Antiliturgische Häresie – Einführung des Übersetzers


220px-ProsperWenn jemand, musiktheoretisch gesprochen, mit dem Vordersatz: „Do it yourself“ beginnt, so lautet der Nachsatz oft: „Weil es außer dir niemand tut“. Diese Lehre wurde auch uns zuteil, da wir ursprünglich vorhatten die fertige Übersetzung der Antiliturgischen Häresie von Prof. Fiedrowicz zu übernehmen und hier einfach einzufügen.[1] Doch bei der näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass Prof. Fiedrowicz ein so großes Ausmaß an Autozensur vornahm, dass vom tatsächlichen Text von Dom Prosper Guéranger manchmal wenig übrig bleibt. Wir können uns nur fragen, wovor sich ein gestandener, verbeamteter Wissenschaftler und katholischer Priester so fürchtet, um einen Autor des mittleren 19. Jahrhunderts dermaßen zensieren zu müssen. Wie es immer auch sei, wir stellen den Text des Abtes von Solesmes in einer eigenen Übersetzung und in einer ungekürzten Fassung dar.

Diejenigen unserer Leser, welche das Französische gut beherrschen, können es selbst hier nachlesen.[2] Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Antiliturgische Häresie als Bestandteil des ersten Bandes der Institutions liturgiques bereits 1854 auf Deutsch übersetzt wurde, da eben in diesem Jahre dieses erste Band als Liturgische Unterweisungen herausgegeben worden ist.[3] Man könnte also in eine Stadt fahren, in deren Universitätsbibliothek sich ein Exemplar dieses Buches befindet oder es durch die Fernleihe bestellen. Doch dieser Aufwand erscheint uns zu groß. Wir wollen auch der Versuchung zur Faulheit nicht nachgeben, denn macht man es sich immer zu bequem und zu einfach, so läuft man mit der Zeit vor jeder sprachlichen oder anders gearteten Herausforderung Versuchung davon. Ferner stellt sich auch die Frage, inwieweit die deutsche Sprache von 1854 heute noch auch für den deutschen Muttersprachler verständlich sein würde.

An dieser Stelle sei angefügt, dass der Abt von Solesmes eine äußerst kunstvolle Literatursprache des mittleren 19. Jahrhunderts verwendet, deren Eleganz, Doppelbödigkeit und manchmal auch Malice wohl am Treffendsten von einem großen deutschen Romancier des 19. oder des frühen 20. Jahrhunderts wiedergegeben werden könnte. Da aber Theodor Storm, Theodor Fontane und Thomas Mann mittlerweile verstorben sind, so muss der Schreiber dieser Zeilen sich selbst mit dem französischen Original messen. Wie man an den vorhandenen Übersetzungen ersehen kann, denn auf Englisch, Polnisch und unter Auslassungen auch auf Deutsch ist dieser Text bereits erschienen, tendieren alle Übersetzer dazu manches zu vereinfachen und zu verkürzen oder gar auszulassen, was leider dem Genie und der Wortkraft des Abtes von Solesmes nicht gerecht wird. Sollen unseren französisch sprechenden Lesern irgendwelche sprachlichen Ungenauigkeiten auffallen, so mögen sie diese mit Verbesserungsvorschlägen an uns schicken. Vielleicht entsteht auf diesem Wege eine gute deutsche, sprachlich zeitgemäße Fassung dieses so wichtigen Textes.

Der heutige Leser der Antiliturgischen Häresie kann leicht den Verdacht schöpfen, dass es sich bei diesem Text um ein Pseudoepigraph[4] oder um vaticinium ex eventu[5] handelt, in welchem ein heutiger Traditionalist, Anhänger der Piusbruderschaft oder ein Sedivakantist, um die nachkonziliaren Reformen zu desavouieren einen Benediktinerabt des mittleren 19. Jahrhunderts erfindet und ihm bestimmte Aussagen in den Mund legt. Dies ist jedoch wirklich nicht der Fall. Wir haben es hier tatsächlich mit einem Text zu tun, der ungefähr 100 Jahre vor dem letzten Konzil verfasst wurde.[6] Tatsächlich sind alle von Dom Prosper Guéranger beschriebenen Mängel und liturgischen Fehlentwicklungen, die er in der Vergangenheit beobachtet hat und auf den Punkt bringt, in der nachkonziliaren Zeit eingetreten. Sie traten innerhalb der kürzesten Zeit, denn was sind schon 50 Jahre an den 2000 Jahren der gesamten Kirchengeschichte gemessen, mit einer solchen Vehemenz auf, die in der bisherigen Kirchengeschichte beispiellos ist. Da der Abt von Solesmes die Reihenfolge des Verfalls genau vorausgesehen hat, so kommt man nicht umhin ihm außer den hervorragenden analytischen Fähigkeiten, auch den tatsächlichen Geist der Prophetie zugestehen zu müssen. Wir hoffen, dass diese Lektüre zum weiteren Verständnis der nachkonziliaren Entwicklung beiträgt.

[1] Enthalten in Una Voce Korrespondenz 3 (2010) 33-36. http://www.una-voce.de/uploads/1/2/8/3/12837883/10_h_3.pdf

[2] http://www.abbaye-saint-benoit.ch/gueranger/institutions/volume01/volume0114.htm#_Toc126113301 http://www.liberius.net/livres/Institutions_liturgiques_%28tome_1%29_000000253.pdf Auf Englisch ohne Kapitel 12 findet es sich hier: http://www.catholicapologetics.info/modernproblems/newmass/antigy.htm

[3] Prosper Guéranger. Aus dem französ. übersetzt von Jakob Fluck, Bd. 1: Die Geschichte der Lithurgie von Christus bis zum Ende des 16. Jahrhunderts enthaltend, Regensburg, 1854.

[4] Als Pseudoephigraph bezeichnet man das Phänomen, dass ein Text bewusst im Namen einer bekannten Persönlichkeit abgefasst oder fälschlicherweise einer solchen zugeschrieben wird.

[5] Eine „Prophetie“, die im Nachhinein von jemanden geschrieben wird, der die Ereignisse in der Vergangenheit schon kannte. So verfasst jemand z.B im Jahre 1000 einen Text, welchen er jemanden im III Jhd. zuschreibt, welcher den Untergang Westroms im Jahre 476 voraussagt.

[6] Guéranger, Prosper Dom O.S. B., Institutions liturgiques, Tom.1, Paris-Bruxelles 187820, 397-407. Die Erstausgabe stammt aus dem Jahre 1840.

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