Dom Prosper Guéranger OSB – Leben und Werk (2)


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Liturgie etwas Objektives für wahre Liebhaber

Wenn Plotin, in der Nachfolge Platos, diejenigen benennt, welche sich sozusagen von Haus aus für die Schau des Göttlichen qualifizieren, so nennt er den Philosophen, den Musiker und Liebhaber.[1] denn nur diese drei Menschenarten müssen aus sich heraus gehen, um mit dem Gegenstand ihrer Erkenntnis aber auch ihre Liebe eins zu werden. Dieser Gegenstand ist darüber hinaus unkörperlich oder wenig körperlich, so wie es mit der Philosophie und mit der Musik der Fall ist. Aber auch der wahre Liebhaber liebt vor allem die psychischen oder geistigen Eigenschaften der geliebten Person und nicht ihre körperlichen Vorzüge. So wenigstens ist der platonische Ansatz, wie er im Symposion dargestellt wird.

Es lässt sich also sagen, dass der Philosoph, der Musiker und der Liebhaber in eine Wirklichkeit treten, die sie selbst nicht schaffen, welche aber insofern zu ihrer eigenen Wirklichkeit wird, indem sie an ihr, als an einer objektiven Über-Wirklichkeit, teilnehmen. Und dies ist die eigentlich katholische Sicht der Liturgie. Dies ist die Sicht von Dom Prosper Guéranger. Liturgie ist vor allem das Werk Gottes (opus Dei), sie ist gleichsam eine Leiter, die Gott zu uns herunter lässt, damit wir an ihren Stufen zu Ihm emporklettern können. Diese Sicht der Liturgie enthält die Enzyklika Mediator Dei (vgl. I, 1), die Spuren davon sind auch in der Liturgiekonstitution des Vatikanum II zu finden (vgl. Sacrosanctum concilium 2).

„In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, „vollzieht sich“ „das Werk unserer Erlösung“[2], und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, daß das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist, zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, daß dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen[3]. Dabei baut die Liturgie täglich die, welche drinnen sind, zum heiligen Tempel im Herrn auf, zur Wohnung Gottes im Geist[4] bis zum Maße des Vollalters Christi[5]. Zugleich stärkt sie wunderbar deren Kräfte, daß sie Christus verkünden. So stellt sie denen, die draußen sind, die Kirche vor Augen als Zeichen, das aufgerichtet ist unter den Völkern[6]. Unter diesem sollen sich die zerstreuten Söhne Gottes zur Einheit sammeln[7], bis eine Herde und ein Hirt wird[8].“

Liturgie ist also der heilige Raum der Gegenwart Gottes und daher der Raum der Gottesbegegnung. Diese Einstellung liegt nicht nur dem Stufengebet zugrunde, in welchem der Priester stellvertretend aber auch sich selbst meinend seiner Unwürdigkeit Ausdruck gibt, bevor er die heiligen Geheimnisse, an Christi statt (in persona Christi), im heiligen Raum der Liturgie und durch die Liturgie verrichtet. Interessanterweise ist die Intuition, dass es sich bei der Liturgie um einen, objektiv aufgefassten, heiligen Raum handelt auch bei Protestanten zu finden und zwar bei den Freikirchen, welche, um es ein wenig pauschal auszudrücken, ihre eigene Tradition ab ovo errichtet haben. So sagt das Kirchenlied von Jack Hayford, welches im Liederbuch von Jugend mit einer Mission zu finden ist folgendes:

            „Darf ich stehen, o Herr, in dem heil‘gen Raum,

            möcht anbeten Dich und Dein Antlitz schaun.

            Herr, verwandle mich durch Deinen Geist und Dein Wort,

            dass ich sehe den Tag deiner Macht.“[9]

Dieses Beispiel soll zeigen, dass eigentlich jeder Christ, der betet zu dieser Auffassung der Liturgie gelangt, und da die Fülle des Christentums in der katholischen Kirche zu finden ist (und nicht bloß ‚subsistiert‘), so wollen wir hoffen, dass auch die Freikirchen irgendwann diese Fülle finden werden. Liturgie ist etwas Objektives, denn im Himmel findet ununterbrochen die göttliche Liturgie statt, an welcher die kämpfende Kirche auf Erden und die leidende Kirche im Fegefeuer teilnehmen. Liturgie ist also nicht Selbstgemachtes, keine Selbstbeschäftigung einer hyperaktiven Gemeinde, sondern etwas, in das man eintaucht. Man kann aber in etwas eintauchen, wenn etwas vorhanden ist, da es, den liturgischen Vorschriften entsprechend, „gemacht“ wurde. An dieser Stelle kommen auch Menschen ins Spiel, denn Liturgie ist vorrangig das Werk Gottes (opus Dei), als das Werk Christi (opus Christi). Als solches ist sie das Werk der Kirche (opus Ecclesiae), welche als der mystische Leib Christi das Werk Christi hier auf Erden fortgeführt und schließlich und endlich das Werk des Menschen (opus hominis), welcher all das vorher Gesagte beachtend betet oder andere liturgische Handlungen (actio liturgica) vollführt.[10]

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagte Erich Kästner, wobei man anführen muss, dass es das Gute an sich geben muss, da ansonsten jeder das Gute selbst definieren könnte. Man kann aber auch sagen, dass es keine irdische Liturgie gibt, außer sie wird zelebriert und zwar unter Berücksichtigung aller liturgischen Vorschriften. Tut man dies nicht, so wirkt sie nicht oder sie wirkt weniger heiligend und erleuchtend. Liest man liturgische Abhandlungen, die sich kritisch und manchmal auch sehr kompetent mit der letzten Liturgiereform auseinandersetzen, so bleiben alle von uns gelesenen Autoren auf der Argumentationsebene stehen, dass die letzte Liturgiereform deswegen schlecht ist, weil sie nicht katholisch ist oder gelinder formuliert, weil sie dem vorhergehenden katholischen Liturgieverständnis vor allem dem Verständnis der Messe entgegensteht. Diese Sicht der Dinge ist beispielsweise in der Ottaviani-Intervention,[11] bei Michael Davies,[12] bei Anthony Cekada[13] oder bei verschiedenen Schriften der Pius-Bruderschaft nachzulesen.[14] Dies ist wohl wahr, aber man müsste eigentlich sagen, die neue Liturgie ist schlecht, weil sie weniger wirkt. Anders lässt sich ja der massenweise Glaubensabfall nach dem Konzil nicht erklären, als eben durch die schwächere Wirkung der nachkonziliaren Liturgie.

[1] Plotin, Enneaden I, 3; vgl. Plato, Phaedr. 248 d.

[2] Sekret des 9. Sonntags nach Pfingsten. Natürlich nach dem Messbuch von 1962 oder früher.

[3] Vgl. Hbr 13, 14.

[4] Vgl. Eph 2, 21-22.

[5] Vgl. Eph 4,13.

[6] Vgl. Is 11,12.

[7] Vgl. Joh 11, 52.

[8] Vgl. Joh 10, 16.

[9] In Deiner Nähe. Ein Liederbuch von Jugend mit einer Mission, Tübingen 19852, Nr. 37, 82.

[10] Vgl. KKK 1069, 1073, 1071.

[11] Kurze kritische Untersuchung des neuen „Ordo Missae von Kard. Ottaviani und Kard. Bacci. Auf Deutsch zu beziehen beim Sarto Verlag, auf Englisch http://www.catholictradition.org/Eucharist/ottaviani.htm und Italienisch http://www.unavox.it/doc14.htm im Netz zu finden.

[12] Davies, Michael, Pope Paul’s New Mass, Liturgical Revolution. Volume Three, Kansas City, Missouri: Angelus Press 2009.

[13] Cekada, Work of Human Hands.

[14] Eher etwas für Fachleute: The Problem of the Liturgical Reform. A Theological and Liturgical Study, Angelus Press. http://archives.sspx.org/superior_generals_news/the_problem_of_the_liturgical_reform/the_problem_of_the_liturgical_reform.pdf Auf Deutsch beim Sarto-Verlag zu beziehen. Eingängiger wird diese Thematik z.B. hier dargestellt: Katholischer Katechismus zur kirchlichen Krise, Der neue Meßritus, Jaidhof: Rex Regum 2012, 111-136.

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