Die kleine Anzahl der Geretteten oder was ist wahrscheinlicher? (3 von 5)


Crucifixus jansen

Permanente Unterstützung durch die vielfache Gnade

Gott gibt seinerseits wirklich alles, denn er ist vollkommen und deswegen liegt es an uns, wenn wir nicht gerettet werden. Konsequenterweise lautet die Sententia communis gegen die Jansenisten wie folgt:

Der allgemeine, vorangehende Heilswille Gottes betätigt sich darin, dass Gott allen Menschen zureichende Gnade (gratia sufficiens) zur Erlangung des ewigen Lebens verleiht. [1]

Was ist aber die zureichende Gnade (gratia sufficiens)? Es ist diejenige aktuelle Gnade, also die vorübergehende übernatürliche Bewegung, welche die Befähigung zu einer Heilstätigkeit verleiht. Weil Gott alles Wollen und Vollbringen in uns bewirkt (Phil 2,13), wenn wir ihn lassen und alles Gute von ihm kommt, darum gibt er uns auch zu unseren täglichen Werken, wie das Schreiben dieses Aufsatzes, ausreichend viel Gnade, welche in diesem Falle die zureichende Gnade (gratia sufficiens) heißt. Daher lautet das Dogma:

Es gibt eine gratia sufficiens [zureichende Gnade], d.h. eine Gnade, die zu einem Heilswerk das Können verleiht und ohne die das Heilswerk unmöglich ist. (De fide, DH 397, 1536, 1568, 1572)[2]

Diese Gnadenhilfe bleibt aber auch dann bestehen, wenn man sie gar nicht in Anspruch nimmt:

Es gibt eine gratia vere et pure sufficiens [eine wahrhaft und rein zureichende Gnade], d.h. eine Gnade, die für ein Heilswerk wahrhaft zureicht, obwohl durch die Schuld des geschaffenen Willens dieses Werk unterbleibt. (De fide, DH 1554, 2306)[3]

Dies bedeutet,  dass Gott sogar Gnadenmittel für Taten gibt, welche Sie gar nicht vollbringen, weil sie dazu zu faul sind. Aber die Gnade nötigt den freien Willen nicht:

Die wirksame Gnade (gratia efficax) nötigt den Willen nicht zum Guten; er ist vielmehr unter ihrem Einfluss in der seiner Natur entsprechenden Weise, d.h. mit Freiheit, tätig. (De fide, DH 1554, 1525)

Was ist die wirksame Gnade (gratia efficax)? Es ist diejenige Gnade, die wirksam oder effizient ist, weil sie die Heilstätigkeit wirklich herbeiführt.[4] Wer erhält aber ausreichend viel Gnadenhilfe von Gott? Alle, wirklich alle. Die Kirche lehrt nämlich:

Jeder Gerechte erhält zur Beobachtung der göttlichen Gebote nach dem jeweiligen Bedürfnis die gratia proxime vel remote sufficiens, solange er sich ihrer nicht unwürdig macht (De fide, DH 397, 1568, 2001)[5]

Was bedeutet gratia proxime vel remote sufficiens? Es ist die Gnade, die in nächster (proxime) Weise oder in entfernterer Weise (remote) zu einem Heilssakt genügt (sufficit daher sufficiens). Diekamp-Jüssen fasst es wie folgt auf:

„Wenn die Gnade zu einem bestimmten Heilswerk, z.B. zu einem Akt der Feindesliebe, nicht ohne weiteres ausreicht, sondern der Seele vorerst nur die Fähigkeit zu einer geringeren Leistung gibt, durch die sie sich zum schweren Werk zurüsten soll, so ist diese Gnade zur geringeren Leistung proxime sufficiens [in nächster Weise ausreichend Red.], zum schweren Werk remote sufficiens [in entfernterer Weise ausreichend Red.]. Namentlich die Gebetsgnade, dient oft als gratia remote sufficiens [in entfernterer Weise ausreichende Gnade] zu einem schweren Werk; zum Gebet selbst reicht sie unmittelbar aus, zum schweren Akt noch nicht; wer sie gut benutzt, soll die zur schweren Leistung erforderliche Gnadenhilfe erhalten.“[6]

Weil wir hier auch Leser haben, die Panikattacken erleiden sooft sie ein lateinisches Wort sehen, daher ein paar Worte der Erläuterung. Die katholische Gnadenlehre ist sehr ausgebaut und für jede Gnadenhilfe gibt es ein eigenes Fachwort, welches in die jeweilige Landessprache übersetzt immer ein wenig Wirkung und Kraft verliert. Obwohl die Gnade Gottes eins ist, so wird sie unsererseits analytisch unterteilt wie das Licht im Prisma. Gott gibt uns einfach ausreichend Gnade für jede Situation in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, um es aber richtig darzustellen, muss man es gründlich unterteilen. Man kann sich diese Lehre von der gratia proxime vel remote sufficiens wie Zahnräder vorstellen. Um ein großes Zahnrad anzutreiben, treibt man zuerst ein kleineres an. Und so macht es Gott auch mit uns, um uns genügend Gnade zu schweren Aufgaben zu geben, wie z.B. das Märtyrium, gibt er uns zuerst kleinere Gnadenhilfen, welche, falls wir sie annehmen, uns auf das große Zahnrad vorbereiten. Es ist wirklich wie beim Krafttraining, um irgendwann einmal ihr eigenes Körpergewicht im Bankdrücken zu stemmen, müssen Sie systematisch mit kleineren Gewichten anfangen. Von Gott aus liegt absolut alle Gnade bereit, es liegt an uns, wenn wir sie nicht in Anspruch nehmen.

Gott gibt aber die gratia proxime vel remote sufficiens nicht nur den Gerechten, also getauften Menschen im Gnadenstand, sondern, wie die Kirche lehrt, wirklich allen.

Gott gibt allen Sündern, sogar den verstockten und verblendeten, die gratia proxime vel remote sufficiens zur Bekehrung. (Sententia nunc communis)[7]

Die Kirche lehrt, nach der übereinstimmenden Meinung der Theologen (sententia communis), bezüglich der Getauften, die in schwere Sünde gefallen sind, dass sie im Bußsakrament stets Verzeihung erlangen können (DH 802, 1701), folglich haben sie die dazu erforderliche Gnade. Gott gibt auch den Verruchtesten und Verstockesten Gelegenheit zur Buße (Weish 12, 1 ff., Prov 1, 23 ff, Apg 7, 51, Röm 2, 4)

Jeder Ungläubige empfängt die gratia sufficiens zum Glauben (sententia certa).[8]

Also auch die Ungläubigen sind nicht außerhalb der Umlaufbahn der Gnade Gottes. Sie erhalten so viel Gnade, dass sie sich bekehren können. (DH 2305, 1376, 2426)

[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik,  222.

[2] Ebd., 707.

[3] Ebd., 708.

[4] Ebd. 669

[5] Ebd. 741.

[6] Ebd. 770.

[7] Ebd. 742.

[8] Ebd., 744.

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