Augustin Poulain SJ, Die Fülle der Gnaden. (10) Kapitel 2: Vorstufen der Mystik? (2) Das Gebet der Einfachheit oder einfache Beschauung


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Die Darstellung der dritten Stufe des Gebets durch Pater Poulain SJ, in unserer Einführung oratio genannt und mit Wellenreiten verglichen, ist seitens des französischen Jesuiten dermaßen anschaulich wie auch präzise, dass sich eigentlich jeder Kommentar erübrigt. Menschen, die diese Erfahrungen wenigstens anssatzweise haben, werden sich in dieser Beschreibung und Systematisierung wiederfinden, andere sollen zuerst bei den vorhergenannten Stufen des Gebetes bleiben.

Dennoch kann man sich die Frage stellen, warum das Gebet der Einfachheit oder die einfache Beschauung, wie Pater Poulain sie in Übereinstimmung mit anderen geistlichen Autoren nennt, notwendig ist? Anders formuliert: Wozu ist es gut? Es ist dazu gut und notwendig, um sich die göttliche Eigenschaft der Einfachheit (simplicitas) anzueignen. Und warum? Um gleichförmig mit Gott zu werden, soweit es für einen Menschen möglich ist. Denn nach dem Grad dieser Gleichförmigkeit, die wir in diesem Leben erreichen, werden wir, die meisten von uns über den Umweg Fegefeuer, unseren Rang und Platz im Himmel erreichen, wohin nur diejenigen kommen, welche Gleichförmig mit Gott geworden sind. Die Anderen können – aufgrund ihrer sündigen Andersartigkeit – Gott, den sie nach dem Tod, direkt und unmittelbar erfahren, nicht ertragen. Daher auch die ewigen Höllenquallen, weil die Beschaffenheit der Verdammten, d.h. der gefallenen Engel und Menschen, so ist, dass sie das göttliche Licht nicht ertragen. Was den Seligen reine Glückseligkeit ist, ist den Verdammten die ewige Qual, obwohl Gott überall derselbe ist. Er wird nur anders, sowohl in diesem Leben als auch in der Ewigkeit, wahrgenommen. Daher auch die verschiedenen Stufen der Vollkommenheit im Fegefeuer. Diejenigen, die sündiger sind und einer längeren Läuterung bedürfen, denn im Fegefeuer gleicht länger auch härter, diese Seelen erfahren die reinigenden Leiden des Läuterungsortes härter. Diejenigen Seelen aber, die schon gereinigt wurden oder schon zum Zeitpunkt des Todes reiner sind, sie erfahren, will man den Privatoffenbarungen vieler Heiligen z. B. denen von Katharina von Genua glauben, die Gottesferne als eine unendliche Sehsucht.

Um mit Gott durch die Nachfolge Christi gleichförmig zu werden, muss man zuerst wissen, welche Eigenschaften Gott an sich hat. Die katholische Dogmatik kennt 33 Eigenschaften Gottes, die wir hier lediglich aufzählen, [1] ohne auf diese recht ausführliche Lehre an dieser Stelle eingehen zu wollen. [2]

I. Die Eigenschaften des göttlichen Seins (attributa essendi)

  1. Aseität (asseitas)
  2. Selbstständigkeit (independentia)
  3. Notwendigkeit (necessitas)
  4. Einfachheit (simplicitas)
  5. Unendlichkeit (infinitas)
  6. Absolutne Vollkommenheit  (perfectio absoluta)
  7. Unveränderlichkeit (immutabilitas)
  8. Unermesslich oder Raumlosigkeit (immensitas)
  9. Allgegenwart(omnipraesentia)
  10. Ewigkeit (aeternitas)
  11. Einheit (unitas)
  12. Objektive Wahrheit(veritas)
  13. Güte (bonitas)
  14. Schönheit (pulchritudo)
  15. Würde (dignitas)
  16. Einzigkeit (singularitas)
  17. Überweltlichkeit (distinctio a mundo)
  18. Persönlichkeit (personalitas)

II. Eigenschaften der göttlichen Tätigkeit (attributa actuositatis)

A. Eigenschaften des göttlichen Erkenntnis

  1. Wissen (scientia)
  2. Erkenntnis (cognitio)
  3. Weisheit (sapientia)

B. Eigenschaften des göttlichen Wollens

  1. Wille (voluntas)
  2. Freiheit (libertas)
  3. Heiligkeit (sanctitas)
  4. Allgütigkeit (benignitas)
  5. Gerechtigkeit (iustitia)
    1. Gottes Strafgerechtigkeit  (iustitia vindicativa)
    2. Barmherzigkeit als Aussetzung der Strafgerechtigkeit Gottes (misericordia)
  6. Wahrhaftigkeit (veracitas)
  7. Treue (fidelitas)

C. Eigenschaften Gottes Vorsehung und Vorausbestimmung

  1. Vorsehung (providentia)
  2. Allgemeinheit des göttlichen Heilswillens (universalitas voluntatis salvificae)
  3. Prädestination (praedestinatio)

D. Eigenschaften der Macht Gottes

  1. Allmacht  (omnipotentia)
  2. Allherrschaft  (dominium absolutum)

Natürlich können die Geschöpfe nur teilweise in einer sehr unvollkommenen Art und Weise an diesen verschiedenen, oben genannten, Eigenschaftengottes teilhaben. An manchen aber, den sogenannten negativen Eigenschaften Gottes, zu denen beispielsweise die Notwendigkeit, Unermesslichkeit, Raumlosigkeit oder Notwendigkeit gehören, haben sie überhaupt keinen Anteil.  Nichtsdestotrotz ist es für einen Menschen möglich und hinsichtlich seines ewigen Heils auch notwendig die Anteilnahme an manchen, positiven Eigenschaften Gottes herauszuarbeiten. Eine solche Eigenschaft ist die Einfachheit (simplicitas), an welcher man immer mehr und mehr durch das Gebiet der Einfachheit teilnimmt.

[1] Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Alverna: Wil 2013, 6-7.

[2] Tanquerey, A., Synopsis theologiae dogmaticae, T. 2, Paris 1935, 255-332. Hoffmann, Adolphus O.P., Theologiae dogmaticae manuale, T. 1, Paris 1949, 163-292. Diekamp-Jüssen, Katholische Dogmatik, Alverna: Wil 2013, 141- 241; Thomas von Aquin, Summ. Theol., Ia, Q. I- XXVII.

Erster Teil

Vorfragen

Zweites Kapiel: Vorstufen der Mystik? 

§ 1. Definition dieser Gebetsarten

(2) Das Gebet der Einfachheit oder einfache Beschauung

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