Nolite obdurare corda vestra – Verhärtet eure Herzen nicht!


 

t-1223

Jeder, der das Brevier, hoffentlich auf Lateinisch, betet, wird täglich mit der Aufforderung des Einführungspsalms 94 konfrontiert, welche: nolite obdurare corda vestra – „verhärtet Eure Herzen nicht“ lautet. Da man diesen Psalm täglich betet, so ist es wahrscheinlich, dass man seine Feinheiten übersieht, da die Macht der Gewohnheit überhandnimmt. Der ganze Vers lautet:

Hodie, si vocem ejus audieritis, nolite obdurare corda vestra

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werden, verhärtet Eure Herzen nicht.

Interessanterweise erzieht uns die Tridentinische Liturgie auch durch die Auslassung, denn seit dem Passionssonntag, d.h. seit dem fünften Sonntag der Fastenzeit, wird gerade dieser Vers beim Rezitieren des Psalms ausgelassen, ebenso wie das Gloria Patri am Ende des Psalms. Wahrscheinlich ist auch deswegen dem Schreiber dieser Zeilen dieser Vers aufgefallen, weil er eben fehlt.

Worum handelt es sich eigentlich dabei? Um die Aufforderung die geistlichen Eingebungen, die uns an jedem Tag von Gott zukommen, nicht zu missachten. Es geht also nicht, wie man es vielleicht in der nachkonziliaren Kirche in diesem Kontext hört, sein Herz den Bedürfnissen der Nächsten, sprich in der letzten Zeit gegenüber den „Flüchtlingen“, nicht zu verhärten. Manche Menschen haben viele Bedürfnisse, sehr schlechte darunter auch und es ist manchmal unsere Pflicht sie nicht gewähren zu lassen. Aber dies ist ein anderes Thema. Bei der möglichen Verhärtung geht es vielmehr um unsere Einstellung zu Gott. Denn es steht geschrieben und die Liturgie lügt nicht:

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werden, verhärtet Eure Herzen nicht.

Woraus folgt:

  1. Heute wird Gott zu Euch sprechen.
  2. Ihr werden seine Stimme hören.
  3. Ihr habt die Möglichkeit auf diese Stimme nicht zu hören.
  4. Indem Ihr Euer Herz verhärtet.
  5. Tut dies nicht!

„Dies sind ganz schön viele Annahmen und Voraussetzungen“, könnte man sagen. Aber die Kirche sagt es zu denen, die in ihr zum Gebet verpflichtet sind, also zu den geistlichen Ständen. „Hören die wirklich die Stimme Gottes?“ – wird jetzt ein Laie ganz verwundert fragen. Wenn sie im Gnadenstand sind, dann schon, ansonsten nicht.  Was ist aber mit dem „Hören“ gemeint? Ist es:

  1. Das Vernehmen der äußeren akustischen Signale mit den Ohren?
  2. Das Vernehmen von inneren Eindrücken oder Worte?

Es ist tatsächlich der Fall, dass sowohl a. als auch b. tatsächlich von Gott stammen kann. Der Hl. Johannes vom Kreuz, die wirklich höchste Autorität im Mystischen, schreibt im Buch Empor den Karmelberg (Buch II, 17.4), dass Gott diejenigen Sinne der Menschen, welche schon durch Askese gereinigt sind, selbst vervollkommnen kann und zwar durch:

  • Heiligenvisionen,
  • Visionen von erhabenen Dinge,
  • Angenehme Gerüche,
  • Reden Gottes,
  • Sinnliche Wahrnehmung der himmlischen Freuden.

Gleichzeitig beeilt sich der Hl. Johannes zu versichern, dass man niemals nach diesen Erlebnissen streben sollten, da sie recht einfach vom Teufel nachgeahmt werden können, wenn sie nicht gar krankhaften Ursprungs sind. Es gibt im geistlichen Leben den folgenden Grundsatz: je sinnlicher, desto verdächtiger. Die bedeutet, dass Eindrücke, die unter unsere Sinne fallen (Gesichtssinn, Gehörsinn, Tastsinn, Geruchssinn, Geschmacksinn) einfacher vom Teufel hervorgerufen werden können, als das, was wir nur rein geistlich im Inneren verspüren. Die Einzelheiten der Unterscheidung liefern Kardinal Bona und Pater Poulain SJ, den wir hier veröffentlichen.  Liest man die Erlebnisse auf dem erstbesten Esoterikforum, so wird man sich schnell davon überzeugen, dass auch dort Menschen Visionen und Auditionen erfahren, welche aber sicherlich nicht von Gott kommen, obwohl sie, falls nicht krankhaft und eingebildet, übernatürlichen Ursprungs sind. Es gibt aber nicht nur äußere Phänomene, sondern auch innere Worte oder Eindrücke, von welchen der Hl. Johannes vom Kreuz ebenfalls berichtet (Empor den Karmelberg, Buch II, 29-31). Diese inneren Locutionen und Visionen sind für den Menschen schon sicherer, aber es besteht immer die Möglichkeit, dass man eigene Worte statt der Worte Gottes vernimmt und dass sich der böse Geist auch dort einmischt. Der hl. Johannes legt all diese Thematik samt Kriterien in mehreren Kapiteln recht differenziert dar, was uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren wird. Es bleibt festzuhalten, dass Gott tatsächlich zu uns redet, wir ihm aber nicht zuhören. Warum?

Weil seine Rede im Sinne der inneren geistigen Eindrücke sehr sanft und subtil ist.  Wir erinnern uns, dass der Prophet Elia Gott erst im sanften Windhauch (1 Kön 19,12) vernahm. Deswegen sollte man die äußeren Geräuschquellen abschalten, auch in der Gestalt der anderen Menschen, um Gottes sanftes Säuseln zu vernehmen. Je grober unsere Natur ist, desto weniger werden wir die Stimme Gottes vernehmen können, was an uns und nicht an Gott liegt. Mit dem geistlichen Fortschritt wird unsere Natur weicher und zarter, geistig nicht unbedingt psychisch, gesehen. So schreibt der Hl. Ignatius von Loyola in seiner siebten Regel zur Geistesunterscheidung für die zweite Woche, also für die Zeit nach der Bekehrung und der Loslösung von der schweren Sünde:

DIE SIEBTE. Bei denen, die vom Guten zum je Bessern voranschreiten, berührt der gute Engel die Seele sanft, leicht und lind wie ein Tropfen Wassers, der in einen Schwamm eindringt. Der böse dagegen berührt sie spitz und scharf und mit Gedröhn und Unruhe, wie wenn der Tropfen Wassers auf einen Stein fällt. Jene, die vom Schlechten ins je Schlechtere voranschreiten, werden von den besagten Geistern in entgegen gesetzter Weise berührt. Die Ursache davon ist, dass die Disposition der Seele diesen Engeln entweder entgegengesetzt oder gleich ist. Denn ist sie entgegengesetzt, so treten sie mit Geräusch und Sensation und Fühlbarkeit ein; ist sie gleich, so tritt der Geist schweigend ein wie in sein eigenes Haus bei offener Tür.

Man vernimmt also die Rede Gottes, wenn man zart ist und sein Herz nicht verhärtet. Was bedeutet dies? Clemens von Alexandrien (gest. 215), ein kirchlicher Schriftsteller der Alten Kirche, unterschied drei Klassen der Gläubigen:

  1. Die Herzverhärteten (sklerokardioi),
  2. Die Gläubigen (pistoi)
  3. Die Gnostiker (gnostikoi)

Ad 1.

Diese Menschen leben in der Todsünde und werden von Gott durch äußere Züchtigung erzogen, also ausschließlich durch Strafe.

Ad 2.

Diese Menschen nähren sich schon von der guten Hoffnung, führen ein ethisches Leben mit den Werken der Liebe.

Ad 3.

Diese höchste Klasse der Gläubigen, werden durch „die Inhalte der Mysterien genährt“, sie können also das schon Schauen, was die Pistiker erst glauben.

Bei all diesen Unterscheidungen bleibt zu bedenken, dass Klemens rechtgläubig war und zu seiner Zeit der Begriff „Gnostiker“, wie bei Irenäus von Lyon (gest. 220), wertneutral war. Es ist aber Klemens, der von den Sündern als von den Herzverhärteten spricht. Denn was verhärtet das Herz? Die Sünde, je schwerer, desto mehr. Was erweicht das Herz? Die Werke der Liebe, zuerst zu Gott und dann zu den Menschen. Denn nach einer Weile des sündigen Lebens ist man überhaupt nicht in der Lage Gottes Stimme zu vernehmen. Von den wirklich seltenen Beispielen der mystischen Nacht abgesehen, sind solche Zustände der geistigen Ertaubung dies Konsequenzen unserer Sünden. Die Sünden ummauern das Herz, es verletzt sich ja selbst und wie bei der Narbenbildung verhärtet es sich. Seine Elastizität und sein Gespür schwinden und es wird schwärzer bis es der Kohle gleicht, welche im ewigen Feuer verbrennen wird. Bei der Höllenvision des ersten Geheimnisses von Fatima sahen die Kinder Menschen wie Kohlen:

„Unsere Liebe Frau zeigte uns ein großes Feuermeer, das in der Tiefe der Erde zu sein schien. Eingetaucht in dieses Feuer sahen wir die Teufel und die Seelen, als seien es durchsichtige schwarze oder braune, glühende Kohlen in menschlicher Gestalt. Sie trieben im Feuer dahin, emporgeworfen von den Flammen, die aus ihnen selber zusammen mit Rauchwolken hervorbrachen. Sie fielen nach allen Richtungen, wie Funken bei gewaltigen Bränden, ohne Schwere und Gleichgewicht, unter Schmerzensgeheul und Verzweiflungsschreien, die einen vor Entsetzen erbeben und erstarren ließen. Die Teufel waren gezeichnet durch eine schreckliche und grauenvolle Gestalt von scheußlichen, unbekannten Tieren, aber auch sie waren durchsichtig und schwarz.“ [1]

Dies ist das endgültige, denn ewige Los der Herzverhärteten. Wie sieht der Weg bis dorthin aus?

  1. Nichtbeachtung der täglichen geistigen Eingebungen.
  2. Geringschätzung der täglichen geistigen Eingebungen.
  3. Widerstand gegen die täglichen geistigen Eingebungen.
  4. Lässliche Sünde, welche bei Wiederholung, Nichtbeachtung und Geringschätzung zur
  5. Schweren Sünde führt und diese endet schließlich als der
  6. Geistiger Tod.

Also „verhärtet Eure Herzen nicht“!

[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Geheimnisse_von_F%C3%A1tima#Das_erste_Geheimnis

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