Notae theologicae oder die dogmatische Gewissheit. (3 von 4) Theologische Gewissheitsgrade


Bonaventura 1

Gewissheitsgrade und notae theologicae

Im Abschnitt „der Gegenstand der kirchlichen Lehrgewalt“ lesen wir bei Diekamp-Jüssen:

„Die kirchliche Lehrgewalt und ihre Unfehlbarkeit erstreckt sich auf die gesamte Offenbarungswahrheit und alles, was zu dieser in innerer Beziehung steht“.[1]

Was bedeutet das? Dass verbindlich das zu glauben ist, was die Kirche als verbindlich zum Glauben bestimmt. Und „was bestimmt sie als verbindlich zu glauben“ oder anders gefragt:

Wie viele Dogmen gibt es wirklich?

Es gibt genau 245 Dogmen der Kategorie de fide.

Was bedeutet diese Kategorie? Dazu muss man wissen, dass nicht jede Glaubensaussage gleich ein Dogma ist, weswegen die Kirche verschiedene theologischen Gewissheitsgrade festgelegt hat, welche sich nach dem Maß der Klarheit und Sicherheit richten, mit dem eine Wahrheit in der Offenbarung ausgesprochen und von kirchlichen Lehramt vorgelegt ist. Je höher eine Lehre klassifiziert ist, desto schwerer das Vergehen gegen diese Lehre.[2] Stellt man die Gewissheitsgrade, ihre Bedeutung und die Zensuren, welche den Grad der Verwerflichkeit oder Bedenklichkeit bezeichnen, so ergibt sich die folgende Tabelle.[3] Sie wurde nach der Seite The Church’s Theological Notes or Qualifications[4] zusammengestellt, die wiederum auf dem Buch On the Value of Theological Notes and the Criteria for Discerning Them by Father Sixtus Cartechini S.J. (Rome, 1951) fußt, einem Werk, welche für die Mitarbeiter des Heiligen Offiziums herausgegeben wurde.[5] Also noch katholischer geht es wirklich nicht! Sie liest sich wie folgt:

Bezeichnung Bedeutung Zensur
1. De fide Glaubenswahrheit mit dem höchsten Gewissheitsgrad, welche als solche durch das Lehramt bezeichnet wurden:
a. De fide divina et catholica definita oder de fide definita Dogmen, welche ex cathedra durch den Papst oder durch ein Konzil bzw. das  Lehramt (de fide ecclesiastica definita) verkündet wurden. Sententia haeretica
b. De fide divina et catholica auch de fide divina et ecclesiastica Glaubenswahrheiten von Gott geoffenbart und als solche im unfehlbaren Lehramt der Kirche weitergegeben. Propositio haeresi proxima
c. De fide divina Glaubenswahrheiten von Gott geoffenbart, obwohl die Kirche diese Glaubenswahrheit nicht dogmatisch festlegte. Haeresim sapiens oder de haeresi suspecta
2. Fides ecclesiastica Glaubenswahrheiten durch die Kirche gelehrt (veritates catholicae), von Gott nicht direkt geoffenbart, aber mittelbar aus der Offenbarung deduziert.
a. Sententia fidei proxima Der geoffenbarte Charakter dieser Glaubenswahrheit wird von allen Theologen und von der Kirche anerkannt. Diese Ansicht ist aber nicht unfehlbar.  

 

 

Propositio erronea oder error

b. Ad fidem pertinens, theologice certa Diese Glaubenswahrheit steht in einem inneren Zusammenhang mit der geoffenbarten Wahrheit.
c. Sententia communis Glaubenswahrheit wird von den meisten Theologen für eine solche gehalten, bei einer schweigenden Zustimmung der Kirche. Eine Diskussion über den Gewissheitsgrad ist möglich. Propositio temeraria
d. Sententia probabilis lub probabilior Glaubenswahrheit für welche die besseren Argumente sprechen. Freie Diskussion ist darüber möglich.
e. Sententia pia Fromme Meinung über ein Thema, ohne eine doktrinelle Gewissheit.
f. Sententia tolerata Eine Ansicht, die von der Kirche geduldet, aber nicht empfohlen wird.

Andere Bestimmungen der kirchlichen Zensuren sind woanders auf unserem Blog zu finden, sodass die Kategorie der Zensuren unterhalb sententia temeraria noch durchaus ausbaufähig ist. Was aber die obere Tabelle klar machen soll, ist die innere Verbindung zwischen der Verbindlichkeit und der Verwerflichkeit der Glaubenswahrheiten. Je höher eine Glaubenswahrheit eingestuft ist, desto verwerflicher ist ihre Verneinung. Jedoch ist nicht alles eine Häresie (sententia haeretica) im eigentlichen Sinne, sondern nur das, was sich gegen die Kategorie 1.a) richtet, d.h. gegen die Kategorie De fide divina et catholica definita oder de fide definita. Leider gehen die meisten katholischen, insbesondere traditionalistischen Blogger sehr inflationär mit dem Adjektiv „häretisch“ um. Nicht alles ist häretisch und nicht alle nachkonziliaren Päpste waren Häretiker in forum externum im eigentlichen, wahren und theologischen Sinne des Wortes. Unserer Meinung nach hat kein nachkonziliarer Papst vor Franziskus eine Häresie in forum externum begannen. Dies tat erst Bergoglio, was man dem Brief der 45 mit genaueren Angaben zu Zensuren entnehmen kann. Die Päpste Johannes XIII bis Benedikt XVI. treffen als Päpste höchstens schwächere Zensuren, von 1.b. aufwärts, ebenso ihr theologisches Privatwerk. Wir verleihen der Theologie des Leibes,[6] welche Johannes Paul II als Papst zwar, aber als seine theologische Privatmeinung, so Don Pietro Leone, unterrichtet hatte, die Zensur haeresim sapiens oder haeresim suspecta, was aber trotz allem keine sententia haeretica ist. Die inkriminierten Sätze von Kardinal Müllers Privatwerk bezeichnen wir als propositio haeresi proxima, was ebenfalls keine Häresie im Sinne einer sententia haeretica ist.[7] Wenn uns jemand sagt, dass diese theologische Einstufung nur unsere private Meinung ist, so müssen wir einwenden, dass wir zwar kein Amt in der Kirche besitzen, welches verbindlich irgendwelche Zensuren verhängen könnte, dennoch dies Zensurbestimmung keine subjektive Meinung ist. Denn man bestimmt in der Theologie die Zensuren so, wie das Strafmaß im Strafrecht bestimmt wird. Reicht ein Tathergang nicht für den Strafbestand einer Straftat aus, für welche Tatbestand, Rechtswidrigkeit und Schuld kennzeichnend sind, so ist es keine Straftat, sondern nur eine Ordnungswidrigkeit oder überhaupt kein Strafwürdiges vergehen. Reicht ein theologischer Unsinn nicht für die Zensur sententia haeretica aus, dann ist es keine Häresie. Der Grund, warum die theologischen Zensuren und die Lehre von den dogmatischen Gewissheitsgraden auch bei Profi-Theologen so unbekannt ist, hängt damit zusammen, dass nach Vat. II kaum etwas zensuriert wird und schon gar nicht mit diesen Bezeichnungen, aus „pastoralen Gründen“, wie immer. Um die

[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Will: Alverna 2011, 80.

[2] Ebd., 81-82.

[3] Angabe nach:  Antonius Panormitanus, Scrutinium doctrinarum qualificandi assertionibus, thesibus atque libris conducentium, Romae 1709; Viva, S.K., Damnatarum thesium theologica trutina, Paduae 1737. Erster Teil ist online: https://books.google.de/books?id=fsUPpE6-KlEC&pg=PA361&lpg=PA361&dq=Damnatarum+thesium+theologica+trutina&source=bl&ots=uQyHiYW20F&sig=decCEvQ8wNjozMU-Ss8qxOGdFHI&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjb87no5KLMAhUI2CwKHS4lCwwQ6AEIQjAG#v=onepage&q=Damnatarum%20thesium%20theologica%20trutina&f=false; Montagne, Cl., De censuris seu notis theologicis (Migne, Theol. Cursus, I, 1111-1222); Quilliet, H., in Dict de Théol. (Mangenot), t. II, 2101. Por. https://books.google.de/books?id=OL0_AAAAcAAJ&pg=PA73&lpg=PA73&dq=propositio+praesumptuosa&source=bl&ots=VJ5yBXYmjR&sig=1FjosGORo_9YNDzWy2C6yU_rlWc&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjWsOPAnqfMAhVC3CwKHdyjCGQQ6AEIMDAE#v=onepage&q=propositio%20praesumptuosa&f=false

[4] http://www.the-pope.com/theolnotes.html

[5] Hier zu kaufen:  http://www.lulu.com/shop/sixtus-cartechini-sj/de-valore-notarum-theologicarum/paperback/product-6525626.html Interessierte können mehr zum Thema Notae-Zensuren hier nachlesen: http://iteadthomam.blogspot.de/2007/04/fundamental-theology-2-notae-theologic.html http://iteadthomam.blogspot.de/2006/05/notae-theologicae.html http://www.newadvent.org/cathen/03532a.htm

[6] So schreibt Don Pietro: ‘Theologie des Leibes’ ist der Titel, den Papst Johannes Paul II einer Reihe von Reden gab, welche zwischen September 1979 und November 1984 gehalten wurden. Wenn wir diese Lehre im Licht der Tradition bewerten, so sehen wir, dass sie in ihren grundsätzlichen Annahmen keine Entwicklung der katholischen Lehre (im Sinne einer Klärung oder Vertiefung dieser Lehre), darstellen. Sie stellen  vielmehr einen Bruch mit ihr dar, also eine Neuerung. Daher kann diese Darstellung als katholische Lehre bezeichnet werden, sondern vielmehr als eine Reihe von persönlichen Meditationen des damaligen Papstes.

Vgl. https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/06/08/fr-pietro-leone-theology-of-the-body-explained-a-traditional-catholic-view-1/

[7] https://traditionundglauben.wordpress.com/2017/07/18/der-fall-muller-oder-warum-die-wirklichkeit-beist-2-von-2/

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2 Gedanken zu “Notae theologicae oder die dogmatische Gewissheit. (3 von 4) Theologische Gewissheitsgrade

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