Warum ist der hl. Thomas von Aquin so schwierig? Von der Faulheit der Antithomisten.


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Bevor wir zum nächsten Teil unserer Reihe über die Acedia nach hl. Thomas von Aquin schreiten, wollen wir eine Frage beantworten, welche sich viele Leser insgeheim stellen:

Warum ist er so schwierig?

In der Tat den hl. Thomas zu lesen und zu verstehen, ist schwierig. Man kann aber die ganze Thematik wie folgt zusammenfassen:

Kein Thomist, also zu faul.

Es verhält nämlich sich also, dass die Thomas-Abneigung eine Unterart der Acedia darstellt. Warum? Weil die Acedia eine Unterart der Trauer (tristitia) ist, diese wiederum das schwierige Gut (bonum arduum) zum Objekt also zum Gegenstand der Erkenntnis hat. Und das, was schwierig ist, wird gerne gemieden.

Der hl. Thomas von Aquin an sich

Warum ist aber Thomas so schwierig? Weil er höchst abstrakt und kompakt ist und, wie wir bereits schrieben, an ein axiomatische, d.h. mathematisches oder logisches, System erinnert, in welchem fertige Formeln eingesetzt werden, die entweder am Anfang des Systems definiert werden oder man woanders her eruieren muss. Sagen wir es offen: die Summe der Theologie des hl. Thomas von Aquin ist nicht wie ein mathematisches System, sie ist ein mathematisches oder genauer ausgedrückt ein axiomatisches System. Sie ist ein Endprodukt eines langen, philosophisch-theologischen „Rechenweges“ und stellt eine schöne klare Formel dar.

„Aber unverständlich“,

wird manch ein Leser sagen. Dies stimmt und deswegen wollen wir hier eine Hilfestellung geben. Dennoch ist die Summe sicherlich kein Selbsthilfebuch und das Studium der Theologie ist nicht ausschließlich als ein Selbststudium gedacht. Man braucht auch Führung und Anleitung. Bei der Lehre von der Acedia ebenso. Für unseren Blog stellt sich oft die Frage, ob wir hier den hl. Thomas von Aquin überhaupt im größeren Ausmaß verwenden sollten. Denn die Vorbereitung und Nachbereitung dieser Texte erfordert so viel Arbeit, um seine Gedanken den nichtstudierten Thomisten klar zu machen, dass es vielleicht besser wäre ganz auf ihn zu verzichten und diese Lehren in eigenen Worten widerzugeben. Dennoch wollen wir es nicht tun und zwar aus den folgenden Gründen:

  1. Thomas von Aquin ist wirklich der Hauptlehrer der Kirche.
  2. Unsere Redaktion hat wirklich nicht die besseren Ideen als er.
  3. Wir wollen selbst den Acedia-Vorwurf nicht riskieren, nach dem Motto: „Zum Thomas-Kommentieren zu faul“.

Leo XIII. schreibt in seiner Enzyklika Aeterni Patris (4. Aug. 1879) über „die Vortrefflichkeit der scholastischen Methode und die Thomas von Aquin zukommende Autorität“ wie folgt:

„Unter den scholastischen Lehrern ragt als Fürst und Meister aller Thomas von Aquin weit heraus, der, wie Cajetan[1] bemerkt, »weil er die« alten »heiligen Lehrer aufs größte verehrte, darum gewissermaßen die Einsicht aller erlangt hat«[2]. Thomas sammelte ihre Lehren und fügte sie die zerstreuten Glieder eines Leibes zu einem einzigen zusammen, teilte sie in wunderbarer Ordnung ein und bildete sie so mit großem Zuwachs, dass er mit Fug und Recht als einziger Schutz und Zierde der katholischen Kirche gilt… (DH 3139)

Indem Wir also verkünden, man solle wieder willigem und dankbarem Herzen alles aufnehmen, was weise gesagt, was von irgendjemand nützlich erfunden und ausgedacht wurde, ermahnen Wir euch alle … Nachdrücklich, zum Schutz und zur Zierde (praesidium et decus) des katholischen Glaubens, zum Wohle der Gesellschaft und zum Wachstum aller Wissenschaften die goldene Weisheit des heiligen Thomas wieder herzustellen und möglichst weit zu verbreiten. Die Weisheit des heiligen Thomas, sagen wir: […] (DH 3140).“

Ähnliche Gedanken legt die Enzyklika von Pius XI. Studiorum ducem (29.Juni 1923) vor. Sollten Sie wirklich irgendeinmal in einer Zelle lebenslang eingeschlossen oder auf eine einsame Insel verbannt werden und nur ein Werk mitnehmen dürfen, dann nehmen Sie die Summa theologiae des Aquinaten mit. Sie werden den Rest Ihres Lebens etwas zu tun haben und nach und nach mehrere Bedeutungsebenen entdecken. Viele Theologen waren glücklich sich ihr ganzes Leben lang als Kommentatoren des Thomas betätigen zu dürfen und wie, nach Whitehead, die ganze westliche Theologie eine Fußnote zu Plato sei,[3] so kann man durchaus sagen, dass die gesamte nachthomasianische Theologie ein Kommentar zum Thomas ist. Wie schon sehr treffend Pius X. in Pascendi dominici gregis (8. Sept. 1907), seiner Enzyklika gegen die Modernisten schrieb, erkennt man diese Häretiker daran, dass sie eine Abneigung gegen die scholastische Philosophie und Theologie hegen, was sich wohl konkret in einer Thomas-Abneigung oder Thomas-Verachtung ausdrückt.

„42. […] Drei Hindernisse für ihre Unternehmungen vornehmlich empfinden sie: die scholastische Methode der Philosophie, Autorität und Überlieferung der Väter, das kirchliche Lehramt. Hiergegen kämpfen sie aufs schroffste. Darum verspotten und verachten sie scholastische Philosophie und Theologie. Mögen sie es aus Unkenntnis tun oder aus Furcht oder aus beiden Gründen, gewiss ist, dass Neuerungssucht sich stets mit Hass scholastischer Methode verbindet. Nichts zeigt klarer, dass jemand für modernistische Lehren empfänglich wird, als der beginnende Abscheu vor scholastischer Methode. Möchten doch die Modernisten und Modernistenfreunde gedenken des Verdammungsurteils Pius’ IX. über den Satz: »Methode und Prinzipien der Theologie nach Art der alten scholastischen Lehrer passen zu den Bedürfnissen und dem Fortschritte der Wissenschaften in unserer Zeit ganz und gar nicht« (Satz 13 des „Syllabus“ vom 8. Dezember 1864.).“[4]

Thomas von Aquin und die Formale Logik

Vielleicht kommt aber diese Verachtung vom Unverständnis und dieser kommt von der Faulheit, also von der Acedia, denn, wie bereits geschrieben, ist Thomas schwierig und lernaufwendig besonders für uns. Warum? Weil man im Mittelalter eine andere und viel mehr auf die Formalwissenschaften ausgerichtete ratio studiorum, also einen anderen Bildungsverlauf, hatte. Man lernte sehr früh, eigentlich schon in der Kindheit, falls man eine Klosterschule besuchte, die aristotelische Formale Logik kennen, sodass man nachher viel weniger Probleme hatte vom Allgemeinen auszugehen und ins Detail zu kommen. Also mit der Deduktion. Man lernte mnemotechnisch die syllogistischen Modi,[5] weil es immer der Fall ist, dass man etwas vereinfachen muss, wenn man sich an ein breiteres Publikum richtet. Die Neuzeit geht immer davon aus, dass sie in allem besser ist als das Mittelalter. Für die formallogische Vorbereitung stimmt das wirklich überhaupt nicht. Heute lernen nur manche Studiengänge die Formale Logik im ersten, zweiten Semester, wie die Philosophen, Juristen oder hier und da auch Theologen kennen, aber es erfolgt zu spät und wohl zu kondensiert, um Einfluss auf das spontane Denken zu haben. Durch den Bologna-Prozess herrscht nur Chaos, was sicherlich gewollt war. Denn die erste Bildungsstufe im Mittelalter und zwar die der Artes liberales, zu welchen im Trivium die Logik/Dialektik gehörte,[6] begann, nach manchen im Alter zwischen 14 bis 15.[7] Da das Studium der Artes sechs Jahre dauerte und der spätmittelalterliche Dichter François Villon (1431-1463) nachweislich sein Artes Studium mit der Erlangung des Titels baccalaureus artium im Jahre 1449,[8] also mit 18 Jahren abschloss, so muss er das Studium der Logik mit 13 Jahren angefangen haben. Es war also das Alter der Pubertät, in welchem die Triebe und Begierden mit Logik geziemt wurden und vielleicht geschah dies in manchen Fällen viel früher. Heute werden nur manche durch die Logik im Alter zwischen 19 und 21 berührt, was, wie der Engländer sagt, too late and too little (zu spät und zu wenig) ist. Natürlich werden die modernen Lehrer sagen, dass die mittelalterliche Logik „primitiv“ war. Dies können sie erstens nicht wissen, denn sie waren nicht überall dabei und zweitens auf welcher Logik-Stufe soll man schon einen 13 Jährigen unterrichten? Besser so, als gar nicht, meinen wir.

Gehirnareale, Logik und Musik oder früh übt sich

Dabei ist zu bedenken, dass heutzutage wirklich die meisten Menschen von der Formalen Logik unberührt bleiben, sodass sie wirklich keine intellektuellen Voraussetzungen haben, um sich mit Theologie gründlicher zu befassen, was aber nicht ihre Schuld ist. Irgendwie hat die Welt seit der Französischen Revolution vorgesorgt, dass wir den hl. Thomas kaum verstehen. Es ist ungefähr wie mit der klassischen Musik. Wenn jemand als Kind also mindestens bis 8 Lebensjahr ein Instrument lernte, dann haben sich in seinem Gehirn bestimmte Areale so gebildet, dass er neurologisch also physiologisch in der Lage ist die komplizierten Strukturen der klassischen Musik überhaupt wahrzunehmen und als angenehm zu empfinden.[9] Hat jemand diesen Bildungsweg nicht durchschritten, so wird er diese Musik niemals als angenehm, sondern nur als anstrengend empfinden. Hat jemand in der Kindheit nur passiv klassische Musik gehört, dann ist sein Hörverhalten auch anders. Manche Richtungen der klassischen Musik kann er genießen, andere sind auch ihm zu anstrengend, weil seine neuronalen Strukturen nicht darauf hin ausgerichtet sind. Sie werden sich innerhalb der späteren Lebensjahre niemals so ausbilden können, wie in der Kindheit es möglich gewesen wäre.[10] Diese Tatsachen sind unter Musikwissenschaftlern seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt. Die Meisten aber von den Medien begünstigt, betrachten diese ganze Angelegenheit in den Kategorien von Prestige, sozialer Schicht, Diskriminierung etc., während es eigentlich eine Angelegenheit von Gehirnstruktur ist und zwar der entwickelten oder der nicht entwickelten. Ähnlich ist es mit Sport oder mit Tanz. Hat jemand in seiner Kindheit getanzt oder gar Ballett betrieben, dann hat er oder sie nicht nur manche Muskelpartien überhaupt oder besser entwickelt, sondern ein Bewegungsgedächtnis, welche ein Nicht-Tänzer niemals haben kann. Warum? Weil sich auch in seinem oder in ihrem Gedächtnis diejenigen Partien, die für Bewegungsgedächtnis zuständig sind, besser oder überhaupt ausgebildet haben. Dies ist also keine Angelegenheit von Willen oder Charakter, sondern der vorhandenen Gehirnstrukturen.

Deswegen ist wirklich anzunehmen, dass die gebildeten Menschen des Mittelalters uns, was die Formale Logik und deduktives Denken anbelangt, wirklich meilenweit voraus waren und die mittelalterlichen Traktate für sie einfach viel weniger anstrengend waren als sie es für uns sind, da wir, falls überhaupt viel später, mit der Formalen Logik in Berührung kommen. Von ein paar Mathegenies und jugendlichen Schachgroßmeister vielleicht abgesehen, die sich natürlich auch sehr früh übten.

Wem verdanken wir also unsere Schwierigkeiten beim hl. Thomas von Aquin?

Dem modernen Bildungssystem,

welches wohl mit der Aufklärung einsetzte. Jawohl, die sind schuld!

Kann man denn im fortgeschrittenen Alter noch Formale Logik lernen­?

Natürlich ja. Besser spät als nie.

Unser Blog verlangt aber keine formallogische Vorbildung und es sind keine Prüfungen vorgesehen. Man kann also aufatmen und weiterlesen. Man braucht also nicht mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, Gott, die eigenen Eltern und sein Schicksal anzuklagen, weil wir es nicht in der Kindheit oder frühen Jugend gelernt haben. Wir wollten aber auf die Frage antworten:

Warum ist der hl. Thomas von Aquin für uns so schwierig?

Weil unsere formallogischen Gehirnareale aufgrund der modernen Bildung nicht ausreichend vorbereitet sind.

Womit die richtige Schuldzuweisung jetzt erfolgt wäre.

[1] Dominikaner, Theologe, Kardinal, bekannt aus der Disputation mit Luther. https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Cajetan

[2] Cajetan de Vio, Kommentar zu Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II. q. 148, a. 4 (Edition Leonina 10, 174b)

[3] Whitehead, Alfred North, Process and Reality. Essay in Cosmology, New York 1929, 63.

[4] Pius X., Pascendi, 42, Teil: Methoden der Werbung. Ganze Enzyklika auf Deutsch: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Pascendi_dominici_gregis_%28Wortlaut%29

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Syllogismus

[6] Mehr dazu in Schulthess P., Imbach R., Die Philosophie im lateinischen Mittelalter. Ein Handbuch mit  einem bio-bibliographischen Repertorium, Düsseldorf 20022, 118-132.

[7] Schulthess/Imbach, op. cit., 147

[8] https://en.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Villon#Student_life https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Villon

[9] http://www.medicaldaily.com/listening-classical-music-enhances-gene-activity-update-mozart-effect-325680 http://science.time.com/2013/04/15/music/

[10] http://commonhealth.wbur.org/2014/07/music-language-brain http://portlandchamberorchestra.org/what-happens-when-the-brain-plays-a-musical-instrument/ https://www.psychologytoday.com/blog/the-athletes-way/201311/musical-training-optimizes-brain-function

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4 Gedanken zu “Warum ist der hl. Thomas von Aquin so schwierig? Von der Faulheit der Antithomisten.

  1. Eine kleine Korrektur zu diesem vorzüglichen Beitrag: In dem Zitat aus Aeterni Patris ist Tommaso de Vio Cajetan gemeint, nicht der heilige Kajetan von Thiene, wie auch in Fußnote 2 richtig angegeben.

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  2. Glücklicherweise und dankenswerterweise gibt es auch heute noch intelligente und strebsame Theologen (Menschen), die versuchen, den hl. Thomas zu verstehen und den weniger Intelligenten, Dummen und Faulen nahezubringen. Vielleicht bleibt ja etwas hängen.

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    1. Ja, es wird immer wertend aufgefasst. Aber es handelt sich wirklich meistens um Faulheit. Denn nicht alle Theologen, womit auch die Theologiestudenten gemeint sind, waren hochbegabt, dafür aber arbeitsam. Es ist immer erstaunlich, wozu Menschen fähig sind, wenn sie wirklich müssen oder wollen. Bei Thomismus wie in den anderen Bereichen auch. Aber, wie schon Leo XIII. schreib: Durch die Aufgabe der scholastischen Methode (!) kann man gar nicht zu richtigen Schlüssen kommen. Denn nicht alle Scholastiker hatte in allem Recht und sind lesenswert. Der hl. Thomas ist ohne wenn und aber zu empfehlen, wohl in 99,9% der Fälle. Wir haben heutzutage andere Probleme, die wir anhand dieser Methode richtig lösen können, ohne diese aber nicht. Siehe die Entwicklung der nachkonziliaren Theologie und Papst Franziskus.

      Es ist aber auch wertend, denn Acedia auch im Intellektuellen ist eine Sünde. Warum es uns aber schwer fällt, ist ein mildender Umstand, denn nicht an allem ist man wirklich selbst schuld, an Vielem aber schon.

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