Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (7 von 7): Die Fülle der Gnaden von Augustin Poulain SJ – eine Empfehlung


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Die Fülle der Gnaden von Augustin Poulain SJ – eine Empfehlung

Der Hunger nach Gott und Gebet, was man auch unter dem Letzteren verstehen mag, ist im Westen groß, was die esoterisch-gnostische Entwicklung der letzten 30-40 Jahre überaus deutlich macht. Der Leiter einer evangelischen Akademie erzählte einmal in trauter Runde, dass er zu einem Meditations-Retreat bei einem Yogi gewesen ist, bei dem er 10 h am Tag meditiert habe. Dies schien für diesen Mann ein einschneidendes Erlebnis gewesen zu sein. Er sagte dann beinah mit Tränen in den Augen: „Und ich dachte: Vielleicht ist er anders? Vielleicht ist es echt? Vielleicht steckt etwas dahinter? Vielleicht geht es ihm nicht darum möglichst viele Bücher zu verkaufen?“ Dieser Akademieleiter hätte auch ein katholischer sein können, denn die Wahrscheinlichkeit im deutschsprachigen Raum einen Geistlichen zu treffen, der auch tatsächlich ein geistliches Leben führt, ist wie bereits erwähnt, sehr gering. Aber es ist gerade dieses eine, was Not tut und nicht all das andere. Ohne ein Gebetsleben kommt es, wie man seit Langem weiß, zuerst zum Aktivismus und danach zur geistigen Verödung, welche den Namen der Acedia trägt. Wie sieht aber dieser Gebetsweg aus? Was ist zu tun und was ist zu lassen? Welche Gefahren drohen dort? Worauf hat man gefasst zu sein? All das legt Pater Poulain SJ auf 602 Seiten der englischen Ausgabe Titel The Graces of Interior Prayer. A Treatise on Mystical Theology bzw. auf 878 Seiten in zwei Bänden der deutschen Ausgabe Die Fülle der Gnaden. Ein Handbuch der Mystik klar, systematisch, katholisch, theologisch fundierten und auf Kirchenlehrer und Heiligen Lebensläufe gestützt. In einem Buch, welches Sie sich hier systematisch ins Scans präsentieren werden.

Da unsere Umfrage deutlich macht, dass sehr viele Leser sich nach einer geistlichen Leitung sehnen und ihrer entbehren, daher wollen wir Ihnen etwas zur Hand geben, womit sie sich selbst einigermaßen helfen können. Dieses Buch ist, ebenso wie das Werk von Kardinal Bona, eigentlich für Beichtväter und Seelenführer gedacht, da es aber so ist wie es ist, so muss man sich selbst zu helfen wissen. Bei dem vorzustellenden Werk handelt es sich um die deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1909. Dieses Buch ist auch auf Englisch bestellbar. Die englische Übersetzung trägt den Titel The Graces of Interior Prayer. A Treatise on Mystical Theology und ist zwar kein editorisches Prachtstück, sondern eine einfache Kopie der englischen Ausgabe aus dem Jahre 1949, es verfügt aber über eine eingehende Einführung in das Leben und Werk von Vater Poulain SJ, welche in etwa 50 Seiten umfasst. Die deutsche Ausgabe hat dies nicht. Der deutsche Titel suggeriert darüber hinaus, dass es sich bei diesem Buch um ein rein mystisches Werk handelt. Dies ist aber nicht der Fall, denn obgleich auch außergewöhnliche mystische Erlebnisse wie beispielsweise der äußere Verlauf der Ekstasen behandelt werden, so handelt dieses Werk eigentlich von einem fortgeschrittenen Gebets- und Geistesleben. Es handelt also von dieser Etappe, bei welcher die meisten sich selbst überlassen bleiben, da ihre Beichtväter meistens überfragt sind.

Der hohe Lob, welchen im Jahre 1907 Kardinal Merry Del Val im eigenen und Pius‘ X. Namen über dieses Buch singt, ist voll gerechtfertigt, ebenso wie der Lob Kardinals Steinhubers vier Jahre davor. Der Schreiber dieser Zeilen hat einige Abschnitte schon durchgearbeitet und es ist das Beste, was er jemals zu diesem Thema gelesen hat. Daher wollen wir dieses Buch parallel zum Werk von Kardinal Bona vorstellen, da es auf Deutsch fast unauffindbar ist und nicht jeder es auf Englisch lesen kann oder möchte. Die Besonderheit von Die Fülle der Gnaden macht der Umstand aus, dass es von einem gelernten Mathematiker und praktischen Menschen mit einer minutiösen Genauigkeit und einem aufwändigen Quellenstudium in einem Zeitraum von über 40 Jahren verfasst worden ist. Kurz und gut: präziser, einfacher, klarer, strukturierter, praktischer und quellenfundierter geht es wirklich nicht. Das Leben und die Schrift von Pater Poulain SJ, so im Nachfolgenden, abwechselnd mit seinem Text.  näher vorgestellt werden.

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Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (6 von 7): Das geistliche Leben tut Not, besonders bei fehlender Anleitung


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Das geistliche Leben tut Not, besonders bei fehlender Anleitung

Wie sagt doch ein Choral von Johann H. Schröder aus dem Jahre 1697 (so viel Ökumenismus darf auf dieser Seite sein), Eins ist not, ach Herr, dies eine

Eins ist not, ach Herr, dies eine
Lehre mich erkennen doch!
Alles andre, wie’s auch scheine,
Ist ja nur ein schweres Joch,
Darunter das Herze sich naget und plaget
Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget.
Erlang‘ ich dies eine, das alles ersetzt,
So werd‘ ich mit einem in allem ergötzt.[1]

Tatsächlich weiß jeder, dass „das Herze sich naget und plaget“, wenn man das tägliche Gebetspensum nicht einhält. Der Schreiber dieser Zeilen hat vor über 20 Jahren aufgehört mit Geistlichen geistliche Gespräche führen zu wollen, denn, um es mit A. A. Milne’s Winnie Puh der Bär zu formulieren: „je mehr man nachschaut, desto weniger ist drin.“ Die panisch- ängstlich-aggressiven Reaktionen der Befragten machten einem immer klar, dass man nach etwas Unangenehmen, denn Nicht-Vorhandenen fragt. So ungefähr als würde man ein Kind fragen: „Hast du schon die Hausaufgaben gemacht? Vokabeln gelernt? Dich auf die Matheklausur vorbereitet?“ Die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens eine Antwort darauf „Nein“ lautet, ist groß. Es stellt sich wirklich die Frage, wie jemand ohne ein regelmäßiges Gebetsleben auskommen kann. Man kann es nicht. Denn die Theologie, die er betreibt oder der Priesterdienst, den er leistet, sieht dann auch entsprechend nach gar nichts aus. Man hofft dann, dass es keiner merkt. Man merkt es aber doch. Die Frage bleibt dennoch bestehen, wie man über Gott lehren, schreiben, unterrichten und predigen kann, ohne mit der Person Gottes in irgendeiner, wenn dieser Ausdruck gestattet sein möge, „Liebesbeziehung“ zu stehen. Denn das ist eigentlich das Gebetsleben. Die Antwort ist recht einfach: man steht in keiner Beziehung und man redet auch nicht über Gott, sondern über irgendwelche politisch- korrekten Konstrukte oder über rein gar nichts.

[1] Die restlichen Strophen finden sich hier http://www.lutheran-hymnal.com/german/tlh366g.htm

Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (5 von 7): Jungfräulichkeit und Zölibat über der Ehe


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Jungfräulichkeit und Zölibat über der Ehe

Besonders Ansichten, welche der Auffassung widersprechen, dass die Jungfräulichkeit über der Ehe steht, sind eindeutig verurteilt worden. So spricht das Konzil von Trient in seinem Dekret Tametsi (11. Nov. 1563) zur Reform der Ehe:

Kan. 10 „Wer sagt, der Ehestand seit dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibat es vorzuziehen, und es sei nicht besser oder seeliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden [vgl. Mt 19, 11 f.; 1 Kor 7, 25 f. 39, 40]: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Denz. = DH 1810)

Dieser Kanon sagt natürlich nicht aus, dass jeder im Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibats zu leben habe oder dazu berufen worden sei, denn erstens, wie bereits vorangestellt, ruft Gott nicht jeden zu diesem Stand und zweitens stellt er an diese viel höhere Ansprüche, welche er beruft. Es ist wichtig sich darüber klar zu werden, dass Gott nicht von jedem exakt dieselbe Vollkommenheit verlangt, sondern nur diejenige Vollkommenheit, die jedem Stand, aber auch jedem Menschen, eigen ist. Dies ist kein Relativismus. Um wieder auf ein sportliches Beispiel zurückzugreifen, stellt das maximale Gewicht beim Bankdrücken für den einen 120 Kilo, für den anderen nur 80 kg dar, obwohl alle beide 100 % ihrer Maximalkraft pressen. Nicht jeder sollte mit 120 kg trainieren, nicht jeder sollte es mit 80 kg tun. Es kommt auf den jeweiligen Sportler an. Wenn also Gott jemanden zum kontemplativen Leben oder zum kontemplativen Ordensleben beruft, dann stellt er auch höhere Ansprüche an ihn oder an sie.  Auch die Sünden derjenigen, die dem geistlichen Stand angehören, werde viel schwerer bewertet, was nicht unbedingt überraschend ist, da wir alle bei der Beichte unseren Stand und unser Alter nennen müssen, um dem Beichtvater die Einordnung der Verfehlungen an den Standespflichten gemessen zu ermöglichen. Nach dem Lehrsatz von gratia sufficiens, wonach Gott jedem Menschen ausreichend viel Gnade, darunter auch Standesgnade gibt, um Gottes  Ansprüche an uns erfüllen zu können. Wenn wir es willentlich unterlassen und das Verlangte nicht verwirklichen, so liegt es an uns selbst.

Aber individuelle Führung Gottes ist eines und objektive Rangordnung der Werte etwas anderes. Daher also kann die Ehe weder der Jungfräulichkeit gleichgestellt oder ihr übergeordnet werden, noch darf der eheliche Akt, zu irgendeiner Form der unio mystica erklärt werden. Das Letztere wäre eine gnostische Haltung von der man leicht in das  Kamasutra abgleiten kann. Näheres führt hierzu die Enzyklika des Pius XII. „Sacra virginitas“, vom 25. März 1954 (DH 3911-3912) aus:

„Unlängst aber haben Wir traurigen Herzens die Auffassung derer verworfen, die so weit gehen, zu behaupten, die Ehe sei das einzige, was für das natürliche Wachstum und die gebührende Vervollkommnung der menschlichen Person sorgen können. Manche beteuern nämlich, die vom Sakrament der Ehe aufgrund der vollzogenen Handlung gewährt der göttliche Gnade mache den Gebrauch der Ehe zu heilig, dass sie zu einem wirksameren Instrument werde, die einzelnen Herzen mit Gott zu verbinden, als selbst die Jungfräulichkeit, da ja die christliche Ehe, nicht aber die Jungfräulichkeit, ein Sakrament ist.

Diese Lehre nun erklären wir für falsch und schädlich. Gewiss nämlich gewählt dieses Sakrament den Eheleuten göttliche Gnade, um sich der ehelichen Pflicht heilig zu unterziehen; gewiss stellt es da die Bande gegenseitiger Liebe, durch die sie unter einander zusammengehalten werden; jedoch wurde es nicht dazu eingesetzt, den Gebrauch der Ehe gleichsam zu einem Instrument zu machen, dass durch sich mehr geeignet wäre, die Herzen der Eheleute durch das Band der Liebe mit Gott selbst zu verknüpfen. Erkennt nicht vielmehr der Apostel Paulus den Gatten das Recht zu, sich eine Zeit lang vom Gebrauch der Ehe zu enthalten, um frei zu sein für das Gebet [vgl. 1 Kor 7,5], weil eine derartige Enthaltsamkeit das Herz freier macht, das sich den himmlischen Dingen und den Gebeten zu Gott widmen soll? (DH 3911)

 Sodann kann man nicht behaupten-wie es einige tun-, dass die »gegenseitige Hilfe«, die die Eheleute in christlichen Ehen zu erlangen suchen, eine vollkommenere Hilfe sei, um die eigene Heiligkeit verlangen als die – Einsamkeit des Herzens von Jungfrauen und unverheirateten. Denn obwohl alle jene, die die Lebensform vollkommener Begriffen haben, sich von solch einer solchen menschlichen Liebe losgesagt haben, kann man dennoch nicht aus diesem Grunde behaupten, dass sie wegen eben dieser ihrer Entbehrung die menschliche Person gleichsam vermindert und beraubt hätten. Sie empfanden nämlich vom Geber der himmlischen Geschenke selbst ein geistliches [Geschenk], das freilich jene von den Gatten unter einander gewährte »gegenseitige Hilfe« unermesslich übersteigt. (DH 3912)“

Ohne an dieser Stelle auf die katholische Ehelehre näher eingehen zu wollen, kann man nur kopfschüttelnd und traurig feststellen, wie sehr sich die jetzige Verkündigung (falls sie überhaupt stattfindet) von der eigentlichen katholischen Lehre entfernt hat. Von den neueren Projekten zur Anerkennung der Homosexusalität, der Homo-Ehe oder der Konkubinate ganz zu schweigen. Aber diese schiefe Ebene setzte eigentlich mit der unkatholischen Gleichwertung von Jungfräulichkeit und Ehe ein, was anschließend zur Abwertung der Jungfräulichkeit und des Zölibats führte. Anschließend kam die Abwertung des prokreativen Aspekts des ehelichen Verkehrs. Man sprach von „Verwirklichung der Sexualität“, welche grundsätzlich über die Zeugung von Kindern hinausreichen sollte.  All dies bringt uns in die Lage der Kirche, die wir zurzeit, d.h. eine Woche nach dem geheimen Pfingstreffen an der römischen Gregoriana-Universität, [1] haben: „Liebe ist Liebe“ oder „Sexualität ist Sexualität“. Es bleibt an dieser Stelle zu erwähnen, dass es im katholischen Verständnis keine „Sexualität“ an sich gibt, sondern nur konkrete Taten, konkreter Personen, unter konkreten Umständen, welche als sündig oder nicht sündig zu werten sind. Jetzt leben wir alle in einer neu-gnostischen Zeit, wo sich alles „sexualisiert“ oder „sexuell verwirklicht“, weil alles und überall „gottet“. Pius XII. hat in Bezug zur Ehe diese Schieflage erkannt, ohne dass sie langfristig wirksam bekämpft worden wäre.

Der Ursprung der jetzigen Schieflage liegt aber in der Verneinung einer objektiven Hierarchie der Werte, aber auch der kirchlichen Stände, welche auf der theologischen Ebene lange vor dem Konzil einsetzte, dessen Ideen der „Dialogisierung“ oder Horizontalisierung auch von irgendwoher kommen mussten. Es gibt also eine Rangordnung, in welcher die Jungfräulichkeit und das Zölibat über der Ehe stehen, ebenso wie das kontemplative Leben über dem aktiven Leben steht. Zwar will kein Mensch heutzutage vernehmen, dass es eine objektive Hierarchie gibt, weil er die Möglichkeit dabei besser oder schlechter abzuschneiden ausschließen möchte, es sei denn er steht selbst an der Spitze. Aber Hierarchien gibt nun mal (Körpergröße, IQ, Bildung, Einkommen etc.), ob wir es wollen oder nicht. Welche ist aber die wichtigste Hierarchie? Die Hierarchie der Tugendgrade oder der Heiligkeit, d.h. inwieweit wir uns in diesem Leben dem kontemplativen Endzustand annähern. Hinsichtlich dieser Hierarchie haben alle anderen Hierarchien und Lebensumstände nur eine Hilfsfunktion. „Was nützt es mir für die Ewigkeit? (Quid hoc ad aeternitatem?)“, fragte sich der hl. Aloysius Gonzaga in einem erstaunlich jungen Alter. Deswegen nützt uns alles nur insofern, inwiefern es unserem Endzustand der Heiligkeit nützt. Betrachtet man alles unter diesem Aspekt, so relativiert sich vieles, anderes hingegen wird wichtig.

  [1] http://www.katholisches.info/2015/05/29/die-kirchlichen-illuminaten-liste-der-katholischen-geheimbuendler/

Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (4 von 7): Ordensleben über dem Laienstand


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Zur Verwirklichung der Punkte (7) bis (9) sind nur manche von Gott berufen, denn das geistliche Leben, was nicht genug betont werden kann, stellt aus der katholischen Sicht keine Selbstverwirklichung dar, sondern ist eine Berufung Gottes, von welchem die Initiative ausgeht. Manche Menschen ruft Gott zu diesem Weg, manche nicht. Der Weg der evangelischen Räte ist ein Weg, wie wir noch zeigen werden, der höheren Vollkommenheit, da er eine größere Ähnlichkeit mit dem Endzustand hat als das weltliche Leben. Auch das neuere Kirchenrecht (1983) bringt diesen Gedanken zum Ausdruck:

Can. 573 § 1. „Das durch die Profeß der evangelischen Räte geweihte Leben besteht in einer auf Dauer angelegten Lebensweise, in der Gläubige unter Leitung des Heiligen Geistes in besonders enger Nachfolge Christi sich Gott, dem höchstgeliebten, gänzlich hingeben und zu seiner Verherrlichung wie auch zur Auferbauung der Kirche und zum Heil der Welt eine neue und besondere Bindung eingehen, um im Dienste am Reich Gottes zur vollkommenen Liebe zu gelangen und, ein strahlendes Zeichen in der Kirche geworden, die himmlische Herrlichkeit anzukündigen.“

Can. 574 § 2. „Zu diesem Stand werden bestimmte Gläubige in besonderer Weise von Gott berufen, um im Leben der Kirche an der besonderen Gabe Anteil zu haben und zu deren Heilssendung gemäß Zielsetzung und Geist des Instituts beizutragen.“

Das alte Kirchenrecht (CIC 1917) tut es dennoch viel klarer, indem es bestimmt:

            Can. 491 § 1. (CIC 1917):

           „Religiosi praecedunt laicis […].“

Also „die Ordensleute gehen den Laien vor“, wobei, nach can. 490 (CIC 1917) natürlich Ordensleute beiderlei Geschlechts gemeint sind und das Verb praecedere – „vorangehen“ wahrscheinlich auch einen kirchenrechtlichen terminus technicus darstellt, welcher sich unserer Kenntnis in diesem Moment entzieht.

Auch der neue Katechismus (1992) liegt dieses Hierarchiedenken einigermaßen, wenn auch weniger betont, dar:

KKK 916 „Der Ordensstand stellt also eine Art „tieferer Weihe“ dar, die in der Taufe wurzelt und eine Ganzhingabe an Gott ist [Vgl. PC 5]. Im geweihten Leben fassen die Christgläubigen, vom Heiligen Geist dazu bewogen, den Vorsatz, Christus enger zu folgen, sich dem über alles geliebten Gott hinzugeben und im Streben nach vollkommener Liebe im Dienst des Gottesreiches die Herrlichkeit der künftigen Welt in der Kirche zu bezeichnen und zu verkünden [Vgl. CIC, can. 573].“

Theologie kennt kein demokratisches, sondern ein hierarchisches Denken. Deswegen ist auch die Struktur der Kirche nicht demokratisch, sondern hierarchisch. Je strenger die hierarchische Ordnung und Denkweise ist, desto mehr Mitbestimmung ist auch möglich, was eigentlich in der gesamten Kirchengeschichte auch vor Vatikanum II der Fall war. Aber nicht alles ist gleichwertig, gleichbedeutend und letztendlich gleichgültig. Denn diese Lehre und Denkweise der Horizontalisierung, wie Romano Amerio sie nennt, die wir innerhalb der letzten 50 Jahre beobachten konnten, die so genannte „Demokratisierung“ und „Mitbestimmung“ der sog. „Räterepublik“, hat die Kirche, besonders im Westen, in diese Lage gebracht, in welcher sie sich jetzt befindet. Was aber auch interessant ist, findet eine eigentliche Mitbestimmung von Glauben her gar nicht statt, da in all diesen Gremien wie ZdK in Deutschland „Berufskatholiken“ verweilen, die genau das vorbringen, was ihnen auf irgendwelchen Wegen zugetragen wird. Konservative Katholiken werden dort entweder nicht aufgenommen oder finden keine Mehrheit. Man hat dieses Vorgehen sehr deutlich bei den Fragebögen der DBK zur Abstimmung über die Wünsche an die kommende Bischofsynode gesehen. Obwohl kaum jemand von den gefragten Gläubigen in den Diözesen geantwortet hat, sodass die Argumentation vox populi vox Dei verfehlt wäre, wird die bisherige Agenda (Kommunionzulassung für wiederverheiratete Geschiedene, Anerkennung von Konkubinaten und Homosexualität) weiterverfolgt und unter dem Titel „Reformdruck auf Bischöfe wächst“ präsentiert. Statistisch, „demokratisch“ und vor allem theologisch und katholisch ist das absolut nicht haltbar. Der Apell an den Papst die überkommene Lehre zur Familie und Lehre zu bestätigen, welchen weltweit 259.175 Katholiken unterschrieben haben,[1] wird in den deutschsprachigen katholischen Medien von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht gerade popularisiert. So sehen wir, dass die „Mitbestimmungskeule“ nur dort eingesetzt wird, wo sie genehm ist. Zur Zersetzung des Glaubens – ja, zur Verteidigung des Glaubens – nein.

Da aber in der klassischen Theologie alles hierarchisch von der größeren Vollkommenheit her bis zur kleineren Vollkommenheit hin angeordnet ist, deswegen steht der Ordensstand höher als der Laienstand, das kontemplative Leben höher als das aktive Leben und die Jungfräulichkeit höher als die Ehe. Natürlich kann eine Hierarchie nur von einem festen Bezugssystem der unveränderlichen Werte gedacht werden. Denn ist ein System wandelbar, weil es sich beispielsweise permanent dem Zeitgeist anpasst, denn nichts ist kurzweiliger als die Mode, so hat keine Hierarchie einen Bestand oder Sinn, denn das, was gestern Top war, wird morgen Flopp sein.

[1] http://www.ergebenebitte.org/

Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (3 von 7): Der Weg der christlichen Vollkommenheit


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Der Weg der christlichen Vollkommenheit

Allen Katholiken, denn katholisch muss man schon sein, um bspw. in den Vorzug des sakramentalen und sonstigen Gnadenlebens zu kommen, welche nur in ihrer Fülle innerhalb der Kirche und durch die Kirche vermittelt werden, stehen die nachfolgenden Mittel der Heiligung des Weges der christlichen Vollkommenheit (via perfectionis christianae) offen. Diese wollen wir hier anhand der Indices des Denzingers 196535 (K 6a- 6b) summarisch darstellen:[1]

  1. Die Mitarbeit mit der göttlichen Gnade (cooperatio cum divina gratia), welche hautpsächlich ex opere operato durch die Sakramente vermittelt wird;
  2. Die Unterwerfung unter die Gebote Gottes und die Gebote der Kirche (submission sub praecepta Dei et Ecclesiae);
  3. Die Ausübung der Tugenden (exercitium virtutum);
  4. Das Gebet (oratio);
  5. Die Werke der Buße und der Abtötung (opera paenitentiae et mortificationis);
  6. Die Selbstaufgabe (resignatio sui ipsius);

Die Punkte (1) bis (6) stehen allen offen, aber die nachfolgenden sind nicht für alle verpflichtend, da sie nur denen, die Gott dazu ruft, offen stehen

  1. Evangelischen Räte bzw. Ordensgelübte (consilia evangelica seu vota religiosa);
  2. Der Ordensstand (status religiosus);
  3. Jungfräulichkeit und Zölibat (status virginitatis et caelibatus).

Die oben genannten Punkte (1) bis (6) stellen sicherlich ein aufsteigende Hierarchie dar, da sicherlich mehr Menschen beten (3) als sich selbst aufgegeben (6). Wir werden, sofern uns die Zeit und unsere Kraft erlauben, diese Punkte in der Zukunft näher ausführen. Dennoch bilden die Punkte (1) bis (6) eine Gesamteinheit dar, in welcher die einzelnen Elemente einander bedingen und ergänzen.

[1] Denzinger, Enchiridion Symbolorum. Definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Herder 196535, 921-922 (K 6a – K 6b). Sie stehen auch im DH = Denzinger-Hünermann (=DH), Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Lateinisch-Deutsch, Freiburg 201043, 1699-1700 (L 2f) zu finden. Im DH sind sie aber weniger summarisch und prägnant als im vorhergenannten Denzinger dargestellt. Daher empfiehlt es sich immer beim alten anzufangen, um zu schauen was verändert, was weggelassen und was dazu gekommen ist.

Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (2 von 7): Eschatologie in sportlichen Bildern


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Eschatologie in sportlichen Bildern

Warum steht aber das kontemplative Leben höher? Weil das irdische Leben in der katholischen Sicht lediglich als eine Vorbereitung und Vorstufe auf das ewige Leben gesehen wird. Da aber die Ewigkeit länger – da ewig – als sogar ein recht langes Leben dauert, daher sollte man in diesem Leben, soweit man kann, das anvisieren, womit man seine Ewigkeit verbringen wird. Die Ewigkeit in ewiger Qual und Verdammnis der Hölle ist natürlich auch eine reale Möglichkeit und Konsequenz eines sündigen und gottfernen Lebens auf Erden. Wir wollen aber im Moment nicht näher darauf eingehen, da wir hoffen, dass diese Möglichkeit keinen unserer Leser im Moment des Todes betreffen wird. (Und bis dahin ist ja noch immer Zeit und unser Blog möge auch das Seine dazu beitragen.) Erreicht jedoch jemand wenigstens das Fegefeuer, was wir uns selbst und allen unseren Lesern wünschen, so verbringt er, nachdem er die notwendige Läuterung in diesem Zwischenstand durchschritten hat, die Ewigkeit, welche in der Anschauung, d.h. in der Kontemplation, Gottes besteht. Daher steht also das kontemplative Leben höher als das aktive, weil die Kontemplation auf die Ewigkeit verrechnet einfach länger dauert.

Ist aber diese, alternativlose Art der Verbringung der Ewigkeit in der Kontemplation Gottes etwas Erstrebenswertes und daher Positives? Für einen Heiligen schon, für einen Sünder noch nicht. Das nachfolgende Beispiel möge es näher erläutern. Stellen wir uns vor, wir wären hier und jetzt alle gezwungen ein Triathlon vom Ausmaß des Iron-Man’s auf Hawaii zu absolvieren. Dies bedeutet an einem Tag ohne Pause 3,86 km zu schwimmen, anschließend 180,2 km Rad zu fahren und anschließend einen Marathon von 42,195 Kilometer zu laufen.[1] Um dies vollbringen zu können, müsste man sein ganzes vorheriges Leben auf diesen Triathlon hin trainieren und eigentlich täglich entweder das Laufen, das Radfahren oder das Schwimmen zu üben, manchmal auch alles an einem Tag, um das enorme Pensum des Iron-Man’s zu schaffen. Nehmen wir weiterhin an, dass alle Menschen, welche die notwendige Verfassung hier und jetzt den Iron-Man zu bewältigen  in ein Trainingslager eingewiesen werden würden, um sich nach und nach auf diese Leistungsebene zu begeben. Ähnlich sind die Endzustände des Himmels und des Fegefeuers zu deuten, falls sich jemand überhaupt für das Fegefeuer qualifiziert und nicht in der Hölle endet. Der Himmel ist der ewige Iron-Man, das Fegefeuer ist das Trainingslager. So wie für einen Untrainierten der Iron-Man als eine lange und unnötige Qual erscheint, so wirkt die Perspektive des Himmels und der ewigen Anschauung Gottes auf den Sünder.

Wie sagt man doch so schön: „Wie das Leben, so der Tod, wieder tut, so auch die Ewigkeit!“ Die Bekehrungen auf dem Todesbett sind nämlich äußerst selten. Da Gott, der uns den freien Willen gegeben hat, niemanden zu etwas auch zu Lebzeiten zwingen will, so wäre es ungebührlich und unlogisch zu denken, dass er jemanden nach dem Tod wenn, so wollen wir es hier annehmen, jede freie Willensentscheidung aufhört, zu sich selbst und seiner Ewigkeit zwingen möchte. Der Zwang zur Gottesnähe in der Ewigkeit wäre in etwa damit vergleichbar als würden wir alle in diesem Augenblick an diesen Start des Iron-Man’s auf Hawaii versetzt und zu der Teilnahme gezwungen werden. Die meisten von uns würden wohl nicht über den ersten Kilometer der Schwimmstrecke hinausgehen, sondern einfach untergehen. Während aber im Sport der Mensch selbst seine Ausdauer und Muskelkraft durch die Willenskraft bildet, schafft im geistlichen Leben Gott das Meiste durch seine Gnade selbst, mit der der Mensch mitwirken soll, indem er sich auf die Gnade öffnet und ihr kein Hindernis in den Weg stellt. Die verschiedenen, im Rahmen der Rechtgläubigkeit verbleibenden Gnadensysteme, stellen diese Mitarbeit unterschiedlich  dar. Wir wollen aber an dieser Stelle nicht darauf näher eingehen.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Hawaii

Eines tut Not – das geistliche Leben. Eine Einleitung in das Werk von A. Poulain SJ. (1 von 7): Das aktive und kontemplative Leben


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Die Auswertung der Leserumfrage machte uns klar, dass unser deutschsprachige Leser, über den wir uns sehr freuen, vielmehr am geistlichen Leben als an der Kirchenkrise interessiert ist, da er die Letztere auch ohne uns ständig vor Augen hat. Wir wollen also das Eine tun, ohne das Andere lassen zu wollen, d.h. die katholische Theologie in ihren verschiedenen Fachgebieten, so gut es uns möglich ist, präsentieren, sozusagen als das Gegengift gegen die Kirchenkrise, über die wir auch ab und zu berichten werden. Es ist auch recht mühevoll ständig, wie der Prophet Jeremias, rufen zu müssen: „Iniquitas et vastitas – Sünde und Ruin! “ (vgl. Jer 20,8)

Daher wollen wir hier neben der notwendigen Einleitung ein weiteres Meisterwerk des Geistlichen Lebens und zwar Die Fülle der Gnaden von Pater Augustin Poulain SJ aus dem Jahre 1901 Lesern abschnittsweise unseren Lesern vorstellen. Die Einleitung, der Text von Pater Poulain SJ, die Fragmente von Kard. Bona und eventuell andere Beiträge sollen abwechselnd erfolgen. Da wir leider nicht in der Lage sind diesem Blog mehr Zeit zu opfern, daher werden wir mehrere kleinere Einträge veröffentlichen, um innerhalb der nächsten Zeit wenigstens einen Eintrag am Tag präsentieren zu können. Fürwahr alles ist Stückwerk.

Das kontemplative und das tätige Leben oder Maria und Martha

Liest man die mystische Literatur, derer metaphysisches Gerüst der Neuplatonismus bildet, eine Philosophie, die logisch und theologisch das herausgehen der Vielheit aus der Einheit deutet, so trifft man darin oft die Exegese der Geschichte von Maria und Martha (Lk 10, 38-42). Maria hat ja im Gegensatz zu Martha „das Eine“ (unum) gewählt (Lk 10, 42), wobei das Eine (unum) für Gott – die absolute Einheit (Unum) – steht, welche die Existenzgrundlage und die Möglichkeit für alle nachfolgende Vielheit bietet. Diese Gedankengänge der nicht pantheistisch gemeinten „Vereinheitlichung mit Gott“ sind nicht nur bei den griechischen Kirchenvätern und bei dem nachfolgenden Maximus Confessor zu finden. Sie wurden auch von Eriugena, Meister Eckhardt und Johannes Tauler übernommen, wobei leider Eriugena und Meister Eckhardt die Pfade der Orthodoxie verlassen haben. Alle aber der genannten Autoren gehen darin zurecht und rechtgläubig überein, dass das Eine (unum), das Maria gewählt hat, für das geistliche, das kontemplative Leben steht, während Martha das tätige Leben und somit für das Viele (multum) repräsentiert. Somit „tut das Eine Not“, was bedeutet, dass das geistliche Leben, im Sinne eines Gebetslebens und eines asketischen Lebens, Not tut.

An dieser Stelle würde ein, nennen wir ihn einfach, politisch-theologisch korrekter Autor betonen, dass er – um Gottes willen – nie, niemals und nimmer damit eine Abwertung des tätigen Lebens meine, wie es beispielsweise die vielen, vielen, tapferen Frauen in den tätigen Orden führen, die liebenden Mütter, von den allein erziehenden Müttern ganz zu schweigen, vorleben, die Arbeiter in den Fabriken leisten, die Arbeitslosen, die Menschen in der Dritten Welt et cetera et cetera führen, um wirklich auch alle mit dieser Aussage zu bedienen und um niemanden auszuschließen. In Gegensatz dazu meint der Schreiber dieser Zeilen, dass das kontemplative Leben tatsächlich höher als das tätige Leben steht, was auch von der Theologie und dem Lehramt immer so gesehen worden ist.