Don Pietro Leone, Die Kirche und Asmodeus. (5 von 7) „Überhöhung der ehelichen Liebe“.


asmodeus

B. Die Überhöhung der ehelichen Liebe

 1. Vergöttlichung und Zielsetzung

       Wir haben erklärt, wie die eheliche Liebe durch ihre Vergöttlichung erhöht wurde, durch ihre Angleichung an die göttliche Liebe der Barmherzigkeit.

        Durch die Angleichung der ehelichen Liebe an die Nächstenliebe, vergöttlicht sie der Papst nicht nur, sondern legt sie auch dadurch fest, dass er sie als einen Weg zur Verwirklichung des Sinns des menschlichen Lebens präsentiert. Denn da Gott die Summe alles Guten und Vollkommenen ist, ist die raison d’être (die Daseinsberechtigung) jedes gegebenen Dinges durch die Nachahmung des Gutseins und der Vollkommenheit Gottes selbst bestimmt. Die Vollkommenheit Gottes, zu deren Nachahmung der Mensch imstande ist, ist sein (Gottes) Wissen über und vor allem die Liebe zu sich selbst. Diese Liebe, wie wir oben erklärt haben, ist eine totale sich selbst hingebende Liebe. Indem er behauptet, dass die eheliche Liebe einer total sich selbst hingebenden Liebe gleich kommt, behauptet der Papst dann, dass der Mensch seine raison d’être, Daseinsberechtigung,  durch die eheliche Liebe (einschließlich des dazugehörigen Aktes) erfüllen kann. Tatsächlich behauptet der Papst ausdrücklich, dass die totale Selbsthingabe in der Ehe (dem Menschen (Anm. d. Übers.) die „Verwirklichung des eigentlichen Sinns seines Seins und seiner Existenz“ (16 Jan. 1980) ermöglicht.

2. Konsequenzen der unangemessenen Überhöhung der ehelichen Liebe

Es gibt zwei Arten von Konsequenzen, die aus dieser unangemessenen Überhöhung der ehelichen Liebe fließen: eine interne, das heißt eine Art von Konsequenz für andere Lehren, die die Theologie des Leibes ausmachen, und eine externe, für die Art und Weise, wie dieses System generell im Ganzen verstanden wird.

a) Interne Konsequenzen 

Wenn nun die eheliche Liebe auf das Niveau erhoben wird, das wir beschrieben haben, so kann sie klarerweise in keinerlei Weise als negativ dargestellt werden, sei es wegen der Begierde (im Sinne der inhärenten Störung des sinnlichen Begehrens) oder in ihrer Beziehung zu Jungfräulichkeit und Zölibat.

i) Begierde

     Die sexuelle Begierde wird mit der Tugend der Keuschheit bekämpft: das bedeutet totale Abstinenz außerhalb der Ehe oder Mäßigung innerhalb der Ehe. Die totale Abstinenz, die mit der Wachsamkeit über den Willen und die Phantasie verbunden ist, reicht aus,  um den Makel der Begierde in unserem Handeln zu vermeiden. Mäßigung bei der Verwendung der sexuellen Befähigung innerhalb der Ehe ist im Gegensatz dazu unzureichend, um diesen Makel vollständig zu vermeiden, wegen der der Natur innewohnenden Unordnung dieser Befähigung als Folge der Erbsünde. Die Ehe bietet jedoch einen Kontext für die nicht-sündhafte Ausübung der sexuellen Fakultät, trotz ihrer inhärenten Störung. Dies ist, was der Begriff „Abhilfe oder Heilmittel der Begierde“ bedeutet (siehe oben).

    Papst Johannes Paul II. leugnet natürlich nicht die Existenz der Begierde als Quelle der Sünde, sondern vernachlässigt, dass sie dem ehelichen Akt innewohnt, wenn auch nicht in sündhafter Weise. Aus diesem Grund kann er sagen (Diskurs 29. Oktober 1980):

„Durch die Gnade durchtränkt der Heilige Geist das sexuelle Verlangen mit allem, was edel und schön ist“,

und (26. September 1979) kann von „ursprünglicher Unschuld“ sprechen als etwas, das in gewissem Sinne dem Menschen (heute) noch zugänglich ist.

ii) Ehe in Beziehung zu Jungfräulichkeit und Zölibat

Das Konzil von Trient erklärt dogmatisch (Sitzg. 24 Can. 10):

Wer sagt, … es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden der sei mit dem Anathema belegt.

Si quis dixerit… non esse melius ac beatius manere in virginitate aut caelibatu, quam matrimonio: Anathema sit.

    In Übereinstimmung mit dieser Lehre referiert Johannes Paul II. die Worte des Heiligen Paulus (Diskurs, 7. Juli 1982), dass: derjenige, der sich für die Ehe entscheidet, „gut handelt”, während der, der die Jungfräulichkeit wählt, “besser” handelt. (1 Kor 7, 38) Das “dem Herrn gefallen” hat als Hintergrund die Liebe. Dieser Hintergrund wird an einer weiteren Gegenüberstellung sichtbar: Der Unverheiratete sorgt sich darum, wie er dem Herrn gefallen könne, während der verheiratete Mann sich auch darum sorgen muss, wie er seine Frau zufriedenstellen kann.”

     Der gleiche Papst erklärt in einer weiteren Passage (Diskurs 14. April 1982), während er die Aussage unseres Herrn (Mt 19. 12):

“Es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen”, referiert, dass diese Worte “weder einen Grund dafür liefern, die “Minderwertigkeit“ der Ehe zu behaupten, noch dafür, die “Überlegenheit” der Jungfräulichkeit bzw. des Zölibats zu vertreten, weil diese ihrer Natur nach darin bestehen, sich der ehelichen leiblichen Vereinigung zu enthalten … einzig allein um des “Himmelreiches” willen.“

In dieser zweiten Passage gibt er die Überlegenheit der Jungfräulichkeit oder des Zölibats wieder zu, und zwar um des „Himmelreiches“ willen (was eindeutig eine Entsprechung der Liebe Gottes ist). Aber er präzisiert dahingehend, dass der Grund für deren Überlegenheit genau das ist und nicht die Enthaltung vom ehelichen Akt. Und doch ist es unmöglich, das eine Motiv von dem anderen zu trennen. Die Jungfräulichkeit oder der Zölibat um des Himmelreiches/um der vollkommenen Gottesliebe willen besteht wesentlich in der Enthaltung von der ehelichen Liebe, welche buchstäblich das ist, was diesem Lebensstand seinen Charakter des übernatürlichen Opfers verleiht, in dem seine Überlegenheit liegt.

Diese Zurückhaltung, den ehelichen Akt in irgendeiner Weise zu erniedrigen, entspricht einer Tendenz, die beiden Lebensstände ein und derselben Ebene zuzuordnen. Und der Papst erklärt (Familiaris Consortio § 11) in der Tat:

„Die christliche Offenbarung kennt zwei besondere Weisen, die Berufung der menschlichen Person zur Liebe ganzheitlich zu verwirklichen: die Ehe und die Jungfräulichkeit“.[1]

     Diese dritte Passage präsentiert beide Lebensstände als Berufungsziele, als Wege, in einem totalen Sinn zu lieben, die dann folglich ein und denselben moralischen Wert haben. Folglich kann man sagen, wird beiden Ständen die selbe Ebene zugewiesen. Das steht sowohl im Widerspruch zum Konzil von Trient als auch zu der zweiten oben genannten Passage. Diese (die 2. og Passage (Anm. d. Übers.)) hatte den Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates als dem verheirateten Stand auf der Grundlage  einer Verschiedenheit der Liebe als überlegen präsentiert, während die 3. Passage (aus Familiaris Consortio) beiden Ständen dieselbe Ebene aufgrund einer Gleichwertigkeit der Liebe zuweist.

Abschließend verzeichnen wir die Zusammenhanglosigkeit in der Art und Weise, wie der Papst die beiden Lebensstände zu einander in Beziehung setzt: Einmal die Jungfräulichkeit / den Zölibatsstand als überlegen; andererseits die beiden Stände als gleichwertig anzusehen. Die letztgenannte Sichtweise muss, wegen ihrer Grundlegung in einem zentralen Grundsatz seines Denkens, nämlich der sich total hingebenden Liebe, als die vorherrschende Ansicht angesehen werden.[2]

b) Externe Konsequenzen der Überhöhung der ehelichen Liebe 

      Die Überhöhung der ehelichen Liebe hat ebenfalls Konsequenzen für die Art und Weise, wie die Theologie des Leibes grundsätzlich zu verstehen ist.

     Papst Johannes Paul II. vergöttlicht die eheliche Liebe, wie wir erklärt haben, indem er sie als “sich total selbst hingebende Liebe” bezeichnet. Aber während die eheliche Liebe von der Welt als sexuelle Liebe verstanden wird und auch so vom jüngsten Lehramt (s.o.) präsentiert wird, wird diese Vergöttlichung generell als Vergöttlichung der sexuellen Liebe aufgefasst.

Derselbe Papst vergöttlicht gleichermaßen den Akt der ehelichen Liebe, indem er ihn als „totale Selbsthingabe“ bezeichnet, aber da die totale Selbsthingabe des ehelichen Aktes (insoweit er von den Ehegatten in gegenseitiger Hingabe und Zuwendung verwirklicht wird, siehe oben) auch außerhalb der Ehe bestehen kann, wird diese Vergöttlichung grundsätzlich als Vergöttlichung der sexuellen Liebe verstanden.

   Die Vergöttlichung des Eheaktes (in der Lehre des Papstes), die Vergöttlichung des sexuellen Aktes und der sexuellen Liebe im allgemeinen (wie die Lehre des Papstes generell verstanden wird) ist mit dem katholischen Empfinden eindeutig unvereinbar und stimmt weniger mit dem Katholischen Glauben und dem Katholischen Gefühlen als mit den verwirrten Launen der gefallenen Natur überein, wenn eine solche Liebe als ein Ausdruck des inneren Lebens der Allerheiligsten Dreifaltigkeit dargestellt wird.[3]

   Die Tatsache, daß diese Vergöttlichung auf Kosten der wahren göttlichen Liebe, der Caritas, erfolgte, stellt eine Ersetzung oder Verdunkelung der Caritas (und deren Vervollkommnung, der Heiligkeit) durch die Sexualität dar. Das entspricht auch dann der Wahrheit, wenn der Papst keinen solchen Effekt beabsichtigte, und selbst wenn er der Sexualität in seinem Pontifikat weniger Gedanken und Worte als der Heiligkeit widmete.

 

C. Der Wurzelfehler der Theologie des Leibes

     Wir haben behauptet, daß das formale Prinzip der Theologie des Leibes das Konzept der ehelichen Liebe als »totale Selbsthingabe« sei. Das ist ein personalistisches Prinzip der moralischen Ordnung. Es ist in einem personalistischen Grundsatz der ontologischen Ordnung begründet, nämlich dem, dass die Liebe die Persönlichkeit ursächlich bestimmt.[4]

   Diese Prinzipien leiten sich offensichltich von der trinitarischen Theologie her, die lehrt, dass:

  1. innerhalb der Allerheiligsten Dreifaltigkeit die Beziehungen die Personen konstituieren (so formt zum Beispiel die göttliche Vaterschaft den himmlischen Vater);
  2. die Liebe zwischen den göttlichen Personen eine sich total selbst hingebende ist.

   Wenn wir diese beiden Prinzipien auf die eheliche Ethik anwenden, sehen wir, wie Papst Johannes Paul II. behaupten kann, dass die Liebe zwischen den Ehegatten eine der totalen Selbsthingabe sei und dass diese Liebe ihre Persönlichkeit konstituiert: und sie zu dem macht, was sie als Personen sind.

   Jedoch müssen wir einwenden, dass das, was für die Allerheiligste Dreifaltigkeit wahr ist, weder für die Eheethik, noch für zwischenmenschliche Ethik im allgemeinen gilt. Was den ersten Punkt angeht, so haben wir oben argumentiert, daß die eheliche Liebe keine totale Selbsthingabe ist, zum zweiten Punkt, dass die Liebe die menschliche Person nicht ontologisch, sondern nur moralisch bestimmt. Ontologisch ist die Person eine Einheit aus Leib und Seele und ihre Handlungen (wie ihre Liebe) sind eine Folge ihrer Natur (agere sequitur esse), anstatt ihre Natur bestimmend.

In der Zusammenschau ist der Grundirrtum der Theologie des Leibes die missbräuchliche Anwendung der trinitarischen Theologie auf die Eheethik.

   Vom theologischen Standpunkt aus folgt dieser Irrtum der Verwirrung der übernatürlichen und natürlichen Ordnung, philosophisch gesehen ist er ein Irrtum des Subjektivismus: eine Missachtung der objektiven Ordnung – der konkreten objektiven Wirklichkeit der Dinge – sei es des Glaubens oder der Vernunft, zugunsten des Subjekts.

Weiter oben haben wir die Beweise dafür gesehen, dass dieser Subjektivismus die Person (nur) im Sinne ihrer  Liebe unter Missachtung ihrer menschlichen leib-seelischen Natur versteht, die Ehe sich im Sinne der totalen Selbsthingabe unter Missachtung des Sakramentes, des Bundes und der Gnade erdenkt; in ihrer Überhöhung ohne Berücksichtigung der Begierde oder ihrer Unterlegenheit gegenüber dem Zölibat/der Jungfräulichkeit; und in seiner Vereinnahmung der Liebe Christi zur Kirche in einer untraditionellen uind erotisierenden Art und Weise.

                                                           *

Bevor wir die Enzyklika von Papst Franziskus untersuchen, werden wir kurz den Einfluß des Geistes der Welt auf die Eheethik im jüngsten Lehramt im Lichte unserer kurzen Zusammenschau dieses Geistes oben erforschen.

Im ersten Teilabschnitt, bei Gaudium et Spes und im angepassten Kodex des Kanonischen Gesetzes, sahen wir, wie der Begriff der Zielsetzung der Ehe unterdrückt und wie die „Fortpflanzung“ dann in den Hintergrund und die „eheliche Liebe“ in den Vordergrund gerückt wurde. Wir haben dann beobachtet, wie diese Liebe einen erotischen Inhalt erwarb, der sich in den folgenden Jahren verstärken sollte.

    Im zweiten Abschnitt über die liturgischen Veränderungen und einen neuen Kodex des Kanonischen Rechts erkannten wir, wie die Schwere der Todsünde (indirekt) verniedlicht wurde.

      Im dritten Teil über die »Theologie des Leibes«, sahen wir, wie die eheliche Liebe und besonders der Eheakt verherrlicht und die »negative« Begierde heruntergespielt wurde. Wir haben eine völlige Offenheit, oder Bereitschaft seitens des Papstes erlebt, über diese Dinge zu sprechen, gleichzeitig hörten wir in seinen Worten nichts, was die Schwere der Unreinheit zu vermindern suchte. In der Tat – eine der großen Stärken des moralischen Lehre dieses Papstes ist seine Aufrechterhaltung des Naturrechts und sein konsequentes Beharren auf der Tugend der Reinheit.[5]

[1] In ähnlicher Weise lesen wir von einer „Berufung zur Ehe“ im Katechismus der Katholischen Kirche (1603).

[2] In Zusammenhang mit diese Sichtweise nehmen wir die Initiative Johannes Paul II. zur Kenntnis, einzelne verheiratete Personen und Ehepaare zu Ehren der Altäre zu erheben.

[3] Etwa vor einem Dutzend Jahren gab ein Angestellter der Kongregation für die Glaubenslehre gegenüber dem Autor informell und wortreich den Irrtum der „Theologie des Leibes“ in einer Konversation im Heiligen Offizium zu. Die Tatsache, dass dieses theologische System eine trinitarische Doktrin von der Art enthält, die wir eben erwähnt haben, genügt, um jedem, der eine katholische Sensibilität besitzt, ihren Irrtum zu zeigen, auch wenn er von unserer Kritik ihr gegenüber nicht überzeugt ist. Solche Konzepte im Katholischen Lehramt zu finden und aus dem Mund des Vikars Christi zu hören, ist ein Zeugnis für die bemerkenswerte Ausweitung der Erotik im Schoß der Katholischen Kirche  in den zwanzig Jahren nach der Verkündung von Gaudium et Spes.

[4] Vgl. unsere Diskussion des ethischen Personalismus in “Angriff auf die Ehe”

[5] Wir leugnen nicht, daß Johannes Paul II. vieles schrieb, das katholisch und wahr war, und zur Verteidigung der Nächstenliebe und Reinheit (beitrug), auch in seinen Diskursen zur Theologie des Leibes.

Advertisements

Don Pietro Leone, Die Kirche und Asmodeus. (4 von 7) „Theologie des Leibes“.


asmodeus

 

Da wir der „Theologie des Leibes“ schon eine Reihe samt unseren Kommentaren gewidment haben, so verzichten wir an dieser Stelle auf eine erneute Einführung. Kurz und knapp: Papst Johanne Paul II hatte Unrecht, Sex ist nicht alles, Ehe ist nicht wegen Sex da und Sex stört am meisten das spirituelle Fortkommen, weswegen man auch in der Ehe die ehelichen Akte zurückhaltend zu genießen hat, traditionelle Moraltheologie spricht von maximal dreimal pro Woche, was gar nicht so sparsam erscheint.

 

3. „Theologie des Leibes“

Der treue Besuch der Angelus – Ansprachen des Papstes Johannes Paul II. vom September 1979 bis November 1984 in der Hoffnung auf eine Schulung oder fromme Abhandlungen, wäre sicherlich enttäuscht worden. Stattdessen waren seine von ihm in aller Freiheit vorgelegten persönlichen Theorien der sexuellen Sittlichkeit zu hören. Wir werden hier kurz zwei Grundsätze der personalistischen „Theologie des Leibes“[1] untersuchen, nachdem wir diese Theorie in unserem Buch ausführlich besprochen haben. Über folgendes werden wir jetzt nachdenken:

A. Ihr (Theologie des Leibes Anm. d. Übers.) formaler Grundsatz: das Konzept der ehelichen Liebe als totale Selbsthingabe

B. Die Überhöhung der ehelichen Liebe als ihr bemerkenswertestes Kennzeichen

C. Ihr Wurzelfehler

 

A. Die total sich hingebende Liebe

Es ist unsere Behauptung, dass das formale Prinzip (oder die zentrale Konzeption) der Theologie des Leibes die Konzeption der ehelichen Liebe als „totale Selbsthingabe“ ist. Während das jüngste Lehramt die eheliche Liebe als sexuelle Liebe darstellt, präsentiert Papst Johannes Paul II. die eheliche Liebe als „totale Selbsthingabe“ und unterscheidet zwei Arten davon: eine „totale persönliche Selbsthingabe“, die die eheliche Liebe im ständigen Sinn ist, und eine „totale körperliche Selbsthingabe“, die der Akt der ehelichen Liebe ist, „das Zeichen und die Frucht“ der erstgenannten Liebe (Familiaris Consortio §11).

Im Weiteren kritisieren wir die Konzeption der ehelichen Liebe als »totale Selbsthingabe«; und dann den Vergleich der ehelichen Liebe (als Vorstellung) mit der  Liebe Gottes.

 

  1. Die totale sich selbst hingebende Liebe als eine Definition der ehelichen Liebe

Es gibt verschiedene Schwierigkeiten mit dieser Definition, von denen wir hier aber nur drei präsentieren.

a) Die eheliche Liebe als „totale Selbsthingabe“ zu definieren heißt, sie schlussendlich zu vergöttlichen; um sie so zu definieren, muss man sie mit der Liebe der Caritas (Nächstenliebe) identifizieren, die in Wirklichkeit die einzige totale sich selbst hingebende Liebe ist, die existiert. Wir erinnern uns an das Gebot unseres Herrn, Gott mit einer totalen Liebe zu lieben (ex toto corde tuo …), aber den Nächsten mit einer kleineren Liebe, das heißt, ‚wie sich selbst‘

b) In der Tat ist es für eine menschliche Person unmöglich, sich einer anderen menschlichen Person, sei es auf der metaphysischen oder auf der physischen Ebene, völlig hin zu geben.

c) Wenn wir den Inhalt der total sich selbst hingebenden Liebe auf das reduzieren, was einem Ehepaar praktisch möglich ist, nämlich ein Leben gegenseiteigen Engagements und Hingabe, so sehen wir, dass die so verstandene Form der Liebe für die Zwecke des Papstes zu weitgefasst ist. Das ist so, weil sie nicht allein auf die sakramentale Ehe beschränkt ist, wie er es beabsichtigt, sondern vielmehr eine Eigenschaft jeder gültigen Form der Ehe und sogar von gewissen außerehelichen Beziehungen, vorausgesetzt, daß die beiden fraglichen Personen (die sogar Ehebrecher sein können) sich verpflichten, für das Leben mit den entsprechenden Gefühlen der gegenseitigen Hingabe zusammenzuleben.

 

2) Sich totale selbsthingebende Liebe in Beziehung zu Gottes Liebe zum Menschen und zu sich selbst

 

Der Papst hört nicht auf, den Akt der ehelichen Liebe zur menschlichen Liebe zu Gott in Beziehung zu setzen[2], sondern sucht ihn noch weiter zu vergöttlichen, indem er ihn sowohl auf die Liebe Gottes zum Menschen als auch auf die Liebe Gottes zu sich selbst bezieht. Infolgedessen nähert sich sein Konzept der ehelichen Liebe der kirchlichen Lehre  der Nächstenliebe immer mehr an.

 

Die Liebe Gottes zum  Menschen, die der Papst im Sinn  hat, ist die Liebe Christi für seine Kirche. Er bezieht diese Liebe auf den Akt der ehelichen Liebe in verschiedener Art und Weise, von denen wir nur drei erwähnen müssen.

a) Die Unterwerfung der Kirche unter Christus

Dieses Konzept ist in Epheser 5  ausgedrückt:

„22. Die Frauen seien ihren Männern untertan wie dem Herrn; 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt ist der Kirche, er, als Erretter des Leibes. 24 Wie aber die Kirche Christus untertan ist, so seien es auch die Frauen ihren Männern in allem.“

Es ist klar und so wurde es immer von der Heiligen Mutter Kirche gelehrt, dass der hl. Paulus damit lehrt, dass der Mann die Autorität über die Frau hat.

Im Gegensatz dazu interpretiert der Papst diesen Satz als die gegenseitige Unterwerfung der Ehegatten im allgemeinen (Diskurs vom 11. August 1982[3]); und in deren sexueller Entsprechung im besonderen (4. Juli 1984[4])

Im ersteren Diskurs akzeptiert der Papst, dass die Frau dem Mann unterworfen ist, ergänzt aber:„Die Liebe bringt es mit sich, dass gleichzeitig auch der Mann seiner Frau und damit dem Herrn selber untergeordnet ist, so wie die Frau dem Mann.“ Im zweiten versteht er die Unterwerfung der Ehegatten wieder als eine gegenseitige und in diesem Fall auch in einer sexuellen Art und Weise, denn so „gelangt  die wechselseitige Anziehung der Männlichkeit und Fraulichkeit zu geistlicher Reife“

 

Abschließend dann versucht der Papst,  die Unterwerfung der Frau unter ihren Ehemann als eine Form der gegenseitigen Unterordnung zu fassen. Warum aber besteht der Heilige Paulus an nicht weniger als 3 Stellen auf der einseitigen Unterordnung der Frau unter ihren Mann (in den oben zitierten Versen 22-24)? In keinem seiner Diskurse zitiert der Papst Vers 23, der den Mann als „Haupt der Frau“ beschreibt, der besonders deutlich seine Autorität über sie zeigt. Der Grund, den er für diese Innovation gibt, ist die Andersartigkeit „unseres heutigen Empfindens“, „unserer Mentalität und Sitten“, und der „sozialen Stellung der Frau gegenüber dem Mann“ (Diskurs, 11. August  1982). Aber ist der Mann dann nicht mehr “ Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist“? Wurden der Heilige Paulus und die Tradition auf den zweiten Platz hinter die moderne Welt gesetzt? Und Wahrheit hinter das Empfinden?

 

b) Die Einheit in einem Fleisch als ein Zeichen der Einheit Christi mit seiner Kirche

Der Papst versteht diesen Satz als die fleischliche Vereinigung der Ehegatten. Im Gegensatz dazu versteht das Konzil von Trient diesen Satz als die Einheit des geistigen Bandes der Ehegatten.

 

c) Das Ausdrucksmittel der Agape

Der Papst stellt den ehelichen Akt als „den tiefsten Ausdruck von „Agape“ dar. Hier vermischt er zwei radikal verschiedene Formen der Liebe: natürliche Sinnesliebe und übernatürlich rationale Liebe (d.h. Agape oder Nächstenliebe). Die erstgenannte Liebe ist zu verschieden von der letztgenannten, um als deren Ausdruck dienen zu können[5].

*

Ein ähnlicher Einwand kann gegenüber der päpstlichen Vision des Eheaktes als Ausdruck der innertrinitarischen Liebe gebracht werden, der sicherlich die kühnste Behauptung in seiner ganzen Theologie der Ehe ist. Als ein Beispiel dieser Lehre zitieren wir (Diskurs 14. Nov. 1979): „Der Mensch ist nicht nur durch sein Menschsein als solches, sondern auch durch die personale Gemeinschaft, die Mann und Frau von Anfang an bilden, zum „Abbild und Ebenbild“ Gottes geworden“ und (Diskurs vom 25. Juni 1980): „“Ein Fleisch werden“ (ist ein) „sakramentaler“ Ausdruck,… der der Gemeinschaft der Personen… entspricht“

 

*

Zusammenfassend sehen wir, wie der Papst sich bemüht, die eheliche Liebe mit der Liebe Gottes in neuartiger und erotisierender Weise zu verknüpfen, ohne jede Grundlage in der Heiligen Schrift[6] oder in der Tradition.

[1] Die „Theologie des Leibes“ kann so verstanden werden, daß sie aus diesem Korpus der Diskurse besteht, aber wir werden sie in einem weiteren Sinne verstehen, um auch die Ehelehre des Papstes Johannes Pauls einzubeziehen,  die auch anderswo ausgedrückt ist, z.B. in Familiaris Consortio, welche, als Enzyklika eine größere Autorität, als die Ansprachen, beansprucht.

[2] Die unmittelbare Liebe des Menschen zu Gott (anstatt seiner Liebe durch den Nächsten mittelbar zu Gott)

[3] Vgl. auch Mulieris Dignitatem 1988

 

[4] in Familiaris Consortio §19 und §22 bietet er eine ethische Grundlegung für diese Gegenseitigkeit in gleicher Würde

[5] Natürlich kann sie der Nächstenliebe gleichkommen, wenn der Handelnde im Zustand der Gnade ist.

 

[6] Natürlich ist eine Lehre nicht einfach deshalb katholisch, weil sie in der Heiligen Schrift gründet, was der Papst hier tut. Luther begründete seine Lehre durch die Heilige Schirft, war aber ein Häretiker. Es ist notwendig, Lehren in der Heiligen Schrift so zu begründen, wie sie durch die Kirche und die Tradition ausgelegt wird. Aus diesem Grund sprechen wir oben über die „persönlichen Theorien des Papstes.

Die Kirche des Asmodeus oder worum es bei Don Leone geht? (4 von 7) Kritik der Theologie des Leibes.


1medieval_monsters_3274935k

Da wir der „Theologie des Leibes“ schon eine Reihe samt unseren Kommentaren gewidment haben, so verzichten wir an dieser Stelle auf eine erneute Einführung. Kurz und knapp: Papst Johannes Paul II hatte Unrecht, Sex ist nicht alles, Ehe ist nicht wegen Sex da und Sex stört am meisten das spirituelle Fortkommen, weswegen man auch in der Ehe die ehelichen Akte zurückhaltend zu genießen hat, traditionelle Moraltheologie spricht von maximal dreimal pro Woche, was gar nicht so sparsam erscheint.

Die Idee durch Sex am Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit teilnehmen zu können, ist gnostisch.  Irenäus von Lyon und Clemens von Alexandrien beschreiben Ansichten der Gnostiker, welche sich in eine angewandelten Form bei Johannes Paul II wiederfinden. War Kardinal Wojtyla ein Gnostiker? Wir fürchten schon und werden uns woanders diesem Thema widmen.

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (4) Was ist Phänomenologie?


adam und eva

Nachdem wir Personalismus als Unsinn abgestempelt haben oder akademisch ausgedrückt als eine Philosophie, welche der Wiedergabe der katholischen Lehre wenig zuträglich ist, so wenden wir uns nun  der Phänomenologie zu, welche – ja, wir ahnen es – ebenfalls Unsinn ist. Auf den eventuellen Einwand antwortend, dass wir allzu inflationär mit der Bezeichnung „Unsinn“ umgehen und ihn auf alles anwenden, was nicht thomistisch ist oder was wir selbst nicht verstehen, stellen wir fest, dass wir doch annehmen den phänomenologischen Ansatz verstehen zu können und uns hier nicht mit Sinn oder Unsinn (Was ist das?) verschiedener philosophischen Schulen befassen, sondern ihrer Brauchbarkeit für die katholische Theologie.  Und Phänomenologie, auch auf die Gefahr hin, dass sich jetzt Johannes Paul II im Grabe umdreht, ist unbrauchbar!

Was ist aber, einfach formuliert, diese ganze Phänomenologie? Es ist Personalismus erkenntnistheoretisch gewendet. Und das bedeutet? Man hat nur den Zugang zu den Phänomenen seines eigenen Bewusstseins und von dort konstruiert man das übrige, z. B. Gott, die Welt, die anderen Menschen, von dem man nicht weiß, dass es existiert. Die gute Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt die Grundannahme der Phänomenologie wie folgt:

Phenomenology is the study of structures of consciousness as experienced from the first-person point of view. The central structure of an experience is its intentionality, its being directed toward something, as it is an experience of or about some object. An experience is directed toward an object by virtue of its content or meaning (which represents the object) together with appropriate enabling conditions.

Phänomenologie ist das Studium der Strukturen des Bewusstseins wie es in der Ersten-Person-Perspektive erfahren wird. Die zentrale Struktur der Erfahrung ist seine Intentionalität als auf etwas [anderes] gerichtet und als solche [stellt sie die] Erfahrung eines Objekts dar. Eine Erfahrung ist auf ein Objekt mittels der Kraft seines Inhalts oder Bedeutung (welche dieses Objekt repräsentiert) gerichtet zusammen mit den entsprechenden Bedingungen, die solche eine Erfahrung möglich machen.[1]

Und was bedeutet das im Klartext? Man suhlt sich permanent in eigenen Bewusstseinsinhalten: „mir ist kalt“, „ich habe die Gottesidee in mir“, „ich habe eine Gebetserfahrung“ und weil man nicht nur sich selbst, sondern auch etwas in sich selbst erfährt, so versucht man in der phänomenologischen Methode auseinanderzuklamüsern, wo das eigene Ich endet und die äußere Erfahrung anfängt. Ja, ja, wir wissen alle worum es geht. Frauen über 40, sitzen in Lila-Latzhosen im Kreis, trinken Tee aus biologischem Anbau und erzählen über ihre Suche nach dem Ich in der Phase der Selbstfindung, welche eigentlich schon stattfindet, aber irgendwie immer noch nicht ganz vorhanden ist. Männer tun es leider Gottes auch schon und war man vor diesem permanenten Kreisen um sich selbst nicht schon depressiv, dann wird man es dadurch erst recht. Machen wir uns hier über Phänomenologie lustig? Jawohl, das tun wir. Aber wir können die phänomenologischen Hauptinhalte in der deutschen Wissenschaftssprache ihrer Hauptvertreter wiedergeben.

der_traum_der_rezia

Wikipedia, die auch gute Artikel vorweisen kann, schreibt wie folgt:

Husserl [einer der Hauptvertreter und Begründer dieser Richtung Red.] stellt diesen Zusammenhang in einem Artikel in der Encyclopædia Britannica 1927 folgendermaßen dar:

„Phänomenologie bezeichnet eine an der Jahrhundertwende in der Philosophie zum Durchbruch gekommene neuartige deskriptive Methode und eine aus ihr hervorgegangene apriorische Wissenschaft, welche dazu bestimmt ist, das prinzipielle Organon für eine streng wissenschaftliche Philosophie zu liefern und in konsequenter Auswirkung eine methodische Reform aller Wissenschaften zu ermöglichen.“

Husserliana IX, 277[2]

  Wollen Sie noch mehr? Wikipedia fährt fort:

Husserls Phänomenologie ist stark beeinflusst von Franz Brentanos deskriptiver Psychologie, die ebenfalls psychische Phänomene unabhängig von den sie erzeugenden physischen Reizen beschreibt. In Abgrenzung zu einer empirischen Psychologie hatte Brentano den Begriff des intentionalen Bewusstseins gebildet. Dies ist Ausdruck der Überzeugung, dass Bewusstsein niemals ohne Bezug auf etwas ist: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas.

„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.“

– Psychologie vom empirischen Standpunkte, 1874, S. 124

Diese trivial anmutende Entdeckung ebnet den Weg zu einem der grundlegenden philosophischen Probleme – der Spaltung der Welt in Subjekt und Objekt. Auf Grundlage des intentionalen Charakters des Bewusstseins konnte dieses Problem aus einer neuen Perspektive bearbeitet werden.

Auch Brentano ging davon aus, dass sich die Grundlagen der Logik nicht in einer naturalistischen Psychologie begründen lassen. Husserl greift diesen Aspekt auf und weitet diesen Gedanken der deskriptiven Psychologie Brentanos aus zu einer transzendentalen Phänomenologie, welche die Möglichkeiten von Bewusstseinsakten überhaupt erklären will.[3]

Für die philosophisch Vorgebildeten lässt sich an dieser Stelle sagen, dass all diese Themen viel besser, kürzer, verständlicher und eleganter in Aristoteles Analytica priora und Analytica posteriora gelöst wurden und in seiner Metaphysik erst recht. Das eigentliche Problem der Phänomenologie besteht aber darin, dass sie die Welt ausklammert und sich nur auf das eigene Bewusstsein konzentriert, zu dem man ja einen direkten Zugang hat. Sie bleibt also im Zustand des carthesianischen methodischen Zweifelns  noch vor dem ontologischen Gottesbeweis (ein wenig Fachsimpeln muss auch sein, sorry). Die gute Wikipedia schreibt darüber wie folgt:

Epoché und eidetische Reduktion

Die Methode der Epoché (Enthaltung, Innehalten) ist für Husserl die Ausschaltung der Generalthesis der natürlichen Einstellung. Das Einklammern der damit verbundenen Vormeinungen nannte Husserl „eidetische Reduktion“. Dabei sollen zunächst alle theoretischen Annahmen (Hypothesen, Beweisführungen, tradiertes Vorwissen …) über den betrachteten Gegenstand ausgeschaltet werden (vgl. Reduktionismus). In einem zweiten Schritt (der transzendentalen eidetischen Reduktion) wird die Existenz des Gegenstandes insofern außer Betracht gelassen, dass sich nur die „Washeit“ zeige, also das, was der Gegenstand ist, sein Wesen.

Aus der Perspektive des transzendentalen Bewusstseins wird das Sein nur noch als Korrelat des Bewusst-Seins angesehen, also ohne Annahmen oder Urteile über das tatsächliche Sein oder Nicht-sein der Bewusstseinsinhalte. Diese Methode nähert sich den Gedankenexperimenten von Descartes und Hobbes über die so genannte „Weltvernichtung“ (die Frage: Was bleibt erhalten, wenn es die physische Welt nicht mehr gäbe?). Damit ergibt sich aber auch sofort eines der größten Probleme der Phänomenologie. Husserl hatte nämlich den oben erwähnten Unterschied zwischen Bewusstseinsakt (Noesis) und Bewusstseins-Inhalt (Noema) angebracht. Dies entspricht einer Einteilung, die unterscheidet, was das Bewusstsein ist und was es bedeutet (denn nach Brentano ist das Bewusstsein immer intentional). Wie kann man aber sagen, dass die Inhalte des Bewusstseins noch Bedeutung haben, wenn jegliche Existenz ausgeklammert wurde? Husserl wollte die Existenz ausklammern, da die Objekte ihm zufolge das Bewusstsein transzendieren: wenn es sie gibt, so gibt es sie außerhalb des Bewusstseins selbst. Um Zugang zu den reinen Ideen gewinnen zu können, muss daher ihre Existenz ausgeklammert werden. Die Phänomenologie muss beantworten können, wann und wie es möglich sei, dass das Bewusstsein sich auf etwas „Bewusstsein-Transzendentes“ bezieht. Husserls Erklärung wird lauten, dass der Inhalt sehr wohl bewusstsein-transzendent sei, aber dass das Intendieren selbst bewusstsein-immanent sein müsse. Also wird etwas immer immanent intendiert, während es als bewusstsein-transzendent intendiert wird, weil es, wenn es existieren würde, außerhalb des Bewusstseins sein würde.[4]

Und was bedeutet das? Es bedeutet, dass man:

  1. Nur den Zugang zu den eigenen Bewusstseinsinhalten hat,
  2. Welche irgendetwas wiedergeben,
  3. Von welchem man nicht weiß, ob es überhaupt existiert,
  4. Das man nur den Zugang zu der „Washeit“, aber nicht der Existenz hat,
  5. Bezüglich der letzteren muss man sein Urteil in der Schwebe lassen (Epoché),
  6. Weil es die Phänomenologie es so vorschreibt.

Ist es nicht Unsinn? Ja und ein sehr großer dazu. Wie kann man so etwas annehmen, es geht doch dermaßen gegen den gesunden Menschenverstand!

„Deswegen ist es hoch, gelehrt und philosophisch“, sagen die Phänomenologen,

„Es ist wie im Märchen von »Des Kaisers neue Kleider«. Nur die Intelligenten und gute Beamten können sie sehen.“

Natürlich ist unsere Darstellung der Phänomenologie vereinfacht, aber nicht falsch. Wie im Personalismus führt auch hier die Ausklammerung des Seins (esse) und zwar noch radikaler als beim Personalismus eigentlich zum Solipsismus („Ich bin allein auf der Welt, denn ich habe nur den Zugang zu meinen Bewusstseinsinhalten“.) Wie soll man da noch Gott und die Welt unterbringen? Entweder gar nicht oder nur als Teil der eigenen Bewusstseinsinhalte, von welchen man nicht weiß, ob sie in Wirklichkeit tatsächlich existieren.

Zwar wurde die Phänomenologie als solche nicht expressis verbis vom Lehramt verurteilt, aber ihre erkenntnistheoretische Grundlage durchaus. Dies geschah durch Pius X. in Pascendi (1907) in folgenden Worten:

„Die Grundlage der religiösen Philosophie sehen die Modernisten in jener Lehre, die man gemeinhin Agnostizismus nennt. Demzufolge wird die menschliche Vernunft völlig von Phänomenen eingeschlossen, Dingen nämlich, die erscheinen, und zwar in der Gestalt, in der sie erscheinen: deren Grenzen zu überschreiben, hat sie weder das Recht noch die Möglichkeit. Deshalb ist sie weder imstande, sich zu Gott zu erheben, noch dessen Existenz wie auch immer durch, das was man sieht, zu erkennen. Daraus wird geschlossen, dass Gott in keiner Hinsicht direkt Gegenstand der Wissenschaft sein kann; was aber die Geschichte angelangt, dass Gott keineswegs als geschichtliches Subjekt anzusehen ist.“ (DH 3475)

Bei der phänomenologischen Methode, bei der man nicht sicher sein kann, ob irgendetwas da draußen ist, verfällt natürlich jeglicher Gottesbeweis, z.B. aus der Vollkommenheit der Schöpfung, weil wir nicht wissen, ob es so etwas wie Schöpfung gibt.  Aber auch bezüglich der eucharistischen Realgegenwart hat die Phänomenologie ihren ungesunden Samen gestreut, denn in der Verurteilung von Mysterium fidei aus dem Jahre 1965 wird dieses Sicht der Eucharistie verurteilt, wonach die Wesenswandlung nicht real, d.h. in Wein und Brot stattfindet, sondern nur in den Bewusstseinsinhalten der Anwesenden qua „Transsignifikation“ und „Transfinalisation“. So schreibt DH in seiner Einführung dazu: „Unter dem Einfluss der Phänomenologie und der Existenzphilosophie erwuchs Ende der fünfziger Jahre eine Diskussion um den Begriff der Transsubstantiation“.[5]

Die lehramtliche, obzwar nachkonziliare, Verurteilung lautet wie folgt:

  1. Denn Wir haben erfahren, daß es unter denen, die über dieses heilige Geheimnis sprechen und schreiben, einige gibt, die über die privat gefeierten Messen, das Dogma der Wesensverwandlung und den eucharistischen Kult Ansichten verbreiten, die die Gläubigen beunruhigen und in ihnen nicht geringe Verwirrung bezüglich der Glaubenswahrheiten verursachen, als ob es jedem gestattet wäre, eine von der Kirche einmal definierte Lehre in Vergessenheit geraten zu lassen oder sie in einer Weise zu erklären, daß die wahre Bedeutung der Worte oder die geltenden Begriffe abgeschwächt werden. (DH 4410)

  2. Es ist beispielsweise nicht erlaubt, die sogenannte Messe ,,in Gemeinschaft“ so herauszustellen, daß den privat zelebrierten Messen Abbruch getan wird. Auch darf man die Sichtweise des sakramentalen Zeichens nicht so deuten, als ob die Symbolbedeutung, die nach allgemeiner Meinung der heiligen Eucharistie ohne Zweifel zukommt, die Sichtweise der Gegenwart Christi in diesem Sakrament ganz und erschöpfend zum Ausdruck bringe. Gleichfalls ist es nicht gestattet, das Geheimnis der Wesensverwandlung zu behandeln, ohne die wunderbare Wandlung der ganzen Substanz des Brotes in den Leib und der ganzen Substanz des Weines in das Blut Christi – von der das Konzil von Trient spricht – zu erwähnen, so als ob sie nur in einer sogenannten „Transsignifikation“ und ,,Transfinalisation“ bestünde. Schließlich geht es nicht an, eine Ansicht zu vertreten und zu praktizieren, derzufolge Christus, der Herr, in den konsekrierten Hostien, die nach der Feier des Meßopfers übrigbleiben, nicht mehr gegenwärtig wäre. (DH 4411)[6]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir in Kardinal Wojtyla/Johannes Paul II einen Theologen und Papst haben, welcher Philosophien anhängt, die entweder, wie Personalismus, nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen oder wie Phänomenologie wenigstens sensu lato lehramtlich verurteilt wurden. Solchen philosophischen Ansatz präsentiert er also als Papst in den Jahren 1979-1984 in seiner Theologie des Leibes und später in anderen Bereichen ja leider auch, woraus kurzfristig und langfristig, siehe Amoris Laetitia, natürlich nichts Gutes herauskommen konnte. Oh weh.., oh weh…oh weh….

[1] http://plato.stanford.edu/entries/phenomenology/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie

[5] Denzinger-Hünermann, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Freiburg-Basel-Wien: Herder, 201043, 1245

[6] Deutsche Fassung nach: http://w2.vatican.va/content/paul-vi/de/encyclicals/documents/hf_p-vi_enc_03091965_mysterium.html

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (3) Was ist Personalismus?


adam und eva

Was ist Personalismus?

Nach der längeren Einführung zum katholischen Verständnis der Philosophie und zum Vorteil des Thomismus und der scholastischen Methode kann man sich wohl an dieser Stelle denken, dass die Wahl der Personalismus und Phänomenologie seitens Karol Wojtylas und des späteren Johannes Paul II keine gute Wahl war, welche die exakte Wiedergabe der traditionellen Inhalte der katholischen Lehre garantieren konnte. Dies ist tatsächlich auch der Fall. Was ist aber, in einfachen Worten ausgedrückt, eigentlich Personalismus und Phänomenologie? Um es ganz einfach auszudrücken: Es ist ein ständiges Kreisen um sich selbst und um die eigenen Bewusstseinsinhalte.  

Die mehr philosophische Definition des Personalismus geben wir hier nach Stanford Encyclopedia of Philosophy an, da es die Amerikaner, im Gegensatz zu anderen Völkern, tatsächlich fertigbringen sowohl gelehrt als auch verständlich zu schreiben.[1] Personalismus von Lateinisch persona – die Person, ist eine philosophische Richtung des frühen XX Jahrhunderts, welche von Frankreich ausging und sich in Europa und den USA ausbreitete.[2] In Deutschland war der Personalismus aufgrund des unseligen kantischen und idealistischen Erbes Personalismus nicht so populär wie beispielsweise er in Polen war, wohin er über französische Vermittlung kam.  Personalismus sieht sein Hauptanliegen darin den Wert der menschlichen Person zu betonen, hochzuhalten und die menschliche Person als den Anfang aller philosophischen Untersuchungen anzusehen. Lesen wir die Kerndefinition des Personalismus nach der Stanford Encyklopedia of Philosophy:

Personalists regard personhood (or “personality”) as the fundamental notion, as that which gives meaning to all of reality and constitutes its supreme value. Personhood carries with it an inviolable dignity that merits unconditional respect.

Die Personalisten betrachten das Personen-Sein (oder die “Persönlichkeit”) als eine fundamentale Idee, welche als solche aller Wirklichkeit ihre Bedeutung gibt und welche ihren obersten Wert konstituiert. Das Personen-Sein beinhaltet eine unverletzliche Würde, welchem ein bedingungsloser Respekt gebührt.[3]

Da wir hier an keine Fachphilosophen schreiben und unsere Leser nicht überfordern wollen, so halten wir hier inne, da eigentlich schon hier alles gesagt wurde.

„Was ist denn so falsch daran?“ – könnte doch jemand fragen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“,

sagt doch das Deutsche Grundgesetz und eigentlich alle Konstitutionen, welche auf der Französischen Revolution fußen.

Great_Chain_of_Being_2

Personalismus begeht aber den Fehler, dass er gleich beim Menschen anfängt und alles andere zuerst ausklammert oder verwirft oder es nur insoweit zum Menschen, also der Person, in Beziehung setzt, inwieweit es der Person nützt.

 „Was gibt es denn noch außerhalb des Menschen?“, kann man fragen.

 „Allerhand“,antworten wir.

Es gibt das Sein (esse). Was ist denn das Sein? Alles was existiert und den Menschen schafft und prägt. Aus der christlichen Sicht haben wir die folgende Reihenfolge des Seins:

  1. Gott
  2. Engel
  3. Schöpfung
  4. Menschen

Die Menschen, wohlgemerkt und nicht der einzelne Mensch, kommen erst an vierter Stelle, da nach dem Schöpfungsbericht und der Evolutionslehre ja auch, lange, lange, lange vor dem Menschen die ganze Natur existierte, bevor der erste Mensch aufkam. Heutzutage, viele Jahre nach der Schöpfung, treffen die Menschen in Massen auf, es gibt die menschliche Gesellschaft mit ihrer Kultur, sodass das Individuum recht viel Zeit braucht, um sich, falls es will, aus der Menge zu emanzipieren und sein eigenes  Ich zu entdecken, welches natürlich auch nicht so individuell ist. Niemand beginnt als ein selbstständiges Individuum zu existieren, da er als Säugling im höchsten Maße hilfsbedürftig ist und durch die ganze Erziehung und Sozialisation viele, viele Werte in sich aufnehmen muss, welche das kollektive Bewusstsein irgendwie wiederspiegeln. Daher ist der personalistische Ansatz bei der Person als solchen, welche um ihrer selbst willen bedingungslos wertgeschätzt werden sollte schon rein evolutionsbiologisch und entwicklungspädagogisch verfehlt.

Personalismus zeichnet eine Person, welche niemanden über sich hat, niemanden neben und niemanden unter sich. Eine einsame, quasi leibnizistische Monade, welche jedoch klar fordert, dass sie, sie, sie unbedingt absolut gesetzt und wertgeschätzt werden sollte. Ist es nicht ein wenig kindisch und narzisstisch? Ja, das ist es und vielleicht liegt hier philosophisch gesehen der Ursprung des dämonischen Narzissmus über den Ann Barnhardt so beeindruckend schreibt[4] und referiert[5] und was wir hier übersetzen werden. Es ist doch die alte, teuflische Versuchung, welche uns einredet:

„Du bist ja so was von Besonders. Ganz, ganz, ganz einzigartig. Alle sollen vor Dir niederfallen und Dich anbeten, denn Du bist nur deswegen so wertvoll, weil Du existierst“.

Nach der christlichen Lehre und Philosophie aber ist der Mensch zwar das herausragende Geschöpf Gottes, mit unsterblicher Seele und Gottesebenbildlichkeit ausgestattet, aber man ist nur insoweit wertvoll, inwieweit man diese Gottesebenbildlichkeit in sich realisiert. Ein Heiliger ist viel wertvoller als ein schwerer Sünder, z.B. Massenmörder.  In der Schöpfung gibt es eine Hierarchie, d.h. Gott ist am besten, Engel sind gut, Menschen sind insoweit gut, inwieweit sie gottförmig geworden sind, die gefallenen Engel sind ganz schlecht. Nicht alles ist gleich und es gibt keinen Egalitarismus, also keine Gleichmacherei. Warum? Weil Gott das Sein schlechthin ist, an welchem wir nur Anteilhaben. Man kann auch sagen, dass nur Gott allein wirklich existiert, weil Er esse subsistens, also das wesende Sein ist. Der einzelne Mensch, dessen Lebensspanne ja begrenzt ist, der von der Erbsünde lädiert ist, kommt erst an viel, viel, viel späteren Stelle. All das verwirft der Personalismus. Er setzt den Menschen an die erste Stelle, er setzt ihn absolut. Und zwar nicht die Menschheit, sondern tatsächlich das Individuum. Von der Person her wird erst alles gewertet und gleichsam konstruiert.

Der Schreiber dieser Zeilen hat während seines stark personalistisch gefärbten Studiums den Satz:

„Die menschliche Person ist um ihrer selbst willen bedingungslos wertzuschätzen (persona est afirmanda propter seipsa)“

wirklich ad nauseam gehört und er fragte immer:

„Aber warum eigentlich?“

Und er bekam zu Antwort:

„Weil sie eine menschliche Person ist“.

„Aber das ist doch tautologisch“,

erwiderte er, worauf seine Dozenten nichts zu erwidern wussten und entweder ihn anschrien und des Raumes verwiesen oder still in sich zusammensackten. Man versuchte den Personalismus dadurch zu retten, indem man mit der Schöpfungsgeschichte argumentierte.

„Aber das ist doch keine philosophische Antwort“,

erwiderte der Schreiber dieser Zeilen.

„Es ist ein dem Personalismus fremder, aufgepfropfter Theismus, welcher dem Personalismus als solchem fremd ist“.

great-chainDas ist er auch, da es auch atheistische Personalisten gibt, welche bei dem tautologischen Anfangssatz stehenbleiben. Dann folgte das argumentum ad bacculum, dass Personalismus die Philosophie von Johannes Paul II sei, modern und nachkonziliar und dass er sich doch nicht dagegen versündigen wolle. Er wollte sich damals dagegen nicht versündigen, aber Personalismus überzeugte ihn nicht und war ihm schon damals nicht geheuer, weil der Anfangssatz tautologisch war. Es gibt natürlich eine Masse an philosophischer Fachliteratur zum Thema: „Ob und wieweit Personalismus mit Katholizismus zu vereinbaren sei“. Wir glauben, was an der Theologie des Leibes von Johannes Paul II sichtbar wird, dass er es nicht sei, sondern ein nachaufklärerischer, nachkantianischer, subjektivistischer, subjekttheoretischer Unsinn ist, welcher uns unter anderem Amoris Laetitia mit der subjektiven und objektiven Sündenunterscheidung beschwert hat. Wie sagte doch der Gott-sei‘s-geklagt-Gott-wird-ihn-schon-strafen-Kardinal Schönborn in einem Interview mit Antonio Spandaro SJ:

Pater Antonio Spadaro: Der Papst behauptet, daß es „in bestimmten Fällen“, wenn man sich im objektiven Zustand der Sünde befindet – aber ohne subjektiv schuldig zu sein oder ohne es vollständig zu sein – , möglich ist, in der Gnade Gottes zu leben. Ist das ein Bruch mit dem, was in der Vergangenheit gesagt wurde?

Kardinal Christoph Schönborn: Der Papst lädt uns ein nicht nur auf die äußeren Bedingungen zu schauen, die ihre Wichtigkeit haben, sondern uns zu fragen, ob wir Durst nach der barmherzigen Vergebung haben mit dem Zweck, besser auf die heiligmachende Dynamik der Gnade antworten zu können. Den Übergang von der allgemeinen Regel zu den „bestimmten Fällen“ kann man nicht nur durch Berücksichtigung formaler Situationen machen. Es ist daher möglich, daß in bestimmten Fällen jener, der sich in einer objektiven Situation der Sünde befindet, die Hilfe der Sakramente empfangen kann.[6]

Und was heißt das im Klartext? Dass dann, wenn jemand etwas nicht für eine Sünde hält und es „für ihn ok ist“, es auch keine Sünde ist. Das ist doch die Aufhebung der objektiven Normen und der Gesetze Gottes! Aber aus der personalistischen Sichtweise ist doch die menschliche Person stets und ihrer selbst Willen wertgeschätzt zu werden, also wohl gleich was sie tut. Oder? Wenn es für sie ok ist, dann ist es keine Sünde, nach Schönborn und Papst Franziskus.

Man muss fairerweise dazu sagen, dass viele christliche Personalisten die Gefahr dieses Subjektivismus sahen und die Person in einen Wertekomplex einbinden wollten und mussten. Kardinal Wojtyla hat es ja auch getan. Aber der Fehler bestand darin, von der Person auszugehen und alles ihr anzupassen. Um es ganz platt zu sagen:

„Nicht der Mensch qua Person passt sich der Welt und Gott an, sondern die Welt und Gott passen sich ihm an.“

Warum? Weil die Person als solche wertgeschätzt werden muss und zwar bedingungslos, um ihrer selbst willen. Macht das denn nicht die Person gottgleich? Genauso ist es. Nur Gott muss um seiner selbst wertgeschätzt werden, weil er die Summe aller Vollkommenheiten ist. Der Mensch ist es nicht! Der Mensch ist nur insoweit gut und insoweit wertzuschätzen, inwieweit er die objektive, gottgewollte Norm realisiert. Wenn jeder absolut wertzuschätzen ist, dann ist jeder gut und damit gibt es nichts böses, siehe Amoris Laetitia. Dies ist aber eine Aushebelung des Naturrechts und des gesunden Menschenverstandes auch. Es gibt die Erbsünde, es gibt die gefallenen Engel, es gibt die Sünde. Und deswegen muss man leider sagen, dass die personalistisch bestimmte Theologie, wie die des Johannes Paul II, was wir noch zeigen werden, viel zu optimistisch und eigentlich pelagianisch ist. Die göttliche Ordnung bleibt außen vor, die realistische, denn durch die Erbsünde geschwächte Sicht der menschlichen Natur, die Einordnung des Menschen in die Natur, aber auch in die Gesellschaft ebenso.

Bei dem personalistischen Ansatz oder anders ausgedrückt beim Personalismus als philosophischen Rahmenwerk und Instrument der Theologie ist keine Mission möglich. Warum? Weil die menschliche Person an sich bedingungslos wertgeschätzt werden soll. Sie ist also gut und bildet gleich ein Optimum. Sie braucht also keine Erlösung, keine Bekehrung, alles ist ok. Man soll der Gemeinde einen „schönen“ Gottesdienst anbieten, die Kinder nach vorne kommen lassen, niemanden belehren oder beurteilen. Der typische nachkonziliare Horizontalismus. Da jede Person wertgeschätzt werden soll, so sollen es andere Religionen ebenfalls wertgeschätzt werden und daher solle es keine Judenmission und keine Islammission geben, wie neulich aus dem Vatikan verlautbart wurde.[7] Dies ist alles leider nur konsequent gedacht. Das kommt eben bei der Wahl der falschen Philosophie raus.

[1] http://plato.stanford.edu/entries/personalism/

[2] http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#EurPer  http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#AmePer

[3] Mehr dazu: http://plato.stanford.edu/entries/personalism/#WhaPer: Most important of the latter is the general affirmation of the centrality of the person for philosophical thought. Personalism posits ultimate reality and value in personhood — human as well as (at least for most personalists) divine. It emphasizes the significance, uniqueness and inviolability of the person, as well as the person’s essentially relational or communitarian dimension. The title “personalism” can therefore legitimately be applied to any school of thought that focuses on the reality of persons and their unique status among beings in general, and personalists normally acknowledge the indirect contributions of a wide range of thinkers throughout the history of philosophy who did not regard themselves as personalists. Personalists believe that the human person should be the ontological and epistemological starting point of philosophical reflection. They are concerned to investigate the experience, the status, and the dignity of the human being as person, and regard this as the starting-point for all subsequent philosophical analysis.

Personalists regard personhood (or “personality”) as the fundamental notion, as that which gives meaning to all of reality and constitutes its supreme value. Personhood carries with it an inviolable dignity that merits unconditional respect. Personalism has for the most part not been primarily a theoretical philosophy of the person. Although it does defend a unique theoretical understanding of the person, this understanding is in itself such as to support the prioritization of moral philosophy, while at the same time the moral experience of the person is such as to decisively determine the theoretical understanding. For personalists, a person combines subjectivity and objectivity, causal activity and receptivity, unicity and relation, identity and creativity. Stressing the moral nature of the person, or the person as the subject and object of free activity, personalism tends to focus on practical, moral action and ethical questions.

[4] http://remnantnewspaper.com/web/index.php/fetzen-fliegen/item/2508-diabolical-narcissism-why-princes-betray-their-king

[5] https://www.youtube.com/watch?v=tIeHhl_Lhsk

[6] http://www.katholisches.info/2016/07/09/kardinal-schoenborn-und-die-ausdrueckliche-einladung-zum-sakrileg/

[7] http://www.katholisches.info/2016/05/30/kardinal-koch-muslime-bekehren-vatikan-rudert-zurueck-keine-proselytenmacherei/

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (2) Die Wahl der richtigen Philosophie.


adam und eva

Die wahre und richtige Philosophie als das theologische Gefährt

Warum ist aber die Theologie des Leibes so schlecht? Erstens darum, weil sie ihr philosophisches Fundament Personalismus und Phänomenologie bilden. Die richtige oder falsche Philosophie macht eben was aus. Obwohl die von Gott geoffenbarten Inhalte des Glaubens übernatürlich sind und daher geoffenbart werden, d.h. sie befinden sich in der Heiligen Schrift, so bedient sich der Mensch, um die Glaubenswahrheiten darzulegen einer menschlichen Sprache, welche als Sprache der Philosophie die letzten Gründe der Welt und seiner Existenz im Lichte des Verstandes darlegt. Diejenigen von uns, die keine Philosophie studiert haben oder Fachphilosophen sind (denn es gibt auch diese) sind sich wahrscheinlich nicht darüber im Klaren, wie sehr Philosophie unser Lebensbild prägt, denn solche Begriffe wie Materie, Ursprung, Natur, Seele, Zweck etc. sind philosophische Begriffe, welche verschieden in verschiedenen philosophischen Systemen definiert werden. So bedeutet „Materie“ im Neuplatonismus ein beinahe Nichts, beim Aristoteles den ungeordneten Stoff (hyle), der auf die ihn prägende Form wartet, im Positivismus oder Materialismus bedeutet sie ein dreidimensionales, messbares Etwas.  So wie man nach der Uhrzeit gefragt: „Wie viel Uhr ist es?“  mit der Frage: „Wo denn?“ antworten sollte, so kann man ebenso die Sinnfrage mit dem Gegenfrage nach dem jeweiligen philosophischen System beantworten. Welche Philosophie ist denn die beste? Diejenige, die am besten und mit den wenigsten Widersprüchen die Wirklichkeit abbildet. Was ist die Wirklichkeit? Das, was die jeweilige Philosophie dafür hält. Ist das nicht ein Teufelskreis? Ja und daher braucht man die Offenbarung und nicht jede Philosophie ist mit der göttlichen Offenbarung und dem katholischen Glauben kompatibel, was schon der erste christliche Philosoph, Justin der Märtyrer herausstellte.[1] Philosophie war schon immer pluralistisch, ist es immer noch und wird es immer sein. Dies war schon Platon klar, welcher sich in der Zeit der widersprüchlichen, philosophischen Meinungen nach einem sichereren Gefährt sehnte. Und so lesen wir im Platons Dialog Phaidon, wo es um die grundsätzlichen und letzten Dinge geht die folgende Aussage:

„Denn Eines muss man doch in diesen Dingen [des philosophischen Konsens Red.] erreichen, entweder wie es damit steht lernen oder erfinden, oder wenn dies unmöglich ist, die beste und unwiederleglichste der menschlichen Meinungen darüber nehmen, und daraus wie auf einem Brette versuchen durch das Leben zu schwimmen, wenn einer nicht sicherer und gefahrloser kann auf einem festeren Fahrzeuge oder einer göttlichen Rede reisen.“ (Phaidon 85 C-D).[2]

Was bleibt uns also übrig?

  1. Etwas selbst zu erfinden,
  2. Die besten, denn die unwidersprüchlichste der bisherigen Meinungen annehmen oder
  3. Auf die göttliche Rede, sprich auf die Offenbarung warten.

Sehr richtig vergleicht Plato den nur-philosophischen Weg mit einem Brett, an welches sich der Schiffsbrüchige klammert und auf diese Weise hofft durch das Meer zu schwimmen und ans Land gespült zu werden. Es ist sehr unbequem und gefährlich, was der Schreiber dieser Zeilen bezeugen kann, da er mehr als einmal an ein Surfbrett oder Windsurfing-Brett geklammert an den Strand angespült wurde. Was ist also die göttliche Offenbarung? Ein Motorboot oder ein Schiff, welches uns bequem an das andere Ufer der Ewigkeit bringt. Deswegen hat sich die ganze Philosophie des Altertums  nach der göttlichen Offenbarung gesehnt, was sehr schön Philo von Alexandrien darlegt und begründet. Was vielleicht nicht allen bekannt ist, so bestand der philosophische Kampf der ersten nachchristlichen Jahrhunderte nicht, wie die nachaufklärerische Philosophiegeschichte uns klarzumachen versucht, im Kampf des Rationalismus mit dem ominös Religiösen, sondern im Kampf der einen wahren, denn christlichen Offenbarung mit der anderen, dämonisch-gnostisch, theurgisch, paganen Offenbarung. Denn sowohl Christen als auch die Heiden beriefen sich auf ihre Offenbarung, die Heiden auf den Glauben der Väter, auf die Mysterien, auf die Weissagungen und andere okkulte Erlebnisse. Das Übernatürliche wucherte in den ersten fünf Jahrhunderten stark und niemals davor hatte es einen solchen Aufschwung der Magie gegeben (die nächste „Spitze“ fiel auf die Renaissance und jetzt erleben wir eine dritte des New Age). Und daher fragte sich ein Heide im dritten Jahrhundert nicht: Welche Religion ist die besten, weil die vernünftigste für mich?, sondern er fragte: Welche Religion hat die beste, weil sie durch die meisten übernatürlichen Phänomene bestätigte Offenbarung enthält?

Das Verhältnis: Offenbarung – Vernunft

Die Offenbarung (revelatio) steht also höher als jegliche Philosophie, weil die erstere göttlichen Ursprungs ist und übernatürliche Inhalte darstellt und behandelt. Und so heißt es in der dogmatischen Konstitution Dei Filius über die Offenbarung des Ersten Vatikanischen Konzils (1870):

„Denn die göttlichen Geheimnisse ragen ihrer Natur nach dermaßen über die geschaffene Erkenntnis hinaus, dass sie selbst nach ihrer Mitteilung durch die Offenbarung und ihrer Annahme im Glauben noch mit dem Schleier des Glaubens bedeckt in ein gewisses Dunkel gehüllt bleiben, solange wir als Pilger in diesem sterblichen Leben fern vom Herrn weilen; denn noch wandeln wir im Glauben, nicht im Schauen (vgl. 2 Kor 5,6f) .“ (DH 3016)[3]

Dennoch aber sagt die Lehre der Kirche:

„Gott, unser Schöpfer und Herr, kann aus den geschaffenen Dingen durch das natürliche Licht der Vernunft mit Sicherheit erkannt werden.“  (De fide) (DH 3026, vg. 2441, 3004, 3875 ff.) [4]

Ferner sagt eine sententia fidei proxima[5], also eine Aussage von der man allgemein annimmt, dass sie geoffenbart wurde und welche auch zum Glaubensgehorsam verpflichtet:

„Das Dasein Gottes kann mittels des Kausalschlusses bewiesen werden.“[6] (DH 2751, 2812, 3537, 3890, 3892)

Und wie kann man das Dasein Gottes mit dem natürlichen Licht der Vernunft erkennen? Unter Zuhilfenahme der richtigen Philosophie. Und welcher konkret? Der ewigen Philosophie, der philosophia perennis, d.h. Platonismus, Aristotelismus und Thomismus. Denn leider haben sich fast alle andere Philosophien als nicht kompatibel mit dem Christentum erwiesen, Platonismus und Aristotelismus mussten erst durch viele Jahrhunderte hindurch entsprechend umgeformt werden. Katholizismus ist wirklich diejenige Religion, welche sich am meisten der Philosophie als ihres Werkzeugs der Argumentation und der Sprache bedient. Aber nicht jede Philosophie ist erlaubt, weil sich nicht jede bewährt hat. Und so schreibt Leo XIII in seiner Enzyklika Aeterni Patris vom 4. August 1879:

„Schließlich ist es auch Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, die von Gott überlieferte Wahrheiten gewissenhaft zu schützen und denen, die sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. In dieser Hinsicht ist es ein großes Lob der Philosophie, dass sie als eine Schutzwehr des Glaubens und als ein starkes Bollwerk der Religion gilt.“ (DH 3138)

In dieser Enzyklika wird auch der Gebrauch der „goldenen Weisheit des heiligen Thomas“ (DH 3140) eindringlich empfohlen. In seiner Enzyklika Pascendi dominici gregis (1907) verurteilt Pius X. sehr genau die falschen philosophischen Prinzipien des Modernismus (DH 3475-3483), da er weiß, wie die vorangegangenen Verurteilungen:

  • Antons Günthers vom 1857 (DH 2828-2831)
  • Der Ontologisten vom 1861 (DH 2841-2847)
  • Jakobs Frohschammers vom 1862 (DH 2850-2861)
  • Des Pantheismus, Naturalismus, Rationalismus durch den Syllabus des Pius IX. vom 1864 (2901-2980)

dass doch nicht gleich ist, welche Philosophie man verwendet.  Pius XII. stellt in Humani generis fest:

„In der Theologie aber gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen möglichst abzuschwächen; das Dogma selbst möchten sie von der in der Kirche seit langem üblichen Ausdrucksweise und den Begriffen der katholischen Philosophie freimachen, um bei der Erklärung der katholischen Lehre zu den Formulierungen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. […] (DH 3881)

Haben sie dann die katholische Lehre zu diesem Stand gebracht, so glauben sie, werde der Weg bereitet, auf dem den modernen Bedürfnissen entsprechend das Dogma auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne, ganz gleich, ob es der ”Immanentismus”, ”Idealismus”, ”Existenzialismus“ oder irgendein anderes System ist. Es könne und müsse das deshalb auch geschehen, behaupten einige mit einiger Kühnheit, weil die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen lassen, die vollständig der Wahrheit entsprechen, sondern nur in Ausdrücken, die ”annäherungsweise” wahr, und ständig Veränderungen unterworfen sind; diese deuten die Wahrheiten zwar einigermaßen, gestalten sie aber auch notwendigerweise um. Darum halten sie es nicht für abwegig, sondern für durchaus notwendig, dass die Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als Instrument bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so dass sie auf verschiedene Weise, die unter sich sogar in gewissem Sinn im Widerspruch stehen, aber, wie sie sagen, das gleiche bedeuten, die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art ausdrücken. Sie fügen noch hinzu, die Geschichte der Dogmen bestehe in der Wiedergabe der verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in die die Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden. (DH 3882) [7]

Es ist auch klar, dass sich die Kirche nicht an jedes beliebige philosophische System binden kann, das nur eine kurze Zeitspanne Bedeutung hat: das aber, was in gemeinsamer Übereinstimmung von den katholischen Lehrern durch mehrere Jahrhunderte hindurch verfaßt worden ist, um zu einem Verständnis des Dogmas zu gelangen, stützt sich zweifellos nicht auf eine so hinfällige Grundlage.  […] Die Verachtung der Ausdrücke und Begriffe aber, deren sich die scholastische Theologen zu bedienen pflegen, führt von selbst zur Schwächung der sogenannten spekulativen Theologie, die ihrer Auffassung nach, da sie sich auf eine theologische Argumentation stütze, der echten Sicherheit entbehre“ (DH 3883)

Wie man es also dreht und wendet: nicht jede Philosophie ist erlaubt, nicht jede hat sich bewährt. Die Dogmen der Kirche sind in der Sprache des Thomismus gemeißelt. Amen! Und daher ist es recht und billig von allen Philosophie- und Theologiestudenten den Aufsatz zum Thema:

  „Wer ist Dein Lieblingsphilosoph? Und warum der hl. Thomas von Aquin?“

zu verlangen, um an dieser Stelle den berühmten Witz über Held und Lenin zu paraphrasieren. Aber den hl. Thomas lernt man erst dann schätzen, wenn man sich ausgiebig an anderen Philosophen und Systemen abgekämpft hatte und nach all dem Gift und Plörre zum reinen, kühlen Wasser zurückgefunden hat.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/04/15/stabunt-iusti-oder-nach-dem-supergau-von-amoris-laetitia/

[2] Deutsche Übersetzung nach Platon, Symposion. Phaidon, in: Platon, Sämtliche Werke, Bd. IV, nach der Übersetzung Friedrich Schleiermachers, ergänzt durch Übersetzungen von Franz  Susemihl und anderen hrgs. Von Karlheinz Hülser, Leipzig: Insel Verlag 1991, 263.

[3] Deutsche Fassung nach: http://www.kathpedia.com/index.php/Dei_filius_(Wortlaut)

[4] Ott, L., Grundriss der Dogmatik, Bonn: Nova et Vetera 201011, 40.

[5] Zur Terminologie und Bedeutung der notae theologicae siehe: http://www.the-pope.com/theolnotes.html http://iteadthomam.blogspot.de/2006/05/notae-theologicae.html http://iteadthomam.blogspot.de/2007/04/fundamental-theology-2-notae-theologic.html http://www.lulu.com/shop/sixtus-cartechini-sj/de-valore-notarum-theologicarum/paperback/product-6525626.html

[6] Ebd. 42.

[7] Deutsche Fassung nach: http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm Die Fassung in Denzinger-Hünnermann unterscheidet sich geringfügig.

Worum geht es bei der „Theologie des Leibes“ wirklich? (1) Nebulöse Sprache ist nicht katholisch.


adam und eva

Nebulöse Sprache ist nicht katholisch.

Da während und nach der Veröffentlichung der Aufsatzreihe von Don Pietro Leone über die Theologie des Leibes  von Karol Wojtyla/Johannes Paul II die Entrüstung ausgeblieben ist, so ist anzunehmen, dass  die eigentlichen und wirklichen Inhalte dieser Theologie unverstanden geblieben sind. Weil die Leser so unverständig sind? Nein, weil die Sprache dermaßen nebulös und verklausuliert ist. Wir müssen einfach wissen, dass erstens ein Geistlicher, ein Bischof, ein Kardinal und ein Papst und zwar Johannes Paul II über ehelichen Sex schreibt und zweitens – Don Pietro Leone – ein ebenfalls Geistlicher, der unter eigenem Namen veröffentlicht, weiterhin sein Priesteramt ausübt und irgendwo Theologie unterrichtet den heiliggesprochenen Papst – Johannes Paul II – kritisiert.  Bei so viel „Geistlichkeit“ und Diplomentensprache wird natürlich nicht Tacheles geredet, sodass kaum ein Leser versteht, worum es sich tatsächlich handelt, hauptsächlich deswegen, weil sich der Autor der Theologie des Leibes Johannes Paul II einer Sprache bedient, die zwar X auszusagen scheint, aber leider Y meint.

Der Schreiber dieser Zeilen hat die Inhalte der Theologie des Leibes von Karol Wojtyla während seines Theologiestudiums durchgenommen und kann aus der jetzigen Perspektive sagen, dass er sie nicht verstanden hatte oder er hat sie anders verstanden als sie eigentlich gemeint war. Er ist sich auch sicher, dass keiner seiner Dozenten oder Professoren sie verstanden hatte oder sie wussten diesen Umstand gut zu verbergen, was er allerdings bezweifelt. Die Theologie des Leibes galt allen als schwierig, hochgeistlich, irgendwie romantisch verklärt, dem Schreiber dieser Zeilen und einigen anderen auch als äußerst nebulös, ungenau, irgendwie schwülstig und wenig konkret. Er erinnert sich noch an das Seminar, bei welchem diese Texte gelesen wurden, an die lähmende Langeweile und eine Atmosphäre irgendeiner Sinnlichkeit als  würde man in einem aufgeheiztem Raum ein süßliches, schlechtes Parfüm riechen, von dem es einem schlecht wird.

Um an dieser Stelle mit dem harten Fazit zu beginnen, so ist die Theologie des Leibes zwar nicht häretisch im Sinne einer sententia haeretica ist, da sie sich nicht „direkt (directe) und unmittelbar (immediate) der geoffenbarten katholischen Glaubenswahrheit widersetzt“[1], dennoch erfüllt sie, unserer Meinung nach, den Tatbestand aller übrigen Zensuren als:

  • Der Häresie nahe Meinung (sententia haeresi proxima)
  • Nach Häresie schmeckende Meinung (sententia haeresim sapiens)
  • Die Häresie begünstigende Meinung (sententia haeresi favens)
  • Irrige Meinung (sententia erronea)
  • Leichtfertige Meinung (sententia temeraria).[2]

Wird für eine formale Häresie gefordert, dass eine sententia haeretica  ausgesprochen wird, dann enthält die Theologie des Leibes keine Häresien sensu stricto. Wird aber für eine lehramtliche Aussage – und Papst Johannes Paul II hatte ja seine Theologie des Leibes als Papst und nicht als eine Privatperson – verkündet, dann erfüllt diese Theologie leider nicht die Anforderung der Irrtumslosigkeit  des ordentlichen Lehramtes, sie befindet sich eindeutig nicht innerhalb der Tradition und deswegen braucht sie von den Gläubigen nicht im Glaubensgehorsam angenommen zu werden. Denn katholisch ist nicht das, was oder weil der Papst es sagt, sondern ein Papst hat Katholisches zu sagen und zu vertreten als der höchste Repräsentant der Tradition der Kirche.  Dies ist auch das katholische Verständnis vom Primat des Petrus, wie ihn die dogmatische Konstitution Pastor Aeternus des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) darlegt:

 „Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte (traditam) Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens (fidei depositum) heilig bewahrten und betreu auslegten.“ (DH 3070)

Was ist also die Aufgabe des Papstes die Bewahrung des tradierten depositum fidei also des Glaubensschatzes. Ihre Aufgabe ist es nicht irgendwelche Privattheologien zu erfinden. Leider fand diese unselige Entwicklung schon unter Johannes Paul II statt, was entweder niemanden am Anfang seines Pontifikats (1979-1984) als die Theologie des Leibes verkündet wurde, aufgefallen ist, wahrscheinlich von den hartgesottenen Traditionalisten abgesehen oder es wurde nicht darüber geredet.  Viele wählten den Weg des päpstlichen Positivismus, wie ihn Hilary White nennt,[3] der darin besteht das als katholisch zu deklarieren, was ein Papst für katholisch hält: Koranküsse und Theologie des Leibes eingeschlossen und nicht den Papst als katholisch anzusehen, weil er Katholisches  verkündet. Bei der rhetorischen Frage:

„Ist der Papst katholisch?“

bleibt spätestens seit Papst Franziskus leider die Rhetorik auf der Strecke, weil die Antwort hierauf:

„Nein!“

lautet. Leider ist die Theologie des Leibes, welche leider einen Vorläufer von Amoris Laetitia darstellt, ebensowenig katholisch, was wir in unserem kleinen Kommentar darlegen werden.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/05/24/was-ist-eine-haresie-die-kirchlichen-zensuren-2-zensuren-welche-die-glaubenslehre-selbst-betreffen/

[2] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/05/24/was-ist-eine-haresie-die-kirchlichen-zensuren-2-zensuren-welche-die-glaubenslehre-selbst-betreffen/

[3] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/06/01/steve-skojec-raus-aus-dem-kaninchenloch/