kühnheit, weil die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen lassen, die vollständig der Wahrheit entsprechen, sondern nur in Ausdrücken, die ”annäherungsweise” wahr, und ständig Veränderungen unterworfen sind; diese deuten die Wahrheiten zwar einigermaßen, gestalten sie aber auch notwendigerweise um. Darum halten sie es nicht für abwegig, sondern für durchaus notwendig, dass die Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als Instrument bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so dass sie auf verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn im Widerspruch stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche bedeuten, die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken. Sie fügen noch hinzu, die Geschichte der Dogmen bestehe in der Wiedergabe der verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in die die Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden. (DH 3882) [7]

Es ist auch klar, dass sich die Kirche nicht an jedes beliebige philosophische System binden kann, das nur eine kurze Zeitspanne Bedeutung hat: das aber, was in gemeinsamer Übereinstimmung von den katholischen Lehrern durch mehrere Jahrhunderte hindurch verfaßt worden ist, um zu einem Verständnis des Dogmas zu gelangen, stützt sich zweifellos nicht auf eine so hinfällige Grundlage.  […] Die Verachtung der Ausdrücke und Begriffe aber, deren sich die scholastische Theologen zu bedienen pflegen, führt von selbst zur Schwächung der sogenannten spekulativen Theologie, die ihrer Auffassung nach, da sie sich auf eine theologische Argumentation stütze, der echten Sicherheit entbehre“ (DH 3883)

Wie man es also dreht und wendet: nicht jede Philosophie ist erlaubt, nicht jede hat sich bewährt. Die Dogmen der Kirche sind in der Sprache des Thomismus gemeißelt. Amen! Und daher ist es recht und billig von allen Philosophie- und Theologiestudenten den Aufsatz zum Thema:

  „Wer ist Dein Lieblingsphilosoph? Und warum der hl. Thomas von Aquin?“

zu verlangen, um an dieser Stelle den berühmten Witz über Held und Lenin zu paraphrasieren. Aber den hl. Thomas lernt man erst dann schätzen, wenn man sich ausgiebig an anderen Philosophen und Systemen abgekämpft hatte und nach all dem Gift und Plörre zum reinen, kühlen Wasser zurückgefunden hat.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/04/15/stabunt-iusti-oder-nach-dem-supergau-von-amoris-laetitia/

[2] Deutsche Übersetzung nach Platon, Symposion. Phaidon, in: Platon, Sämtliche Werke, Bd. IV, nach der Übersetzung Friedrich Schleiermachers, ergänzt durch Übersetzungen von Franz  Susemihl und anderen hrgs. Von Karlheinz Hülser, Leipzig: Insel Verlag 1991, 263.

[3] Deutsche Fassung nach: http://www.kathpedia.com/index.php/Dei_filius_(Wortlaut)

[4] Ott, L., Grundriss der Dogmatik, Bonn: Nova et Vetera 201011, 40.

[5] Zur Terminologie und Bedeutung der notae theologicae siehe: http://www.the-pope.com/theolnotes.html http://iteadthomam.blogspot.de/2006/05/notae-theologicae.html http://iteadthomam.blogspot.de/2007/04/fundamental-theology-2-notae-theologic.html http://www.lulu.com/shop/sixtus-cartechini-sj/de-valore-notarum-theologicarum/paperback/product-6525626.html

[6] Ebd. 42.

[7] Deutsche Fassung nach: http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm Die Fassung in Denzinger-Hünnermann unterscheidet sich geringfügig.

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (1) Nebulöse Sprache ist nicht katholisch.


adam und eva

Nebulöse Sprache ist nicht katholisch.

Da während und nach der Veröffentlichung der Aufsatzreihe von Don Pietro Leone über die Theologie des Leibes  von Karol Wojtyla/Johannes Paul II die Entrüstung ausgeblieben ist, so ist anzunehmen, dass  die eigentlichen und wirklichen Inhalte dieser Theologie unverstanden geblieben sind. Weil die Leser so unverständig sind? Nein, weil die Sprache dermaßen nebulös und verklausuliert ist. Wir müssen einfach wissen, dass erstens ein Geistlicher, ein Bischof, ein Kardinal und ein Papst und zwar Johannes Paul II über ehelichen Sex schreibt und zweitens – Don Pietro Leone – ein ebenfalls Geistlicher, der unter eigenem Namen veröffentlicht, weiterhin sein Priesteramt ausübt und irgendwo Theologie unterrichtet den heiliggesprochenen Papst – Johannes Paul II – kritisiert.  Bei so viel „Geistlichkeit“ und Diplomentensprache wird natürlich nicht Tacheles geredet, sodass kaum ein Leser versteht, worum es sich tatsächlich handelt, hauptsächlich deswegen, weil sich der Autor der Theologie des Leibes Johannes Paul II einer Sprache bedient, die zwar X auszusagen scheint, aber leider Y meint.

Der Schreiber dieser Zeilen hat die Inhalte der Theologie des Leibes von Karol Wojtyla während seines Theologiestudiums durchgenommen und kann aus der jetzigen Perspektive sagen, dass er sie nicht verstanden hatte oder er hat sie anders verstanden als sie eigentlich gemeint war. Er ist sich auch sicher, dass keiner seiner Dozenten oder Professoren sie verstanden hatte oder sie wussten diesen Umstand gut zu verbergen, was er allerdings bezweifelt. Die Theologie des Leibes galt allen als schwierig, hochgeistlich, irgendwie romantisch verklärt, dem Schreiber dieser Zeilen und einigen anderen auch als äußerst nebulös, ungenau, irgendwie schwülstig und wenig konkret. Er erinnert sich noch an das Seminar, bei welchem diese Texte gelesen wurden, an die lähmende Langeweile und eine Atmosphäre irgendeiner Sinnlichkeit als  würde man in einem aufgeheiztem Raum ein süßliches, schlechtes Parfüm riechen, von dem es einem schlecht wird.

Um an dieser Stelle mit dem harten Fazit zu beginnen, so ist die Theologie des Leibes zwar nicht häretisch im Sinne einer sententia haeretica ist, da sie sich nicht „direkt (directe) und unmittelbar (immediate) der geoffenbarten katholischen Glaubenswahrheit widersetzt“[1], dennoch erfüllt sie, unserer Meinung nach, den Tatbestand aller übrigen Zensuren als:

  • Der Häresie nahe Meinung (sententia haeresi proxima)
  • Nach Häresie schmeckende Meinung (sententia haeresim sapiens)
  • Die Häresie begünstigende Meinung (sententia haeresi favens)
  • Irrige Meinung (sententia erronea)
  • Leichtfertige Meinung (sententia temeraria).[2]

Wird für eine formale Häresie gefordert, dass eine sententia haeretica  ausgesprochen wird, dann enthält die Theologie des Leibes keine Häresien sensu stricto. Wird aber für eine lehramtliche Aussage – und Papst Johannes Paul II hatte ja seine Theologie des Leibes als Papst und nicht als eine Privatperson – verkündet, dann erfüllt diese Theologie leider nicht die Anforderung der Irrtumslosigkeit  des ordentlichen Lehramtes, sie befindet sich eindeutig nicht innerhalb der Tradition und deswegen braucht sie von den Gläubigen nicht im Glaubensgehorsam angenommen zu werden. Denn katholisch ist nicht das, was oder weil der Papst es sagt, sondern ein Papst hat Katholisches zu sagen und zu vertreten als der höchste Repräsentant der Tradition der Kirche.  Dies ist auch das katholische Verständnis vom Primat des Petrus, wie ihn die dogmatische Konstitution Pastor Aeternus des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) darlegt:

 „Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte (traditam) Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens (fidei depositum) heilig bewahrten und betreu auslegten.“ (DH 3070)

Was ist also die Aufgabe des Papstes die Bewahrung des tradierten depositum fidei also des Glaubensschatzes. Ihre Aufgabe ist es nicht irgendwelche Privattheologien zu erfinden. Leider fand diese unselige Entwicklung schon unter Johannes Paul II statt, was entweder niemanden am Anfang seines Pontifikats (1979-1984) als die Theologie des Leibes verkündet wurde, aufgefallen ist, wahrscheinlich von den hartgesottenen Traditionalisten abgesehen oder es wurde nicht darüber geredet.  Viele wählten den Weg des päpstlichen Positivismus, wie ihn Hilary White nennt,[3] der darin besteht das als katholisch zu deklarieren, was ein Papst für katholisch hält: Koranküsse und Theologie des Leibes eingeschlossen und nicht den Papst als katholisch anzusehen, weil er Katholisches  verkündet. Bei der rhetorischen Frage:

„Ist der Papst katholisch?“

bleibt spätestens seit Papst Franziskus leider die Rhetorik auf der Strecke, weil die Antwort hierauf:

„Nein!“

lautet. Leider ist die Theologie des Leibes, welche leider einen Vorläufer von Amoris Laetitia darstellt, ebensowenig katholisch, was wir in unserem kleinen Kommentar darlegen werden.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/05/24/was-ist-eine-haresie-die-kirchlichen-zensuren-2-zensuren-welche-die-glaubenslehre-selbst-betreffen/

[2] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/05/24/was-ist-eine-haresie-die-kirchlichen-zensuren-2-zensuren-welche-die-glaubenslehre-selbst-betreffen/

[3] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/06/01/steve-skojec-raus-aus-dem-kaninchenloch/

Fr. Pietro Leone: “Die Theologie des Leibes”. (7) Eros oder Agape? Eros.


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3.   Die Sprache der Agape

Der Papst fährt fort, die sexuelle oder “fleischliche Liebe” zu supernaturalisieren und nennt sie: “die Sprache der Agape”, und behauptet, dass sie die Liebe Christi und der Kirche verkündet

“mittels Gesten und Reaktionen, mittels der ganzen Dynamik … von Spannung und Vergnügen.” (22. Aug. 1984, West S.91).

Er zählt vier Vergleichspunkte auf zwischen den zwei Formen der Liebe: beide sind frei, gänzlich, treu und fruchtbar.

Hierauf ist zu antworten, dass alle Formen der Liebe von Natur aus frei sind; jede Liebe, die den Menschen zum Ziel hat, ist fruchtbar (wie wir in Kapitel 2 erörtert haben im Teil über die Natur der Liebe); es ist wahr, dass beide Formen der Liebe treu sind; Christi Liebe für Seine Kirche ist gänzlich, wohingegen wir erwiesen haben, dass eheliche Liebe es nicht ist.

Der Römische Katechismus vergleicht Christi Liebe zu seiner Kirche nicht so sehr mit dem Akt der ehelichen Liebe im Allgemeinen: Er vergleicht Christi intimste Vereinigung mit der Kirche, Seine immense Güte zu uns, und die Göttlichkeit des Geheimnisses mit der Tatsache, dass das eheliche Band das intimste Band ist, das zwischen Menschen besteht, dass keine Liebe starker als diese ist, und dass diese Vereinigung heilig ist.

Bezüglich des Aktes der ehelichen Vereinigung im Besonderen spricht der Katechismus in seiner Erörterung des zweiten Segens der Ehe, welche die Treue ist, von einer “besonderen, heiligen, reinen Liebe” … einer Liebe, die “immens” ist. Am Ende des Abschnitts über den Ehestand führt er aus, dass diese [eheliche] Liebe sowohl maßvoll als auch sittsam sein sollte.

4.   Das tiefgreifendste Zeichen der Agape

„Nirgends tun Eheleute Gottes Liebe tiefergreifender kund als wenn sie ‚ein Fleisch‘ werden“,

erklärt Mr. West (S.104), und fügt später hinzu:

“Johannes Paul sagt, dass das wesentliche Element der Ehe als eines Sakraments die Sprache des Leibes ist, welches in Wahrheit ausgesprochen wird. Auf diese Weise ‘konstituieren‘ die Eheleute das sakramentalen Zeichen der Ehe.” (12. Jan. 1983).

Wenn man die linguistische Metapher beiseitelässt, könnte man antworten, dass wenn Gottes Liebe die Liebe der Caritas ist, so kommen die Eheleute dieser Caritas-Liebe in ihrer Liebe durch die Nächstenliebe (Caritas) am nächsten. Der Akt der ehelichen Liebe kann ein Akt der Caritas-Nächstenliebe sein (wie oben ausgeführt), aber, wenn dem so ist, so zeichnet sich dennoch der eheliche Akt, der weniger durch seine Caritas-Nächstenliebe als durch seine Sinnlichkeit aus: der eheliche Akt, ist weniger durch die Caritas-Nächstenliebe als durch die sinnliche Liebe gekennzeichnet. Zweifellos: je größer die Caritas-Liebe eines Ehegatten zum andern ist, desto mehr nähert er sich der Caritas Gottes. Daraus folgt, ironischer weise, dass wenn ein Ehepartner aus einem bestimmten Grund aus der Caritas-Liebe zum Andern auf seine ehelichen Rechte verzichtet, er näher zu an die Caritas-Liebe Gottes kommt als wenn er von seinen Rechten Gebrauch gemacht hätte.

Allgemein gesprochen, je größer die Leiden, die eine Person für eine andere auf sich nimmt, desto größer ist die Caritas-Nächstenliebe. Dies stimmt im höchsten Maße was die Liebe Christi zu seiner Kirche angelangt, somit stimmt es ebenso für die eheliche Liebe. In diesem Kontext spricht Jolivet (wie oben in Kapitel 4 zitiert) von “den härtesten Opfern, welche die Treue zur Pflicht auferlegt”.

Was den Akt der ehelichen Vereinigung betrifft, wird dieser in der Tradition weniger als das Paradigma der Liebe als vielmehr ein Ersatz (compensation) für Liebe betrachtet. Der Katechismus von Trient stellt fest, dass die drei Güter oder Segen der Ehe: Kinder, Treue und das Sakrament für die “Drangsale des Fleisches” entschädigen, auf die sich der Heilige Paulus bezieht (1 Kor 7.28). Der Hl. Thomas kommentiert (in Suppl.q.49), dass der Segen der Treue für die sollicitudo molesta (das beschwerliche Bemühen, des sexuellen Aktes) der Eheleute um einander und hinsichtlich der [Zeugung] des Kindes.

Zusammenfassung

Alles in Allem sehen wir klar, dass die Theologie des Leibes ein personalistisch-phänomenologisches System ist. Als solches konzentriert es sich auf dem Subjektiven, was die Person und dies Liebe darstellen, es vernachlässigt aber das Objektive, sei es katholisches Dogma (wie die Lehre, dass das Hauptziel der Sexualität und Ehe die Fortpflanzung ist oder die Unterscheidung zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Ordnung) oder sei es die ewige oder scholastische Theologie, Philosophie oder Moral (wie die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Formen der Liebe). Das Resultat ist ein Wechsel von der Tugend der Liebe zur Leidenschaft der Liebe, von der übernatürlichen Liebe zur natürlichen Liebe, und letztendlich von der Heiligkeit zur Sexualität.

 Bei diesem Mangel an Katholizität wird die Theologie des Leibes, obwohl sie als das Lob der katholischen ehelichen Liebe präsentiert wird, stattdessen zu einem Lobgesang des Eros[1], mit größerer Bedeutung für die Welt als für die Kirche. Als solche stellt sie sicher eine der bemerkenswerteren Früchte des vielgerühmten rapprochement[2] zwischen der Kirche und der Welt dar[3] 5.

Quelle auf Englisch: http://rorate-caeli.blogspot.com/2015/01/theology-of-body-explained-traditional.html

[1] Wenn man es nicht wüsste, dass dies vom Papst selbst zusammengestellt wurde, so könnte man dadurch entschuldigt werden diese Ansichten dem personalistischen Philosophen Max Scheler zuzuschreiben, der auch durch das Christentum beeinflusst wurde.

[2] Oder aggiornamento.

[3] Siehe Kapitel 6 des vorliegenden Buches. Darin wird dargestellt wie die sexuelle Liebe das Hauptthema ist, welches von der Welt besungen wird – obwohl charakteristischerweise als außereheliche Sexualität (fornicatio).

Fr. Pietro Leone: “Die Theologie des Leibes”. (6) Ehelicher Akt als Abbild der Beziehung zwischen Kirche und Christus?


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B. Eheliche Liebe im Verhältnis zu Christus und Seiner Kirche

Der Papst vergleicht die Einheit zwischen Christus und Seiner Kirche einerseits und der ehelichen Liebe andererseits in mehreren, unterschiedlichen Darstellungen.

 1.  Die gegenseitige Unterordnung der Eheleute

In seinem Kommentar zu Eph 5. 21-2, dass Ehemänner und Ehefrauen “einander untertänig in der Furcht Christi” (V. 21) sein sollen und “die Frauen [seien] ihren Männern untergeben wie dem Herrn”, behauptet der Papst, dass gegenseitige Unterordnung eine “gegenseitige Schenkung des Selbst” bedeute, dass der Ehemann “gleichzeitig der Frau untergeben” sei (11. Aug. 1982), und dass diese Ehrerbietung “keine andere ist als eine geistlich gereifte Form” der gegenseitigen Anziehung der Geschlechter (4. Juli 1984, West S.81).

Als Antwort hierauf ist zu sagen, dass es in diesen beiden Versen nichts gibt, das auf einen Akt der ehelichen Vereinigung hinweist. Sie mögen ohne Weiteres im Bezug auf die eheliche Liebe im Allgemeinen interpretiert werden, d. h. die gegenseitige Hilfe der Eheleute (als zweites Ziel der Ehe). Diese Interpretation wird bestätigt durch die gleiche Geisteshaltung, ausgedrückt in Röm 12. 10: honore invicem servientes: kommet einander in Ehrerbietung zuvor. (Allioili).

 Bezüglich der Unterordnung der Frau unter ihren Mann erinnert St. Thomas (in Summa I q. 96 a.4) daran, dass jede Gesellschaft eine Form der Autorität braucht, um die Aktivitäten dieser Gesellschaft zum Gemeinwohl hin zu leiten. In der Tat ist christliche Autorität nicht gebieterisch oder egoistisch, sondern beinhaltet Dienst und Hingabe nach dem Beispiel des Menschensohnes, der nicht kam um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mt 20, 25-8). Was die Ehrerbietung Christus gegenüber betrifft, so drückt diese den Geist aus, der die Eheleute bewegen sollte, sich einander unterzuordnen, einen Geist, der weit entfernt von Servilität ist.

2.   Die Einheit des einen Fleisches

Wir wenden uns nun der Interpretation des Papstes der Einheit “des einen Fleisch” [d.h. „sie werden ein Fleisch“] (Eph.5.31, cf. Gen. 2.24, Mt.19.5). Er versteht diesen Satz Als einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung als ein Zeichen der Einheit Christi mit Seiner Kirche. In seiner Auslegung schreibt Mr. West:

“Reine Männer und Frauen …  erkennen, dass der Ruf zur Vereinigung, eingeschrieben in ihre Sexualität, ein ‘großes Geheimnis’ ist, das die Einheit Christi mit Seiner Kirche verkündet”.

Diese Aussage kommentierend, erstens stellen wir fest, dass dies ein weiteres Beispiel der Vermengung zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Ordnung darstellt: ein rein natürliches Phänomen [sexueller Akt] wird als ein Zeichen für etwas rein Übernatürliches gehalten; zweitens interpretiert das Konzil von Trient die Vereinigung zu einem Fleisch nicht als einen Akt der sexuellen Liebe, sondern als die Einheit, welche die erste Eigenschaft der Ehe darstellt, so wie es die Worte des Heilands interpretiert (im nachfolgenden Vers in Mt 19,6) ‚was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen‘ als die Unauflöslichkeit, welche die zweite Eigenschaft der Ehe darstellt (Trient S. 24)

Fr. Pietro Leone: “Die Theologie des Leibes”. (5) Ehelicher Akt als Abbild der Trinität?


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III

Eheliche Liebe im Verhältnis zu Gott betrachtet

Die eheliche Liebe und Gott

Papst Johannes Paul II bringt den Akt der ehelichen Liebe auf zweierlei Weisen in Verbindung mit Gott: erstens mit der Liebe Gottes zu sich selbst in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, zweitens in der Liebe Christi zu der Kirche.

A. Eheliche Liebe im Verhältnis zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit

Der Papst stellt fest, dass Gottes Geheimnis der Liebe

“zur sichtbaren Realität durch die Vereinigung des ersten Mannes und der ersten Frau wird” (Rede vom 13. Okt. 1982, West S. 89).

In seiner Darstellung der Theorie des   Papstes behauptet West, dass

“eheliche Vereinigung gewissermaßen als  Ikone Bild des innerentrinitatischen Lebens gedacht ist” (West S. 25),

und erklärt, dass “ein Fleisch werden” sich daher nicht nur auf die Vereinigung zweier Leiber beziehe (wie unter den Tieren), sondern

“ein ‘sakramentaler’ Ausdruck sei, welcher der Kommunion (communion) von Personen entspreche” (Rede vom 25. Juni 1980, West S.25);

Der Mensch bilde Gott

“nicht nur durch seine/ Menschheit sondern auch durch die Gemeinschaft (communion) von Personen, welche Mann und Frau ja von Anfang an bilden” (14. Nov. 1979, West S.25).

Hier haben wir folglich die Theorie, dass der Akt der ehelichen Liebe der Ausdruck bzw. das sakramentale Zeichen der innertrinitarischen göttlichen Liebe sei. Zu sagen, das eine Sache der Ausdruck oder das sakramentale Zeichen einer anderen sei, setzt zumindest voraus, dass:

1) eines mit dem anderen in einem direkten kausalen Zusammenhang verbunden ist,

2) eine die andere Sache darstellen muss.

Dies ist jedoch für den Akt der ehelichen Liebe nicht der Fall, da

1) er nicht direkt von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit verursacht wird, sondern vielmehr von dem Ehepaar, die in Freiheit handeln; und

2) offenbart dieser Akt nicht die die innertrinitarische Liebe, da (wie wir weiter ausführen werden) er dazu zu unähnlich ist.

Der Akt der ehelichen Liebe ist der innertrinitarischen göttlichen Liebe zu unähnlich, um ein Ausdruck derselben zu sein, da, nicht wie die göttliche Liebe,

a) die erstere ist Liebe zwischen zwei menschlichen Personen (statt Liebe zwischen zwei göttlichen Personen zu sein);

b) der Akt hat nicht notwendigerweise an der Liebe Gottes für sich selbst Anteil, denn es könnte sein, dass ein oder beide Eheleute nicht im Stand der Gnade sind;[1]

c) der Akt der ehelichen Liebe ist kein Akt der vollkommenen Selbsthingabe;

d) der Akt wird durch Konkupiszenz verdorben;

e) der Akt ist Mittel zu einem Zweck, namentlich der zur Zeugung der Nachkommenschaft in dieser Welt.

Weit davon entfernt, die Liebe zwischen Menschen als einen Ausdruck der innertrinitarischen Liebe zu sehen, weist die Kirche hierfür auf das Wort Gottes – Christus, Der der Ausdruck des Vaters ist:

“…, welcher das Ebenbild Gottes ist, des Unsichtbaren” (Gottes) (Kol.1.15),

den wie der Heilige Johannes sagt (1.18):

“Gott hat niemand je gesehen; der eingeborne Sohn, der im Schoße des Vaters ist, er hat es uns kund getan.”

Kurz gesagt, alles, was wir über die  innertrinitarische Liebe wissen können, die Liebe zwischen Vater und Sohn, ist das, was wir von der Lehre und von den Werken unseres Herrn Jesus Christus lernen können.

Nach der Tradition der Kirche ist stellt die Liebe des Menschen im Gnadenstand zu Gott diejenige Form der menschlichen Liebe, welche am ehesten an die innertrinitarische Liebe heranreicht:  dies ist caritas – die christliche Liebe, deren vollkommene Form die Heiligkeit ist. Denn durch eben diese Caritas-Liebe ahmt der Mensch Gottes Liebe zu Sich selbst nach (so wie er durch den Glauben Gottes Selbstwissen nachahmt. Summa I q.93 a.4 cf. die Diskussion über die natürliche und übernatürliche Würde des Menschen, siehe Kapitel 2 oben). In der Tat es ist  im Hinblick auf diese Form der Caritas-Liebe, wenn die Kirchenväter die Bibelstelle “der Mensch wurde geschaffen nach dem … Ebenbild Gottes” interpretieren.

Wir schließen diesen Teil ab, indem wir die  Sicht von Papst Johannes Paul II. auf diejenige Liebe, in welcher der Mensch Gottes Liebe für sich selbst nachahmt mit der traditionellen Sicht dieser Liebe vergleichen, anders ausgedrückt wir vergleichen seine Sicht des Aktes der ehelichen Liebe mit der traditionellen Sicht der Liebe als caritas.

Der Papst stellt den Leib als das  Abbild Gottes dar und zwar sowohl als das Abbild Gottes an sich als auch im Verhältnis der göttlichen Personen zueinander (communio): der Leib ist ein “Sakrament”[2], er

“in der Lage das Unsichtbare sichtbar zu machen: das Geistliche und das Göttliche” (20. Feb. 1980, West S.5);

darüber hinaus

“wird der Mensch zum Abbild Gottes weniger im Moment des Alleinseins als im Moment der Gemeinschaft (communio)” (14. Nov. 1979, West S.25).

Die katholische Tradition versteht im Unterschied hierzu die Seele als das Abbild Gottes, sowohl an sich als auch im Verhältnis zur Gemeinschaft (communio): im Penny Katechismus (TAN 1982 Kapitel 1 q.4) lesen wir:

“Befindet sich diese Ebenbildlichkeit Gottes in deinem Leib oder in deiner Seele? Diese Ebenbildlichkeit Gottes befindet sich hauptsächlich in meiner Seele”;

Im Großen Katechismus des Hl. Pius X (Questio 55) lesen wir:

“Warum sagen wir, dass der Mensch geschaffen wurde nach dem Bild und Abbild Gottes? Wir sagen, dass der Mensch nach dem Bild und Abbild Gottes geschaffen wurde, weil die menschliche Seele geistlich und vernünftig, frei in ihrem Taten, fähig, Gott zu kennen und zu lieben und Ihn für immer zu genießen: Vollkommenheiten, welche in uns den Strahl der unendlichen Größe des Gottes wiederspiegeln.”

Die erstere Liebe [d.h. die eheliche Liebe] wird dargestellt (fälschlicher Weise, wie wir dargelegt haben) als sich völlig selbst schenkende Liebe; die letztere Liebe [d.h. caritas], in ihrer höchsten Form, das ist die Vollkommenheit der Caritas, welche Heiligkeit ist, kann man in der Tat als solche bezeichnet werden.

Die erstere Liebe [die eheliche Liebe] wird dargestellt (wieder fälschlicher Weise, wie wir dargelegt haben) als ein Ausdruck der innertrinitarischen Liebe; die letztere [caritas] wird verstanden (nicht als Ausdruck, sondern) als Nachahmung und Teilhabe an dieser Liebe.

Wenn die eheliche Liebe nicht Ausdruck oder sakramentales Zeichen der göttlichen Liebe ist, in welchem Verhältnis steht sie dann zu ihr? Nach der katholischen Tradition stehen die Dinge im demjenigen Verhältnis zu Gott, in welchem sie Gott nachahmen: die Engel und Menschen stehen im Verhältnis zu Ihm als Sein Bild und Abbild; während der Rest der Schöpfung zu Ihm als Seine Spur (vestigium) steht. Eheliche Liebe, wie oben bereits ausgeführt, wird durch die Tatsache charakterisiert, dass sie eine radikal sinnliche Form der Liebe ist, die nur als “Liebe” in Analogie zur vernünftigen Liebe bezeichnet werden kann. Als solche kann man eheliche Liebe in einer sehr entfernten Weise im Verhältnis zur innertrinitarischen Liebe stehen und zwar als eine Spur (vestigium) dieser Liebe.

[1] Es stimmt, dass dieser Akt der menschlichen Liebe, wenn er im Gnadenstand ausgeführt wird, auch einen Akt der Caritas-Nächstenliebe darstellt und daher eine gewisse Nachahmung und Teilhabe an der göttlichen Liebe darstellt; dennoch ist aber der Akt der ehelichen Liebe eine radikal sinnliche Form der Liebe und ist daher eher durch diese Form [der sinnlichen] Liebe charakterisiert als durch die Caritas-Liebe. Aus diesem Grunde kann der Akt der ehelichen Liebe nicht, auch in diesem Fall nicht, als ein Ausdruck der göttlichen Liebe angesehen werden.

[2] Sowohl der Terminus ‘Sakrament’ hinsichtlich des Leides als auch der Terminus ‘Theologie des Leibes’, die eine Theorie darstellt, welche eine Sakramentalität dem Leib zuschreibt, stellt eine Tendenz dar die natürliche und die übernatürliche Ordnung zu vermischen.