Was können wir für die Kirche tun? Die sieben Bußpsalmen beten (3). Was ist ein Gebet und warum laut beten?


Anne-of-Austria-xx-Philippe-de-Champaigne

In den vorhergehenden Beiträgen haben wir nachgewiesen, dass:

  • man für andere beten sollte,
  • man für die Mitglieder der jeweiligen Bischofskonferenz beten sollte,
  • da wenigstens einigen von ihnen dieses Gebet zuträglich sein wird.

Wie soll man aber beten? Laut und auf Lateinisch.

Was ist ein Gebet?

Da bei unserem Gebetsaufruf wahrscheinlich Menschen überwiegen werden, die kein Latein können, es weder richtig sprechen, noch mit Verständnis lesen können, so stellt sich natürlich für sie die Frage, ob es überhaupt ein Gebet sei. Was ist aber ein Gebet? Wir zitieren hierzu, nach dem wunderbaren Werk zur mystischen und asketischen Theologie von Adolphe Tanquerey,[1] die Autoritäten der Kirche.

Der Hl. Johannes von Damaskus (gest. 745) sagt:

„Das Gebet ist ein Aufschwung des Geistes zu Gott (ascensus mentis in Deum)“. [2]

Ascensus – bedeutet jegliche Art der Bewegung nach oben, also „Hinaufsteigen“, „Aufgang“, „Aufschwung“. Wohin? In Deum – als in Richtung Gott, denn hier steht ein Accusativus directionis.

Der Hl. Augustinus (gest. 430) schreibt:

„Das Gebet ist eine innige Absicht des Geistes zu Gott [zu gelangen] (Oratio namque est mentis ad Deum affectuosa intentio)“.[3]

Das Gebet ist nach dieser Aussage die intentio, also „Intention“, „Absicht“, das sich etwas vornehmen“, welche affectuosa – also „affektiv“, „innig“, „mit Gefühlen versehen“ etc. Es ist dennoch eine Tätigkeit des Geistes (mens), also der Denkkraft, nicht der Gefühle.

In einem engeren Sinn, so Hl. Johannes von Damaskus, ist das Gebet:

 „das Erbitten der wohlgefälligen Dinge von Gott“ (petitio decentium a Deo).[4]

Decentia, von decet – „es schickt sich“, „es ist erlaubt“, sind solche Dinge, die an sich gut oder wenigstens neutral sind. Dinge also die Gott wohlgefällig sein müssen, denn man darf nichts Böses erbitten.

Hl. Gregor von Nyssa (gest. 394) sagt:

„Das Gebet ist ein Gespräch und eine Rede mit Gott“ (Oratio conversatio sermocinatioque cum Deo est).[5]

Conversatio – ist einfach eine „Konversation“ also ein Gespräch, in welchem beide Personen miteinander reden. Aber das Gebet (oratio) ist auch eine sermocinatio – also ein „lautes Reden“, denn sermo ist eine Rede, die man vor anderen hält.

Natürlich kann man noch mehr Definitionen des Gebets einführen. Wenn man die o.a. aber liest, so stellt man fest, das nirgendwo steht:

„Das Gebet ist ein bewusstes, intellektuelles Nachvollziehen der intellektuellen Inhalte.“

Denn leider muss alles seit dem letzten Konzil „bewusst“ sein. Man hat ja die Liturgie, so sagt man, obwohl es nicht stimmt, deswegen geändert, damit das Volk an ihr „bewusst“ teilnehmen kann, d.h. damit es alles verstehen kann. Hätte man die Alte Messe wörtlich übersetzt, so hätte man noch darüber diskutieren können, ob es gelungen ist, aber man hat eine Neue Messe geschaffen, bei der es nur wenig zu verstehen gibt. Nichtdestotrotz stellt diese Betonung des Bewussten ein völliges Missverstehen dessen, was ein Gebet ist. Denn das Gebet ist vor allem ein intellektueller Willensakt, der in der Intention liegt. Deswegen kann fast alles zum Gebet werden, wenn ich die Intention einschalte dies für Gott zu tun. Es gibt Stoßgebete, die wirken und früher mit vielen Ablässen verbunden waren, es gibt die wortlose Anbetung, bei welcher man das Nachdenken ausschaltet, es gibt das Gebet der Einfachheit, welches wir hier vorstellen. Dies alles sind Gebete, welche kein Nachdenken und Überlegen über das Gelesene beinhalten. Solch ein Nachdenken ist die Meditation (meditatio), aber dies ist nur eine Gebetsart unter vielen. Auch der Hl. Paulus schreibt, dass das Beten des Hl. Geistes in uns keinen bewussten Vorgang unsererseits darstellt:

„So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ (similiter autem et Spiritus adiuvat infirmitatem nostram nam quid oremus sicut oportet nescimus sed ipse Spiritus postulat pro nobis gemitibus inenarrabilibus) (Röm 8, 26)

Auf die Idee dieses „bewussten liturgischen Vollzugs“ konnten nur Menschen kommen, die überhaupt kein Gebetsleben hatten, denn sonst wüssten sie es besser. Sie waren Intellektuelle, Akademiker und akademische Lehrer,[6] die Bücher lasen und wohl dachten:

„Man betet wohl so, wie man liest. Wenn man nicht mit Verständnis lesen kann, so betet man nicht.“

Da sie außerdem meistens Lehrer waren, so wollten sie, dass man ständig aufpasst, wenn sie sprechen. Deswegen ist die Neue Messe eine einzige Katechese, bei der einer oder mehrere permanent reden. Dennoch beten tut man anders, besonders das liturgische, also das offizielle Gebet der Kirche. Bei diesem hat man die Intention zu Gott für die Kirche zu beten und liest einfach die vorgeschriebenen, liturgischen Texte. Wenn man sie versteht, ist es besser, aber bei einem Gebetspensum, wie es bis zum frühen Mittelalter gegeben war und 150 Psalmen täglich (sic!) umfasste, hörte man doch irgendwann mal auf „aufzupassen“ und jedes Wort zu erwägen, auch wenn man es verstand, sondern man kam in den „Gebetsfluss“, um den es ging. Es wurde also für die Kirche gebetet und der Beter selbst kam gleich auf die Gebetsstufe der Oratio dank dieser Menge der zu lesenden Psalmen, welche wir in unserem Beispiel mit Wasser beim Wasserskifahren vergleichen.[7]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch im Falle, dass man die liturgischen Texte nicht versteht, dennoch ein Gebet verrichtet wird, welches den Beter heiligt und, falls Gott es will, das Erbetene erfleht. Daher haben bis zum Vaticanum II insbesondere Ordensschwestern aber auch die Ordensbrüder das Offizium auf Lateinisch gebetet oder teilweise gebetet, ohne alles zu verstehen. Das tat dem Gebet kein Abbruch. Man bediente sich einfach der von Gott inspirierten, heiligen Texte, die der wahren Tradition der Kirche entstammen, d.h. der Vulgata-Psalmen und betete. Und genauso wollen wir es auch heute tun. Also hier zum Mitschreiben: Beten ist beten und kein Lesen mit Verständnis.

Warum soll man laut beten?

Weil die liturgischen Gebete immer laut verrichtet wurden und die Sieben Psalmen samt den nachfolgenden Gebete machen das Offizium der Sieben Bußpsalmen aus, welches in der Kirche vorschriftsmäßig neben dem normalen Offizium gebetet wurde. Also es ist ein Offizium und deswegen ist es laut zu beten. Es ist laut zu beten, weil wir, die Leser von Tradition und Glauben, die diesem Aufruf nachkommen:

  • als die wohl inoffiziellen Diener der Kirche,
  • in der Person und im Namen aller Katholiken in den deutschsprachigen Ländern darbringen, und somit
  • dieses Gebet einen liturgischen Charakter hat.

Es dient also nicht unserer privaten Andacht, obwohl niemand daran gehindert wird, diese Psalmen und die anderen Gebete zu meditieren, dies wäre aber ein privates und kein öffentliches Gebet, obwohl es wahrscheinlich von Einzelnen im stillen Kämmerlein vorgetragen wird. Zum lauten Gebet schreibt der Hl. Thomas von Aquin (Summ. Theol. IIª-IIae q. 83 a.12)[8] folgendes (wieder in blau angegeben):

Zwölfter Artikel. Das mündliche Gebet ist nützlich und notwendig.

[Die Gegenthese] Das wird geleugnet. Denn:

[IIª-IIae q. 83 a. 12 arg. 1]

I. Zu Gott betet man. Gott aber versteht die Sprache des Herzens.

[IIª-IIae q. 83 a. 12 arg. 2]

II. Durch das Gebet soll der Geist des Menschen zu Gott emporsteigen. Die Worte aber stören da ebenso wie die anderen Sinnesgegenstände.

[IIª-IIae q. 83 a. 12 arg. 3]

III. Im Verborgenen soll man beten, wie der Heiland Matth. 6. ermahnt. Das Wort aber macht das Gebet offenbar.

[IIª-IIae q. 83 a. 12 s. c.]

[Sed contra, d.h. der Einwand der sich auf eine Autorität bezieht]

Auf der anderen Seite sagt der Psalmist (Ps. 141.): „Mit meiner Stimme habe ich zu Gott geschrieen: mit meiner Stimme habe ich zum Herrn gefleht.“

[Thomas Gegenargumente]

[IIª-IIae q. 83 a. 12 co.]

b) Ich antworte, es gebe eine doppelte Art zu beten: 1. im gemeinsamen und 2. für sich allein. Das gemeinsame Gebet wird von den Dienern der Kirche Gott dargebracht in der Person und im Namen des ganzen Volkes; ein solches Gebet also muß dem ganzen Volke bekannt werden und somit muß es mündlich sein! Deshalb ist es ganz vernunftgemäß, daß derartige Gebete mit lauter Stimme vorgetragen werden, damit sie zur Kenntnis aller gelangen können. Das Gebet aber, welches jemand für sich allein Gott darbringt, sei es für sich sei es für andere, braucht nicht mündlich zu sein. Die Worte treten jedoch zu solchem Gebete hinzu aus drei Gründen: 1. damit durch die äußeren Zeichen, sei es durch Worte oder durch Anderes, der Geist des Menschen erweckt werde, um nach oben emporgetragen zu werden; deshalb schreibt Augustin an Proba: „Durch Worte und andere Zeichen wird das heilige Verlangen in uns selber erregt, daß es größer und heftiger sei;“ wird also der Geist jemandes durch solche Zeichen zerstreut oder ohne solche bereits hinlänglich zu Gott hingetragen, so sind dieselben nicht vonnöten, wie der Psalmist sagt: „Mein Herz hat nach Deinem Antlitze gesucht;“ und Anna (1. Kön. 1, 3.) „betete in ihrem Herzen;“ — 2. damit der Mensch seine Schuld Gott gegenübertrage gemäß dem Leibe und der Seele; was dem Gebete ganz besonders geziemt, da es den Charakter eines genugthuenden Werkes hat; weshalb Osee ult. gesagt wird: „Nimm hinweg alle Sünde und nimm an das Gute; und wir werden die Opfergaben unserer Lippen darbringen;“ — 3. weil aus dem Drange des Innern heraus oft Worte und andere äußere Zeichen folgen, nach Ps. 15.: „Mein Herz hat sich gefreut und meine Zunge jubelte.“

[IIª-IIae q. 83 a. 12 ad 1]

ad I. Durch das mündliche Gebet soll nichts Gott bekannt, aber der Geist zu Gott gewendet werden.

[IIª-IIae q. 83 a. 12 ad 2]

ad II. Worte, die auf Anderes Bezug haben, hindern und zerstreuen; solche aber, welche sich auf die Andacht beziehen, wecken den Geist zu Gott hin, besonders den Geist von minder frommen Personen.

[IIª-IIae q. 83 a. 12 ad 3]

ad III. „Es verbietet der Herr in einer Versammlung zu beten in der Absicht, damit man von der Versammlung gesehen werde. Der betende soll keine neuen Dinge thun, die auffallen; wie z. B. schreien und rufen, um von anderen gehört zu werden, oder an seine Brust schlagen in auffallender Weise, oder seine Arme ausbreiten, daß es von vielen gesehen werde,“ wie Chrysostomus sagt. (Hom. 13. in Matth. op. imp.) Jedoch ist es nach Augustin (2. de serm. Dom. 3.) „nicht unrecht, von den Menschen gesehen zu werden, wohl aber deshalb dergleichen zu thun, damit man gesehen werde.“

Wie man lesen kann, brauchen private also für sich selbst oder für andere dargebrachten Gebete nicht laut verrichtet zu werden, wobei hier Thomas kein Offizium meint. Dennoch ist es für einen Menschen fast unmöglich, ohne Worte zu beten. Es stimmt tatsächlich, dass:

  1. durch die Worte „der Geist nach oben emporgetragen werde“, denn wenn man das Gebetete laut ausspricht und sich selbst zuhört, so kann der Geist und die Intention noch zusätzlich aktiviert werden. Wenn man aber kein Latein versteht? Dann soll man es als eine Bußübung betrachten, was die Sieben Bußpsalmen auch sind und je öfter man es betet, desto mehr wird man verstehen.[1]
  1. Weil das Beten eine körperliche Tätigkeit ist, eine Tätigkeit des Geistes, d.h. des Intellekts, aber mit dem Leibe verrichtet, so muss der Leib auch eingespannt werden, was durch das laute Beten gewährleistet wird.
  1. Weil einfach das Innere die Tendenz hat sich nach Außen zu äußern und es durch das laute Beten tut.

Es sind schon von der Kirche mehrmals, besonders im Zusammenhang mit Quietismus, die Behauptungen verurteilt worden, wonach das „nur-mündliche“ Gebet also das laute Gebet nicht nützlich sei (DH 2181) oder dass „der Vollkommene“ keine sinnfälligen Hilfen braucht (DH 228,1 2227-2235, 2263). Natürlich braucht jeder diese Hilfen, da wir im Leibe leben. Interessanterweise hat die „nachkonziliare Erneuerung“ die traditionellen Gebete der Orden dermaßen dezimiert, dass der traurige Stand des Ordenslebens kein anderer sein kann. Denn wenn man so manche Theologen und Ordensleute liest und hört, so scheint es gleichgültig zu sein:

  • ob man laut oder leise betet,
  • ob man leise oder im Geiste betet,
  • ob man im Geiste oder überhaupt betet,
  • ob man im Knien, im Sitzen oder wie auch immer betet,

so kommt man dazu, dass alles und nichts zugleich ein Gebet ist. So beten leider sehr viele Ordensleute gar nicht oder nur das Nötigste, wenn es sich nicht vermeiden lässt, da sie so beschäftigt sind und gleichsam die ganze Zeit beten. Alles kann zwar zum Gebet werden, wenn man aber das vorgeschriebenen liturgische Gebet und die eigenen privaten Gebete einhält. Andersrum funktioniert es nicht und wir sehen jetzt mehr als jemals zuvor deutlich, wohin diese Einstellung die Geistlichen geführt hat: zum „Miteinander“ und zum Glaubensabfall. Also zum Mitschreiben: laut und auf Lateinisch.

[1] Das Diurnale also die Tagesgebete des lateinischen Breviers in der Fassung von 1962, in einer zweisprachigen Ausgabe, kann man hier kaufen: http://www.sarto.de/product_info.php?info=p2136_Diurnale-Romanum-o–R-.html Die lateinische Übersetzung ist zu 95% korrekt, manchmal ein wenig unschön und holperig, aber es ist besser als nichts.

[1] Nach Tanquerey A., Précis de Théologie Ascétique et Mystique, Paris 1924, 324.

[2] De Fide Orthodoxa, 1. III. c. 24, PG 94, col. 1090.

[3] Serm. IX, n. 3.

[4] De Fide Orthodoxa, 1. III. c. 24, PG 94, col. 1090.

[5] Orat. I, De Orat. Domini, PG 46, col. 1124.

[6] Um wen es sich konkret handelt, kann man hier nachlesen. https://traditionundglauben.wordpress.com/2015/11/03/buchempfehlung-louis-bouyer-tagebucher/

[7] Vgl. https://traditionundglauben.wordpress.com/category/geistliches-leben/spirituelle-einzelthemen/vier-stufen-des-gebets/

[8] http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel599-12.htm

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