Don Pietro Leone, Angriff auf die Ehe – Aufsatz (3 von 3)


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  1.     KRITIK DER NEULEHRE 
  2. Im folgenden Abschnitt werden wir 6 Hauptaussagen Linie für Linie vergleichen, zunächst die traditionelle Lehre, und danach die neue.

        1. a) Der Hauptzweck der Ehe ist die Fortpflanzung;

  1. b) Der Hauptzweck der Ehe ist die Liebe;

        2. a) Die eheliche Liebe wird als gegenseitige Hilfe und Unterstützung verstanden;

  1. b) Die eheliche Ehe wird als „ganzheitliche Selbsthingabe“ verstanden;

         3.a) Großfamilien werden empfohlen;

  1. b) Kleinfamilien werden empfohlen;

          4.a) Die natürliche Geburtenkontrolle wird mißbilligt;

  1. b) Die natürliche Geburtenkontrolle wird gebilligt;

         5.a) Die Ehe wird dem geweihten Lebensstand unterordnet;

  1. b) Die Ehe wird dem geweihten Lebensstand gleichgestellt.

        6.a) Der Ehemann wird als Familienoberhaupt betrachtet;

  1. b) Der Ehemann und die Ehefrau werden völlig gleichgestellt;

       In bezug auf diesen Vergleich stellen wir die folgenden Fragen und geben die entsprechenden Antworten:

  1. i) Ist die Lehre in beiden Fällen die gleiche? Nein.
  2. ii) Hat die neue Lehre im Vergleich zur traditionellen eine größere Klarheit oder Tiefe des Ausdrucks? Nein.

       iii) Ist es eine unterschiedliche Lehre? Ja.

  1. iv) Ist die traditionelle Lehre katholisch? Ja.
  2. v) Ist eine Lehre, die einer katholischen Lehre entgegensteht unkatholisch? Ja.
  3. vi) Ist eine katholische Lehre wahr? Ja.

       vii) Ist eine unkatholische Lehre falsch? Ja.

        Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die neue Lehre in ihrem prima facie Sinn in allen aufgezählten Fällen falsch ist.

Aber was läßt sich über ihren sekundären Sinn sagen? Da sie nicht formell häretisch ist und nicht in formellem Gegensatz zum katholischen Dogma steht, sollten wir in der Lage sein, sie auf eine Weise auszulegen, die mit der katholischen Lehre übereinstimmt.

Aber zu welchem Zweck? Wir wollen diese falschen und zutiefst schädigenden Lehren nicht etwa rechtfertigen oder jene rechtfertigen, die sie verkündet haben, nicht einmal aus Frömmigkeitsgründen gegenüber einem Papst oder einem Konzil. Der einzige Beweggrund dafür, diese Lehren im katholischen Sinne auslegen zu wollen, ist, um zu zeigen, daß sie nicht formell häretisch sind, was natürlich theologisch betrachtet problematisch wäre. Aber dies ist ein ausschließlich akademischer Beweggrund.

Der lehramtliche Personalismus, der den obengenannten Lehren zugrunde liegt, stellt letzten Endes ein rapprochement mit der Welt (eine Annäherung an die Welt) dar, die nichts anderes ist als das Reich der gefallenen Natur. Die Aufgabe der Kirche ist jedoch nicht, der gefallenen Natur Unterstützung zu geben, sondern eher ihr zu widerstehen, sie zu bekämpfen, abzutöten und so weit wie möglich zu heilen, um sie damit auf die Empfängnis der göttlichen Gnade in diesem Leben und die Vereinigung mit Gott im Himmel vorzubereiten.

       Der lehramtliche Personalismus hat das Tor zu den ganzen Ausschweifungen der Theologie des Leibes geöffnet, und hat den Versuchen Aufschwung gegeben, Unzucht im allgemeinen im Namen der „Liebe“ zu rechtfertigen, was in den abstrusen und makabren fantasticherie der Bischofsynode zum Thema Familie im Jahr 2014 seinen Höhepunkt erreicht hat.

      Die Lehren, welche dieser Personalismus fördert, zusammen mit allen anderen neuen Lehren[1], die von Kirchenmännern seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorgelegt werden, stellen einfach einen Mißbrauch der kirchlichen Lehrautorität dar.

  1. DIE PHILOSOPHISCHE GRUNDLAGE DER NEULEHRE

Die Begründung der Neulehre liegt in der These, die wir als ‚Lehramtlicher Personalismus’ bezeichnen können. Der Beweggrund der These scheint Wunsch zu liegen, sittliche Grundsätze aufzustellen, die für jeden Menschen (guten Willens) annehmbar sind. Aus diesem Grund werden ‚positive‘ Elemente in den Vordergrund gerückt, wie die universelle (natürliche) Würde, und ’negative‘ Elemente wie die Erbsünde und die Hölle werden übergangen; auch aus diesem Grund weicht der Objektivismus dem Subjektivismus, und der Glaube der Philosophie. In diesem Zusammenhang ist eine Rundfunksendung von Papst Johannes Paul II zur Zeit des Zweiten Vatikanums aufschlußreich. Er sagt dort: ‚Das Konzil und die Kirche… betrachten den Ruf hinsichtlich der Menschenwürde als die wichtigste Stimme der Zeit[2]… Die Sache der Menschenwürde ist sicherlich ein ökumenisches Element, ein Element, das allen Menschen echt guten Willens gemeinsam ist[3]‚.

Hinter dem Wunsch, sittliche Grundsätze aufzustellen, die für alle Menschen guten Willens annehmbar sind, steckt der Wunsch, oder so scheint es zumindest, alle Menschen guten Willens zu vereinigen. Der tiefste Beweggrund des Personalismus wäre dann die Sehnsucht nach Einheit, oder mit anderen Worten die Liebe, da die Sehnsucht nach Einheit Ausdruck der Liebe ist.

Als Kommentar läßt sich sagen, daß universelle philosophische Grundsätze für die Feststellung der Wahrheit, ob natürlich oder übernatürlich, unverzichtbar sind, aber sie müssen gesund sein und können nur innerhalb der Schranken angewendet werden, die ihnen zu Recht auferlegt sind; sonst führen sie nicht zur Wahrheit hin. Zweitens läßt sich sagen, daß das ganze Moralgesetz durch das Gebot der Liebe ja ausgedrückt werden kann (Mt. 22,40 und Jo. 13, 34), aber daß die Liebe natürlich auf der Wahrheit gründet; andernfalls läuft sie nicht auf die echte Liebe aus.

Das Grundirrtum des Personalismus ist, daß er dem Subjekt einer Natur den logischen Vorrang über die Natur selbst verleiht, d.h. konkret der menschlichen Person über die menschliche Natur. Im ethischen Bereich, wofür wir uns hier interessieren, bedeutet das den Vorrang der Ordnung des Guten über die Ordnung des Wahren: den Vorrang des subjektiv gesehenen Gutes einer gegebenen Person über ihre objektive Natur, die nämlich das Naturgesetz einschließt.

In diesem Vorrang des Guten über das Wahre, oder, anders ausgedrückt, im Vorrang der Liebe über die Kenntnis, oder der sinnlichen Liebe über die Liebe der Caritas stellt sich der Personalismus als subjektivistisch dar, und damit in der Schlußanalyse, auch verfehlt.

 

  1. DIE THEOLOGISCHE GRUNDLAGE DER NEULEHRE

Sollten wir diesem radikalen Subjektivismus, diesem radikalen Anthropozentrismus bis zu seinem logischen Abschluß folgen, wo würden wir hinkommen? Zur Vergöttlichung des Menschen trotz Gott, oder in anderen Worten trotz der heiligmachenden Gnade.

Diese Tendenz ist ganz klar dabei, den katholischen Glauben von innen her zu zerstören. Wir könnten uns auch fragen, ob dies lauter eine zerstörerische Tendenz ist oder ob es innerhalb des Prozesses der Schaffung einer neuen Religion, oder Pseudo-Religion zu sehen ist, die dabei ist, den Glauben zu ersetzen.

Die Antwort ist klar. Die zerstörerische Tendenz ist nichts anderes als die Arbeit eines Parasiten aus der Mitte der Katholischen Kirche, eines Parasiten, der der ursprüngliche Rivale des katholischen Glaubens ist: das System des Denkens und der Wirkung, die als Gnosis bekannt ist. Er ist dabei, den katholischen Glauben in eine amorphe und nicht zu unterscheidende Vermischung aus Wahrheit und Häresie zu verwandeln, die der Gnostizismus ist.

Dies war in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte versucht worden, bis es von den Kirchenmännern, ihren Heiligen und ihren Kirchenlehrern besiegt worden war. Zweitausend Jahre später hat es auf triumphale Weise seinen Wiedereintritt in die Kirche gefunden, aber dieses Mal auf ihrer Einladung.

Der Gnostizismus besitzt die folgenden besonderen Eigenschaften seines Elternsystems, der Gnosis: Er befeindet die Gnade, befeindet die objektive Wahrheit – natürlich oder übernatürlich -, er spricht allen Religionen und Philosophien denselben Rang und Wert zu, er ist radikal subjektivistisch und anthropozentrisch mit einem besonderen Akzent auf den Wert der Erfahrung und der Sinnlichkeit, er betont als das erste und wichtigste Dogma die Selbst-Vergöttlichung des Menschen.

[1] Siehe z. B. den Begriff “Kollegialität”, und die These, daß die Kirche Christi über die Katholische Kirche hinausreicht.

[2] On the Dignity of the Human Person, S. 179.

[3] Ibid., S. 180.

Don Pietro Leone, Angriff auf die Ehe – Aufsatz (2 von 3)


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  1. VERSCHIEBUNG IM BEGRIFF DER EHELICHEN LIEBE

 Wir betrachten hier ausführlicher die These, der Akt der ehelichen Liebe bestehe darin, daß ‘sich Mann und Frau einander vorbehaltlos gegenseitig schenken’ (Familiaris Consortio 32, zitiert im Neuen Katechismus 2370). Wenn diese These falsch ist, dann ist auch das ganze Gebäude der Theologie des Leibes hinfällig.

Wir müssen nun bekennen, daß  diese These unhaltbar ist: Zuerst metaphysisch, weil die menschliche Person  unmittelbar ist; zweitens physisch, weil der Akt der ehelichen Liebe wesentlich das Suchen und den Genuß von Vergnügen mit sich bringt, ohne das er in der Tat unmöglich wäre; drittens moralisch, weil die Kirche lehrt erstens, daß der Ehemann Macht über den Leib der Frau, und die Frau Macht über den Leib des Mannes hat’ (I. Kor. 7.4), was bedeutet, daß jeder Partner nicht nur geben sondern auch nehmen soll; und zweitens (und allgemeiner), daß die Liebe des vorbehaltlosen Sich-Schenkens allein Gott gebührt und auch nur gegenüber Ihm möglich ist (Lk. 10.27), während die Nächstenliebe dem Menschen auf einer niedrigeren Stufe und in den ehelichen Beziehungen mit Zurückhaltung und Mäßigung geboten ist[1]. Tatsächlich bedeutet eine ganzheitliche Nächstenliebe Götzendienst.

Im Lichte der Unterscheidungen zwischen den drei oben aufgeführten Liebesarten soll die eheliche Vereinigung in ihrer idealen Ausprägung ein Akt der von der vernünftigen Liebe beseelten sinnlichen Liebe sein, so daß ein Gatte den anderen nicht als Gegenstand sondern als Person zu lieben vermag, und darüber hinaus beseelt von der Liebe der caritas, durch welche ein Gatte den anderen in und wegen Gott zu lieben vermag.

  1. VERSCHWEIGUNG DER LEHRE UEBER DEN EHEMANN ALS FAMILIENOBERHAUPT

Was auffallenderweise in Familiaris Consortio, im Neuen Katechismus, in der neuen Liturgie[2], und in der neueren Kirchenlehre auf der lehramtlichen,  bischöflichen, und sogar Pfarr-ebene fehlt, ist die Lehre, daß der Ehemann das Oberhaupt der Familie ist, wie Christus das Oberhaupt der Kirche ist.

Es scheint, daß diejenigen, die für die entsprechenden Abschnitte im Zweiten Vatikanischen Konzil verantwortlich waren, zusammen mit Papst Johannes Paul II., diese Lehre mit der Lehre einer völligen Gleichsetzung von Mann und Frau auf der Grundlage der Gleichheit der persönlichen Würde zu ersetzen beabsichtigten.

Johannes Paul II. zitiert Gaudium et Spes in der obengenannten Enzyklika (Abschnitt 19) wie folgt: „Die Einheit der Ehe wird von der gleichgestellten persönlichen Würde von Ehemann und Ehefrau ausstrahlen, eine Würde, die durch gegenseitige und totale Liebe anerkannt wird;“ und nochmals in Abschnitt 22: „Die gleichgestellte Würde und Verantwortung der Frauen mit den Männern wird im Sich-Schenken verwirklicht.“ Was wir hier sehen, ist ein Verschweigen oder ein Übergehen einer von der Tradition geehrten und in der Heiligen Schrift verankerten katholischen Lehre zugunsten eines rein philosophischen Prinzips.

Wir beobachten die gleiche Einstellung seitens Papst Johannes Paul II.s in seiner ‚Theologie des Leibes’.

Dieses philosophische Prinzip, dasjenige der gleichgestellten Würde der Person, ernennt offensichtlich keinen der beiden Eheleute zum Familienoberhaupt. Im Gegenteil, es läßt in jedem gegebenen Fall die Frage offen, wer denn diese Rolle einnehmen solle. Die Folge dieses Schweigens bezüglich der Autorität des Mannes hat eindeutig zur dominierenden Stellung der Ehefrau in der Frage der Autorität, wie sie sich zunehmend in zeitgenössischen Ehen zeigt, beigetragen.

Es ist bedauerlich, daß die Folge dieses Schweigens auf seiten des Magisteriums mit zutiefst anti-katholischen Ideologien oder Haltungen, wie dem Feminismus und der Entmännlichung der Gestalt des Mannes, des Ehemannes, und des Vaters, einhergeht[3].

[1]  Mäßigung im Bereich der Geschlechtlichkeit entspricht der Keuschheit; Zurückhaltung ist eine sie ergänzende Tugend (s. Kapitel 1, cf. Römischer Katechismus über den Gebrauch der Ehe).

[2] Der Text vom Epheserbrief über den Mann als Familienhaupt kommt in den Trauungslesungen nicht mehr obligatorisch vor. Er erscheint eher als Auswahltext unter verschiedenen anderen, die eine Fassung des Ephesertextes einschließen, wo die Andeutung an die Hauptrolle des Mannes aber entfernt worden ist.

[3] Die Situation ist mit dem zeitgenössischen Bild des Mannes und Vaters innerhalb des Priestertums vergleichbar.