Pater Richard G. Cipolla, Die Entmännlichung der Liturgie im Novus Ordo (2 von 3)


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Zunächst ist Männlichkeit der Gegensatz von Sentimentalität, nicht von Gefühl an sich, sondern von Sentimentalität. Im ganzen traditionellen Ritus, der auch außerordentliche Form des römischen Ritus genannt wird, gibt es keine Spur von Sentimentalität. Dieses ist an den Rubriken und Gebeten [des Vetus Ordo Red.] ersichtlich, welche prägnant und auf den Punkt genau sind, ohne die Schönheit der Sprache zu opfern. In seinen Rubriken verhindert [der Vetus Ordo], dass die Persönlichkeit des Priesters ihre eigenen Gefühle und Entscheidungen dem Ritus aufdrückt. Wenn wir die Erkenntnis des seligen Kardinal Newman ernst nehmen, der sagte, dass Sentimentalität Säure für die Religion ist, in diem Sinne, dass sie die wahre Religion zersetzt, dann sind die Rubriken des traditionellen Ritus die kleine lila Pille, welche den Reflux der Sentimentalität in die Liturgie verhindert.[1]

Zweitens ist mit der traditionellen römischen Messe die volle Akzeptanz der Stille als das Herz der Kommunikation mit Gott gewährleistet. Die aktive Teilnahme wird hier als Kontemplation, als Gebet verstanden. Die Worte des Ritus sind nie das Entscheidende. Sie sind festgelegt und weisen immer über sich selbst hinaus. Jedermann weiß, dass bei zwei wirklichen Freunden in der Gegenwart des jeweils anderen die Herzen zueinander in absoluter Stille sprechen können. Dies ist das Schweigen des Moses vor dem brennenden Dornbusch, die Stille der Wüstenväter, die Stille, die von St. Benedikt in der Höhle von Sacro Speco ausging.

Drittens gibt es die Tatsache der Männlichkeit der lateinischen Sprache. Diese Sprache ist im Gegensatz zu der Weiblichkeit der romanischen Sprachen, sie aus ihr hervorgehen männlich in ihrer Prägnanz, ihrer Präzision, ihrer Förmlichkeit, ihrer Unbequemlichkeit und ihrem Mangel an Biegsamkeit. Selbst in den Händen eines Dichter wie Ovid, der es mit Sicherheit verstandenhat, die weiblich Seite der römischen Poesie ans Licht zu bringen, bleibt auch dort die Männlichkeit der Sprache gegen jeden Versuch, das zu ändern, in ihrer Männlichkeit bestehen.

Viertens verlangt der traditionelle römische Ritus, nicht nur in seinen Rubriken, sondern auch in seinem Wesen, eine Unterwerfung unter die Form. Er verlangt eine Unterdrückung der Selbstverwirklichung. Man wählt diesen Weg, um sich unterzuordnen. Man trifft eine Wahl, die immer eine geradezu heldenhafte Selbstlosigkeit, ein Selbstvergießen, eine Selbsthingabe an das größere Ziel einschließt.

Fünftens, sehr eng mit dem vorhergehenden Aspekt verbunden ist die Liturgie etwas Vorgegebenes, nichts Gemachtes. Man kann hier nur eintreten. Dieser Aspekt wird in den östlichen Riten noch deutlicher, in denen Rationalismus und Sentimentalität bisher nie die Chance hatten, die Gott-Gegebenheit der Liturgie zu erodieren. Diese Vor-Gegebenheit ist weder Versteinerung noch eine Leugnung organischer Entwicklung. Vielmehr ist sie wie ein großes Haus, in das man eintritt und das über viele Jahrhunderte durch die Inspiration des Geistes gebaut wurde. Das Genie und die Wahrheit von Romano Guardinis „Geist der Liturgie“ das den gegenwärtigen Papst Benedikt XVI. inspiriert, der in seinem eigenen Verständnis der Liturgie ein große Tiefe erreicht, erfasst diese absolute Vorgegebenheit der Liturgie; denn man kann nicht „im Hause des Herrn spielen“, ohne dass das Haus schon da ist, in dem man spielt. Der Priester akzeptiert das Verbot, seine eigenen Vorlieben und Missgunst hier auszuleben, zugunsten der Liturgie. Er wird dazu aufgerufen, sich nur auf das zu konzentrieren, und nur das zu tun was getan werden muss. Diese Ablösung von sich selbst akzeptiert er als Notwendigkeit, ohne die man nicht in die kosmische Liturgie eintreten kann, die Zeit und Raum transzendiert.[2]

Sechstens ist die Liturgie mannhaft in ihrem Verständnis und Gebrauch zweideutiger Gesten wie dem Kuss. Der Kuss findet sicherlich einen festen Platz im Bereich der Erotik. Und doch ist der Kuss ein Zeichen des Respekts und der Liebe sowohl zu den Kult-Gegenständen, die in der Liturgie verwendet werden als auch im Friedenskuss für diejenigen, die an der Liturgie teilnehmen. Der Kuss wird als erotisches Symbol gereinigt und auf die höchste und objektivste Ebene der Anbetung der Gegenwart Gottes in der Liturgie gehoben. Ich bin immer amüsiert und verwirrt über diejenigen, die die traditionelle römische Messe ohne die üblichen Küsse mit der Begründung feiern, dass sie irgendwie „exzessiv“ und anfällig für Missverständnisse seien. Sie sind nie übertrieben. Jesus wies Judas darauf hin, als die Frau seine Füße mit kostbarer Narde salbte. Diese Küsse sind nur dann anfällig für Missverständnisse, wenn die Liturgie ihrer angeborenen Mannhaftigkeit beraubt wird.

Schließlich akzeptiert die Liturgie in ihrer Mannhaftigkeit das wesentliche Alleinseins des Priesters inmitten seiner Gemeinde, die seine behütenswerte Herde ist, die er liebt, und für die er sterben würde, wen das notwendig wird. Der so geformte Priester steht allein am Altar, um das Heiligste für sein Volk zu opfern. Er steht in der Linie von Melchisedek, von Moses, von Paulus, von Augustinus und in der Linie von allen Heiligen, die sich nicht davor fürchteten allein vor Gott für und mit der Gemeinschaft zu sein. Dieser Priester steht vor allem in der Linie derjenigen die sich nicht scheuten, das Alleinsein des Martyriums zu erdulden.

Aus der obigen Diskussion über die Männlichkeit und Mannhaftigkeit der Liturgie folgt offensichtlich, dass die Entmannung der Liturgie die Entmannung des Priesters zur unmittelbaren Folge hat. Im Folgenden möchte ich zwei Beziehungsfelder charakterisieren, in denen der Priester genau das erfährt: eine, die direkt aus dem weltweit gefeierten Novus Ordo resultiert und eine zweite, die daraus folgt, dass die Mannhaftigkeit des Priesters vergessen und verloren wurde.

Der Priester wird durch nichts stärker entmannt als durch die moderne Gewohnheit der  Zelebration der Messe zum Volk hin. Weder ihr nicht traditionelles Wesen, weder ihre Begründung durch eine falsch verstandene und sentimentalisierende Rückbindung an eine romantisierte Antike (die Pius XII. schon in Mediator Dei als Archäologismus geißelte), noch die Verfälschung der Messe durch Betonung des völlig sekundären Mahlaspektes und Negierung des primären Opfercharakters ist hier das Problem. Das Priestertum wird in allererster Linie  geradezu geistlich kastriert durch die der Tradition völlig unbekannte und absolut neue Zelebration zum Volke hin.[3]

[1] Die Thematik der Zerstörung der wahren Religion durch ihre Reduzierung auf Gefühle allein durchzieht alle Predigten und Werke von Newman. In seiner Rede zur Verleihung der Kardinalswürde bringt er dieses Thema neu auf und nennt es Liberalismus. Diese Rede ist zugleich machtvoll wie auch vorausschauend.

[2] Zu diesem Punkt siehe: Romano Guardini, The Church and the Catholic and The Spirit of the Liturgy (Sheed and Ward: New York 1935), especially chapters 3 and 9.

[3] Die dritte Revision der Allgemeinen Einführung zum römischen Messbuch macht es mehr als deutlich, dass die Messe zum Volk hin nicht auferlegt wurde und dass die traditionelle Haltung ad orientem sicherlich erlaubt ist. Eines der großen Geheimnisse der nachkonziliaren Liturgierevolution ist die Frage, wie die Messe zum Volk hin zur Vorschrift wurde trotz der Abwesenheit von offiziellen Dokumenten, welche diese Haltung rechtfertigen würden. Über die detaillierte und nüchterne Geschichte des theologischen Verständnisses der „Ostung“ des Priesters und des Volkes bei der Zelebration der Liturgie, siehe: Uwe Michael Lang, Turning to the Lord, (San Francisco: Ignatius Press 2009). Deutsche Fassung: Conversi ad Dominum, Johannes Verlag.

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