Kard. Bona: Die Unterscheidung der Geister. (15) Katholische Anthropologie.


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Katholische Anthropologie

Nach längerer Pause, welche der Notwendigkeit der Polemik geschuldet war, kehren wir zum Eigentlichen, d.h. dem Heil unserer eigenen Seele zurück. Denn über diese werden wir im Augenblick des Todes Rechenschaft ablegen, nicht über Papst Franziskus und seine Konsorten. Wenn Hilary White dazu aufruft, dass Katholiken zu „einsiedlerischen Gebets-Ninjas“ mutieren sollten, da Papst Franziskus jetzt noch die verbleibenden kontemplativen Orden zugrunde richten wird, so ist dieser einsiedlerische Gebetsuntergrund etwas, was von einigen Katholiken seit vielen Jahren bereits praktiziert wird. Das Einsiedlertum ist aber einsam und zwar nicht nur im Sinne der fehlenden menschlichen Gesellschaft, deren Mangel gerade dem Gebetsleben zuträglich ist, sondern im Sinne der fehlenden geistlichen Leitung. Wenn Sie, mit Gottes Hilfe, in höhere Regionen des Gebetslebens vorschreiten, so finden Sie so gut wie keinen Priester, der Sie noch leiten wird, da der Zustand unserer Priesterschaft als bekannt vorausgesetzt werden kann. Sie werden sich also selbst leiten müssen, wie die ersten Einsiedler ja auch, welche vor dem arianischen Klerus (heute ist es der „franziskanische“) Zuflucht suchen mussten. Gott hat sie unterstützt und dank all den frühen Gebets-Ninjas sind später Orden entstanden, von denen wir so ca. bis 1962 zehren konnten. Dennoch ist das Einsiedlertum mit Gefahren verbunden, da man auf sich selbst gestellt sich irren und straucheln kann. Man ist aber auf sich selbst gestellt, da unsere Priester in dem moralisch-geistlichen Zustand sind, in welchem sie sind und demzufolge keine Ahnung haben.

Um jemanden zu leiten, muss man nicht nur das wissen, was oben ist, d.h. Gott und die Theologie kennen, das, was unten ist, d.h. um die Tücken des Teufels wissen, sondern auch das richtig erkennen, was in der Mitte ist, d.h. die richtig-katholische Menschenlehre also Anthropologie kennen. Wenn wir wissen, wie der Mensch an sich gestaltet ist, so können wir auch wissen, wie ihn die Gnade – Gott – oder die Ungnade- der Teufel – beeinflussen kann. Viele Regungen kommen auch von der menschlichen Natur selbst, die ja leider von der Erbsünde weiterhin lädiert bleibt. Trotz des modern-nachkonziliaren Kreisens um den Menschen können wir in der zeitgenössischen Theologie, besonders jener praktischen im Beichtstuhl, keine richtige Anthropologie finden. Nach der gängigen Meinung besteht der Mensch aus den Trieben, dem freudschen Id (Es), und der Super-Ego (Über-Ich) der Gesellschaft, in der es um das berühmte Miteinander geht. Die Triebe sollen, um Gottes willen, nicht unterdrückt werden, da man sonst „verkopft“, „verkorkst“, „verkrampft“ oder „ver-irgendwas“ wird. Für Gott ist dort wenig Platz, er bleibt entweder auf der Ebene einer kollektiven Illusion der Gesellschaft oder er ist eine Projektion des Id, da wichtige Triebe, besonders der sexuelle, verdrängt wurden. Diese hier sehr stichwortartig zusammengefassten Lehren lernt man im Theologiestudium kennen, in welchem die scholastische Anthropologie, die aristotelisch-platonisch fundiert ist, höchsten aus der historischen Sicht durchgenommen wird. Ein dermaßen ungebildeter und verbildeter Mensch kann zwar den Jargon der katholischen Akademien mitsprechen, ihm ist aber der Weg zum Verständnis aller, ja wirklich aller, Werke der spirituellen Theologie verschlossen, weil er die philosophisch-anthropologischen Strukturen, die dahinter stecken, nicht erkennen kann. Ja, ja, die modernen Theologen haben ganze Arbeit geleistet! Sehr viele Priester sind nach dem Konzil der Psychologie und dem Psychologismus auf dem Leim gegangen, zwar mit der Absicht sich weiterzubilden und den Seelen zu helfen, aber die moderne Psychologie ist von Ansatz her subjektivistisch, naturalistisch und atheistisch und somit als Werkzeug der Seelenführung ungeeignet. Die scholastische Seelenlehre ist es nicht, denn sie hat ein ganz anderes Wirklichkeitsverständnis als die moderne Psychologie, also diejenige seit William James. In der katholischen Anthropologie gibt es nicht nur und ausschließlich den Menschen, sondern Gott, die unsichtbare Welt und natürlich auch den Rest der Schöpfung. Der Mensch hat eine Natur, also das Geschöpflich-Naturhafe, er hat aber vor allem die Übernatur, welche ihn, nach der Taufe, am göttlichen Leben teilnehmen lässt. Das Psychologisieren hilft im Seelischen nicht, aber nur das bleibt den atheistischen Priestern übrig: ein bisschen Bla-Bla, ein bisschen gesunden Menschenverstand und natürlich das Miteinander.

Unterscheidung der Seelenvermögen

Um dem Mangel an katholischer Seelenlehre ein wenig abzuhelfen, wollen wir hier wirklich ganz kurz und skizzenartig die scholastische Anthropologie vorstellen, welche auch Kardinal Bona in seinem Werk anspricht. Da es sich um die Zusammenfassung der gesamten Anthropologie, Ethik und Tugendlehre des Aquinaten handelt, wie sie in Summ. Theol. 12, q. 1 – q. 66 dargelegt wird und welche in unserer Ausgabe 434 Seiten umfasst, so wird diese Skizze natürlich sehr verkürzt ausfallen. Der Schreiber dieser Zeilen hasst es etwas unvollkommen und unvollständig wiederzugeben, aber entweder man schreibt etwas jetzt ganz kurz, man schreibt es gar nicht oder man schreibt es vielleicht auf mehreren hundert Seiten in der unbestimmten Zukunft nieder.  Bei der Übersetzung des Aquinaten besteht jedoch auch das Problem, dass fast jeder Autor die Termini technici – die lateinischen Fachbegriffe – in eigener Formulierung wiedergibt, sodass im Falle, dass man die lateinische Bezeichnung nicht in Klammern anführt, dem Leser die Orientierung schwer fällt. Wir werden hier sowohl die lateinische Terminologie angeben, unsere eigene Übersetzung der Haupttermini, sowie die Terminologie von Kardinal Bona.

Nach dem thomistisch-katholischen Verständnis besteht der Mensch, wie wir bereits ahnen, aus:

  1. Körper
  2. Seele (anima)

Der Hl. Thomas von Aquin sagt, der Mensch bestehe aus dem inneren, intellektiven Teil (pars intellectiva) und dem äußeren sensitiven Teil (pars sensitiva).[1] Unter „intellektiv“ wird das geistlich-verstandesmäßige verstanden, unter dem „Sensitiven“, dass sinnlich-affektive-psychische. Wir ziehen es vor diese Wortschöpfungen zu bilden, um der modernen Zweiteilung in Seelisch-Verstandesmäßig zu entkommen. Denn der intellektive Teil (pars intellectiva) ist nicht gleich Verstand im modernen, nachcartesianischen Sinne, sondern er ist eigentlich mit der Geist-Seele gleichzusetzen mit jenem menschlichen Vermögen also, welcher sowohl die Funktionen des Körpers steuert, intellektuelle Leistungen vollbringt und zur geistlichen Erkenntnis fähig ist.

Die Seele (anima) ist das immaterielle Prinzip, welches den materiellen Körper beseelt, solange er lebt. Im Gegensatz zum modernen, nachcartesianischen Dualismus, der in Verstand und Körper zerfällt, kennt die Scholastik, wie das Altertum auch, eine Dreiteilung des Menschen. Ja, den Körper gibt es auch, aber die Seele, welche verschiedene Funktionen des Leibes steuert, setzt sich aus mehreren Teilen oder Vermögen zusammen: dem apprehensibile, irascibile und concupiscibile. Genauergenommen unterscheidet man in der Seele:

  1. Pars apprehensiva – den intellektuell stimulierten Teil – das Erkenntnisvermögen (nach Bona)
    1. Verstand (intellectus)
    2. Wille (voluntas)
  1. Pars appetitiva – den sinnlich stimulierten Teil – das Begehrungsvermögen (nach Bona)
    1. Irascibile – Zornesartig – Vermögen des Widerstrebens (nach Bona)
    2. Concupiscibile – Begehrensartig – Vermögen des Strebens (nach Bona)

Laut St. Thomas liegt all unserem Handeln ein Streben (appetitus) zugrunde. Es ist ein Streben nach etwas Gutem (bonum) und das Meiden eines Übels (malum). Denn bonum est faciendum, malum est vitandum – „das Gute ist zu tun, das Schlechte ist zu meiden“. Dieser Ausspruch ist nicht nur moralisch gemeint, sondern es ist ein Erfahrungswert: man möchte etwas Gutes oder das, was man für Gut hält (Arbeit, Geld, Familie) und meidet das Üble (Schmerz, Armut, etc.) oder das, was man dafür hält. Wir alle suchen nach dem Guten und meiden das Böse, wenigstens subjektiv, denn „gut“ muss nicht gut sein.

Da unsere Seele aus zwei Teilen besteht, der Pars apprehensiva und der Pars appetitiva so erkennt jeder von ihnen dieses Gut oder Übel, welches ihm proportional ist. Pars apprehensiva – der  intellektuell stimulierte Teil – Erkenntnisvermögen (nach Bona) erkennt das intellektuelle Gut oder Übel, Pars appetitiva – der sinnlich stimulierte Teil – Begehrungsvermögen (nach Bona) erkennt das sinnliche Gut oder Übel. Ist also ein Gut (bonum) geistlich-intellektueller Natur, so wird es vom pars apprehensiva (Erkenntnisvermögen, nach Bona) erkannt und angestrebt. Ist dieses Gut jedoch sinnlicher Natur, so wird es vom pars appetitiva (Begehrungsvermögen nach Bona) erkannt und angestrebt. Der Verstand (intellectus) erkennt das intellektuelle Gut, der Wille (voluntas) setzt das Erkannte in Bewegung, indem es zu Taten antreibt.

Pars appetitiva (Begehrungsvermögen nach Bona) spricht jedoch auf eher sinnenhafte Stimuli an. So ist das Irascibile  – das Zornesartige – Vermögen des Widerstrebens (nach Bona) – jener Teil, welches dem harten Gut (bonum arduum) zustrebt, also es strebt nach etwas, was schwer zu erlangen ist. Das Concupiscibile – Begehrensartige – Vermögen des Strebens (nach Bona) – ist dem angenehmen und sinnlichen Gut (bonum delectabile) zugeordnet, es strebt also dem an sich Angenehmen zu. Pars appetitiva – der sinnlich stimulierte Teil – Begehrungsvermögen (nach Bona) birgt Affekte, also jene Regungen, die an sich gut oder schlecht sein können, je nachdem sie sich der ratio recta – dem richtigen Grund des Verstandes unterordnen oder nicht.

Da sich die Affekte in der Pars appetitiva (Begehrungsvermögen nach Bona) befinden, so entsteht aus der Zuordnung des Guten (bonum) und des Übels (malum) zum Concupiscibile oder  Irascibile  die Affektenlehre, welche Kard. Bona, nach hl. Thomas darstellt und die wir in einer Tabelle zusammengefasst haben:

Pars appetitiva – das Begehrungsvermögen
Gegenstand: Gut

(bonum)

Übel

(malum)

Concupiscibile

(Vermögen des Strebens)

 

 

 

 

Liebe Abscheu
Eifer Traurigkeit
Sehnsucht Überdruss
Begierde Trägheit
Ergötzung Mittleiden
Freudigkeit Neid
Fröhlichkeit Entrüstung
Jubel
Irascibile

(Vermögen des Widerstrebens)

Hoffnung Verzweiflung
Anmaßung Kühnheit
Vermessenheit Frucht
Verwirrung
Bestürzung
Angst
Bangigkeit
Unmut
Lauheit
Scham
Schamröte
Skrupel
Zorn
Wut
Raserei

Und wie hilft es uns weiter? Erstens handelt es sich bei der o.a. Unterscheidung der Affekte (passiones) um keine moralischen Werturteile. Sie zeigen die sozusagen instinktiven Reaktionen unseres Seelenlebens, wie man beim Gestank instinktiv die Nase rümpft oder zuhält, so reagiert man beim anwesenden Übel mit Abscheu, bei einem abwesenden Gut mit Hoffnung. Das erste ist die Reaktion des begehrensartigen Teiles der Seele (concupiscibile), das Letztere des zornesartigen (irascibile) Teiles der Seele. Hätten wir das Irascibile nicht, so hätten wir überhaupt keinen Antrieb, sondern wir würden das vorhandene Gute entweder Genießen oder unter dem vorhandenen Übel leiden. Diese Tabelle zeigt aber unsere Affekte an sich, also diejenigen welche der Kraft des Verstandes und des Willens nicht untergeordnet wurden. Wenn wir etwas fühlen, was unter einen guten oder schlechten Gegenstand fällt, dann müssen wir uns die Frage stellen: Ist dieses etwas wirklich gut oder kommt es mir so vor? Angenommen jemand sehnt sich nach einem abwesenden Gut, z.B. nach einem neuen Auto und wenn er den Gegenstand seines Strebens sieht, dann erfährt er die Ergötzung. Ist es gut oder schlecht? Kommt darauf an, inwieweit sich dieses Auto in der Hierarchie seiner Werte ausnimmt. Ist diese Sehnsucht unerfüllbar oder maßlos, supra debitum modum – „über das rechte Maß hinaus“, dann ist es eine passio inordinata – eine ungeordnete Leidenschaft, die in eine Sünde führen kann. Die Affekte sind zwar da, aber sie sind immer in einer objektiven Hierarchie der Werte unterzubringen und zwar durch den Verstand und den Willen. Viel Leid geschieht dadurch, dass wir etwas für ein Gut (bonum) halten, was in Wirklichkeit ein Übel (malum) ist.  Und deswegen muss sich, lieber Papst Franziskus, eine jegliche Ethik an objektiven, gottgegebenen Werten ausrichten, denn sonst kreist der Mensch um sich selbst und seine diffuse und destruktive Welt, da er sich selbst an nichts ausrichten kann. Und das ist der Hauptfehler des psychoanalytischen Ansatzes: „Und wie fühlen Sie sich damit?“, denn er fühlt sich erstens schlecht, sonst wäre er nicht gekommen, er kann sich auch sehr gut bei etwas sehr schlechtem fühlen, wenn er ein Psychopath oder ein diabolischer Narzisst ist.

Der Teufel kann uns, wie Kard. Bona schreibt direkt oder durch seine Mittelmänner etwas vorgaukeln, ein X für ein U vormachen und das Gute (bonum) mit dem Übel (malum) verwechseln. Daher achten wir darauf, auch im Beichtstuhl, wen wir hören, denn ein schlechter Priester wird uns die Agenda des Teufels einzuflüstern suchen. Wenn wir keine andere Wahl haben, was leider oft der Fall ist, dann müssen wir der Umkehrschluss denken: „Er sagt A, also ist es ein Nicht-A“. Natürlich betrifft dieser Ratschlag nicht die Todsünde oder die 10 Gebote, sondern subtilere Angelegenheiten, die unter die geistliche Führung fallen. Um aber uns selbst im geistlichen Leben zu führen, müssen wir wissen, wie geartet wir sind und unsere Bestrebungen in der objektiven Tabelle der Werte einordnen können. Hoffentlich wird uns Kard. Bona dabei eine Hilfe sein.

[1] Summ. Theol. Ia, q. 75. 4 ad 1 et II.II q. 25. 7 c.

Drittes Kapitel

Wie weit sich die Unterscheidung der Geister erstrecke. – Mancherlei Bewegungen und Neigungen der Menschen. – Bedeutung des Wortes „Geist“. – Was und wievielerlei der Geist sei. – Es gibt hauptsächlich einen dreifachen Geist, einen in uns, einen zweifachen außer uns.

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