Die Banalität des Bösen. 3: Gefallene Natur und Sakramentalien


Versuchung-Christi

Die  Banalität und die gefallene  Natur

Warum ist aber, theologisch gesehen, das Böse banal? Weil die menschliche Natur durch die Erbsünde lädiert ist. Es fällt uns einfach leichter sich gehen zu lassen und mit den Wölfen zu heulen als uns zu heiligen. Der natürliche Weg im Sinne der natura lapsa, der gefallen Natur, geht gemäß der Schwerkraft nach unten. Die Liturgie sagt ja: natura, qui proclivis est ad lapsum –  „die Natur, welche zum Fall geneigt ist“. Deswegen die Notwendigkeit der Erlösung, der Gnade, des Gebets, der Askese, der Sakramente und der Sakramentalien. Seit das unselige Vaticanum II vieles, auf der pastoralen Ebene, als „nicht mit der Mentalität des modernen Menschen vereinbar“ erklärt hat, hat es eigentlich auf der dogmatischen Ebene die Lehre von der Erbsünde ausgehebelt. Denn bis zum 1962 schadete dem Menschen:

  1. Das Fleisch, also seine eigene durch die Erbsünde lädierte Natur,
  2. Die Welt, welche sich leider weitgehend unter der Herrschaft des Teufels befindet,
  3. Der Teufel.

Aber seit 1962 ist es auf einmal anders und nach 1965 erst recht. Zum zweiten Punkt muss man an dieser Stelle sagen, dass der gefallene Engel weder auf die Seelen im Himmel, noch auf die im Fegefeuer Einfluss hat, sodass ihm nur der Einfluss auf dieser Welt und in der Hölle bleibt. Dies ist aber keine gnostisch-dualistische Sicht der Dinge, wonach Gott und Teufel gleich stark sind. Der Teufel ist nur ein Geschöpf, welchen Gott, um unserer Heiligung willen, gewähren lässt. Das leider der Teufel auf dieser Welt (Joh 12, 31;  14,30;  16,11) und während des irdischen Lebens einiges kann, deswegen die Ermahnung zur Wachsamkeit, welche die Kirche täglich in der Komplet liest:

Kurzlesung
1 Petr 5,8-9

Brüder, seid umsichtig und haltet Wache, weil euer Feind, der Teufel, wie ein Löwe mit aufgesperrtem Maul um euch herumschleicht und danach trachtet, einen zu verschlingen. Ihm stellt euch entgegen mit Festigkeit im Glauben.

Die Welt in der Macht des Bösen und die Rolle der Sakramentalien

Wie sehr treffend Anthony Cekada[1] aber auch Roberto Carusi[2] darlegen, wurden schon bei der Reform der Karwoche 1951-1956, aber erst recht nach der konziliaren Liturgiereform wirklich alle Gebete unterdrückt, welche die destruktive Rolle des Teufels erwähnen. Wahrscheinlich waren diese Gebete auch nicht mit der „modernen Mentalität vereinbar“ oder sie waren eher mit der gleichbleibenden Mentalität der Dämonen nicht vereinbar, welche die Reformer sichtbar inspiriert haben. Nehmen wir aber für einen Moment ganz atheistisch bei der Reform der Karwoche an:

  • Es gibt keinen Teufel und keine Dämonen.
  • Kein Mensch versteht Latein, hört bei der Liturgie genau zu oder liest sich die liturgischen Texte mit theologischem Verständnis durch.
  • Die Anzahl der Menschen, die überhaupt um diese Gebete und ihre Bedeutung in der ganzen Kirche Bescheid wissen, befindet sich allerhöchstens im zweistelligen Bereich.
  • „Gottesdienst“ ist „Brimborium“ und „Miteinander“.d.h. Menschen lieben feierliche, unverständliche Rituale, die nichts mit ihrem Alltag zu tun haben und die sie gemeinschaftlich erleben.

Warum denn dann die Gebete, welche z.B. die Dämonen betreffen, eliminieren, wenn sie zu dem „Gesamtpaket-Feierlichkeit“ gehörten? Kein Mensch kennt sie oder fast niemand achtet auf sie und erst durch die Eliminierung stellt man sich Fragen. Es ist doch recht unwahrscheinlich, dass jemand das ganze Jahr auf eben diese Gebete wartet, wie auf das Exultet. Sie wirken also doch antidämonisch, sonst wären sie nicht von den Dämonen durch ihre Helfelshelfer rausgeworfen worden. Ja, ja, die „Liturgiereform“ war ein inside job, wie die Amerikaner sagen. Ebenso bei den Missale-Gebeten, d.h. bei den Kollekten, fielen, wie fleißig Rev. Cekada nachrechnete, ab 1965 die meisten vorkonziliaren Gebete weg. Die Statistik sieht nach Cekada wie folgt aus:

  • Von 1182 Gebeten fielen 760 völlig weg.
  • Von den 36%, die übrig geblieben sind, wurde die Hälfte geändert, bevor sie ins neue Missale aufgenommen wurden.
  • Nur 17% der alten Gebete fanden den Weg ins neue Missale.[3]

Was war das Kriterium? Das, was die „Reformer“ die „negative Theologie“, aber nicht im traditionellen Sinne, nannten. Sie verstanden nämlich darunter:

  1. Die gefallene Natur.
  2. Macht der Welt und der Dämonen.
  3. Gottes Zorn.
  4. Ewige Strafe
  5. Etc., etc.[4]

Alles das also, was sich für die heutige Welt und für die Mentalität des modernen Menschen negativ anhört, daher der Terminus „negative Theologie“ und nicht wie bisher dahingehend verstanden, dass man über die Eigenschaften Gottes an der Schöpfung gemessen eher negativ als positiv reden kann. Gott ist also un-begrenzt, un-sichtbar, un-ermäßlich, un-sterblich etc., d.h. ihm eignen eher negavite als positive Attribute.

Wir wollen an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, wollen aber dadurch die These beweisen, dass wir alle, da wir die Lehre von der gefallenen Natur in der Liturgie nicht hören, weil sie eliminiert wurde, um diese Wahrheit entweder nicht wissen oder sie nicht ausreichend präsent vor Augen haben.

Es gibt also die Erbsünde und es gibt die Mächte der Finsternis, welche, aufgrund der Erbsünde eben, von der nur die Mutter Gottes ausgenommen war, ein einfaches Spiel mit uns haben. Deswegen ist das Böse für den gefallenen Menschen, der sozusagen seine Natur mit den Dämonen teilt, das Natürliche und Banale. Es ist der Weg des geringsten Widerstandes, der Weg nach unten.

[1] Cekada, Anthony, Work of Human Hands. A Theological Critique of the Mass of Paul VI, Philothea Press 2010, 224-234, insb. 225-228.

[2] http://rorate-caeli.blogspot.com/2015/04/the-reform-of-holy-week-in-years-1951.html 5. (OHS 1956): Suppression of the prayers concerning the meaning and the benefits of sacramentals and the power that these have against the demon. (29) Commentary: […] The „concrete, daily Christian life“ of the faithful is then indirectly disdained a few lines later: „These pious customs [of the blessed palms], although theologically justified, can degenerate (as in fact they have degenerated) into superstition.“ (33) Apart from the poorly concealed tone of rationalism, one should note that the ancient prayers are deliberately replaced with new compositions, which, according to their authors‘ own words, are „substantially a new creation.“ (34) The ancient prayers were not pleasing because they express too clearly the efficacy of sacramentals, and it was decided to come up with new prayers. (MR 1952): The ancient prayers recall the role of sacramentals, which have an effective power against the demon („ex opere operantis Ecclesiae“ [“by the action of the Church as acting”). (35) […] The aim of the reformers, however, was to eliminate from this prayer, says Father Braga, (87) some inconvenient words that spoke of souls deceived by the demon and ensnared by the wickedness of heresy: „animas diabolica fraude deceptas“ and „haeretica pravitate.“

[3] Cekada, Work, 222.

[4] Mehr darüber in Cekada, Work, 219-245.

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8 Gedanken zu “Die Banalität des Bösen. 3: Gefallene Natur und Sakramentalien

  1. Tatsächlich ist der Umkehrschluß der Schlüssel zum Verständnis,was vor sich geht.
    Warum bekämpft man eine Religion,die doch „aus dem Mittelalter stammt“ und nur was für alte,ungebildete Leute ist ( wie man es mir z.B.in Schule und Familie beibrachte).
    Wenn die Liturgie nur bombastischer Mumpitz ist,warum musste man sie verändern!?
    Im Satanismus und anderen Götzenkulten käme niemand ernsthaft auf die Idee,die Rituale zu verändern,weil man genau weiß,das sie dann unwirksam wären.
    Nur die Christen waren so verblendet,sich die starke Kraft IHRER Rituale nehmen zu lassen.
    Aber am Ende muss es ja so kommen,sonst kann sich das Böse und der „Mensch des Verderbens“ nicht entfalten,was ja sein muß,auch wenn es für uns schwer erträglich ist.

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  2. Wenn all´ diese diese Gebete nicht mit der „modernen Mentalität vereinbar“ waren und sie deshalb gestrichen hat, wenn man den Menschen nichts mehr vom möglichen Zorn Gottes erzählte, wenn man ihnen also alles fernhielt, was sie beunruhigen und was auf ein Endgericht hinweisen könnte – warum liegt dann über der Welt trotzdem ein Schleier von Betrübnis, gar Angst? Warum gibt es so viel Depressionen und andere psychische Krankheiten, warum herrscht so viel Freudlosigkeit?

    Es liegt mir fern, die Angst vor Gott wiederbeleben zu wollen, zu Viele haben in früheren Zeiten massiv darunter gelitten. Aber heute scheint das Gegenteil zu gelten: Wir hören von einem Gott, für den Gerechtigkeit kein Thema mehr ist. Ein Gott, den man, falls nötig, wohl auch um den Finger wickeln kann.
    Da müsste doch Freude bei den Weltmenschen aufkommen! Warum trotzdem nicht?
    Ja, Spaß gibt es jede Menge, aber wo ist die Freude, die wirkliche und echte und tiefe Freude?
    Nun, vielleicht hatten die früheren Gebete doch ihren tieferen Sinn.

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    1. Liebe Marienzweig,genau darüber könnte man sich verwundern,warum die „Spaßgesellschaft“ so voller Angst ist,das ist doch ein Wiederspruch in sich.
      Die Freiheit,die man uns vorgaukelt ist eben doch nur eine scheinbare,denn der Mensch ist nie wirklich frei bzw.je freier er zu sein glaubt,um so verlorener fühlt er sich.
      Die Gottesferne unserer Zeit erzeugt offenbar Ängste,man empfindet ein Alleinsein,eine Hilflosigkeit und weiß nicht,woher es kommt und das macht alles noch schlimmer.
      Vielleicht wurde in früheren Zeiten die Gottesfurcht übertrieben aber wie sich heute zeigt,ist die Gleichgültigkeit gegenüber Gott und den Letzten Dingen auch nicht besser,eher schlechter.
      Das zeigt sich übrigens auch in der heutigen Bestattungskultur,man will sich regelrecht „entsorgen“,wie Müll, aber andererseits entstehen Tierfriedhöfe mit liebevoll gestalteten Gräbern,das ist doch alles irgendwie krank,oder !?

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    1. Es wäre schön, wenn „Tradition und Glauben“ Ihnen da weiterhelfen könnte.
      Ich habe einige Gebetsbücher, die mir sehr gefallen, aber dies ist eben sehr subjektiv.
      Auch sind sie schon etwas älter und ich weiß daher nicht, ob sie es im Handel noch gibt.

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  3. Liebe Stella
    ja, es mag übertrieben klingen oder auch pesssimistisch, aber ich empfinde unsere Gesellschaft auch als krank.
    Aber wenn etwas Grundlegendes aus dem Leben der Menschen verschwindet, nämlich Gott, muss die dadurch entstehende Leere zwangsläufig durch etwas anderes ersetzt werden.
    Und da es nichts geben kann, was auch nur annähernd an Gott heranreicht und Ihm gleichkommt, kann dieser Ersatz nur von minderer Qualität sein.
    Und der überwiegende Teil der Gesellschaft gibt sich mit dieser minderen Qualität zufrieden, sie kennt ja nichts anderes.
    Versuchen wir die Stellung zu halten, Stella!
    Es werden vielleicht oder hoffentlich auch mal wieder andere Zeiten kommen.
    Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche für Sie und dem Team von Traditio et Fides

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