Ps. 1 Beatus vir oder der Anti-Dialogpsalm als die Grundlage des geistlichen Lebens (1)


beatus vir

In unserer kleinen, nicht direkt angekündigten Reihe: „Was Sie schon immer über das Tridentinische Brevier wissen wollten, aber niemals zu fragen wagten“, antworteten wir auf die Frage: Welche Psalmen man dort am häufigsten betet, warum und warum gerade diese?

Welche Psalmen kommen am häufigsten vor?

Am häufigsten bei den häufigen Duplex-Festen und noch höheren Festen werden die Psalmen der Sonntagslaudes gebetet und zwar:

  1. Ps 99
  2. Ps 92
  3. Ps 62
  4. Ps 66
  5. Canticum der drei Jünglinge Dan 3, 57-75,56
  6. Ps 148
  7. Ps 149
  8. Ps 150

Warum gerade diese? Wahrscheinlich, weil diese die schönsten und die festlichsten Psalmen sind, sozusagen das Beste vom Besten. Natürlich wird täglich der Psalm 94, als Einführung zum Officium gebetet, ebenso wie täglich Psalm 118 und der Psalm 53 vorgesehen sind. Da aber die Feste in der Regel immer nur bis zur Non dauern, so hat man bei der Vesper viel weniger Wiederholung als bei den Laudes, da man die Vesper vom Folgefest oder Folgetag betet. Sollte sich jemand ein älteres, benutztes tridentinisches Brevier kaufen, so wird er sehen, dass gerade die Sonntagslaudes viel benutzt worden sind. Andere Teile weniger oder kaum. Natürlich sollte uns der Umstand freuen, dass ein Brevier, welches, wie das Tridentinische, im Jahre 1912 seine Gültigkeit verlor, uns bis heute erhalten geblieben ist, weil es eben wenig verwendet wurde. Aber bei evidenter Wenig-Benutzung von Teilen des erstandenen Breviers denkt man anfänglich entweder an die Acedia des Vorbeters oder an irgendwelche liturgischen Optionen. Kurz und gut: „die haben sich das Kürzeste und Leichteste ausgesucht, wie unsere Priester das zweite Hochgebet“. Aber diesen Gedanken sollte man sogleich verwerfen, da es beim Tridentinischen Brevier keine Optionen gibt. Es gibt nur Vorschriften und Gott sei Dank, dass es diese gibt. Um zu wissen, was von den Optionen kommt, brauchen sich nur Ihren Herrn Pfarrer anzuschauen, falls er sein Amt noch nicht aufgegeben hat. Dennoch werden im Tridentinischen Brevier manche Psalmen tatsächlich sehr oft uns manche sehr selten gebetet.

Der erste Psalm als die Grundlage des geistlichen Lebens

Obwohl der Psalm 94 täglich als Eingangspsalm gebetet wird und die o.a. Psalmen der Sonntagslaudes bei allen Festen vorkommen, so bleibt dem Schreiber dieser Zeilen und vielleicht nicht nur ihm der erste Psalm stark im Gedächtnis, der bei den Bekenner- und Märtyrer-Festen gebetet wird. Vielleicht geschieht es deswegen, weil es tatsächlich der erste „richtige“ Psalm nach dem Einführungspsalm ist. Wie bereits erwähnt, stellen die Psalmen der jeweiligen Feste das Heiligungsprogramm oder die Spiritualität des jeweiligen Standes dar. Denn andere Psalmen haben die Aposteln, andere Bekenner oder die Jungfrauen.[1]

Aber der erste Psalm ist auch der erste Psalm des Psalteriums überhaupt. Wir wissen im Moment nicht, wann, warum und wie die Psalmen nummeriert oder zusammengelegt worden sind, aber dies ist sicherlich vor der Übersetzung der LXX geschehen, also sicherlich vor 250 v. Chr. Liest man die Psalmen hintereinander, was tatsächlich, wie wir es in der „Geschichte des Breviers“ lesen werden, früher bei den Wüstenvätern und den frühen Klöstern täglich und zwar im Stehen stattfand, so entdeckt man bestimmte Themenblöcke, die mehrere Psalmen hintereinander andauern. Diese Erfahrung wird einem auch ein wenig beim Beten des Tridentinischen Breviers im Simplex-Modus zuteil, weil dort auch systematisch, gleichsam nummerisch gebetet wird.

Aber man fängt am Anfang, also bei der eins ein. Stellt denn der erste Psalm das Fundament des Psalters und damit des geistlichen Lebens dar? Wohl schon. Und was ist dieses Fundament? Die Weltflucht und die Isolation – am einfachsten ausgedrückt. Lesen wir uns den ersten Psalm zuerst auf Lateinisch und dann in der deutschen Übersetzung, wie sie auf divinum officium zu finden ist, durch:

Psalmus 1 [1]

1:1 Beátus vir, qui non ábiit in consílio impiórum, et in via peccatórum non stetit, * et in cáthedra pestiléntiæ non sedit:
1:2 Sed in lege Dómini volúntas ejus, * et in lege ejus meditábitur die ac nocte.
1:3 Et erit tamquam lignum, quod plantátum est secus decúrsus aquárum, * quod fructum suum dabit in témpore suo:
1:4 Et fólium ejus non défluet: * et ómnia quæcúmque fáciet, prosperabúntur.
1:5 Non sic ímpii, non sic: * sed tamquam pulvis, quem prójicit ventus a fácie terræ.
1:6 Ideo non resúrgent ímpii in judício: * neque peccatóres in concílio justórum.
1:7 Quóniam novit Dóminus viam justórum: * et iter impiórum períbit.

 

Psalm 1 [1]

1:1 Wie glücklich ist der Mensch, † der niemals mitläuft mit dem Frevlerhaufen und nicht stehen bleibt am Sünderwege, * sich auch nicht niederläßt, wo Missetäter sich versammeln,
1:2 Der aber Freude hat an dem Gesetze Gottes * und allezeit um sein Gesetz besorgt ist.
1:3 Ja, der wird wie ein Baum, der seine Wurzeln hat an Wasserbächen, * der reiche Frucht zur richt’gen Zeit hervorbringt,
1:4 Und dem kein Blättchen abfällt; * und alles, was er unternimmt, hat guten Fortgang.
1:5 Nicht also kann’s den Frevlern gehen, nicht also, * sie sind im Gegenteil wie Spreu, die überm Boden vor sich her der Wind davontreibt.
1:6 Nein, Frevler können doch zum Glück empor nicht kommen, * und Sünder werden nicht zusammen bleiben mit den Gottesdienern.
1:7 Denn segnend anerkennt der Herr das Tun der Guten, * der Weg der Bösen aber endigt im Verderben.

Die hebräische, griechische und lateinische Fassung der Psalmen

Der Psalm ist wirklich kurz. Es ist leicht ihn schnell auf Lateinisch auswendig zu lernen, da er recht rhythmisch ist. Schauen wir uns die Zeilen, in eigener Übersetzung, genauer an. Wir wollen hier ein paar Bemerkungen zum geistlichen Leben niederschreiben und keine Exegese dieses Textes bewerkstelligen. Vielleicht ist nicht allen unseren Lesern bekannt, dass die Vulgata, die vom Hl. Hieronymus im IV Jhd. übersetzt wurde und fast unverändert, nur ein wenig rhythmisiert, bis zum Vaticanum II den Weg in die Liturgie fand, aus der Psalmenversion der LXX (Septuaginta), also der griechischen Übersetzung der hebräischen Psalmen, vom Kirchenvater ins Lateinische übertragen wurde. Der Text der LXX stellte die Bibelsprache der jüdischen Diaspora seit mindestens 250 v. Chr. dar, da schon um die Jahrtausendwende immer weniger Juden hebräisch konnten, sondern in Palästina aramäisch sprachen, woanders aber das Alltagsgriechisch der Koine benutzten. Die LXX diente also nicht vornehmlich dazu die nichtjüdischen Heiden zu missionieren, sondern den Juden das Schriftverständnis zu erleichtern. Hebräisch bliebt die heilige Sprache der Liturgie und sogar Philo von Alexandrien (gest. 40 n. Chr.), einer der größten Mittelplatoniker und jüdischer Philosophen konnte um die Jahrtausendwende kein Hebräisch. Die Hebraisierung des Judentums oder die Rückhebraisierung der Schriften fand erst durch die Synode von Jamne/Jabne oder von Jamnia (um 95) statt,[2] als die Synagoge, wegen der Abgrenzung zu den Christen, beschloss nur solche Bücher des AT als kanonisch anzuerkennen, die auf Hebräisch verfasst wurden. Somit fielen einige Bücher des AT weg, sodass die Juden und die Protestanten denselben Kanon haben. Was die Psalmen aber anbelangt, so haben die Hebräischen und die LXX ganz andere Texte. Ebenso gibt es manche Passagen des AT, die ganz anders in der griechischen und in der hebräischen Fassung lauten und manchmal gibt es noch eine altsyrische Version dazu. Auch der hl. Hieronymus konnte dieses Problem der zwei verschiedenen Originaltexte nicht lösen und übersetzte einfach doppelt: die eine Psalmenenübersetzung aus dem Hebräischen und die anderen aus der LXX, sodass man bei der kritischen Vulgata-Ausgabe, der Biblia Sacra Vulgata von Weber-Gryson, tatsächlich parallel zwei Psalmenversionen hat und zwar Psalmi iuxta LXX (Psalmen nach der LXX) und Psalmi iuxta Hebr. (Psalmen nach der hebräischen Fassung). Aber die Bibel der Kirche war immer die LXX und niemals das Hebräische. Der Schreiber dieser Zeilen weiß nicht, ob die hebräische Psalmenversion in eine vorjamnische und eine nachjamnische Epoche zerfällt, denn er ist, was er verraten kann, kein Alttestamentler. Es bleibt aber festzuhalten, dass die ganze nachkonziliare „Übersetzung aus den Originalsprachen“, d.h. die Hebraisierung des Katholizismus absolut ohne Präzedenz ist. Die Kirche betete, wie vor ihr die jüdische Diaspora der Jahrtausendwende wohl auch auf Griechisch. Wie es um die Hebräischkenntnisse des Judentums vor der Tempelzerstörung im Mittelmeerraum stand, können wir nur mutmaßen. Philons von Alexandrien Beispiel nach zu urteilen wahrscheinlich nicht allzu gut und wahrscheinlich hat schon jemand darüber geforscht und etwas geschrieben. An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass die Unterschiede, die man zwischen der Übersetzung der Einheitsübersetzung und beispielsweise unserer Übersetzung feststellen kann, daraus resultieren, dass die Einheitsübersetzung ebenfalls, natürlich politisch-nachkonziliar-korrekt aus dem Hebräischen übersetzt wurde und weder das Griechische der LXX noch das Lateinische der Vulgata wiedergibt. Und so kommen Unterschiede auf und der Teufel freut sich über die Verwirrung, zu der natürlich ein jeder Übersetzer mit seiner Fassung beiträgt.

[1] https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/02/16/die-fastenzeit-das-abreichern-des-breviers/

[2] http://www.katholisches.info/2016/01/16/woher-kommen-die-aelteren-brueder-papst-franziskus-besucht-die-hauptsynagoge-von-rom/

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