Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (9): Acedia ist ein Hauptlaster (vitium capitale)


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„Ein gut Ding braucht Weile“ und ein guter Beitrag braucht Muße, um geschrieben zu werden. So sind wir stolz an dieser Stelle den letzten Beitrag unserer Reihe über die Acedia anführen zu können. Er ist wirklich lang, weil der lateinische Originaltext auch beigefügt wurde, da er aber eine Einheit bildet, so wollten wir ihn nicht aufteilen. In den Ostertagen werden wir wahrscheinlich mehr Muße zum Lesen als sonst haben und deswegen wird dieser Beitrag einige Tage lang auf dem Blog bleiben. Viele Inhalte werden hier doppelt erscheinen, was hinsichtlich des Lerneffekts bewußt gemacht wurde. Denn es sind für die meisten neue Inhalte und es heißt ja nicht von ungefährt: repetitio est mater studiorium – „die Wiederholung ist die Mutter der Studierenden“. Dies ist also unser Ostergeschenk an unsere Leser.

Was ist ein Hauptlaster?

Wie wir bereits bestimmt haben, bedeutet das Wort Laster (vitium) in der Theologie etwas anderes als in der Alltagssprache.[1] Während in der Alltagssprache ein Laster, bspw. die Pornosucht, eine wiederholte Sünde ist, die jemanden in die zweite Natur übergegangen ist, bedeutet in der Theologie Laster (vitium) den Ursprung der Sünde, welche die Möglichkeit zum Sündigen bereitet. Wie ein entzündeter Zahn viele Infektionen bewirken kann, welche ohne die Stilllegung der Infektionsquelle ungeheilt bleiben,[2] so werden die aktuellen Sünden ohne die Stilllegung des Lasters nicht weniger.

Die Theologie spricht daher von Hauptlastern (vitia capitalia), aus welchen alle anderen Sünden resultieren. Auch unter Theologen werden sie die Hauptsünden genannt, aber wir wollen hier die Bedeutung von Sünde (peccatum) als Tat und Laster (vitium) als Anlage auseinanderhalten. Thomistisch gesprochen steht das Laster (vitium) die Potenz, die Sünde (peccatum) hingegen den Akt dar. Die recht ausgebaute Lehre von den septem vitia capitalia also von den sieben Hauptlastern, welche auf Evagrius Ponticus und Johannes Cassianus zurückgeht, wollen wir an einer anderen Stelle besprechen. Es genügt an dieser Stelle zu sagen, dass seit der Scholastik sieben Hauptlaster und nicht wie bei Evagrius und Cassianus acht, das diese noch die filodoxia – die Ruhmenssucht als ein eigenes Laster zählten, annehmen. Die Hauptlaster sind:

  • Stolz (superbia),
  • Geiz (avaritia),
  • Wollust (luxuria),
  • Zorn (ira),
  • Völlerei (gula),
  • Neid (invidia),
  • Trägheit (acedia).

Liest man die Anfangsbuchstaben der lateinischen Namen, so ergibt sich das Kunstwort saligia, welches dazu dient sich die Namen aller sieben Hauptsünden zu merken. Was ist ein Hauptlaster? Es ist, wie gesagt, eine Quelle anderer Sünden, eine Sündenanlage sozusagen in etwa mit einem leckenden Rohr unter dem Putz oder einem Schimmelbefall vergleichbar. Wenn man die Quelle dieses Übels nicht beseitigt, so ist es müßig die Folgen zu bekämpfen. Ähnlich wie bei Sümpfen und Malaria, keine Sümpfe – keine Malaria, denn bei Sümpfen wird es immer Mücken und somit immer Malaria geben. Obwohl die Hauptlaster manchmal auch Hauptsünden auch Todsünden genannt werden, so ist eine Todsünde theologisch gesehen etwas anderes, denn sie ist eine schwere Sünde, welche das Gnadenleben im Menschen vernichtet. Nach der Lehre der Kirche gelangt man nach dem Tod mit einer aktuellen Todsünde, die nicht gebeichtet oder durch keine Liebesreue, falls die Beichte nicht möglich ist, sofort in die Hölle (DH 780, 839, 858 u.a.) So schreibt der Papst Benedikt XII. in der Konstitution Benedictus Deus (1339), welche eine de fide Glaubensdefinition darstellt, welche den Glaubensgehorsam seitens der Gläubigen nach sich zieht:

„Wir definieren zudem, dass nach allgemeiner Anordnung Gottes die Seelen der in einer aktuellen Todsünde Dahinscheidenden sogleich nach ihrem Tod zur Hölle hinabsteigen, wo sie mit den Qualen der Hölle gepeinigt werden […] (DH 1002)“.

Bei der schweren Sünde oder der Todsünde muss die Materie der Sünde, also das, was man getan hat, schwer sein und die Verfehlung mit bei voller Absicht geschehen sein. Wir wollen uns aber an dieser  Stelle nicht bei der schweren Sünde aufhalten. Das Hauptlaster kann in manchen Fällen mit der Todsünde identisch sein, wenn jemand aufgrund des Hauptlasters des Zornes (ira) beispielsweise schwer durch Zornesausbrüche oder unter ständigem Zorn getroffene Entscheidungen sündigt. Dennoch entwachsen einer Hauptsünde, wie beispielsweise dem Neid, sehr viele aktuelle Sünden. Daher ist es sehr für den geistlichen Fortschritt nützlich erstens festzustellen, was meine Hauptsünde eigentlich ist und dagegen, meistens in jahrelanger Kleinstarbeit, vorzugehen.

Acedia ist ein Hauptlaster

Wir wollen hier mit dem hl. Thomas von Aquin, der sich natürlich auf ältere Quellen stützt, annehmen, dass Acedia – die geistige Trägheit – ein Hauptlaster ist. Dies bedeutet, dass die Faulheit beim Gebet und beim geistlichen Leben als solchem für keinen von uns, nicht einmal für die Laien, ein Pappenstiel ist.  Schneidet man das Thema des Gebets mit jemand an, so kommt es wie aus der Pistole geschossen:

„Ich muss das nicht. Das sollen die ….Mönche, Nonnen tun.“

Eine andere Version dieses Satzes lautet:

„Ich habe da kein Bedürfnis.“

„Dafür habe ich keine Zeit“.

Und je nach Stand und Veranlagung beginnt man sich zu entschuldigen. Dabei ist aber jeder von uns nicht nur zur Vervollkommnung in allen Bereichen verpflichtet,[3] besonders aber zur Vervollkommnung im geistlichen Bereich. Man will doch zur Anschauung Gottes gelangen und möglichst über ein kurzes Fegefeuer. Was macht man denn Himmel die ganze Ewigkeit lang? Man betet an, denn das ist die höchste Stufe des Gebets: die anbetende Anschauung. Damit man aber nach dem Tod dazu überhaupt fähig ist, so muss man zu Lebzeiten darauf hin trainieren. Sonst bleibt uns das Fegefeuer und dies bedeutet Läuterung durch schweres Leid. Aber auch in diesem Leben ist ein geistliches Leben, welches ja primär im Gebetsleben besteht, gut für alles und gut gegen alles. Bei Menschen aber, die in geistlichen Berufen der Kirche arbeiten oder Theologen sind, ist es absolut unabkömmlich. Sonst wird man zum blinden Blindenführer wie unsere „Bischofsperlenbischöfe“ und die Mehrheit unserer Priester. In diesen Fällen ist die geistige Trägheit tatsächlich eine schwere Unterlassungssünde, denn diese gibt es auch. Lesen wir uns also die Beweisführung des Aquinaten, wonach Acedia, die geistige Trägheit, ein Hauptlaster ist. Es handelt sich hier um die Stelle Summ. theol. IIª-IIae q. 35 a. 4[4], die wir größtenteils in eigener Übersetzung angeben.

Acedia ist ein Hauptlaster

  1. a) [Videtur quod non. Gegenargumente] Dem widerstreitet:

 IIª-IIae q. 35 a. 4 arg. 1

Ad quartum sic proceditur.

I. Videtur quod acedia non debeat poni vitium capitale. Vitium enim capitale dicitur quod movet ad actus peccatorum, ut supra habitum est. Sed acedia non movet ad agendum, sed magis retrahit ab agendo. Ergo non debet poni vitium capitale.

Zum Vierten folgt.

I. Es scheint, dass Acedia nicht zu den Hauptlastern gerechnet werden kann. Als Hauptlaster wird nämlich das bezeichnet, was zu sündigen Akten führt. Aber Acedia führ nicht zum Tun, sie hält vielmehr vom Tun ab. Daher soll sie nicht zu den Hauptlastern gezählt werden.

Dieser Einwand will sagen, dass eine Unterlassung noch längst nicht so schlimm ist wie eine Tat, was aber nicht stimmt.

IIª-IIae q. 35 a. 4 arg. 1

II. Praeterea, vitium capitale habet filias sibi deputatas. Assignat autem Gregorius, XXXI Moral., sex filias acediae, quae sunt malitia, rancor, pusillanimitas, desperatio, torpor circa praecepta, vagatio mentis circa illicita, quae non videntur convenienter oriri ex acedia. Nam rancor idem esse videtur quod odium, quod oritur ex invidia, ut supra dictum est. Malitia autem est genus ad omnia vitia, et similiter vagatio mentis circa illicita, et in omnibus vitiis inveniuntur. Torpor autem circa praecepta idem videtur esse quod acedia. Pusillanimitas autem et desperatio ex quibuscumque peccatis oriri possunt. Non ergo convenienter ponitur acedia esse vitium capitale.

II. Außerdem hat das Hauptlaster sieben Töchter, die ihm zugeschrieben werden. Gregor [der Große] (31. moral. 17.) gibt sechs Töchter der Acedia an: „die Bosheit, den Groll, die Kleinmütigkeit, die Verzweiflung, die Trägheit rücksichtlich der Gebote, das Herumschweifen des Geistes in Unerlaubtem“, welche jedoch nicht im rechtmäßigen Sinne aus der Acedia zu resultieren scheinen. Denn „Groll“ scheint dasselbe wie Hass zu sein, welcher wiederum aus Neid, wie oben dargestellt, zu resultieren scheint. „Bosheit“ ist aber die Gattung aller Laster und ebenso das Herumschweifen des Geistes in Unerlaubtem, kann in allen Lastern gefunden werden. „Trägheit rücksichtlich der Gebote“ scheint dasselbe wie Acedia zu sein. „Kleinmut“ und „Verzweiflung“ können aus jeglichen Sünden resultieren. Es ist also nicht zulässig Acedia zu den Hauptlastern zu zählen.

Warum haben die Hauptlaster Töchter und keine Söhne? Wahrscheinlich, weil das griechische Wort für Sünde (hamartema oder hamartia) weiblichen Geschlechts ist. Da der Teufel der eigentlich Vater der Sünde ist, so bleibt den Sünden das weibliche Geschlecht.

IIª-IIae q. 35 a. 4 arg. 3

III. Praeterea, Isidorus, in libro de summo bono, distinguit vitium acediae a vitio tristitiae, dicens tristitiam esse inquantum recedit a graviori et laborioso ad quod tenetur; acediam inquantum se convertit ad quietem indebitam. Et dicit de tristitia oriri rancorem, pusillanimitatem, amaritudinem, desperationem, de acedia vero dicit oriri septem, quae sunt otiositas, somnolentia, importunitas mentis, inquietudo corporis, instabilitas, verbositas, curiositas. Ergo videtur quod vel a Gregorio vel ab Isidoro male assignetur acedia vitium capitale cum suis filiabus.

III. Außerdem unterscheidet Isidor [von Sevilla] (2. de summo bono) zwischen dem Laster der Acedia vom Laster der Trauer und sagt: „Trauer sei es, insofern jemand ablässt vom Schweren und Mühevollen, wozu er gehalten ist; Acedia, insofern jemand sich zu ungebührender Ruhe wendet;“ und fügt hinzu „aus der Trauer entspringe Groll, Kleinmut, Bitterkeit, Verzweiflung; aus der Acedia, sagt er, rühren sieben [ethische Mängel] her Nichtstuerei, Schläfrigkeit, Unausstehligkeit des Geistes, Unruhe des Körpers, Unbeständigkeit, Geschwätzigkeit, Neugierde.“ So scheint es, dass entweder Gregor oder Isidor schlecht die Acedia als Hauptlaster mit ihren Töchtern bestimmt haben.

 IIª-IIae q. 35 a. 4 s. c.

Sed contra est quod Gregorius dicit, XXXI Moral., acediam esse vitium capitale et habere praedictas filias.

Dagegen aber steht, dass Gregor in Moralia 31 gesagt hat, dass Acedia ein Hauptlaster mit den angegebenen Töchtern ist.

[Respondeo dicendum Thomas Eigenleistung]

Iª-IIae q. 35 a. 4 co.

Respondeo dicendum quod, sicut supra dictum est, vitium capitale dicitur ex quo promptum est ut alia vitia oriantur secundum rationem causae finalis. Sicut autem homines multa operantur propter delectationem, tum ut ipsam consequantur, tum etiam ex eius impetu ad aliquid agendum permoti; ita etiam propter tristitiam multa operantur, vel ut ipsam evitent, vel ex eius pondere in aliqua agenda proruentes. Unde cum acedia sit tristitia quaedam, ut supra dictum est, convenienter ponitur vitium capitale.

  1. b) Ich antworte, Hauptlaster wird deswegen ein solches genannt, weil, wie oben angegeben, aus ihm andere Laster resultieren aufgrund des Prinzips der Zweckursache. Wie aber die Menschen Vieles tun zum Zwecke der Ergötzung, teils um derselben habhaft zu werden teils von ihrem Anstoße her geleitet; so tun sie auch Vieles wegen Traurigkeit, teils um sie zu vermeiden teils von ihr getrieben. Da die Acedia aber eine Art der Traurigkeit ist, wie oben angeführt wurde, so ist es zulässig sie unter die Hauptlaster zu zählen.

Die Philosophie der Antike insbesondere Aristoteles auf dem Thomas fußt, hatte ein viel reicheres Verständnis der Ursache als wir jetzt. Zurzeit, aufgrund der Methodologie der Naturwissenschaften, wird eigentlich nur von der Wirkursache (causa efficiens) gesprochen, also von etwas, was etwas bewirkt und meistens vor einem Prozess auftritt. So ist der Schwefel im Streichholz die Wirkursache der Verbrennung. Aber Philosophie kennt noch mehr Ursachen, darunter die Zweckursache (causa finalis). Darunter wird etwas verstanden, was sich am Ende eines Prozesses befindet.[5] So ist die Zweckursache einer Kaulquappe der Frosch. Bei den Hauptlastern bilden die konkreten Sünden die Zweckursachen des Lasters. Thomas von Aquin stellt sehr richtig fest, dass manchmal ein Laster im Sinne von vitium am Ende einer Handlung als Wirkursache (causa efficiens), manchmal aber auch an ihrem Ende als Zweckursache (causa finalis) steht. Man wird von der Traurigkeit getrieben oder man tut manches, um der Traurigkeit zu entkommen. So trinken viele Depressive, um der Depression zu entkommen, aber am Ende des Trinkens wartet eine neue oder eher alte Depression.

IIª-IIae q. 35 a. 4 ad 1

Ad primum ergo dicendum quod acedia, aggravando animum, impedit hominem ab illis operibus quae tristitiam causant. Sed tamen inducit animum ad aliqua agenda vel quae sunt tristitiae consona, sicut ad plorandum; vel etiam ad aliqua per quae tristitia evitatur.

c) I. Zum ersten Einwand muss man sagen, dass Acedia zwar die Seele beschwert und von jenen Taten abbringt, welche die Acedia bewirken. Aber dennoch führt sie den Geist dazu etwas zu tun, was mit der Trauer einhergeht, wie zum Beispiel das Weinen; oder sie bringt jemanden dazu andere Sachen zu tun, durch welche Traurigkeit gemieden wird.

Neuerdings schlüpfte wieder ein Ordensgeistlicher und Provinzial eines Ordens, in der Heimat des Schreibers dieser Zeilen, in die Opferrolle und gab, natürlich nach dem Gespräch mit seinem Therapeuten an, dass sein Alkoholismus und seine Hyperaktivität, fügen wir hinzu, des Ordensmannes, nicht des Therapeuten, aus der tief versteckten Depression kamen. Das ist nicht ganz verkehrt, aber wir fügen noch zu, dass die Depression aus der Acedia – Trägheit im Geistlichen resultierte. Er versuchte also die innere Leere, die beim fehlenden Gebetsleben sich irgendwann einmal einstellt, durch Aktivismus und Suff zu füllen. Und obwohl Acedia am Anfang stand, so stand sie auch am Ende dieses Weges.

IIª-IIae q. 35 a. 4 ad 2.

Ad secundum dicendum quod Gregorius convenienter assignat filias acediae. Quia enim, ut philosophus dicit, in VIII Ethic., nullus diu absque delectatione potest manere cum tristitia, necesse est quod ex tristitia aliquid dupliciter oriatur, uno modo, ut homo recedat a contristantibus; alio modo, ut ad alia transeat in quibus delectatur, sicut illi qui non possunt gaudere in spiritualibus delectationibus transferunt se ad corporales, secundum philosophum, in X Ethic. In fuga autem tristitiae talis processus attenditur quod primo homo fugit contristantia; secundo, etiam impugnat ea quae tristitiam ingerunt. Spiritualia autem bona, de quibus tristatur acedia, sunt et finis et id quod est ad finem. Fuga autem finis fit per desperationem. Fuga autem bonorum quae sunt ad finem, quantum ad ardua, quae subsunt consiliis, fit per pusillanimitatem; quantum autem ad ea quae pertinent ad communem iustitiam, fit per torporem circa praecepta. Impugnatio autem contristantium bonorum spiritualium quandoque quidem est contra homines qui ad bona spiritualia inducunt, et hoc est rancor; quandoque vero se extendit ad ipsa spiritualia bona, in quorum detestationem aliquis adducitur, et hoc proprie est malitia. Inquantum autem propter tristitiam a spiritualibus aliquis transfert se ad delectabilia exteriora, ponitur filia acediae evagatio circa illicita. Per quod patet responsio ad ea quae circa singulas filias obiiciebantur. Nam malitia non accipitur hic secundum quod est genus vitiorum, sed sicut dictum est. Rancor etiam non accipitur hic communiter pro odio, sed pro quadam indignatione, sicut dictum est. Et idem dicendum est de aliis.

Zum zweiten Einwand lässt sich sagen, dass Gregor [der Große] richtig die Töchter der Acedia aufzählt. Denn wie der Philosoph [Aristoteles] in (8 Ethic. 5.) schreibt: „Niemand kann lange ohne irgendeine Ergötzung in der Trauer bleiben,“ sodass aus der Trauer etwas zweifaches resultieren kann:

  1. in der Weise, dass der Mensch sich von dem entfernt, was Trauer verursacht;

2. in der Weise, dass zu etwas anderem übergeht, was erfreut.

Wie auch jene, die sich nicht an geistigen Ergötzungen (delectationes spirituales) erfreuen können, gehen zu körperlichen Ergötzungen (delectationes corporales) über, gemäß dem Philosophen [Aristoteles], der diesen Vorgang in seiner Ethica 10 beschreibt.  Im Fliehen vom Traurigen aber lässt sich folgendes Vorgehen beobachten; dass nämlich zuerst der Mensch vor dem, was Trauer erweckt, flieht; und dass er das bekämpft, was die Trauer herbeiführt. Geistige Güter (bona spiritualia) aber, welche die Acedia traurig stimmen, stellen sowohl den Zweck (finis) als auch das, was zum Zweck führt (id quod est ad finem) dar. Die Flucht vor dem Ziel/Zweck aber erfolgt durch Verzweiflung. Die Flucht jedoch vor den Gütern, die dem Ziel dienen, insofern es sich um ein harte [anspruchsvolle] Güter (bona ardua) handelt, welche in den [evangelischen] Räten bestehen, erfolgt durch Kleinmut (pusillanimitas); inwiefern aber die Güter das betreffen, was der gemeinsamen Gerechtigkeit dient, erfolgt diese Flucht durch die Trägheit hinsichtlich der Gebote (torpor circa praecepta).

Das Bekämpfen aber der geistlichen Güter, welche die Trauer erwecken, inwiefern es die Menschen betrifft, die uns zu den geistlichen Gütern führen, dieses Bekämpfen ist mit Groll (rancor) identisch. Inwiefern das Bekämpfen aber sich auf die geistlichen Güter selbst erstreckt, zu deren Abscheu (detestatio) jemand geführt wird, dann ist der Name dieses Verhaltens die Bosheit (malitia). Inwiefern jedoch jemand wegen der Traurigkeit über die geistlichen Güter sich zu den ergötzlichen Äußerlichkeiten (delectabilia exteriora) hingezogen fühlt, dann ist es richtig zu den Töchtern der Acedia das Herumschweifen im Unerlaubten (evagatio circa illicita) zu zählen. Aus dem Vorhergesagten erschließt sich die Antwort auf den Vorwurf hinsichtlich der einzelnen Töchter [der Acedia]. Denn die Bosheit (malitia) wird hier nicht als die Gattung der Laster betrachtet, aber so, wie sie dargestellt wurde. Groll (rancor) wird hier nicht gemeinerweise für Hass (odium) gehalten, aber, wie oben dargestellt, wird er als eine Kränkung betrachtet. Und so verhält es sich auch mit den anderen Töchtern.

„Diejenigen, die sich nicht an geistigen Ergötzungen (delectationes spirituales) erfreuen können, gehen zu körperlichen Ergötzungen (delectationes corporales) über“.

Ja, genauso ist es und deswegen lautet die Definition des Intellektuellen von Aldous Huxley wie folgt:

An intellectual is a person who’s found one thing that’s more interesting than sex.[6]

„Ein Intellektueller ist jemand, der etwas gefunden hat, was interessanter als Sex ist.“

Auf den Einwand:

„Da hat aber jemand noch keinen »guten Sex« [was immer das auch ist? Red.] gehabt“,

antworten wir:

„Da hat jemand aber nichts Interessanteres gefunden oder ist nicht in der Lage sich intellektuell für etwas zu interessieren“.

Manche bleiben ihr Leben lang auf der Stufe der sinnlichen Interessen und Ergötzungen (delectationes) stehen, weil sie primitiv sind und sie sind es deswegen, weil sie ihr Gehirn nicht durch Übung und Bildung verformen im Sinne von „bilden“ wollen. Das Letztere ist wirklich sehr anstrengend, was jeder weiß, der etwas Intellektuelles gelernt oder studiert hat. Es ist aber, was die Formung des Gehirns betrifft, sehr wirkungsvoll. Warum gibt es denn auch sinnliche aber gebildete Menschen? Weil sie auch intellektuell das Einfachere suchen und kein geistliches Leben pflegen, welches ebenfalls schwierig ist. Es ist dabei zu beachten, dass hl. Thomas von den „geistlichen Ergötzungen“ (delectationes spirituales) spricht, nicht von intellektuellen oder ästhetischen Ergötzungen. Einen schönen logischen Beweis zur Musik von Bach nachvollziehen können, ist zwar eine Ergötzung, aber keine geistliche Ergötzung.

Es bleibt hier zu wiederholen, dass Acedia keine Faulheit an sich ist, sondern Faulheit hinsichtlich der göttlichen Dinge oder Güter. Sie ist eine Traurigkeit (tristitia), die daher resultiert, weil man feststellt, dass man diese geistlichen Güter nicht besitzt oder nicht einmal weiß, was sie sind. Diese Traurigkeit wurde dem Schreiber dieser Zeilen seitens der Geistlichen mehr als einmal mitgeteilt:

„Du hast es gut. Ich habe so etwas nicht. Das ist bei Dir eine Gabe“.

Nein, es ist keine Gabe, sondern jahrelange Anstrengung und Training. Niemand hat auch die Gabe eines Waschbrettbauches, sondern höchstens eine bessere Veranlagung und der Waschbrettbauch erfordert viel Training. Sehr richtig stellt der Aquinate fest, dass man zuerst das Ziel (finis) also die Gegenwart Gottes meidet, denn das ist eigentlich das Gebet, ebenso wie das, was zu diesem Ziel führt (id quod est ad finem) und diese wären:

  • Gebet,
  • Buße,
  • Beichte,
  • Geistliche Lektüre,
  • Geistliche Gespräche,
  • Geistliche Menschen,
  • etc.

Kurz und gut: Man meidet alles, was jemanden daran erinnert, was er nicht ist oder hat.

Warum meidet man es? Weil es sich bei den geistlichen Gütern (bona spiritualia) um „harte/anspruchsvolle Güter“ (bona ardua) handelt, also um etwas, was wirklich hart zu erarbeiten ist. Geistliches Leben ist wirklich ein Leistungssport und nichts für Waschlappen beiderlei Geschlechts. Die evangelischen Räte:

(a) Gehorsam,

(b) Armut und

(c) Keuschheit

gehen ja gegen den Strich der gefallenen Natur, welche sich nach

(a) Macht,

(b) Reichtum und

(c) Sex sehnt.

Aber verlässt man die Letzteren, fleischlichen, theologisch begriffen, Begierden nicht, so kommt man niemals zum Geistlichen, denn mit einer „gepflegten Wampe“ bekommt man auch niemals ein Wachbrettbauch. Weil diese geistlichen Güter so hart buchstäblich umkämpft werden müssen, so kommt es bei den Meidenden zu:

  • Kleinmut (pusillanimitas) – „Das ist nichts für mich. Da muss man eine spezielle Gabe von Gott erhalten“.
  • Trägheit hinsichtlich der Gebote (torpor circa praecepta) – „Ich tue wirklich das Minimum für mein geistliches Leben oder noch weniger. Es reicht. Gott ist barmherzig!“

Aber leider ist es so, dass man nicht nur weint und trauert, weil man die geistlichen Güter nicht erlangt hat, sondern man bekämpft diese aufs Äußerste und die Menschen, die sie repräsentieren, ebenso. Daher der Hass gegen die „Fundamentalisten“, „rückwärtsgewandten Traditionalisten“ etc., weil sie uns zeigen, dass es doch geht. Und so kommt es zu:

  • Groll (rancor), denn man grollt den Frommen,
  • Bosheit (malitia), mit der man die geistlichen Güter selbst bekämpft.

Das Letztere ist wirklich interessant und dämonisch, da die Unfrommen nicht nur die Frommen, sondern wirklich Gott selbst hassen und alles, was mit ihm zu tun hat. Die höchste Form der Abscheu (detestatio) vom Heiligen ist die Besessenheit, da die Besessenen, beziehungsweise, die Dämonen, die sich ihrer Körper bedienen, den Kontakt mit etwas Heiligem (Kruzifix, Heiligenbildchen, Gebete etc.) nicht ertragen können.

Aber die Acedia führt auch zu:

  • ergötzlichen Äußerlichkeiten (delectabilia exteriora), da sehr viele Priester sich in äußerem, reichhaltigem Ästhetizismus verlieren (Goldbesteck, Barockmadonnen, reiche Gewänder etc.)
  • Herumschweifen im Unerlaubten (evagatio circa illicita), womit zuerst unerlaubte Gedanken, die sich noch in der Grauzone befinden, zu rechnen sind, dann kommen unerlaubte Taten, welche diese Zone schon verlassen und dann haben wir die Konkubinen, Konkubenten, Homosexualität, Pädophilie, Kriminalität und vieles, vieles mehr.[7]

IIª-IIae q. 35 a. 4 ad 3

Ad tertium dicendum quod etiam Cassianus, in libro de institutis Coenob., distinguit tristitiam ab acedia, sed convenientius Gregorius acediam tristitiam nominat. Quia sicut supra dictum est, tristitia non est vitium ab aliis distinctum secundum quod aliquis recedit a gravi et laborioso opere, vel secundum quascumque alias causas aliquis tristetur, sed solum secundum quod contristatur de bono divino. Quod pertinet ad rationem acediae, quae intantum convertit ad quietem indebitam inquantum aspernatur bonum divinum. Illa autem quae Isidorus ponit oriri ex tristitia et acedia reducuntur ad ea quae Gregorius ponit. Nam amaritudo, quam ponit Isidorus oriri ex tristitia, est quidam effectus rancoris. Otiositas autem et somnolentia reducuntur ad torporem circa praecepta, circa quae est aliquis otiosus, omnino ea praetermittens et somnolentus, ea negligenter implens. Omnia autem alia quinque quae ponit ex acedia oriri pertinent ad evagationem mentis circa illicita. Quae quidem secundum quod in ipsa arce mentis residet volentis importune ad diversa se diffundere, vocatur importunitas mentis; secundum autem quod pertinet ad cognitivam, dicitur curiositas; quantum autem ad locutionem, dicitur verbositas; quantum autem ad corpus in eodem loco non manens, dicitur inquietudo corporis, quando scilicet aliquis per inordinatos motus membrorum vagationem indicat mentis; quantum autem ad diversa loca, dicitur instabilitas. Vel potest accipi instabilitas secundum mutabilitatem propositi.

Zum dritten Einwand lässt sich sagen, dass auch Kassian, in seinem Liber des institutis coenob.,  die Acedia von der Trauer unterscheidet, aber dennoch Gregor [der Große] viel treffender Acedia eine gewisse Trauer nennt. Denn wie oben gesagt wurde, ist die Trauer [der Acedia] nicht ein Laster, welches sich von den anderen darin unterscheidet, dass es vor einem schweren und anstrengenden Werk zurückschreckt oder weil sie aufgrund irgendwelcher Gründe traurig gestimmt wird, sondern sie unterscheidet sich darin, dass die Acedia einzig und allein durch das göttliche Gut (bonum divinum) traurig gestimmt wird. Das ist es, was die Acedia ausmacht, dass sie insofern zu der ungebührlichen Ruhe (quietas indebita) sich hinwendet, inwiefern sie das göttliche Gut verachtet. Sie ist es, welche Isidor [von Sevilla] unter die Dinge zählt, welche aus der Traurigkeit herrühren und die Acedia wird darauf [i.e. auf die Traurigkeit] reduziert, wie Gregor angibt. Denn die Bitterkeit (amaritudo), welche Isidor zu den Verhaltensweisen zählt, die aus Traurigkeit herrührt, ist eine gewisse Wirkung des Grolls (rancor). Die Nichtstuerei (otiositas) und Schläfrigkeit (somnolentia) können auf die Trägheit in der Erfüllung der Gebote (torpor circa praecepta) zurückgeführt werden, ihretwegen ist jemand müßig (otiosus), dadurch, dass er ihr [Acedia] alles zubilligt ist er schläfrig (somnolentus), indem er sie nachlässig erfüllt. Alle anderen fünf Dinge, die nach Isidor von der geistigen Trägheit herkommen, beziehen sich auf das Herumschweifen des Geistes im Unerlaubten (evagatio mentis circa illicita).

Das aber in den Tiefen des Geistes sich einfindet, das kann unzugänglich dem Willen sich auf Verschiedenes ergießen, dies wird die Unentschlossenheit des Geistes (importunitas mentis) genannt; [hat sich die Acedia] im Bereich der Erkenntnis [eingenistet], so nennt man sie Neugierde (curiositas); inwiefern sie die Rede betrifft, nennt man sie Geschwätzigkeit (verbositas); inwiefern sie den Körper betrifft, der nicht an einem Ort verbleiben kann, nennt man sie Unruhe des Körpers (inquietudo corporis), da jemand durch die ungeregelte Bewegung der Glieder das Herumschweifen seines Geistes (vagatio mentis) anzeigt; inwiefern diese Verhalten verschieden Orte betrifft, nennt man es Unbeständigkeit (instabilitas) oder man kann die Unbeständigkeit annehmen wegen des Wechselhaftigkeit der Ansichten (mutabilitas propositi).

Wie richtigerweise der hl. Thomas sagt, können sich zwar die von der Acedia befallenen Menschen über vieles freuen und vieles tun, nur das Geistliche stimmt sie traurig und lähmt sie. Der Schreiber dieser Zeilen konnte oft die Reaktion beobachten, dass Menschen, die noch vorher für etwas Feuer und Flammen waren, als das Gespräch aufs Gebet oder geistliche Dinge kam auf einmal wie gelähmt wurden. Die ganze Energie verließ sie und sie wurden von einer starken Benommenheit befallen. Denn Acedia ist die ungebührliche Ruhe (quietas indebita) im Sinne eines Sich-Ausruhens, wo es nicht angebracht ist und zwar nur hinsichtlich der geistigen Dinge. So wird in manchen Gemeinden alles Mögliche veranstaltet außer Eucharistischer Anbetung, Rosenkranz oder Kreuzweg. Dazu finden sich keine Freiwilligen und der Pfarrer ist auch desinteressiert.

Die weiteren Töchter der Acedia, welche hier der Aquinate mit der Aufzählung des Isidors von Sevilla abgleicht, sind:

  • Bitterkeit (amaritudo), schauen Sie, wie oft sie verbitterte Geistliche finden,
  • Nichtstuerei (otiositas), manche exzellieren in ihr geradezu,
  • Schläfrigkeit (somnolentia), ja, irgendwie muss man sich die Zeit auch vertreiben,
  • Trägheit in der Erfüllung der Gebote (torpor circa praecepta), womit natürlich die Gebote des geistigen Lebens gemeint sind.

Aber die Acedia, kann sich, wie Krebs, in verschiedenen Vermögen der Seele einnisten und verschiedene Metastasen bilden. Wie zum Beispiel:

  • Unentschlossenheit des Geistes (importunitas mentis), wenn sie den Willen befällt, man weiß nicht, ob das eine oder das andere richtig ist. Der Schreiber dieser Zeilen kann an dieser Stelle das Zeugnis ablegen, dass seit er die vorkonziliaren Breviere betet, er viel sicherer in all seinen Entscheidungen ist, was er früher in dieser Art und Weise nicht war. Ebenso schreibt er viel schneller, da das Wissen auf einmal an die richtigen Stellen „springt“.
  • Neugierde (curiositas) entsteht dann, wenn die Acedia das Denken befällt. Dabei ist wirklich ein unnützes Wissen gemeint, denn irgendwann muss man auch „Halt“ sagen können. Manche Priester oder Theologieprofessoren haben dermaßen viele intellektuelle Steckenpferde, welche natürlich nichts mit Theologie und geistlichem Leben zu tun haben, dass der Schreiber dieser Zeilen wirklich bezweifelt, ob sie überhaupt schlafen oder dieses Wissen sich wirklich auf einem natürlichen Wegen aneignen konnten. Es ist wirklich alles und nichts, eine Unmenge an Fakten, die genauso beeindruckend wie einschüchternd ist. Da sie intelligent sind, so suchen sie ihren Wissensdurst zu stillen, da sie ungläubig sind, haben sie kein Maß und keine Orientierung. Und so entsteht die Polymathia, ein enzyklopädisches Vielwissen, welches leider steril ist.
  • Geschwätzigkeit (verbositas), ist diejenige die Acedia, welche das Sprachvermögen befällt, denn das durch Curiositats angesammelte Wissen muss ja raus.
  • Unruhe des Körpers (inquietudo corporis), welche in dem permanenten Reisen oder Herumgehen sichtbar wird, da man ohne innere Orientierung sich buchstäblich keinen Platz oder Ort finden kann,
  • Herumschweifen des Geistes (vagatio mentis) wird ja durch die Unruhe des Körpers (inquietudo corporis) angezeigt, denn man hofft von den äußeren Impulsen zu zehren, anstatt die inneren zu suchen,
  • Unbeständigkeit (instabilitas) im lokalen und geistlichen Sinne ist die Folge, welche das Gegenteil der benediktinischen Beständigkeit (stabilitas) bildet,
  • Wechselhaftigkeit der Ansichten (mutabilitas propositi) oder wörtlich „des Vorgelegten“ ist dann die letzte Folge, wobei wir in der Gegenwart des nachkonziliaren Sowohl-als-Auch, Wenn-aber-jedoch-pastorale-Gründe-dafür-sprechen, was das Ende jeder Logik und somit jeder Verkündigung ist, siehe unsere Bischofsperlen.

Die Töchter (filiae) der Acedia

Auch auf die Gefahr hin uns zu wiederholen, so wollen wir an dieser Stellen nochmals die Töchter (filiae) der Acedia zusammenstellen, um in unserer eigenen Gewissenserforschung zu beobachten, ob und inwiefern wir selbst davon befallen sind. Zwar wird jeder von uns versucht sein zu einer jeden Tochter ein Bild unserer Bekannten beizufügen, aber man ist hauptsächlich für sich selbst verantwortlich, es sei denn man ist Oberer oder Bischof, dann hat man das Nachsehen, da man auch für andere verantwortlich ist.

Die Töchter der Acedia sind nach Gregor dem Großen (Summ. Theol. IIª-IIae q. 35 a. 4 arg. 2) die folgenden:

  1. Bosheit (malitia)
  2. Groll (rancor)
  3. Kleinmütigkeit (pusillanimitas)
  4. Verzweiflung (desperatio)
  5. Trägheit hinsichtlich der Gebote also Unterlassung der Pflichtleistungen (torpor circa praecepta)
  6. Herumschweifen des Geistes im Unerlaubten (vagatio mentis circa illicita)

Ad 1. Bosheit (malitia)

Das lateinische Wort malitia bedeutet tatsächlich „Bosheit“, „Boshaftigkeit“, aber auch „Arglist“, „Tücke“, „Schelmerei“. Aber es bedeutet auch die spitze Zunge, den Sarkasmus, Ironie, das extrem antiklerikale Gerede vieler Kleriker. Es bedeutet auch Zynismus, welcher mit Kleinreden und Schlechtreden von Gutem verbunden ist. Es gibt eine Art intellektuellen Witz, welcher zwar recht geistreich aber auch sehr verletzend sein kann. Sehr viele Geistliche exzellieren darin. Hauptsächlich auf den Universitäten und in den Ordinariaten.

Ad 2. Groll (rancor)

Ja, ja der Groll aufgrund der Nichtbeförderung, des Nichtaufstiegs, der „Strukturen“, der „Kirche“ etc. Manchmal sehr innerlich und dennoch alles zersetzend. Sicherlich wird es immer vorkommen, dass uns andere ungerecht behandeln und es mit voller Absicht tun uns zu verletzen oder wirklich fertig zu machen. Aber man soll stolz sein, dass man etwas zu leiden hat und dieses Leiden, denn es ist wirklich Leiden, Gott aufopfern. So wird der Teufel, der dahinter steckt besiegt und wir werden geheiligt. Also eigentlich je mehr, desto besser. Erfahrungsgemäß hören diese Handlungen dann auf, wenn man anfängt sie als die Mittel der eigenen Heiligung zu betrachten. Warum? Weil sich der Teufel entdeckt sieht und seine Strategie ändert.

Ad 3. Kleinmütigkeit (pusillanimitas)

Ja, ja, das ewig weinerliche, klerikale Herumjammern. Es geht nicht, man, d.h. „ich“, kann nicht, denn das Konzil, die Kirche, die Säkularisierung, diese Leute etc. Man gibt auf und wirft die Flinte ins Korn und der Teufel freut sich.

Ad 4. Verzweiflung (desperatio)

Wir haben bereits darüber geschrieben. Alles verloren, der Antichrist steht vor der Tür, wie der Russe damals und er klopft an. Der Untergang ist nahe, das eigene Leben sinnlos verplempert. Diese Grundhaltung ist leider recht oft bei den Gläubigen und Priestern der Piusbruderschaft anzutreffen, was leider dafür spricht, dass das kanonisch Irreguläre das Spirituelle zum Nachteil beeinflusst.

Ad 5. Trägheit hinsichtlich der Gebote also Unterlassung der Pflichtleistungen (torpor circa praecepta)

Ja, man sollte doch so Vieles, aber man tut es nicht. Denn, keine Lust es nützt alles nichts. Keine Beachtung der Rubriken, der Verpflichtungen des Klerikerstandes oder des Ordensstandes und wenn es niemand sieht, dann ist es ja erst recht egal.

Ad 6. Herumschweifen des Geistes im Unerlaubten (vagatio mentis circa illicita)

Die Gedanken, welche nicht um Gott kreisen, müssen einen anderen Interessensschwerpunkt finden. Dies sind meistens die Frauen, das eigene Wohlergehen, das sich Einrichten, das Erwecken eines guten Eindrucks. Zuerst schweifen die Gedanken, dann folgen die Taten. Immer dieselben.

Sollte jemand von uns die Punkte (1) bis (6) bei sich entdecken, so bedeutet es, dass er einfach zu wenig betet. Dann wird es besser und zwar von selbst.

Aber lesen wir die Punkte vom Isidor von Sevillia (Summ. Theol. IIª-IIae q. 35 a. 4 arg. 3), den der hl. Thomas anführt, welche wir bereits oben kommentiert haben. Die Töchter der Acedia sind:

  1. Nichtstuerei (otiositas),
  2. Schläfrigkeit (somnolentia)
  3. Unbeständigkeit des Geistes (importunitas mentis)
  4. Unruhe des Körpers (inquietudo corporis),
  5. Geschwätzigkeit (verbositas)
  6. Neugierde (curiositas)
  7. Unentschlossenheit des Geistes (instabilitas)

Noch Fragen? Während aber die Punkte (1) und (2) von Isidor tatsächlich ein Nichtstun darstellen, zeigen die übrigen durchaus eine Aktivität, welche daher resultiert, dass man die eigentliche geistliche Arbeit, denn es ist schon Arbeit und Mühe, was wenigstens die wenigen Bußpsalmen-Beter bestätigen können, nicht verrichtet. Die Punkte oder die Töchter (3) bis (7) sind einerseits die geistlichen faking moves, von welchen schon die Rede war,[8] andererseits scheint es sich dabei um ein Überschäumen der Lebensenergie zu handeln, welche falsch eingesetzt wird. Denn betet man laut 50 Psalmen an einem Tag, was durchaus an einem Sonntag mit dem Officium vom Sonntag beim Tridentinischen Brevier der Fall ist, von den vielen, langen geistlichen Lesungen ganz zu schweigen, so hat man wirklich keine intellektuelle Neugierde (curiositas) mehr, denn man ist wirklich ausgelastet.  Der Schreiber dieser Zeilen war immer wieder erstaunt, welche hobbystische Steckenpferde doch viele Geistlichen reiten und fragte sich, wie sie intellektuell aufnahmefähig dafür bleiben. Die Antwort ist einfach: „Weil sie sonst nichts tun!“ Die geistige Trägheit trägt ihre Früchte.

Zusammenfassen lässt sich zu unserer Reihe über die Acedia sagen, dass diese Fehlhaltungen und Sünden nicht nur kirchenrechtlich definierte Geistliche betreffen, die wir kirchensteuerrechtlich finanzieren, sondern wirklich alle Menschen, auch Laien, welche ein geistliches Leben pflegen oder anstreben.Bei den Geistlichen kommt die Acedia, was die Wüstenväter schon wußten, einfach deswegen öfters vor, weil die allermeisten Laien überhaupt kein geistliches Leben pflegen und was man nicht pflegt, kann man nicht meiden. Oder haben Sie als ein Nicht-Golfer technische Probleme beim Putten? Nein, weil Sie kein Golf spielen. Es bleibt wirklich festzuhalten, dass Geistliche beruflich und professionel fromm zu sein haben. Das ist ihre Standespflicht und Frömmigkeit kommt vom Gebet. Dennoch beten muss jeder nur in einem verschiedenen Zeitmaß. Ein Laie kann sich immer damit entschuldigen, dass er es nicht muss, aber er muss es doch und wenn er, so hoffen wir, wenigstens im Fegefeuer landet, dann wird er realisieren können, was er alles aus Faulheit verwirkt hat. Denn all das, was wir jetzt wichtig nehmen: Karriere, Familie, Geld, Politik etc. hat bei Gott und im Himmel überhaupt keine Bedeutung. All diese Dinge sollen, wie Fitnessgeräte, uns lediglich dazu dienen diejenige Heiligkeit bei uns herauszuarbeiten, die Gott von uns fordert, denn das Maß bestimmt Gott allein. Da nicht einmal unsere Bischöfe oder Priester ein geistliches Leben führen und sich geistige Ziele setzen, so wird es nirgends verkündet, denn man müsste mit der Frage rechnen: „Und wie ist es bei Ihnen?“ Daher gehen ja leider so viele Seelen in die Hölle oder sie landen für lange Zeit im schweren Fegefeuer, weil sie ja nicht das angesammelt haben, was wirklich bei Gott zählt. In der Stunde des persönlichen Gerichts wird all das Unnütze wie Stroh verbrennen und es bleiben nur die Edelmetalle, falls vorhanden, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, samt der Tugenden. Da Gott ein „verzehrendes Feuer“ (Hebr 12,29) ist, so wird nur bei ihm das Bestand haben, was wenigstens metallisch mit einem hohen Siedepunkt ist, denn die Edelmetalle haben einen höheren Siedepunkt als die unedlen Metalle.  Und so muss man auch die folgende Paulusstelle lesen (1 Kor 3, 12-15), welche in der kirchlichen Tradition als ein Bild des Fegefeuers und des Gerichts nach dem Tode gelesen wurde:

Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch. (1 Kor 3, 12-15)

Aber das Gute ist, dass man seine Heiligung nicht alleine vollbringen muss, sondern durch die Mitarbeit mit Gott und seiner Gnade, welcher wir durch das Gebet und die Sakramente teilhaftig werden. Aber beten kann man immer, zu den Sakramenten, falls sie stattfinden, muss man hingehen. Und deswegen die Wichtigkeit des Gebets. Wenn wir qualitativ, also mit den vorkonziliaren Brevieren, am besten mit dem Tridentinischen Brevier, beten, so werden wir quasi erleuchtet und bestärkt, sodass wir Vieles wirklich im göttlichen Licht sehen und verstehen können. Wir bekommen auch die Kraft es zu vollbringen. Aber das liturgische Gebet des Offiziums ist nicht nur persönliche Heiligung, sondern eine Leistung, welche man für die Kirche und durch diese für die Welt darbringt. Denn dies ist er eigentliche Sinn des Breviergebetes, dass die betenden Stände der Kirche die Gnade Gottes auf die Welt herabrufen. Dass sie es mit dem neuen Brevier seit 1970 kaum tun, ist offensichtlich, sonst wären die Kirche und die Geistlichkeit in einer besseren Verfassung. Sollten uns hier Priester und Ordensleute lesen, so hilft ihnen ein Umdenken:

  1. Das Gebet, vor allem das lateinische und vorkonziliare, wirkt wirklich,
  2. Ich bringe es für die Kirche und die Welt dar, denn jemand muss ja.

Die Wirkung an sich selbst wird man nach und nach erleben, die Wirkungen unserer Gebete für die Kirche, werden wir spätestens in unserer Todesstunde sehen, vielleicht auch zu Lebzeiten. Und damit uns bei unserem Vorhaben die Acedia nicht stört, daher veröffentlichten wir diese Reihe.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/01/01/acedia-oder-zu-faul-uber-die-geistige-tragheit-4-acedia-als-laster-was-ist-ein-laster/

[2] http://www.zahn-zahnarzt-berlin.de/zahnschmerzen/zahnentzuendung/

[3] Siehe https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/12/22/verpflichtung-zur-vervollkommnung-oder-perfektionismus-ist-etwas-gutes/

[4] Hier einzusehen: http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel551-4.htm

[5] http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?title=Causa%20finalis&tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=181&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=55e7205bdeef50e49dcd4938ede98258

[6] http://www.brainyquote.com/quotes/quotes/a/aldoushuxl161879.html

[7] Ein Beispiel dieses Niedergangs findet sich hier: http://www.katholisches.info/2015/10/09/schweigen-foerdert-die-homohaeresie-neuer-homo-skandal-in-rom/

[8] https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/12/29/acedia-oder-zu-faul-uber-die-geistige-tragheit-2/

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Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (8). Acedia ist eine Todsünde (von der Gattung her)


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Die Reihe über die Acedia ist recht arbeitsaufwendig und daher man darf der Acedia nicht verfallen sein. Die Redaktion freut sich über die jede Herausforderung und arbeitet der geistlichen und jeglicher Trägheit entgegen. Wie jemand treffend sagte „sogar über die Langeweile muss man interessant schreiben“ und bei der Acedia sehr fleißig sein. Hier also ein weiterer Abschnitt.

Acedia als eine schwere Sünde.

Nachdem wir geklärt haben, was eine schwere Sünde überhaupt ist, wollen wir dazu übergehen die Quaestio nach Thomas von Aquin zu erläutern, ob Acedia eine schwere Sünde sei. Obwohl wir uns bisher einer fertigen Übersetzung bedient haben, so ist leider zu sagen, dass die Bibliothek der Kirchenväter (BKV) doch nicht so fehlerlos ist, wie man annehmen könnte. Denn von der teilweise gewöhnungsbedürftigen Thomas-Übersetzung abgesehen, sind manche Teile der Summe überhaupt nicht übersetzt worden. Ob das am Übersetzer oder am „Eintipper“ liegt, sei dahingestellt, aber gerade bei der nächsten Quaestio liegen dermaßen große Mängel vor, dass wir sie fast gänzlich neu übersetzen müssen. Tja, entweder man macht alles selbst oder es macht keiner. Wir sparen uns den direkten Vergleich mit der BKV, wer möchte, kann die vorhandene Übersetzung oder eher Teilübersetzung dort einsehen.[1] Wir behalten den lateinischen Text bei, denn für alle die auch nur schwach Latein können, ist der hl. Thomas in der Originalsprache viel einfacher zu lesen als in jeder Übersetzung, weil fast jedes Wort ein Fachtermin ist.

Dritter Artikel. Die geistige Trauer ist eine schwere Sünde.

IIª-IIae q. 35 a. 3 arg. 1

Ad tertium sic proceditur. Videtur quod acedia non sit peccatum mortale. Omne enim peccatum mortale contrariatur praecepto legis Dei. Sed acedia nulli praecepto contrariari videtur, ut patet discurrenti per singula praecepta Decalogi. Ergo acedia non est peccatum mortale.

Zum dritten (Artikel der Quaestio) ist Folgendes zu sagen. Es scheint, dass Acedia keine Todsünde sei. Jede Todsünde nämlich widersetzt sich dem Gebot des göttlichen Gesetzes (lex divina). Aber Acedia scheint sich keinem Gebot zu widersetzen, was man daraus ersehen kann, wenn man alle Gebote des Dekalogs einzeln durchstreift. Also ist die Acedia keine Todsünde.

Dieser erste Einwand ist ganz rechtspositivistisch aufgehängt. Dies bedeutet z. B. im Strafrecht: „Keine Definition des Verbrechens“ – „Kein Verbrechen“ ganz einfach für Nichtjuristen ausgedrückt. In der Juristensprache spricht man von „Tatbestandsmäßigkeit“, also etwas ist dann eine Straftat, wenn es nach dem und dem Paragraphen des Strafgesetzbuches definiert wurde. Denn „Tatbestandsmäßigkeit setzt voraus, dass der Täter die Merkmale eines gesetzlichen Tatbestandes erfüllt hat,“[2] sagt man. Das göttliche Recht ist aber auch ein positives Recht und auch ein Gesetz. Dies bedeutet, dass es vorgelegt (von pono, ponere, positus – „legen“) wurde und zwar durch Moses am Berge Sinai und durch Jesus Christus. Um das katholische Rechtsverständnis hier ganz kurz darzustellen, so muss man wissen, dass es zuerst das:

  1. Ius divinum, dass es göttliche Gesetz im Sinne einer lex aeterna, eines ewigen Rechtsbeschlusses gibt. Dieses ist schlicht und einfach der göttliche Wille. In dieses Recht ist
  2. das natürliche Recht (ius naturalis) verankert, also dieses Recht, welches der Natur eines jeden Wesens zukommt. Wie alle anderen Entitäten ihre eigene Natur (natura) haben (Neutronen, Sterne, Pantoffeltierchen), nach der sie sich richten, so haben auch die Menschen ihre Natur, welcher manche Handlungen zuträglich, z. B. Schutz des Eigentums, andere wiederum abträglich (Mord, Ehebruch) sind. Natur bedeutet also nicht unter den Vögeln, Affen, Walen ist es auch so, z.B. es gibt dort Homosexualität, denn unter Tieren gibt es auch Kanibalismus oder das Verstoßen von Jungtieren, sondern „Natur“ (natura) im katholischen Sinne, der hier dem philosophischen Verständnis es Altertums folgt, bedeutet, dass es einen normativen Standard (tautologisch formuliert, aber doppelt hält besser) dafür gibt, was der Mensch an sich ist und wie er sich zu verhalten hat. Diese Norm ist letztendlich im Intellekt Gottes verankert und er hat sie in der Schöpfungsordnung verankert.
  3. Das positive Recht (ius positivum) ist schließlich das Recht, welches Gott als der Gesetzgeber den Menschen zuerst durch Moses und dann durch Christus geoffenbart hat.

Inwiefern (3) das positive Recht, in (2) dem natürlichen Recht (ius naturalis) und dieses in (1) göttlichem Recht (ius divinum) verankert ist, insofern ist es moralisch und verbindlich. Fällt diese Verankerung von (3) in (2) und (1) weg, wie wir es seit der Aufklärung im Rechtpositivismus haben, wo keine Verankerung des verabschiedeten Gesetzes (lex) im ius naturale oder ius divinum gefordert wird, so herrscht ein reiner Rechtspositivismus. Denn als die oberste Rechtsnorm wird nicht der göttliche Wille oder das göttliche Gesetz, sondern der Gesellschaftsvertrag, also die Konvention gesehen. So kann man es sehr vereinfacht und verkürzt, aber dennoch richtig, darstellen. Nach dem Rechtsdenken der Neuzeit wird also nur die Legalität aber keine Moral einer Tat beachtet, sodass man zwangsläufig sagen kann: „Es ist zwar legal, aber es ist unmoralisch.“ Praktisch bedeutet dies, dass jedes, auch so abnormes verabschiedetes Gesetz nicht nur Geltung hat, sondern auch noch als moralisch oder wenigstens nicht als unmoralisch zu gelten hat. Gleich, was es ist: Abtreibung, Vergasung von Juden, Arbeitslager, Abschlagen von Gliedmaßen. Zwar gilt in den demokratischen Staaten die Verfassung als die oberste Rechtsnorm (ius), aber diese kann entweder mit der geforderten Stimmmehrheit geändert oder durch eine Diktatur außer Kraft gesetzt werden. Soviel ganz kurz zu Rechtspositivismus.

Wie bereits am Anfang bemerkt, ist der erste Einwand rechtspositivistisch. Wir sprachen bei unserer Bestimmung einer schweren Sünde von ihrem ersten Merkmal der gravitas materiae, also von der Schwere der Materie, welche dann eintritt, wen eine Handlung direkt in der Heiligen Schrift oder in der Lehre der Kirche als schwer definiert wurde, wobei immer dabei zu bedenken ist, dass die Kirche nichts als schwere Materie definieren kann, was nicht wenigstens implicite in der Schrift und der Tradition als solches bestimmt wurde. So heißt es im fünften Gebot: Du sollst nicht töten! Aber gilt das für das Töten von Geflügel zu Ernährungszwecken, von Kindern, geboren oder ungeboren, von Menschen, im Krieg, in Notwehr etc. Dazu braucht man also das Lehramt und die Moraltheologie. Nichtsdestotrotz gibt es doch tatsächlich kein göttliches Gebot gegen das man verstößt, indem man sich der geistigen Trägheit, also der Acedia hingibt.

IIª-IIae q. 35 a. 3 arg. 2

Praeterea, peccatum operis in eodem genere non est minus quam peccatum cordis. Sed recedere opere ab aliquo spirituali bono in Deum ducente non est peccatum mortale, alioquin mortaliter peccaret quicumque consilia non observaret. Ergo recedere corde per tristitiam ab huiusmodi spiritualibus operibus non est peccatum mortale. Non ergo acedia est peccatum mortale.

Außerdem ist in jeder Gattung die Sünde der Tat (peccatum operis) nicht geringer als die Sünde des Herzens (peccatum cordis). Aber mit einer Tat von einem geistlichen Gut (bonum spirituale), welches zu Gott führt zurückzuweichen, ist keine Sünde, denn wäre es so, so würde jemand eine Todsünde begehen, wer auch immer die [evangelisch] Räte nicht befolgt. Also ist im Herzen durch die Traurigkeit von dieser Art der geistlichen Güter [d.h. von den evangelischen Räten] zurückzuweichen, ist keine Todsünde. So ist also die Acedia keine Todsünde.

Der hl. Thomas will damit sagen, dass die Acedia höchstens eine Unterlassungs- und keine Tatsünde ist. Denn durch die Acedia geschieht ja gerade keine Tat. Vieles ist lobenswert, wie bspw. Die evangelischen Räte zu befolgen, wenn man sie aber nicht befolgt, begeht man keine Todsünde.

IIª-IIae q. 35 a. 3 arg. 3

Praeterea, nullum peccatum mortale in viris perfectis invenitur. Sed acedia invenitur in viris perfectis, dicit enim Cassianus, in Lib. X de institutis coenobiorum, quod acedia est solitariis magis experta, et in eremo commorantibus infestior hostis ac frequens. Ergo acedia non est peccatum mortale.

Ferner ist keine Todsünde in den vollkommenen Männern zu finden. Aber Acedia lässt sich in den vollkommenen Männern finden, denn Cassianus sagt nämlich, in seinem Buch X. de institutis coenobiorum, dass Acedia unter den Einsiedlern sehr oft erfahren wird und auch bei denen, die in einer Mönchsiedlung (eremus) leben ist sie ein lästiger und häufiger Feind. Also ist die Acedia keine Todsünde.

IIª-IIae q. 35 a. 3 s. c.

Sed contra est quod dicitur II ad Cor. VII, tristitia saeculi mortem operatur. Sed huiusmodi est acedia, non enim est tristitia secundum Deum, quae contra tristitiam saeculi dividitur, quae mortem operatur. Ergo est peccatum mortale.

Aber dagegen gilt, was im 2 Kor VII gesagt wurde: “Die Traurigkeit (tristitia saeculi) dieser Welt wirkt den Tod“. Dieser Art aber ist Acedia. Sie ist nämlich nicht die gottgemäße Trauer, welche sich von der Trauer dieser Welt unterscheidet, welche den Tod wirkt. Acedia ist also eine Todsünde.

Da Acedia eine Unterart der Trauer ist und zwar einer Trauer, welche weltlich ist, da sie sich gegen das göttliche Gut (bonum divinum) richtet, welches schwer zu erreichen ist, so gehört sie zur Gattung der todbringenden Trauer oder Traurigkeit dieser Welt (tristitia saeculi) an, welche den Tod wirkt und daher eine Todsünde ist.

IIª-IIae q. 35 a. 3 co.

Respondeo dicendum quod, sicut supra dictum est, peccatum mortale dicitur quod tollit spiritualem vitam, quae est per caritatem, secundum quam Deus nos inhabitat, unde illud peccatum ex suo genere est mortale quod de se, secundum propriam rationem, contrariatur caritati. Huiusmodi autem est acedia. Nam proprius effectus caritatis est gaudium de Deo, ut supra dictum est, acedia autem est tristitia de bono spirituali inquantum est bonum divinum. Unde secundum suum genus acedia est peccatum mortale. Sed considerandum est in omnibus peccatis quae sunt secundum suum genus mortalia quod non sunt mortalia nisi quando suam perfectionem consequuntur. Est autem consummatio peccati in consensu rationis, loquimur enim nunc de peccato humano, quod in actu humano consistit, cuius principium est ratio. Unde si sit inchoatio peccati in sola sensualitate, et non pertingat usque ad consensum rationis, propter imperfectionem actus est peccatum veniale. Sicut in genere adulterii concupiscentia quae consistit in sola sensualitate est peccatum veniale; si tamen pervenitur usque ad consensum rationis, est peccatum mortale. Ita etiam et motus acediae in sola sensualitate quandoque est, propter repugnantiam carnis ad spiritum, et tunc est peccatum veniale. Quandoque vero pertingit usque ad rationem, quae consentit in fugam et horrorem et detestationem boni divini, carne omnino contra spiritum praevalente. Et tunc manifestum est quod acedia est peccatum mortale.

Ich antworte, dass man hierzu sagen muss, dass wie schon oben angeführt wurde, dass das eine Todsünde genannt wird, was das geistliche Leben zerstört, welches durch Liebe (caritas) bewirkt wird, durch welche Gott uns einwohnt. Daher ist die Sünde der Acedia von seiner Gattung her eine Todsünde, da sie an sich, ihrer eigenen Ordnung nach (secundum propriam rationem) sich der Liebe entgegensetzt. Denn Acedia gehört dieser Gattung der Sünden an. Denn die eigene Wirkung der Liebe ist eine Freude an Gott, wie oben gesagt wurde, Acedia aber ist eine Traurigkeit über ein geistliches Gut (tristitia de bono spirituali) insofern es ein göttliches Gut (bonum divinum) ist. Daher ist Acedia ihrer Gattung nach eine Todsünde. Dennoch ist aber zu überlegen, dass unter allen Todsünden, die ihrer Gattung nach Todsünden sind, nur diejenigen Todsünden sind, wenn sie ihre ganze Anlage entfalten (suam perfectionem consequuntur). Die Vollendung/Vollbringung (consummatio) der Sünde findet in der Zustimmung des Verstandes (consensus rationis) statt, wir sprechen nämlich dann von der menschlichen Sünde (peccatum humanum), wenn sie im actus humanus besteht, dessen Anfang die Vernunft ist. Und daher, wenn die Sünde allein in der Sinnlichkeit (sensualitate) verbleibt aber nicht bis zur Zustimmung des Verstandes emporsteigt, ist es wegen ihrer Unvollendung (imperfectio) nur eine lässliche Sünde. So wie in der Sündengattung des Ehebruchs ist die Begierde (concupiscentia), welche nur in der Sinnlichkeit besteht nur eine lässliche Sünde; wenn sie aber bis zur Zustimmung des Verstandes gelangt, ist sie eine Todsünde. So verhält es sich auch mit dem Antrieb der Acedia, wenn er nur in der Sinnlichkeit sich befindet, aufgrund des Widerstandes des Fleisches gegen den Geist, ist es eine lässliche Sünde. Wenn er aber bis zum Verstand hinabsteigt, welcher zustimmt vor dem göttlichen Gut (bonum divinum) zu fliehen, es zu scheuen und es zu verachten, indem das Fleisch gänzlich gegen den Geist triumphiert. Und eine derartig offenbarte Acedia ist eine Todsünde.

Also alles, was das geistliche Leben zerstört ist von der Sache her eine Todsünde. Warum? Weil das geistliche Leben, also die Einwohnung Gottes in uns durch seine Liebe (caritas) das Wertvollste auf Erden ist, was wir haben, wodurch wir uns von den Tieren unterscheiden und wodurch wir, je nach dem Entwicklungsstand unseres geistlichen Lebens und einen Platz im Fegefeuer oder später im Himmel sichern. Denn für die Ewigkeit wird hier auf Erden gearbeitet. Wenn das keine Motivation ist, was dann? Das lateinische ratio ist ein wenig schwer in anderen Sprachen wiederzugeben. Man kann es am besten mit „innerer Logik“ übersetzen. Acedia setzt sich also ihrer inneren Logik oder ihrem Wesen nach (ratio) der Liebe entgegen, daher ist sie schwerwiegend. Da sie die Freude am Gott, an den göttlichen Dingen oder am göttlichen Gut wegnimmt, so ist sie von der Gattung her eine Todsünde. Aber in Einzelnen muss sie keine Todsünde sein, wenn man in der Ausübung der Acedia nicht ihr ganzes Zerstörungspotential (consumatio) entfaltet. Dieses findet statt, wenn ein menschlicher Akt – ein actus humanus stattfindet, also wenn eine Tat bei vollem Bewusstsein und bei voller Willenszustimmung erfolgt. Erst dann kann man von einer schweren Sünde, wie bereits dargestellt, reden. Denn bei einer schweren Sünde muss die Schwere der Materie, volles Bewusstsein und volle Zustimmung stattfinden.[3] Was aber hier der hl. Thomas von Aquin klar macht, bei Acedia ist auch die Schwere der Materie vorhanden, obwohl es nicht so positivistisch wie beispielsweise beim Sechsten Gebot dargelegt wird. Dennoch zieht er hier die Parallele mit Ehebruch, wo die Schwere der Materie klar ist.

IIª-IIae q. 35 a. 3 ad 1

Ad primum ergo dicendum quod acedia contrariatur praecepto de sanctificatione sabbati, in quo, secundum quod est praeceptum morale, praecipitur quies mentis in Deo, cui contrariatur tristitia mentis de bono divino.

Zum Ersten lässt sich sagen, dass die Acedia dem Gebot der Sabbatheiligung widerspricht, in welchem, da es ein Gebot hinsichtlich der Moral ist, die Ruhe des Geistes in Gott angeordnet wird. Diesem Gebot steht die Traurigkeit des Geistes über das göttliche Gut entgegen.

Also Acedia ist doch positivistisch aufgehängt, denn sie widersetzt sich dem Dritten Gebot.

IIª-IIae q. 35 a. 3 ad 2

Ad secundum dicendum quod acedia non est recessus mentalis a quocumque spirituali bono, sed a bono divino, cui oportet mentem inhaerere ex necessitate. Unde si aliquis contristetur de hoc quod aliquis cogit eum implere opera virtutis quae facere non tenetur, non est peccatum acediae, sed quando contristatur in his quae ei imminent facienda propter Deum.

Zum Zweiten lässt sich sagen, dass die Acedia kein Rückzug des Geistes (recessus mentalis) von jedem möglichen geistlichen Gut ist, sondern ein Rückzug vom göttlichen Gut ist, welchem einzuwohnen sich dem Geist aus Notwendigkeit ziemt. Daher wenn jemand über etwas betrübt wird wozu ihn jemand anderes als zu einem Werk der Tugend zwingt, zu welchem er nicht angehalten ist, so ist es keine Sünde der Acedia. Diese Sünde tritt nur dann ein, wenn jemand sich in etwas betrübt, was er direkt Gott wegen machen muss.

Dies bedeutet im Klartext, dass nicht jede Faulheit gleich schlimm ist, aber Faulheit qua Rückzug des Geistes von den göttlichen Dingen ist schlimm, weil wir dadurch nicht geistlich genährt werden und verkümmert. Schauen Sie doch Ihren Herr Pfarrer an!

IIª-IIae q. 35 a. 3 ad 3

Ad tertium dicendum quod in viris sanctis inveniuntur aliqui imperfecti motus acediae, qui tamen non pertingunt usque ad consensum rationis.

Zum Dritten lässt sich sagen, dass in den heiligen Männern auch irgendwelche unvollkommenen Bewegungen der Acedia angetroffen werden können, welche aber nicht zur Ebene der Zustimmung des Verstandes gelangen.

Ja, auch die Heiligen oder die Wüstenväter hatten schlimme Anfechtungen im Bereich der Acedia, aber sie haben sie überwunden, denn zur Heiligkeit kommt man durch die Überwindung der Versuchung und nicht dadurch, dass man keine Versuchungen erleidet. Wie die Wüstenväter sagen und die Erfahrung zeigt, je weiter man im geistlichen Leben fortschreitet, desto schlimmere Versuchungen hat man, absolut gesehen. Wie etwas, wenn man mehr Muskelmasse hat man mit schwereren Gewichten trainieren kann und muss, um weiterzukommen. Gott ist wirklich sehr gerecht, aber von nichts kommt nichts auch in diesem Bereich.

[1] http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel551-3.htm

[2] Mehr zu dieser Thematik siehe: http://www.rodorf.de/03_stgb/06.htm#02

[3] https://traditionundglauben.wordpress.com/category/geistliches-leben/acedia/

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (7). Was ist eine Todsünde?


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Die definitionsarme Zeit

Wir stellen hier fest, dass diejenigen Beiträge, welche aus dem Herzen geschrieben werden und sich durch eine geringe Latein- und Zitatdichte auszeichnen häufiger gelesen werden, vielleicht auch deswegen, weil sie Emotionen beinhalten, die bewegen oder leichter zu verstehen sind. Theologie ist aber eine Wissenschaft, mit einer eigenen Sprache, die der Umgangssprache zum Verwechseln ähnlich ist, aber dennoch eine Fachsprache ist. Die weitgehende Aufgabe der scholastisch-lateinischen Fachsprache nach dem Konzil führte zu den heutigen kirchlich-theologischen Irrungen und Wirrungen, weil niemand weiß, was gemeint ist. Den Schreiber dieser Zeilen zeichnete seit eh und je ein Hunger nach Definitionen aus, sodass er immer wissen wollte, was eigentlich damit gemeint sei. Er scheint tatsächlich ein natural born scholastic zu sein, um sich an dieser Stelle einen Anglizismus zu erlauben oder ihn gar zu erfinden. Er steht weitgehend mit dieser Einstellung in der heutigen Theologie allein, obwohl er recht schnell eine gemeinsame Sprache mit Naturwissenschaftlern, Mathematikern und Juristen findet, die genauso denken. Warum? Weil dies die natürliche wissenschaftliche Einstellung ist. Man muss zuerst die Termini definieren, die man verwendet. Sonst redet man aneinander vorbei.

„Das ist doch sonnenklar und banal“,

kann manch ein Leser denken. Nicht in den Geisteswissenschaften leider und vor allem nicht in der heutigen akademischen Theologie, von dem thomistischen Ur-oder Neugestein abgesehen. Durch die ganze dumme Theologie des Dialogs, die Dialogstruktur von Bla-Bla-Bla, durch die Aufgabe der Adäquationstheorie der Wahrheit, wonach dem Wahrheitsbegriff eine äußere Realität entspricht, durch die damit zusammenhängende Aufgabe des katholischen Wahrheitsanspruchs und der Mission redet man, redet und redet, aneinander vorbei, ohne zu irgendwelchen Schlüssen zu kommen. Die deutschsprachige Pädagogik und Didaktik nach 1968 macht es uns vor und die PastoralreferentInnen machen es uns auch vor. Der Stuhlkreis, der Hagebuttentee, das Einander-Nicht-Beurteilen. Derjenige Vortrag ist am besten, welcher den Erwartungen der Zuhörer entspricht, siehe unsere Weltfrieden-Metapher bei den Misswahlen[1] und vielleicht auch der Vortrag, der am besten unterhält. Die Theologieprofessoren sagen dazu:

Es ist die Moderne. Es muss so sein.

Was übersetzt heißt:

Ich bin ein armer Tropf ohne jegliche Struktur in meinem Denken und habe nichts zu sagen, will aber reden.

Frauenquote, Dialogbereitschaft und der ewige Diskurs

Es geht darum „den Diskurs“ am Leben zu halten. Eigentlich ist es sehr typisch für Frauen einander permanent ihre Gefühle, Erlebnisse oder den stream of consciousness, den ja bekanntlich James Joyce in die Literatur einführte, mitzuteilen, ohne einander dabei wirklich zuzuhören. Je niedriger die Schicht und die Bildung desto öfters erlebt man das Phänomen der polyphonen Frauengespräche, ohne jegliche Pause, ohne Momente des Nachdenkens oder einer Antwort. Warum können Männer angeblich nicht zuhören, was nicht stimmt? Weil diese Art der Kommunikation irrelevant für sie ist, keine richtigen Informationen beinhaltet und weil sie irgendwann einmal abschalten. Die Frauen sagen dann, wenn sie ausgeglichen und gut gelaunt sind:

Du brauchst das nicht ernst zu nehmen, was ich sage. Ich sage es nur so.

Sind sie übellaunig, so wird dieselbe Reaktion zum Vorwurf gemacht. Was hat das alles mit Theologie und der Todsünde zu tun? Das, dass nach dem Konzil durch die immer mehr geförderte Verweiblichung der Kirche, durch die diversen Frauenquoten die Definitionen immer mehr verschwinden, weil Frauen notgedrungen eine weibliche und auch feministische Theologie betreiben. Wir werden dazu noch etwas schreiben, aber selbst Feministinnen geben es zu: wir sind anders, wir denken anders, wir reden anders, wir arbeiten anders. Das ist klar und nichts Neues, aber weiblich ist nicht immer besser und manchmal ist es schlicht schlechter.

Der Schreiber machte vor einiger Zeit eine für ihn grundsätzliche Entdeckung, dass Frauen eigentlich Solipsistinnen sind. Sie reden nur über sich, beziehen alles auf sich persönlich und sind deswegen so schnell beleidigt, weil es ja immer in allem um sie persönlich geht.

Thema: „Die Adäquationstheorie der Wahrheit“ –

Interpretation:„Er glaubt, dass ich lüge, sonst würde er so etwas nicht sagen“.

Thema: „Frauenquote in der Kirche“ –

Interpretation: „Er glaubt, dass alle Frauen dumm und unfähig sind. Ich werden diesen Blog nicht mehr lesen“.

Thema: „Die Vermehrung der Pantoffeltierchen in einem Glas“ –

Interpretation: „Er hält mich für so dumm, dass ich einem Pantoffeltierchen gleiche. Vielleicht ahnt er meinen Schuh-Tick. Er will keine Kinder mit mir haben und glaubt, dass ich zu tief ins Glas schaue“.

Na, meine Damen? Getroffen?

Da aber die Erwägung von abstrakten Themen manchmal wirklich nichts oder kaum etwas mit einem selber zu tun hat, so befassen sich Frauen instinktiv nicht damit, es sei denn die wollen jemandem, natürlich einem Mann oder der eigenen Mutter beweisen, dass sie es auch können und wählen etwas, was sie manchmal wichtigmacht, aber persönlich nicht interessiert, weil es nicht sie in ihrem Wesen betrifft. Durch die Dialogisierung und Feminisierung der Theologie, wovon auch nicht Männer ausgeschlossen sind, finden wir höchst selten irgendwelche Definitionen. Warum? Weil angeblich diese Definition

„damals, für die damalige Zeit irgendwie gut oder sogar fortschrittlich waren“,

aber natürlich nicht für unsere, nachkonziliare Zeit. Das kommt alles von der Aufgabe der Seinsmetaphysik, wonach es etwas Unveränderliches, gleichsam Stehendes gibt und zwar Gott, die Welt, die Werte, die göttliche Ordnung, welche sich in der gesellschaftlichen Ordnung widerspiegelt. Aber Gott ist immer noch unveränderlich und seine Werte, die in ihm verankert sind, da sie teilweise sein Wesen widerspiegeln, sind es auch. Ohne Gott gibt es keine bleibende Verankerung irgendwelcher Werte, kein absolutes Gut und Böse! Aber wird Deutschland erst islamisch, so werden wir das noch alles lernen, da der Islam tatsächlich eine sehr strikte Seinsmetaphysik betreibt und unsere Hochschullehrer und Bischofskonferenzen werden da ganz schnell umschwenken, um ihren Kopf wörtlich und metaphorisch zu retten.

Die Todsünde und die Gnadenlehre

Nach dieser längeren Einleitung wollen wir fragen, was denn eigentlich die Todsünde sei? Bevor wir hier eine Definition einführen, antworten wir ganz in Frage-und-Antwort-Manier einfach:

Die Todsünde ist eine Sünde, welche das Gnadenleben tötet.

Was ist das Gnadenleben und was ist Gnade?

Obwohl eine gründliche Antwort darauf mehrere hundert Seiten betragen müsste und vielleicht noch hier erfolgen wird, so lautet die einfache Antwort:

Gnade ist die göttliche Hilfe (adiutorium divinum), womit wir befähigt werden am Innenleben Gottes, also am Leben der Hl. Trinität, teilzunehmen.

Denn das ist das christliche Leben: Gottförmigkeit durch Christusförmigkeit durch das trinitarische Leben. Der Mensch wird niemals Gott und wenn die Mystiker dies schreiben, so meinen sie es metaphorisch, aber der Mensch wird vergöttlicht, ohne das er seine ontologische Differenz (denn er ist nicht Gott) einbüßt.

Warum braucht der Mensch Gnade?

Weil er erstens ein Geschöpf und kein Gott ist und weil er zweitens durch die Erbsünde lädiert ist.

Er braucht, seit der Erbsünde, also schon wirklich recht früh, die Hilfe Gottes, um Gott nachfolgen zu können. Über das Thema der Gnadenbegriff des AT werden wir und hier nicht verbreiten, sondern stellen nur fest, dass die Fülle der Gnade und die wirkliche Möglichkeit für alle wenigstens Getauften ein Gnadenleben zu führen erst mit und durch Jesus Christus und seine Kirche kam.

Was ist heilsnotwenig?

Der Glaube und die Taufe, wenigstens die Begierdetaufe.

Warum?

Weil die Gnade heilsnotwendig ist.

Warum?

Weil das göttliche Leben übernatürlich ist und das Erfüllen der Gebote Gottes und der Gebote des Evangeliums ohne die Gnade schwer bis unmöglich ist.

Die katholische Gnadenlehre ist wirklich sehr ausgebaut oder sie war es bis Karl Rahner SJ, der auch eine sehr subtile, verzwickte und destruktive Art die Notwendigkeit der Gnade aufhob und die ontologische Differenz gleich mit. Wie er dies tat, legen wir irgendwann einmal auch dar und falls jemand es nicht abwarten kann, dann möge er „Gethsemani“ von Kardinal Siri lesen. Denn ist jeder ein „anonymer Christ“, dann bedeutet Christentum gar nichts, weder die Kirche, noch die Taufe, noch die Gnade. Und da sind wir gleich beim Papst Franziskus und seiner Allweltreligion im Multi-Kulti-Style.[2] Der Jesuit Rahner hat vorgelegt, der Jesuit Bergoglio will es zu Ende bringen, aber langfristig wird es Gott nicht erlauben, denn seinen Sohn hat es zu viel gekostet die Kirche am Kreuz zu stiften, dass „dieses Leid und Pein an uns verloren sein“ wäre. Es wird alles wieder ins Lot kommen. Wir wissen nur nicht wann.

Die Todsünde tötet also das Gnadenleben und löscht die Taufgnade gleichsam aus.

Was sind die Folgen der Todsünde?

  1. Feindschaft mit Gott (DH 1680)
    1. Dennoch wird durch die Todsünde nicht unbedingt der Glaube verloren (DH 1544, 1578)
  2. Verlust der Rechtfertigungsgnade also der Taufgnade (DH 1705)
    1. Außer der ewigen Strafe zieht man sich durch sie auch eine zeitliche Strafe zu (DH 1715)
  3. Ausschluss aus dem Reich Gottes (DH 835)
  4. Überführung in die Gewalt des Teufels (DH 1347, 1349, 1521, 1668)
  5. Ewige Verdammung und Hölle (DH 780, 839, 858, 1002, 1075, 1306)
    1. Die Seele der in einer aktuellen Todsünde Verstorbenen kommen in die Hölle (DH 839, 858, 926, 1002, 1075, 1306)

Mann hat also nichts zu lachen, nicht wahr?

Warum hört man es nicht in der Kirche?

Weil die meisten Priester und Theologen selbst in der Todsünde leben und sich selbst nicht damit konfrontieren möchten oder sie wissen es einfach nicht.

Was ist denn konkret eine Todsünde?

Die Antwort ist gar nicht so einfach, denn sie hängt nicht nur davon ab, was man tut, sondern ob man es wissentlich und voll freiwillig tut. Peeters schreibt dazu wie folgt:

„Damit eine Sünde eine Todsünde ist, werden dreifache Bedingungen gefordert:

  1. Schwere der Materie (gravitas materiae)
  2. Volles Bewusstsein (plena advertentia su plena conscientia) bezüglich der Schwere der Materie.
  3. Volle Zustimmung.“[3]

Was heißt dass alles?

Ad 1. Gravitas materiae oder das Was

Unter der Materie der Sünden versteht die Kirche das Was, also was man konkret sündigt, ob man jemanden mordet oder keine Kniebeuge in der Kirche macht. Einfach ausgedrückt, definiert die Kirche eine Materie als schwer, dann ist sie schwer. Diejenigen Sünden die:

  1. In der Hl. Schrift als vom Reiche Gottes ausschließend definiert werden, also die Zehn Gebote und die Sündenkataloge des NT (1 Kor 6: 9-10; Gal 5:19-21; Eph 5:3-6; Off 22: 12-16, Mt 25:41-46)
  2. In der Lehre der Kirche,
  3. Oder in der Tradition der Väter oder der Theologen als schwer definiert wurden,

sind schwer.

Und konkret? Konkret fragen Sie Ihren Beichtvater oder lesen Sie einen guten Beichtspiegel durch. Dort wo nach der Anzahl der Sünden gefragt wird, haben wir es mit einer schweren Materie zu tun.

Ad 2. Volles Bewusstsein (plena advertentia seu plena conscientia)

Es genügt hierbei, dass man bei der Tat selbst jemand sich dabei bewusst ist, dass er etwas sehr schwerwiegend Böses tut. Man weiß also, dass es schwerwiegend ist und man tut es dennoch.

Ein halb-volles Bewusstsein herrscht vor und mindert die Sündenschwere, wenn man:

  1. Halbschlafen, halbbetrunken oder benommen ist.
  2. Unter einem starken Affekt handelt,
  3. Sich in einem pathologischen Zustand befindet (z. B manisch ist)
  4. Nach der Tat sich darüber bewusst wird, dass hätte er gewusst, dass es schwere Sünde ist, es niemals getan hätte.

Ad 3. Plenus consensus – volle Zustimmung

Man tut es freiwillig, als Herr seiner selbst, ohne irgendwelchen Zwang.

Eine halbvolle Zustimmung herrscht dann vor:

  1. Wenn man unter Zwang oder aus Angst handelt,
  2. Wenn man gegen die Handlung ankämpft,
  3. Wenn man die Versuchung verspürend darüber verärgert oder betrübt wird.[4]

Damit also jemand schwer sündigt, muss es sich um etwas Schwerwiegendes handeln, man muss es wissen, dass es Schwerwiegend ist und man muss es freiwillig und bewusst tun. So ist Ehebruch eine schwere Sünde, im Ehebruch oder im Konkubinat leben ebenfalls, weil es sich um keine Reflexhandlung handelt, sondern ein bewusste Tat. Ebenso die Einstellung:

Die Kirche sagt zwar, dass es eine schwere Sünde ist, mir ist es aber egal.

Wer es im Neuen Katechismus nachlesen will, so sind diese Themen unter 1854-1864 tun.[5] Wenn man sich bekehrt und feststellt, dass das, was er getan hat eine schwere Sünde war, er es aber nicht wusste, weil er noch kein Katholik war, dann war es keine schwere Sünde. Es gibt sicherlich Menschen, die niemals schwer gesündigt haben, was beispielsweise ein Beichtvater der hl. Theresia von Lisieux sagte. Wenn man regelmäßig beichtet und auf sich achtet, do minimiert man diese Gefahr. Wenn sich jemand vor der Hölle fürchtet und davor in eine Todsünde zu fallen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er es tut sehr gering. Die Thematik der Todsünde ist schwierig, weil es nicht immer leicht allgemein zu bestimmen ist:

  • Was,
  • Wann,
  • Warum,
  • Für wen
  • Und wieso

eine leichte oder eine schwere Sünde ist. Und es ist nicht der Relativismus, sondern die Standespflichten, das Bewusstsein, die Freiwilligkeit, die zu entstehenden Schaden, die Absicht etc. Deswegen gehören zu den schwersten und todbringendsten Sünden die Sünden der formellen Häresie, z. B. ich verbreite eine falsche Morallehre, um möglichst viele Seelen zu verderben. Gibt es denn solche Menschen? Ja, durchaus. Deswegen ist es notwendig regelmäßig zu beichten, um das Subjektive mit dem Objektiven zu konfrontieren. Die Sünde ist dennoch etwas Objektives, dessen man sich im Moment des Sündigens oft nicht bewusst ist. Die Reue und Einsicht kommt erst spät. Dies ist oft der Fall bei Frauen, die nicht bei vollem Unrechtbewusstsein abgetrieben haben. Sie spüren zwar sozusagen biologisch und psychologisch eine tiefe Schuld, aber das volle Bewusstsein kommt erst später.

Zeitliche Strafen und Ablass

Jede Todsünde aber auch jede lässliche Sünde zieht die zeitlichen Sündenstrafen nach sich, auch wenn sie bereut und gebeichtet wurde. Was bedeutet das? Dies bedeutet, dass all das Schwere, was uns in unserem Leben widerfährt oft die zeitlichen Konsequenzen nach sich. Es ist wie eine dunkle Wolke, die auf uns Lastet. Warum? Weil jede Sünde eine Verfehlung gegen die göttliche Ordnung und Gerechtigkeit ist, welche wieder abgebüßt werden muss. Wenn nicht in diesem Leben, dann im Fegefeuer. Wir sehen nur manchmal und nur teilweise die Konsequenzen unserer Sünden. Wir haben jemanden angefahren, weil wir die Geschwindigkeitsbegrenzung missachtet haben und jetzt ist er verkrüppelt. Können wir es wieder gutmachen? Nein. Ebenso keine Erziehungsfehler. Aber die geistlichen Konsequenzen, diese Dunkelheit, die mit jeder Sünde in die Welt ausströmt und sie verpestet, die sehen wir nicht. Diese „Wolken“ hängen dann über unserem Haupt und so kann man sich die zeitlichen Sündenstrafen vorstellen. Kann man sie abbauen? Ja, durch Buße oder Ablässe. Zum Thema der Ablässe werden wir noch etwas schreiben, denn hier sind wir bei der Todsünde. Also sündigen wir nicht. Weder schwer, noch leicht.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/01/05/bischofsperlen-bischof-schick-geht-joggen/

[2] http://www.katholisches.info/2016/01/07/das-video-vom-papst-das-mir-nicht-gefaellt/

[3] Nach Peeters, H., Manuale theologiae moralis, Bd. 1, Marietti: Roma 1961, 188.

[4] Nach Peeters, H., Manuale theologiae moralis, Bd. 1, Marietti: Roma 1961, 188.

[5] Hier einusehen: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_INDEX.HTM

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (6). Was ist Sünde? Unterteilung der Sünden.


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Bevor wir uns dem Thomas-Text widmen, welcher darstellt, dass die Acedia eine schwere Sünde, sprich eine Todsünde, ist, wollen wir ganz kurz darlegen, was man eigentlich unter einer Todsünde versteht, denn die „Jugend“, also alle nach dem Konzil geborenen und religiös sozialisierten, uns eingeschlossen, weiß es nicht mehr, weil es ihr niemand vermittelt hat. Die Darlegung soll nach dem Manuale Theologiae moralis von Hermes Peeters O.F.M. aus dem Jahre 1961,[1] ein kurzes Buch, welches sozusagen kurz vor dem Untergang erschien. Es stellt recht kurz und prägnant die thomistische und katholische Lehre dar, denn besser als thomistisch geht es nicht. Es stellt somit die katholische Morallehre dar, welche noch nicht vom Personalismus, Existentialismus, Pragmatismus, Subjektivismus und Relativismus angekränkelt und anschließen zerfressen wurde. Was wirklich vielen Menschen unklar ist: ohne das richtige philosophische Gerüst, zuerst das metaphysische natürlich, kann man zu keiner guten, im Sinne der göttlichen Ordnung entsprechenden Ethik und Morallehre kommen. Ohne Metaphysik geht es nicht. Man wirft sie durch die Tür raus und sie kommt uns durch das Fenster herein. Und deswegen war die angebliche Zerstetzung aller Metaphysik durch Kant,  den „Schutzheiligen“ der meist deutschsprachigen Häretiker, für die Theologie dermaßen zersetzend. Weil die objektive, also sich außerhalb des Subjekts befindende Welt, das berühmte Ding an sich, aufgehoben wurde. Jeder hat angeblich nur seine Kategorien, wir haben ähnliche und daher ist Erkenntnis überhaupt möglich. Sie ist aber nicht objektiv, sondern inter-subjektiv. So lautet die kantische Devise. Was natürlich kompletter Unsinn ist. Denn:

  1. gäbe es nichts „Draußen“, so würden wir nichts erkennen,
  2. jegliche Sprache und Kommunikation wäre aufgehoben, denn dem Satz: „Der Bus fährt vom Hauptbahnhof um 12.35 ab“ müsste die Frage folgen: „Nach deinen oder meinen Kategorien, denn ich sehe es anders“,
  3. es gäbe überhaupt keine Wahrheit und zwar in keinem Bereich, auch nicht im mathematischen oder logischen, denn wir erkennen die Formeln ja auch durch unsere Kategorien,
  4. es gäbe überhaupt keine moralische Ordnung mit Sollen und Verbieten,
  5. und wir wären wo? Genau: bei hier und jetzt und der Political Correctness.

Deswegen hat die Kirche Kant schon sehr früh verurteilt, denn seine „Kritik der reinen Vernunft“, wurde mit dem Dekret vom 11.Juni 1827 auf den Index librorum prohibitorum gesetzt. Die katholische Kant-Kritik sparen wir uns für einen anderen Beitrag auf. An dieser Stelle bleibt zu sagen, dass ohne eine objektive, denn Gott gesetzte Ordnung bleibt der Begriff der Sünde sinnleer, denn diese hört dann auf ein objektiver Verstoß gegen objektive Normen zu sein, sondern bleibt nur im psychologischen „Sich-Schlecht-Fühlen“ behaftet. Es bleibt nur zu fragen: Und wie fühlst Du Dich dabei? Fühlt er sich gut, weil er als Crack-Raucher Crack geraucht hat, dann ist ja alles gut. Er schadet zwar der Gesundheit oder Was-Gott-verhüten-möge „der Umwelt“, aber es ist für ihn „wichtig“. So in etwa lautet die „nachkonziliare Seelsorge“, die keine ist.

Aber es geht um die Ewigkeit, das ewige Seelenheil, welches spätestens im Augenblick des Todes nach der ewigen, göttlichen Ordnung gerichtet wird. Spätestens dann werden wir es wissen und zwar sicher. Und dann kann sich herausstellen

Sicherlich gibt es noch genauere Moraltheologien, wie bspw. die von Ernest Müller, aber wir wollen hier nur ganz kurz eine Einleitung liefern und nicht die ganze katholische Sündenlehre darlegen. An dieser Stelle soll die Unterteilung der Sünden und die Definition schematisch dargestellt werden, daher bitten wir diese Verkürzung zu entschuldigen. Wir werden uns dieser Thematik noch sicherlich widmen, aber alles zur seiner Zeit.

Der Anlauf zur Darstellung der Todsünde soll zuerst über die Definition der Sünde und über die Unterteilung der Sünden erfolgen. Wir können einerseits nicht diesem Blog mehr Zeit widmen, als wir es schon tun, andererseits handelt es sich um so wichtige Themen, derer Verkürzung nur Schaden bringt, da sicherlich viele Fragen entstehen. Das eine tuend, das andere nicht lassend, fahren wir, nach Peeters, fort.

Was ist eine Sünde?

Peccatum est transgressio obligationis quam Deus temporariis vel aeternis poenis puniendam sanciit.

„Sünde ist eine Übertretung einer Verpflichtung, welche Gott mit zeitlichen oder ewigen Strafen strafend sanktioniert“.[2]

Die Verpflichtung (obligatio) ist durch das göttliche Gesetz, welches in den Zehn Geboten, den Geboten des Evangeliums, den Kirchengeboten etc. positiv vorgegeben wurde.

Die Unterteilung der Sünden

Die Sünden unterteilt man in:

  1. Die Erbsünde (peccatum originale), welcher alle Menschen, außer Christus und der Gottesmutter Maria, unterliegen.[3]

Persönliche Sünde (p. personale)

  1. Aktuelle Sünde (p. actuale)

Während die Erbsünde eine eingeborene Neigung zum Sündigen und vieles mehr darstellt, ist die aktuelle Sünde die konkrete Sünde eines jeden Menschen. Die aktuelle Sünde ist also die Übertretung des Gebotes selbst oder der sündige Akt (ipsa transgressio seu actus peccaminosus)

Habituelle Sünde (p. habituale)

Dies ist eine bleibende Sünde, z.B. Zorn, aus der konkrete, aktuelle Sünden resultieren, z.B. Schlägereien. Nach Peeters „ist die habituelle Sünde der Zustand der Seele, in welchem der Wille zu seinem sündigen Akt hingeneigt bleibt (status animae in quo voluntas actu peccaminoso manet affecta)“. [4] Dieser Zustand (status), so Peeters weiter, beginnt mit einer aktuellen Sünde und endet mit einer aufrechten Buße.[5] Es bleibt hierbei zu sagen, dass es ein gewollter Zustand ist, es ist also kein Temperament oder persönliche Veranlagung. Im Zustand der habituellen Sünde befindet sich die Seele nach der Todsünde. Man kann es in etwa mit einem dauernden Infektionsherd vergleichen, aus welchem verschiedene Krankheiten resultieren.

  1. Formelle Sünde (p. formale) ist eine bewusste und gewollte Sünde (p. voluntarium).

Materielle Sünde (p. materiale) ist eine unbewusste Handlung, welche, wäre sie bewusst, ein Sünde wäre.

  1. Äußere Sünde (p. externum) ist eine Sünde welche mit einem äußeren Vermögen (Wort oder Tat) verwirklicht wird.

Innere Sünde (p. internum) ist eine Sünde, welche im Innern bleibt und nicht auch Außen manifestiert wird, z. B. stiller Neid.

  1. Todessünde oder schwere Sünde (p. mortale seu grave), womit die heiligmachende Gnade zerstört wird und der Seele das übernatürliche Leben, d.h. das Gnadenleben tötet.

Lässliche Sünde (p. veniale), welche die heiligmachende Gnade nicht zerstört, sondern vermindert und für das Seelenleben nicht todbringend ist.

  1. Eigene Sünde (p. proprium), diejenige Sünde, die man selbst begeht.

Fremdsünde (p. alienum), welche zwar von jemand anderem begangen wird, durch die man dennoch selbst sündigt, weil man sie zugelassen, sie veranlasst oder bei ihnen mitgeholfen hat.

  1. Sünden des Unwissens (p. ignorantiae), welche man unwissentlich begannen hat.

Sünden der Schwachheit (p. fragilitatis), welche man begangen, obwohl man ihnen widerstanden hat (resistente secundum quid).

Sünden der Bosheit (p. malitiae), welche man bei vollem Bewusstsein und willentlich begangen hat (cum plena conscientia et voluntate).

Diese Sünden haben aufgrund der besonderen Bosheit (malitia) besondere Namen:

Sünde wider den Hl. Geist (in Spiritum Sanctum): begangen aufgrund der formellen Verachtung für das übernatürliche Gut. Es gibt sechs solche Sünden:

  1. Vermessene Hoffnung auf das Heil ohne Verdienste (praesumptio)
  2. Verzweiflung am Heil (desperatio)
  3. Zurückweisung der erkannten Wahrheit (impugnatio veritatis agnitae)
  4. Neid auf die Gnadengabe eines anderen (invidentia fraternae gratiae)
  5. Verstockung in den Sünden (obstinatio)
  6. Unbußfertigkeit bis zum Tod (impoenitentia)

Himmelsschreiende Sünden (in caelum clamantia), deren Bosheit (malitia) und die Zerstörung der natürlichen sozialen Ordnung enorm ist. Es gibt derer vier:

  1. Mord (homicidium)
  2. Somodie/Homosexualität (sodomia)
  3. Unterdrückung von Waisen und Witwen (oppressio orphanorum et viduarum)
  4. Vorenthalten des Lohnes, der den Arbeitern geschuldet ist (retentio mercedis operariis pauperibus debitae)

Hauptsünden (p. capitalia), welche die Wurzel vieler anderen Sünden sind. Es gibt derer sieben:

  1. Ruhmsucht/Stolz (inanis gloria/superbia)
  2. Neid (invidia)
  3. Habgier/Geiz (avaritia)
  4. Zorn (ira)
  5. Wollust (luxuria)
  6. Völlerei (gula)
  7. Geistige Trägheit (acedia).

Im nachfolgenden Eintrag wollen wir ganz kurz die Todsünde definieren und besprechen, also bleiben Sie dabei und schauen Sie vorbei.

[1] Peeters, H., Manuale theologiae moralis, Bd. 1, Marietti: Roma 1961, 176-204.

[2] Ebd., 176.

[3] Aufzählung nach Peeters, 177-178.

[4] Ebd., 177.

[5] Ebd.

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (5). Acedia ist ein spezielles Laster.


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Was Neues oder Umbenennung?

Nachdem wir geklärt haben, was ein Laster (vitium) ist, kommen wir zur Frage, ob die Acedia ein spezielles Laster ist oder eine allgemeine Traurigkeit oder Faulheit. Wir ahnen schon, dass die Antwort negativ ausfallen wird, denn wäre die Acedia mit Traurigkeit (tristitia) oder Faulheit (pigritia) identisch, so würden die auf ihre eigene Sprache stolzen Lateiner kein griechisches Lehnwort übernehmen, um etwas Spezielles speziell zu bezeichnen. Wir haben auch auf massenweise Anglizismen, welche in manchen Fällen etwas bezeichnen, was es bisher nicht gab, z. B. Burn-Out, Event etc. Im Japanischen gibt es den Ausdruck Karōshi, welcher für „Tod durch Überarbeitung“ steht[1] und wohl in Japan häufiger als woanders vorkommt. Man kann sich natürlich fragen, ob es vorher keine Burn-Outs, Events oder Karōshis gab, bevor sie auf diese Art und Weise semantisch spezifiziert wurden. Wohl schon, aber wie im Falle der Medizin, brauchte man länger um eine Differentialdiagnose zu erstellen, um dieses Krankheitsbild von einem anderen abzusondern. Die Mediziner unter unseren Lesern wissen, dass bestimmte Krankheiten als solche erst durch die ICD-Klassifikation bestimmt wurden.[2] Ganz positivistisch gewendet, bedeutet dies, dass das eine Krankheit ist, was eine ICD-Nummer hat und umgekehrt, damit man all das schön bei der Krankenkasse abrechnen kann.

Acedia führt vom Inneren zum Äußeren

Wenn also das Wort Acedia übernommen wurde, dann auch für ein neues Krankheitsbild und zwar: die Trägheit im Geistlichen. Im Deutschen gibt es diese schönen Adjektive „schreibfaul“, „sportfaul“, „denkfaul“, „kochfaul“ etc. und man kann durchaus sagen, dass Acedia für Gott-Faulheit steht. Das Objekt, also der Gegenstand wonach sich diese Trägheit richtet, ist ein anderes und deswegen ist es ein spezielles Laster (vitium). Wie wir schon geschrieben haben, sind Faule überhaupt sicherlich auch der Acedia anhänglich, aber man kann durchaus Hyperaktiv sein und durch die Acedia sündigen. Warum? Weil der religiöse Akt ein innerlicher ist. Die christliche religio ist etwas anderes als die römische pietas – d.h. die Pflichterfüllung im öffentlichen Leben oder die jüdische Gesetzlichkeit. Es ist eine Angelegenheit des inneren Lebens, denn es zählt die Intention. Sie führt vom Inneren zum Äußeren. Natürlich ohne den äußeren Kult geht es auch nicht, da der Mensch ein körperlich-geistiges Wesen ist und das Körperliche braucht, was sehr schön das Konzil von Trident klarmachte:

„Da die Natur des Menschen so beschaffen ist, dass sie sich nicht leicht ohne äußere Hilfsmittel zur Betrachtung der göttlichen Dinge erheben kann, deswegen hat die gütige Mutter Kirche bestimmte Riten eingeführt, nämlich dass in der Messe einiges mit leiser, anderes mit lauter Stimme gesprochen werden soll; desgleichen verwandte sie aufgrund der apostolischen Lehre und Überlieferung Zeremonien, wie geheimnisvolle Segnungen, Lichter, Weihrauch, Gewänder und vieles andere Derartige; einerseits sollte dadurch die Erhabenheit dieses so großes Opfers hervorgehoben werden, andererseits sollten die Gemüter der Gläubigen durch diese sichtbaren Zeichen der Religion und Frömmigkeit zur Betrachtung der höchsten Dinge, die in diesem Opfer verborgen liegen, angeregt werden.“

(Konzil von Trient, Lehre und Kanones über das Meßopfer, sess. 22, cap. 5, DH 1746)

Und deswegen war der Bildersturm nach dem letzten Konzil so für die Frömmigkeit verheerend, weil Kirchen so eingerichtet wurden, dass sich wirklich niemand dort gerne aufhält. Neue Kirchen werden so gebaut, dass sich niemand dort aufhalten möchte, siehe die neue Probsteikirche in Leipzig,[3] wo wir ein jeglicher christlichen Tradition entgegengesetztes, umgedrehtes Kreuz, natürlich sehr horizontal ausgerichtet, finden, sowie recht viel freimaurerisch-ägyptische Dreiecks-Symbolik. Absolute, gähnende, atheistische Leere mit einer versteckten Marinestatue. Was hat es mit der Hl. Messe oder Katholizismus zu tun? Gar nichts, es führt von Nichts ins Nichts. Der gefallene Engel ist halt nihilistisch, weil Gott das Sein schlechthin ist. Anscheinend sind immer noch zu viele Leipziger in die Kirche gegangen, so hat man dem einen Riegel vorgeschoben.

Um auf die Acedia zurückzukommen, stellen wir den nächsten Artikel der Questio 35 vor:

Zweiter Artikel. Die geistige Trauer ist ein eigenes besonderes Laster.

IIª-IIae q. 35 a. 2 arg. 1

a) Dies scheint nicht. Denn:

  1. Jedes Laster macht den Geist traurig über das entgegengesetzte geistige Gut. Der Gaumenlustige nämlich trauert über das Gut der Enthaltsamkeit; der Wollüstige über das Gut der Keuschheit. Da also die geistige Trauer zum Gegenstande ein geistiges Gut hat, so ist sie keine besondere Sünde.

Der hl. Thomas will wohl hiermit sagen, dass nach Meinung vieler Geistliches nicht konkret und zu nebulös sein, um näher bestimmt zu werden. Daher kann es keinen Gegenstand (obiectum) der Trauer darstellen.

IIª-IIae q. 35 a. 2 arg. 2

2. Die Trauer steht der Freude gegenüber, die doch als keine besondere Tugend betrachtet wird.

Freude ist ein Grundgefühl, eine Hauptleidenschaft (passio principalis) und keine Tugend, welcher ein Laster entgegensteht.

IIª-IIae q. 35 a. 2 arg. 3

III. Das geistige Gut an sich, da es Gegenstand der Tugend überhaupt ist, bildet keinen besonderen Gegenstand für eine Tugend oder ein Laster. Nichts aber erscheint, was zu diesem geistigen Gute im allgemeinen hinzutrete, um daraus den Gegenstand für die geistige Trauer als ein besonderes Laster zu machen, außer etwa die Arbeit. Denn deshalb fliehen manche die geistigen Güter, weil sie mühevoll sind, so daß die geistige Trauer als ein gewisser Ekel betrachtet werden muß. Nun ist es aber ganz dasselbe: die Arbeit fliehen und die Ruhe suchen. Da Letzteres nichts Anderes also ist als Faulheit, so ist eben die geistige Trauer nur Faulheit (pigritia). Und das ist falsch. Denn die Faulheit steht entgegen der Sorge (solicitudo); die Trauer aber der Freude. Somit ist erstere überhaupt kein besonderes Laster.

Will man Acedia mit Faulheit (pigritia) identifizieren, dann kann die Acedia kein besonderes, im Sinne spezielles, Laster sein. Denn die Faulheit richtet sich gegen die Sorge (solicitudo), im Sinne „sich um etwas kümmern“, „mit etwas beschäftigt sein“, die Trauer hingegen, wie schon erwähnt wurde, richtet sich gegen die Freude. So scheint die Acedia keinen eigenen Gegenstand zu haben.

IIª-IIae q. 35 a. 2 s. c.

Auf der anderen Seite unterscheidet Gregor (31. moral. 17.) die geistige Trauer von den anderen Lastern.

IIª-IIae q. 35 a. 2 co.

b) Ich antworte, weder das geistige Gut im Allgemeinen als Gegenstand der Trauer noch verbunden mit dem Charakter des Mühevollen sei der eigentliche Gegenstand der geistigen Trauer als eines besonderen Lasters. Das Erste würde die geistige Trauer nicht von den anderen Sünden im Allgemeinen trennen; das Zweite nicht von den fleischlichen Sünden.

Deshalb muß man berücksichtigen, daß in den geistigen Gütern eine gewisse Ordnung ist, insoweit sie in geregelter Weise in Beziehung stehen zum göttlichen Gute. Mit diesem letzteren nun beschäftigt sich als eigene besondere Tugend die heilige Liebe (caritas). Wenn also jeder Tugend für sich es zugehört, sich zu freuen an dem eigens entsprechenden geistigen Gute, welches in der eigenen Thätigkeit besteht; so gehört es der heiligen Liebe zu, sich zu freuen am göttlichen Gute. Und so ist auch jene Trauer, welche sich auf den eigens entsprechenden Gegenstand als auf das geistige Gut der einzelnen Tugend bezieht, keine besondere Sünde, sondern begleitet alle Sünden. Traurig sein aber über das göttliche Gut, woran die heilige Liebe sich freut, das ist die eigene besondere Sünde der geistigen Trauer. (Sed tristari de bono divino, de quo caritas gaudet, pertinet ad speciale vitium, quod acedia vocatur.)

Geistliche Güter betreffen die caritas – die geistliche Liebe zu Gott, oben mit „heilige Liebe“ übersetzt. Da Gott und das Geistige anders als das Körperliche sind, so muss ihnen eine besondere Art der Liebe eignen. Diese Liebe ist caritas, sie unterscheidet sich demnach, von der dilectio, amititia und amor, wie wir bereits geschrieben haben.[4] Denn jede Liebe ist eine Neigung oder ein Streben nach etwas Gutem (appetitus boni), aber von der Art und Weise des Guten (bonum) hängt die Art und Weise der Liebe ab. Sonst ist eigentlich alles Liebe, die wie 1968-ger sagten und vorlebten und wir sind bei Kamasutra, der gerne die Gnostiker aller Zeiten nacheiferten. Der Gegenstand des Geistlichen ist caritas. Daher ist das, was dieser Neigung entgegenstellt ein spezielles Laster – die Acedia. Acedia ist nämlich tristitia de bono divino – die Traurigkeit über das göttliche Gut über welches, so hl. Thomas weiter, sich die caritas freut. Leider ist es so, dass die Acedia:

  • zuerst über das göttliche Gut (bonum divinum) trauert,
  • danach eine Abneigung oder Ekel gegen dasselbe verspürt,
  • und schließlich es hasst und jede Erwähnung desselben auch.

Beobachten Sie doch die Ihnen bekannten Geistlichen und sie werden diese Tendenz wahrnehmen. Mit der Acedia wächst natürlich die Sünde, welche letztendlich zum Hass gegen Gott führt und zu solchen Kirchen wie die Propsteikirche in Leipzig, welche Bischof Koch gesegnet hat, der da behauptet:

„Homosexualität als Sünde darzustellen ist verletzend“[5]

und einer der Teilnehmer der subversiven römischen Konferenz an der römischen Gregoriana[6] war, sind die Folge davon. Natürlich sind solche Bauwerke überall zu finden, die Probsteikirche in Leipzig (das untere Bilde) ist aber etwas Neues und in dieser Art etwas völlig Unnötiges.

Probsteikirche

Sie stellen die fleischgewordene, architektonische Acedia dar, anders formuliert: Sie sind ein Denkmal der Acedia!

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Gavassa

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Es ist unmöglich, dass ein Prälat, der über ein geistliches Leben verfügte solch eine Kirchenarchitektur, wie in Leipzig oder in Gavassa (die oberen zwei Bilder) approbiert und gesegnet hätte. Absolut ausgeschlossen!

IIª-IIae q. 35 a. 2 ad arg.

c) Die Einwürfe sind dadurch erledigt.

Finden wir auch.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Acedia ein spezielles Laster ist, weil sie sich gegen das spezielle Gut der Liebe zu Gott (caritas) richtet. Ist dem der Acedia, d.h. der Trägheit im Geistlichen oder der geistlichen Trägheit verfallen, so kann man unmöglich Gott lieben.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kar%C5%8Dshi

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_statistische_Klassifikation_der_Krankheiten_und_verwandter_Gesundheitsprobleme

[3] http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.mdr.de/sachsen/leipzig/bild363192_v-standardBig_zc-3ad1f7a1.jpg%3Fversion%3D59553&imgrefurl=http://www.mdr.de/sachsen/leipzig/neue-propsteikirche-leipzig102_showImage-6_zc-5daaa475.html&h=341&w=512&tbnid=n7PePftjQ3P4nM:&tbnh=90&tbnw=135&docid=0YbAJmBup3_XsM&usg=__Gjx4o-vkfjbxyzsuinNbVicLTv8=&sa=X&ved=0ahUKEwj-geTW5IjKAhVCfhoKHTfkC1YQ9QEIODAF

[4] https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/12/29/acedia-oder-zu-faul-uber-die-geistige-tragheit-2/

[5] https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/11/22/was-konnen-wir-fur-die-kirche-tun-die-sieben-buspsalmen-beten-2-bischofskonferenz-und-die-gauss-kurve/ http://www.nwzonline.de/interview/homosexualitaet-als-suende-darzustellen-ist-verletzend_a_24,0,1242641575.html http://www.domradio.de/themen/ethik-und-moral/2015-02-21/dresdner-bischof-koch-zu-homosexuellen

[6] http://www.katholisches.info/2015/05/28/geheimtreffen-der-illuminaten-fuer-eine-andere-kirche/ http://rorate-caeli.blogspot.com/2015/06/shadow-synod-participant-and-outspoken.html http://rorate-caeli.blogspot.com/2015/05/the-subverters-of-word-of-god.html

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (4). Acedia als Laster. Was ist ein Laster?


Apotheosis-of-St.-Thomas-Aquinas

Man kann sich die Frage, welche Rolle es spielt, ob die Acedia ein eigenes Laster (vitium) bildet oder von einem anderen Laster herrührt oder in ihm aufgeht. Es spielt schon eine Rolle, um eine treffende Diagnose und ein Heilverfahren zu ermöglichen. Wie in der Medizin man feststellen muss, von welchem Organ die Symptome resultieren und ob es sich um ein eigenes Krankheitsbild oder um die Nebenwirkungen eines anderen handelt. Ebenso in der Moraltheologie: bene docet, qui bene distinquit – „derjenige lehrt gut, der gut unterscheidet“, im Sinne von „gut diagnostiziert“.

Wir haben bereits die Definition eines Lasters (vitium) angegeben.[1] Sie lautet:

„Das Laster eine jeden Dinges scheint dies zu sein, wodurch es nicht dazu disponiert wird, was seiner Natur entspricht (Vitium uniuscujusque rei videtur esse, quod non sit disposita secundum quod convenit suae naturae)“ (Ia IIae q. 71 a. 1 2 c.)

Grundzüge der thomistischen Ethik

Man muss aber ein wenig der thomasianischen Lasterlehre tiefer schürfen, um sie auf die Lehre von der Acedia richtig anwenden zu können. Das Ziel der menschlichen Handlung ist ein Gut (bonum), denn man strebt nach dem Guten und flieht das Schlechte (malum). Auch die Natur als solche und die menschliche Natur streben nach etwas Gutem, wie Ernährung, Fortpflanzung, Nachkommenschaft etc. Jegliches naturgemäße Streben nach etwas Gutem (appetitus boni) nennt der hl. Thomas, hier Aristoteles folgende, Liebe (amor). Diese Art der Liebe wird „die natürliche Liebe“ (amor naturalis) genannt und sie wird sehr rudimentär, gar physikalisch aufgefasst. Der Stein fällt zum Boden seiner natürlichen Inklination folgend, weil er die Erde „liebt“. Die Bewegung der Gestirne wird durch die Liebe (amor) verursacht, da die Bewegung der Gestirne ihre Natur ausmacht, sodass man sagen kann, dass „die Liebe die Himmelssphären bewegt“ (amor movet spheras). In der Philosophie der Antike und des Mittelalters gab es einen graduellen Aufstieg und keinen Bruch zwischen Natur und Mensch, welchen erst die Neuzeit mit Descartes einführte. Dieser graduelle Aufstieg ist aber nicht mit Pantheismus zu verwechseln, denn die Welt bleibt ein Geschöpf eines transzendenten Gottes und der Mensch unterscheidet sich von den Tieren durch seine unsterbliche Seele und durch seine Gottesebenbildlichkeit. Es bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass die von Gott eingepflanzte menschliche Natur im Biologischen nach einem Gut (bonum) strebt, im Moralischen und Geistlichen natürlich auch. Wie die Nahrung und Fortpflanzung etwas an sich Gutes ist, weil es der biologischen Natur entspricht, so ist das tugendhafte Leben oder die Tugend das Naturgemäße des Menschen. Die Tugend qua das Streben nach Gut (bonum) ist etwas für den Menschen Natürliches, obwohl uns die Erbsünde und die daraus resultierende Konkupiszenz hindert. Die Tugend ist also natürlich, obwohl mit Mühe verbunden. Sie ist nichts künstlich Aufgepfropftes, wie uns die Neuzeit und die Moderne, vom Teufel inspiriert, klarmachen möchten. Wie der Stein naturgemäß zum Boden fällt, so strebt der Mensch naturgemäß nach Tugend, obwohl durch Verfehlung oder Unwissen er diese verschieden definieren kann, oft zu seinem Leidwesen.

Laster steht der Tugend entgegen

Die naturgemäße Veranlagung entwickelt sich nach hl. Thomas auf einem quasi Kontinuum. Sie geht also in die positive, natürliche oder in die negative, widernatürliche Richtung. Deswegen stellt er in seiner Moraltheologie den Tugenden (virtutes) die Laster (vitia) entgegen, welche einen Mangel darstellen. Der Aquinate sagt es selbst, indem er darlegt, dass das Laster (vitium) der Tugend entgegensteht (Summ. Theol. Ia IIae Q. 71, a.1).[2] Wir wollen an dieser Stelle nur das Corpus, also seine eigentliche Antwort zitieren:

Iª-IIae q. 71 a. 1 co.

b) Ich antworte, rücksichtlich der Tugend können wir zweierlei betrachten; nämlich das Wesen selbst der Tugend und das, worauf die Tugend sich bezieht. In dem Wesen der Tugend kann etwas beobachtet werden, was mit zu diesem Wesen gehört; und etwas, was daraus folgt. Ihrem Wesen nach nun schließt die Tugend ein in sich eine gewisse Verfassung dessen, dem die Tugend zukommt, wonach dieser sich gemäß seiner Natur in zukömmlicher Weise verhält. Dies sagt Aristoteles (7 Physic.): „Die Tugend ist eine Verfassung in dem, was bereits vollständig Sein hat zum Besten hin (virtus est dispositio perfecti ad optimum); ich sage nun vollständig, nämlich soweit es gemäß seiner Natur diese Verfassung hat (quod est dispositum secundum naturam).“ Daraus aber folgt, daß die Natur ein gewisses Gutsein, eine Güte ist. Denn darin besteht das Gutsein eines jeden Dinges, daß es sich verhält gemäß seiner Natur (convenienter se habeat secundum modum suae naturae). Das nun, worauf jegliche Tugend sich bezieht, ist die gute Thätigkeit (actus bonus), wie aus Kap. 55, Art. 3. u. Kap. 56, Art. 3. hervorgeht.

Wie bereits gesagt, ist die Tugend die Realisierung der natürlichen Veranlagung (quod est dispositum secundum naturam) nach etwas Gutem hin. Denn

„darin besteht das Gutsein eines jeden Dinges, daß es sich verhält gemäß seiner Natur (convenienter se habeat secundum modum suae naturae)“.

Die Tugend, so kann man sagen, ist der natürliche Zustand der Seele und zwar von etwas Gutem zu etwas Besserem. Hier empfiehlt sich auch eine Sportmetapher und zwar ganz im aristotelischen Sinne, da das griechische Wort für Tugend aretē in der ursprünglichen Bedeutung „körperliche Tüchtigkeit“ bedeutet. Man muss aber überhaupt eine gewisse körperliche Fitness mitbringen, um Sport überhaupt treiben zu können, denn ist man krank oder sitzt man im Rollstuhl, so ist es nicht möglich. Der Anstrengung „zum Besten“ (ad optimum), in diesem Falle zum Sport, geht also bereits die dispositio perfecti, „die Disposition des vollständigen Seins“ voraus und zwar die körperliche Fitness, denn Krankheit oder Gebrechen ist kein vollständiges Sein (perfectum), was körperliche anbelangt. Um also fit zu werden, muss man fit sein und um zur Tugend (aretē) zu gelangen, muss man mindestens eine Anfangs- und Mindesttugend (aretē) besitzen, die ausbaufähig ist. Die menschliche Natur, da von Gott geschaffen, ist bereits ein „vollständiges Sein“ (perfectum) und daher ist sie an und für sich auf das Beste für sich, d.h. auf die Tugend hin geordnet.

Danach also steht dreierlei im Gegensatze zur Tugend:

Iª-IIae q. 71 a. 1 co.

  1. die Sünde (peccatum); und diese steht entgegen von seiten dessen, wozu die Tugend hingeordnet ist; denn die Sünde bezeichnet eine ungeregelte Thätigkeit (actus inordinatus), wie der Tugendakt ein gebührend geregelter Akt (actus ordinatus et debitus) ist; —

  2. die Bosheit oder Schlechtigkeit (malitia); und diese steht gegenüber der Tugend von seiten dessen, daß diese ein Gutsein, eine Güte ist (bonitas); —

  3. das Laster (vitium); und das ist der Tugend entgegengesetzt, insoweit diese ein innerliches Wesen hat; denn Laster oder Fehler ist die Verfassung eines Dinges, welche nicht dessen Natur entspricht. Deshalb sagt Augustin (3. de lib. arb. 4.): „Wenn du siehst, daß etwas der Vollendung einer Natur mangelt, so nenne das Fehler und im Bereiche des Moralischen: Laster“ (quod perfectioni naturae deesse perspexeris, id voca vitium.).

Die oben angeführte Unterscheidung zeigt eine Art „Naturalismus“ des Aquinaten: das Natürliche und Geordnete ist gut, das Gegenteil davon ist schlecht. Während also die Sünde (peccatum) ein „ungeordneter Akt“ (actus inordinatus), ist die Tugend „ein geordneter und gebührender Akt“ (actus ordinatus et debitus). Nach Thomas bestimmt die Bosheit (malitia) oder die Güte (bonitas) einer Tat nicht der Umstand, dass sie überhaupt stattfindet, sondern der ganze Kontext oder worauf sie hingeordnet ist. Ist Geschlechtsverkehr an sich gut oder schlecht? Kommt darauf an. In einer sakramentalen Ehe mit Zweck der Fortpflanzung ist es etwas Gutes, es ist ein „geordneter und gebührender Akt“ (actus ordinatus et debitus) und sogar eine eheliche Pflicht, außerhalt ist es eine Sünde, welche ein „ungeordneter Akt“ (actus inordinatus) ist. Man macht aber genau dasselbe. Genau! Ist ein Akt oder eine Handlung auf etwas Böses hin geordnet, dann steht die Bosheit (malitia) dieser Hinordnung der Tugend entgegen. Während aber die Punkte 1. und 2. auf etwas Äußeres zielten, steht das Laster (vitium) der Tugend innerlich entgegen. Durch die Tugend wird man innerlich tugendhafter, da man sich durch jeden Akt der Tugendausübung zum Positiven verändert, indem man die gute Anlage, d.h. die Tugend, verwirklicht und entwickelt. So wird man durch Mut mutiger, durch die Keuschheit reiner, durch die Wahrheit wahrheitsliebender und wahrer etc. Während also die Tugend (virtus) die gute Anlage bildet, bildet das Laster (vitium) das Gegenteil davon. Durch die geistige Trägheit, Acedia, wird man geistig Fauler, durch den Geiz geiziger etc. Das Laster ist einfach der Schimmel, der Rost, welcher immer wieder durchscheinen wird, wenn man ihn nicht im Ansatz bekämpft. Laster ist ein Zustand (habitus) also eine Veranlagung, aus welchem die Sünden resultieren.[3] Denn ohne die Trockenlegung des Sumpfes kommen die Mücken immer wieder.

Laster ist gegen die Natur

Jedes Laster, da es die wahre und natürliche Entwicklung des Menschen behindert ist demnach gegen die Natur, es ist als solches widernatürlich. So beweist der hl. Thomas (Summ. Theol. Ia IIae Q. 71, a.1),[4] dass jedes Laster, nicht nur die sexuelle Perversion, gegen die Natur sei.

Zweiter Artikel.
Das Laster ist gegen die Natur.

  1. a) Dies scheint nicht der Fall zu sein. Denn:

Iª-IIae q. 71 a. 2 arg. 1

  1. Das Laster ist im Gegensatze zur Tugend. Die Tugend aber wohnt uns nicht von Natur inne; sondern infolge Eingießens oder auf Grund der Angewohnheit.

Gut beobachtet, obwohl die Tugend unserem wahren Wesen entspricht, so werden wir nicht tugendhaft geboren, sondern die Tugend kommt als Glauben, Hoffnung und Liebe von Gott oder sie muss sich hart erarbeitet werden.

Iª-IIae q. 71 a. 2 arg. 2

2. Was gegen die Natur ist, kann nicht zur Gewohnheit werden, wie ein Stein niemals sich daran gewöhnen wird, in die Höhe zu steigen. (2 Ethic. 1.) Manchmal aber wird das Laster zur Gewohnheit.

Ja, das kann es werden. Mit „Natur“ ist hier natürliche Verfassung eines jeden Dinges, nicht die Blumen, Bienen und die Wale gemeint. Deswegen ist es gleichgültig, ob, wie ein Synodenvater sagte, „es in der Natur auch Homosexualität gibt und deswegen ist sie natürlich“. „Natürlich“ katholisch-thomistisch bedeutet etwas anderes als „natürlich“ rot-rosa-grün.

Iª-IIae q. 71 a. 2 arg. 3

III. Was gegen die Natur ist, wird nur in wenigeren Einzeldingen dieser Natur gefunden, niemals in der Mehrzahl. Laster aber werden in der Mehrzahl der Menschen gefunden, wie Matth. 7. es heißt: „Breit ist der Weg, welcher zum Verderben führt; und viele wandeln denselben.“ Also ist das Laster nicht gegen die Natur.

Auch interessante Beobachtung: das Widernatürliche ist selten.

Iª-IIae q. 71 a. 2 arg. 4

IV Die Sünde verhält sich zur Tugend wie die Thätigkeit (actus) zu einem Zustande (habitus). Die Sünde aber wird begrifflich bestimmt als „etwas Gesprochenes, Gethanes oder insoweit man begehrt gegen das göttliche Gesetz,“ wie aus Augustin (contra Faustum 22, 27.) hervorgeht. Da nun das göttliche Gesetz über der Natur ist, so ist das Laster vielmehr gegen das Gesetz Gottes, wie gegen die Natur.

Wie bereits festgestellt wurde, entwächst die aktuelle Sünde als Akt (actus) aus dem Sumpf des Zustandes (habitus). Hier wird die Frage erörtert, ob das positive Gesetz Gottes auf die Natur, im Sinne der natürlichen Gegebenheit, überhaupt anwendbar ist.

Iª-IIae q. 71 a. 2 s. c.

Auf der anderen Seite ist „jedes Laster oder jeder Fehler eben schon insoweit gegen die Natur,“ nach Augustin. (3. de lib. arb. 13.)

Iª-IIae q. 71 a. 2 co.

b) Ich antworte, die Tugend sei im Gegensatze zum Laster. Nun ist die Tugend eine Verfassung indem, worin sie ist, welche gemäß der Natur dasteht. Also ist das Laster oder der Fehler deshalb gerade Laster oder Fehler, weil die Natur entgegensteht; und gerade deshalb wird etwas getadelt, was fehlerhaft ist.

Dabei ist jedoch zu beachten, daß die Natur eines jeden Dinges in erster Linie die bestimmende Wesensform ist, der gemäß das betreffende Ding einer bestimmten Gattung zugehört. Der Mensch nun gehört zu seiner Gattungsstufe auf Grund der vernünftigen Seele als der bestimmenden Form. Was also gegen die Ordnung der Vernunft ist, das ist recht eigentlich gegen die Natur des Menschen, soweit er Mensch ist. Und was gemäß der Richtschnur der Vernunft ist, das ist gemäß der Natur des Menschen als solchen. „Das dem Menschen entsprechende Gute besteht darin, daß er gemäß der Vernunft ist; das Übel für ihn ist, der vernünftigen Ordnung entgegen zu sein,“ sagt Dionysius. (4. de div. nom.) Die menschliche Tugend also ist insoweit geeignet, den Menschen und sein Werk gut zu machen als sie der Vernunft und somit der menschlichen Natur gemäß ist; das Laster aber ist deshalb Laster und gegen die menschliche Natur gerichtet, weil es gegen die vernünftige Ordnung ist.

Hier macht der hl. Thomas nochmals klar, dass die eigentliche natürliche Verfassung des Menschen, also seine Natur, seine Vernünftigkeit ausmacht, welche er als schlussfolgerndes Denken innerhalb der Gott gegebenen Ordnung bestimmt. So kann, mach Thomas die menschliche Vernunft, wenn sie richtig denkt, sich niemals gegen Gott richten oder gar autonom sein. Das Letztere ist moderner, nachaufklärerischer Unsinn!

Iª-IIae q. 71 a. 2 ad 1

c) I. Die Tugenden werden allerdings nicht von seiten der Natur verursacht gemäß dem vollendeten thatsächlichen Sein. Sie neigen aber hin zu dem, was der Natur gemäß ist d. h. nach der Ordnung der Vernunft. Deshalb sagt Cicero (2. de invent.): „Tugend wird ein Zustand genannt, der nach Weise der Natur der Vernunft gemäß ist.“ Und so ist das Laster gegen die Natur.

Denn die Tugend ist gleichsam die natürliche Bewegung, das Laster die unnatürliche Bewegung.

Iª-IIae q. 71 a. 2 ad 2

II. Aristoteles spricht hier von dem, was der Natur entgegensteht, soweit dieses „gegen die Natur“ entgegengesetzt ist dem „von der Natur selbst sein“; nicht aber spricht er hier in dem Sinne, insoweit etwas gemäß der Natur und etwas Anderes nicht gemäß der Natur ist. Im letzteren Sinne aber sind die Tugenden gemäß der Natur, insofern sie hinneigen die Vermögen zu dem, was der Natur entspricht.

Iª-IIae q. 71 a. 2 ad 3

III. Im Menschen ist die sinnliche und die vernünftige Natur. Und weil der Mensch vermittelst der Thätigkeit der Sinne zur Thätigkeit der Vernunft kommt, insoweit durch die Sinne der Gegenstand für das vernünftige Erkennen vorbereitet wird; deshalb bleiben viele bei den Sinnen stehen und folgen vielmehr der sinnlichen Neigung wie der vernünftigen Regel. Denn die Mehrzahl gelangt wohl dazu, eine Sache zu beginnen; wenige aber, sie zu vollenden. Und daher kommen die Fehler und Laster, daß man dem sinnlichen Teile viel lieber folgt wie der Vernunft.

Der Mensch besteht nach Thomas aus dem sinnlichen und dem vernünftigen Teil und jedem von ihnen werden andere Tugenden und Laster zugeordnet. Wie wir uns denken können, sind die intellektuellen Tugenden schwerer erreichbar als die anderen, weil sie mit mehr Anstrengung verbunden sind.

Iª-IIae q. 71 a. 2 ad 4

4. Was gegen die Natur des Kunstwerkes sich richtet, das ist auch gegen die Natur der betreffenden Kunst. Das ewige Gesetz aber ist das für die Ordnung der Vernunft, was die Kunst ist für ein Kunstwerk. Also ist dies ganz dem nämlichen Ursprünge zugehörig, daß Laster und Sünde gegen die Ordnung der menschlichen Vernunft sind und zugleich gegen das ewige Gesetz sich richten. Denn „von Gott haben alle Naturen, was an Natur in ihnen ist; sie sind fehlerhaft, insoweit sie sich entfernen von der Kunst, die sie hervorgebracht.“ (August. 3. de lib. arb. 6.)

Was gegen die gottgegebene Natur ist, ist auch gegen das Gesetz Gottes. Entfernt sich eine Natur von Gott, so stürzt sie ins Nichts. Die gefallenen Engel haben es uns vorgemacht.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/12/29/acedia-oder-zu-faul-uber-die-geistige-tragheit-2/

[2] http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel192-1.htm

[3] IaIIae q. 71 a.1 ad 3.

[4] http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel192-2.htm

Acedia oder zu faul – über die geistige Trägheit (3). Acedia ist Sünde.


accidia

In der nachkonziliaren Kirche herrscht eine Verweiblichung und Verweichlichung von allen, so dass jeder jammert und sich auf jegliche Art und Weise entschuldigt. Es ist aber keine Entschuldigung im Sinne:

„Ich habe etwas falsch gemacht, ich werde mich bessern.“

Sondern eine Entschuldigung im Sinne:

Ich bin ein Opfer, ich kann nichts dafür. Und außerdem bin ich ja so süß. (Augenaufschlag nach oben)

So verfahren kleine und größere Mädchen, manchmal auch sehr große und sehr alte. Bei Männern ist es tatsächlich von Nachteil, denn obwohl man mit dem wachsenden spirituellen Leben tatsächlich immer sensibler wird, so wird man nicht wehleidiger, sondern härter. Die Sensibilität betrifft ja das Übernatürliche, das Göttliche. Ohne eine bestimmte Reinheit, Geistigkeit und Sensibilität, die ja vom sensus fidei, dem Glaubenssinn, kommt, können wir das göttliche Licht nicht einsehen oder empfangen. Aber geistliches Leben ist auch Kampf und zwar wirklich buchstäblich. Gegen die Welt, das Fleisch und den Dämon. Die Konzilsdokumente verwenden nicht ein einziges Mal den Begriff „kämpfende Kirche“ (Ecclesia militans), was dazu geführt hat, dass man diese Wahrheit nicht mehr kennt. Durch diese Feminisierung der Kirche ziehen immer mehr Homosexuelle in den Klerikerstand ein oder sie werden nach dem Eintritt homosexuell, was auch passieren kann. Die Geistlichen jammern, beschweren sich, fühlen sich permanent als Opfer oder Betroffene, manchmal von einer Depression. Ist erst einmal die Depression diagnostiziert, dann lässt man die Hände im Schoß ruhen, denn man ist entschuldigt: Es ist eine Krankheit und man hat es schriftlich! Da der Schreiber dieser Zeile viele depressive oder schwer depressive Menschen kannte, so weiß er, dass man durch ein diszipliniertes Leben vor allem aber ein Gebetsleben dieser Schwermut Abhilfe schaffen kann, sodass die Selbstdisziplin tatsächlich besser hilft als es Medikamente tun. Aber man muss es wollen, denn eine verkehrte, sprich sündige Lebensweise führt ja zu einer dauernden Traurigkeit oder Depression. Alle Psychiater oder Psychologen wissen, dass eine Depression die Folge von:

  • Alkoholismus,
  • Drogensucht,
  • Pornosucht,
  • Ausschweifung,
  • Abtreibung,
  • anderen Süchten
  • Faulheit

ist. Alle harten und weichen Süchte verändern die „Gehirnchemie“ so, dass Depressionen auftreten und zwar durch den Serotoninmangel. Es ist eine Sache von Ursache und Wirkung. Ebenfalls der Lebenswandel: keine Anstrengung, keine Belohnung im Gehirn. So einfach ist das. Ob man dies seinen Patienten tatsächlich sagt, die ja den eigenen Unterhalt sichern, steht auch einem anderen Blatt.

Der hl. Thomas befasst sich auch mit dieser Thematik, indem er beweist, dass Acedia nicht nur eine Leidenschaft (passio) also psychischer Grundbaustein, sagen wir Veranlagung, oder eine körperlicher Mangel (defectus corporalis), wie eingeborener Serotoninmangel, den es auch geben soll, sondern tatsächlich eine ethisch und moralisch relevante aktuelle Sünde, die man beichten soll.

„Ich habe mich wieder der Acedia hingeben“.

Wir wollen den Text vom hl. Thomas (IIª-IIae q. 35 a. 1) diesmal abschnittsweise vorstellen und kommentieren, was uns vielleicht die Aufnahmefähigkeit erleichtert.[1]

Erster Artikel.
Die geistige Trauer (acedia) ist eine Sünde.

[Videtur quod non. Die Gegeneinwände] Dem scheint nicht so.

[Es scheint, dass Acedia keine Sünde ist] Denn:

IIª-IIae q. 35 a. 1 arg. 1

  1. Wegen der Leidenschaften verdienen wir weder Tadel noch Lob, nach 2 Ethic. 5. Die Acedia aber ist eine Leidenschaft (passio). (Vgl. Damascenus 2 de orth. fide 14.)

Ja, die Alten sprachen von den Leidenschaften (passiones), wir sprechen von genetischer Veranlagung, psychischer Grundstruktur, Temperament etc. Dies ist sogar wahr, denn die Menschen sind verschieden, aber es ist solange gut diese Argumente zu verwenden, wenn sie nicht dazu dienen die Hände in den Schoß zu legen und sich vor jeder Anstrengung zu entschuldigen. Sicherlich gibt es Menschen, die niemals an einer Depression erkranken werden und denen sogar tiefe Trauer unbekannt sein wird. Aber leidet jemand daran, wie z.B. an einer Sportverletzung, dann muss er sich einfach mehr anstrengen, um diesem Mangel abzuhelfen. Denn der Teufelskreis lautet: keine Anstrengung also depressiv also keine Anstrengung also noch depressiver.

IIª-IIae q. 35 a. 1 arg. 2

2. Keine körperliche Schwäche (defectus corporalis), die zu gewisser Stunde eintritt, hat den Charakter der Sünde. Die geistige Trauer aber kommt von einer solchen Schwäche, nach Kassian (10. de institutis monach. c. 1.): „Die geistige Trauer beunruhigt zumal um die sechste Stunde den Mönch; wie ein Fieber, das zur gewissen Zeit eintritt und der kranken Seele zur gegebenen festen Stunde Gluthitze verursacht.“

Schon Johannes Kassian und vor ihm die Wüstenväter haben beobachtet, dass die Acedia die Mönche zu der größten Tageshitze, also um die Mittagszeit der sechsten Stunde befiehl. Warum gerade dann? Weil im Süden bei einer Hitze, die bis 60 Grad betragen kann das Leben buchstäblich erstarrt. Man fühlt sich buchstäblich von der Hitze gelähmt und sucht das Kühle oder den Schatten. Man ist also rein körperlich gesehen in der schlechtesten Verfassung, da man wahrscheinlich hungrig ist, aber keinen Hunger fühlt, die Wüstenväter aßen einmal am Tag am Abend, und sich fragt, was das alles soll. Der halbe Tag ist um und man hat nichts rechtes geschaffen. In unseren Breitengraden ist es eher der Abend, wo die Acedia einen überfällt, es sei denn wir haben andere Erfahrungen.

IIª-IIae q. 35 a. 1 arg. 3

III. Die geistige Trauer kommt aus guter Wurzel, ist also keine Sünde. Denn Kassian sagt (l. c.): „Die geistige Trauer kommt daher, daß jemand darüber seufzt, er bringe keine geistige Frucht hervor und daß jemand andere weit entfernte Klöster glücklich preist.“

Weiter schreibt Kassian zurecht, dass man deswegen trauert, weil man keine „Leistung“ sieht. Wieder nichts oder zu wenig geschafft. Und dann unterbreitet uns der Teufel Trugbilder von Ländern, Zeiten, Klöstern oder anderen Gemeinschaften, wo das Gras natürlich viel grüner ist und wo es uns, falls wir dort wären, natürlich viel besser ginge. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

„Da wo wir nicht sind, da ist das Glück“,

sagte schon Goethe in „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn“, der wahrscheinlich auch von dem Mittagsdämon geplagt wurde. Auch wenn der Zeitpunkt des Überfalls des Mittagsdämons sich je nach Mittag verschieben muss, so findet er, wie es scheint, niemals in den frühen Morgenstunden statt und somit ist Acedia etwas anderes als Depression. Diese Sicht der Dinge zu entwickeln, dass Gott gerade uns hier und jetzt fordern und heiligen will, ist der erste Schritt zur Genesung. Denn wenn wir uns permanent nach der guten alten Zeit vor dem Konzil oder nach anderen Dingen sehnen werden, so werden wir dadurch an unserer eigenen Heiligung hier und jetzt gehindert.

IIª-IIae q. 35 a. 1 arg. 4

IV. Jede Sünde muß geflohen werden, nach Ekkli 31.: „Wie vor dem Angesichte der Schlange fliehe vor der Sünde.“ Kassian aber sagt: „Die Erfahrung hat es bewiesen, vor der geistigen Trauer soll man nicht fliehen, sondern gegen sie angehen und sie bekämpfen.“

Sehr treffende Bemerkung von Kassian. Man soll das Nichtstun der Acedia aktiv bekämpfen und nicht vor ihr fliehen in den Suff und das Konkubinat, was immer die einfachste Lösung ist.

[Sed contra. Argument ex auctoritate]

IIª-IIae q. 35 a. 1 s. c.

Auf der anderen Seite wird diese Trauer durch die Schrift verboten. Denn Ekkli. 6. heißt es: „Lege darunter deine Schulter und trage sie (die Weisheit) und sei nicht traurig in ihren Fesseln.“ Somit ist Acedia Sünde.

„Sei nicht traurig“ – ist eine kategorischer Imperativ, also wir haben langfristig Einfluss auf unsere Gefühle und die Taten, die von ihnen herrühren.

IIª-IIae q. 35 a. 1 co.

b) Ich antworte, nach Damascenus sei die geistige Trauer oder Trägheit etwas Beschwerendes, die den Geist so niederdrückt, daß er nichts mit selbständiger Freiheit anzugreifen wagt. Sie schließt also einen gewissen Ekel am Wirken und Arbeiten ein, wie die Glosse sagt zu Ps. 106.: omnem escam abominata est anima eorum: „Die Trauer ist eine Unthätigkeit des Geistes, die vernachlässigt, das Gute frischweg zu thun.“

Derartige Trauer aber ist schlecht 1. an und für sich, wenn ihr Grund und ihre Veranlassung ein anscheinendes Übel ist, was aber in der Wirklichkeit ein Gut ist. Da nun ein geistiges Gut immer in Wahrheit als ein Gut dasteht, mag es auch als ein Übel äußerlich erscheinen, so ist die Trauer über ein solches Gut immer an und für sich, dem inneren Wesen nach, schlecht. Mag aber auch der Grund für die Trauer ein wirkliches Übel sein, so ist sie doch 2. schlecht in ihrer Wirkung, wenn sie nämlich dermaßen beschwert, daß sie vom guten Thätigsein ganz und gar abzieht. Deshalb will der Apostel (2. Kor. 2.) nicht, „daß der reuige Sünder von zu großer Trauer über die Sünde verzehrt werde.“

Da also die Trauer, wie sie hier in Betracht kommt, entweder an sich ein Übel ist oder in ihrer Wirkung, so ist sie immerdar eine Sünde. Denn das Übel in den Thätigkeiten des vernünftigen begehrenden Teiles (malum enim in motibus appetitivis) nennen wir Sünde (peccatum).

Was lernen wir daraus? Dass das geistliche Leben eine Tätigkeit ist und zwar des vernünftigen, begehrenden Teiles der Seele, also des Teils der Seele, der nach etwas Gutem strebt und es vernünftig tut, ohne an dieser Stelle die ganze Anthropologie des Aquinaten vorzustellen. Es ist also das aktive Vermeiden des Guten,

„so ist die Trauer über ein solches Gut immer an und für sich, dem inneren Wesen nach, schlecht.“

Mag uns das Gut auch als beschwerlich vorkommen, so hört es nicht auf Gut zu sein. Daher ist die Acedia, „die vom guten Thätigsein ganz und gar abzieht“ eine Sünde und zwar im Sinne einer Unerlassungssünde.

[Entkräftigung der Einwände aus Teil Videtur quod non]

IIª-IIae q. 35 a. 1 ad 1

c) I. Je nachdem die Leidenschaften zu etwas Schlechtem hingewandt werden, sind sie zu tadeln; nicht an und für sich. Die Trauer an sich also ist weder Tugend noch Sünde. Hat sie ein Übel zum Gegenstand und ist sie geregelt, so ist sie etwas Gutes. Verbreitet sie sich über ein Gut und ist sie ungeregelt, auch wenn ein Übel ihr Gegenstand ist, so ist sie Sünde.

Auf den ersten Einwand antwortend, stellt der hl. Thomas fest, dass die Leidenschaften (passiones) zwar an sich neutral sind, aber dann gut oder schlecht werden, wenn sie sich nach etwas Gutem oder Schlechten richten. Also der Kontext spielt eine Rolle und zwar nicht im Sinne von Relativismus, da, nach hl. Thomas, das Gute an sich und die mit ihm verbundene Ordnung (ordo) an sich existiert. Daher sind die passiones, welche innerhalb dieser objektiven Ordnung sich nach dem Gut richten geordnet (ordinatae), die anderen hingegen sind ungeordnet (inordinatae). Es stimmt, dass wir alle über mehr oder weniger ausgeprägte Gefühlsregungen (passiones) verfügen, aber wonach wir sie richten und wie wir sie einsetzen, dies bleibt in unserem Ermessen.

IIª-IIae q. 35 a. 1 ad 2

Die Leidenschaften im sinnlichen Teile können an sich läßliche Sünden sein, indem sie zur Todsünde hinneigen. Und weil der sinnliche Teil an ein körperliches Organ gebunden ist, so wird gemäß der Veränderung in diesem der Mensch geeigneter zu einer Sünde. Also kann es ganz wohl geschehen, daß gemäß solcher körperlichen Veränderungen zu gewisser Zeit der Mensch zu einer Sünde mehr hinneigt und von ihr in höherem Grade bekämpft wird. Jeder körperliche Mangel nun bereitet an und für sich die Seele zur Trauer vor. Deshalb werden jene, die da fasten, um die Mittagszeit, wann sich der Mangel an Speise mehr fühlbar macht und dazu die Gluthitze der Sonne kommt, in höherem Grade von der geistigen Trägheit bekämpft.

Ja, Leidenschaften führen zu lässlichen Sünden und lässliche Sünden führen zu Todsünden, wenn man sie nicht bekämpft. Am Anfang stehen tatsächlich körperliche Veränderungen, welche aber nicht neutral sind, sondern entweder zum Guten oder zum Schlechten führen. Deswegen wird man um die Mittagszeit mehr von der Acedia angefochten als zu anderen Tageszeiten. Es bleibt also zu bedenken: dann und dann wird es kritisch und dem entgegenwirken.

IIª-IIae q. 35 a. 1 ad 3

Die Demut lehrt dem Menschen, die eigenen Mängel zu betrachten und sich nicht zu erheben. Die von Gott erhaltenen Vorzüge aber verachten gehört zur Undankbarkeit; und aus dieser Verachtung kommt die geistige Trägheit, denn was für wertlos wir in uns erachten, darüber trauern wir wie über ein Übel. Es muß demgemäß jemand das Gute in den anderen in der Weise anerkennen, daß er das ihm selbst von Gott zu eigen verliehene Gute nicht mißachtet.

Sehr weise Worte, denn mit nichts wird mehr Schindluder getrieben als mit der falschen Demut. Fühlt sich jemand so mutlos und wertlos, dass er glaubt seine geistige Anstrengung ist nichts wert, weil er selbst nichts wert ist, dann öffnet er dem Teufel Tor und Tür. Wenn wir in uns selbst „das Gute nicht anerkennen“, dann kämpfen wir weder um unsere eigene Würde und Identität, noch können wir das Gute in den Anderen anerkennen. Dies führt aber zum Neid auch zum Neid um geistliche Schätze. Denken wir immer wieder daran:

Die von Gott erhaltenen Vorzüge aber verachten gehört zur Undankbarkeit…

Der Vorzug besteht schon darin, dass man glaubt und betet, denn wie viele tun es nicht und das gefällt dem Teufel nicht und deswegen will er uns durch die falsche Demut zuerst in die geistige Trägheit, denn das, was mir machen ist eh nichts wert, und danach in die Verzweiflung stürzen. Viele Beichtväter bremsen uns ganz instinktiv, denn sie werden doch keinen zu keiner größeren Heiligkeit führen als zu der, die sie nicht erreicht haben. Man muss also wachsam bleiben und sich nichts einreden lassen.

IIª-IIae q. 35 a. 1 ad 4

Die Sünde ist immer zu meiden. Manchmal aber wird die Versuchung zur selben leichter überwunden dadurch, daß man vor ihr flieht, und manchmal leichter dadurch, daß man gegen sie angeht. So mahnt der Apostel 1. Kor. 6.: „Flieht vor der Wollust;“ denn der beständige Gedanke daran mehrt den Reiz zur Sünde. Wenn aber der beständige Gedanke daran den Reiz mindert oder fortnimmt, so muß man gegen solche Versuchungen positiv angehen. Dies ist nun bei der geistigen Trauer der Fall. Je mehr die geistigen Güter betrachtet werden, desto mehr gefallen sie und schwindet die Trägheit.

Die geistige Trägheit muss also durch die geistige Passion, Leidenschaft bekämpft werden. Je geschmackloser die Religion dargestellt wird, desto weniger Menschen wird sie anziehen, ebenso die Liturgie und das Gebet. Deswegen wurden die geistlichen Quellen, d.h. die Messe und das Brevier nach dem Konzil so fade gemacht, damit sich niemand für sie begeistert. Aber entdeckt man wirklich das wahre Katholische im Geistlichen und Intelektuellen, so kann man sich nur dafür begeistern und bereuen, dass man es nicht früher entdeckt hat. Leider machen es unsere Geistlichen diese Entdeckung so schwer nur wie möglich.

[1] Der Text findet sich hier: http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel551-1.htm