Schlußbericht des Nuntius von Österreich aus dem Jahre 1985 und seine Aktualität (5 von 5)


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8. Besondere Situationen

Vorbemerkung: Österreich, das ehemalige große Imperium bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, trägt noch immer an den Folgen der Zerschlagung dieses Staates. Dies heißt, daß die demokratische Einstellung erst spät zum Reifen kam, nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg. Dies erklärt die Unsicherheiten und das Fehlen einer echten Identität in der Kirche und in anderen Institutionen. Der Einfluß Deutschlands in der Theologie ist deutlich zu spüren. Lassen wir Statistiken und Umfragen, die zu widersprüchlichen Ergebnissen gelangen und die entweder kein objektives Urteil abgeben oder wichtige Punkte mit Schweigen übergehen, einmal beiseite. Dem Anschein nach ist die Kirche in Österreich in gutem Zustand. Man könnte sogar sagen: in zu gutem Zustand, wenn man die Zeit berücksichtigt, in der wir leben. Ihre historische Tradition, die sie freilich leicht mit „Josefinismus“ durchtränkt, hat sie in Treue zum Heiligen Stuhl bewahrt. Der Klerus wird in Österreich ziemlich respektiert. Die österreichiche Kirche wirkt ruhig und freundlich, zeigt aber alle Kompromisse, die in Mitteleuropa üblich sind. Dennoch gibt das Gewinnen von geistlichen Berufen zur Sorge Anlaß, besonders beim Diözesanklerus in Städten wie Graz, Klagenfurt und Wien. In anderen Orten beginnt man freilich langsam mit dem Wiederaufstieg. Die Ordensleute sichern auch weiterhin die spirituellen Werte in einem Gutteil der Pfarren und in anderen Bereichen, sodaß nicht wenige der Bischöfe aus Orden oder Kongregationen kommen. Die Institutionen, die Kardinal König ins Leben rief oder förderte, wie Caritas, Pro Oriente, Pro Scientia, Aide au Tiers monde, Afro Asiatisches Institut, blühen ziemlich und sind echte Kanäle der Großzügigkeit der österreichischen Kirche. Über ihre Wirkung in religiöser Hinsicht kann man diskutieren: es sind dabei so viele Funktionäre beschäftigt! Das Volk befolgt im allgemeinen die christliche Tradition, insbesondere die Alten und die im mittlem Alter Stehenden. Die Lage unter den Jungen müßte die Bischöfe freilich veranlassen, ihre Seelsorge zu ändern. Die Religionslehrer sind ziemlich gut bezahlt, es gibt nur wenige vollzeitig beschäftigte Geistliche in Schulen. Wien bleibt das Hauptproblem: ein im Jahr 1918 zerstückelter Körper. Die Pfarrhäuser sind fast leer. Aber es gibt dort zahlreiche Büros mit Kirchenfunktionären aus dem Laienstand ohne seelsorgliche Anliegen. Wien braucht einen Bischof, der die Flamme nährt und sie in der Seele des Volkes wieder anzündet. Die Aktivitäten des berühmten Kardinals auf dieser im Kreis drehenden Plattform, die die Hauptstadt nun einmal ist, trug entscheidend zum intellektuellen Aufschwung des ganzen Landes bei. Das ist ein Grund zur Freude. Der Heilige Geist nahm seinen Weg. Aber jetzt braucht man einen Oberhirten, der sich den Priestern widmet, der Spiritualität, der Jugend, dem Volk. In Wien gibt es riesige Reichtümer und viel guten Willen. Aber Eile tut not, wenn man nicht will, daß diese Stadt Stück für Stück dem Sterben entgegengeht.

Die Bundesländer: Sie haben sehr gute Diözesen (mit Ausnahme von Graz und Klagenfurt) mit zutiefst christlichen Familien, die die Situation retten. Berufungen freilich sind dünn gesät.

Die theologischen Fakultäten: Sie sind nicht alle auf dem gleichen Niveau und erinnern an die deutschen Richtungen. Die Strömung Klostermann und Küng und auch andere haben Rom, den Papst und die römischen Kongregationen in den Schmutz gezogen. Die Jungen neigen einer demagogischen, modischen Tendenz zu, meist ohne freilich den Grund dafür zu wissen. Die Lehrer kritisieren gerne den traditionellen Religionsunterricht und vernachlässigen den gelebten Glauben und die Spiritualität. Die philosophische Dialektik ist zu ausgeprägt, und die Bischöfe kümmern sich kaum darum, dies zu unterbinden.

Die materielle Lage der Kiche: In Österreich ist die Kirche reich und folgt dem Muster der großen Industrien, was ihr große Einkünfte verschafft, die direkt nichts mit der Glaubenslehre oder mit dem geistlichen Leben zu tun haben. Dieser Verwaltungsapparat wird von zahlreichen und gut bezahlten Laien geführt, was auch eine Protektionswirtschaft zu Ungunsten des Volkes Gottes bedeutet. Alles das kann man auch bei einzelnen Mitgliedern des Klerus erkennen, an ihrem Lebensstil, an den Autos(!), vornehmen Wohnungen wie bei Reichen, und das alles angesichts einer „Krise“ des Volkes. Ein enormer bürokratischer Apparat beschäftigt Funktionäre, die mit dem Geist Jesu Christi nichts zu tun haben. Und etwas über die Immobilien, über den Grundbesitz sagen… Die Theologieprofessoren werden üppig bezahlt und leben wie die Herren, sodaß in vielen Fällen sogar die Bischöfe übertroffen werden.

Beunruhigende Fragen: Die religiöse Praxis ist unter den Jungen recht schwach. Jene, die mit dem Papst in Wien zusammentrafen, stellen nur eine Minderheit dar, und auch unter diesen gehörte ein gewisser Teil zu den Nichtpaktizierenden. Da gab es eine große Hochstimmung.

  1. Abtreibungen: Legalisiert, auch unter Katholiken recht verbreitet. Man hat sich nunmehr daran gewöhnt.
  2. Ehescheidungen: Stetige Zunahme, besonders unter den Dreißig- bis Vierzigjährigen.
  3. Lebensgemeinschaften more uxorio: ohne Skrupel und in den Städten ziemlich verbreitet, wie von Ärzten angelegte Statistiken zeigen. Auch wenn es in diesem Bereich keine genauen Informationen gibt, bleibt doch ein Grund zur Beunruhigung, daß die Freizügigkeit in diesen Dingen auch die studierende Jugend betrifft, also jene Leute, die die Welt von morgen gestalten und lenken werden. Auch die katholischen Zentren akzeptieren liberal diese Situation. Ein Gesetz wird den Studenten bald völlige Freiheit über das gewähren, was sie in ihren Heimenmachen wollen. Man fragt sich, was mit den Familien geschehen wird, ja ob es in zwanzig Jahren überhaupt noch christliche Familien geben wird.
  4. Voreheliche Beziehungen: vervielfachen sich.
  5. Selbstmorde und Alkoholismus: in immer größerem Ausmaß.
  6. Zerrüttete Familien: in Wien immer häufiger. Dieses Problem rührt von der Zunahme der Ehescheidungen und der Instabilität zahlreicher Familien her. Österreich ist dabei, zur Gänze seine Traditionen im Bezug auf die Familien zu verlieren, besonders in den großen Städten.
  7. Geburtenkontrolle: Die empfängnisverhütende Pille ist legalisiert und auch unter den Minderjährigen als einfachste Lösung weit verbreitet. Es beginnen freilich junge Ärzte und gut informierte Personen die Probleme zu begreifen, die mit dieser Situation verbunden sind. Als intelligente Menschen denken sie an eine ausgewogene und auch ethisch und christlich verantwortete Sexualität. Aber es bleibt noch ein langer Weg, um die Lehre der Kirche in diesem Bereich zu verstehen und anzunehmen.
  8. Die Laientheologen: Obwohl gut ausgebildet, könnten sie schlußendlich einen Staat im Staate bilden, außer man ergreift energische Maßnahmen. Durch sie könnte es wie zu einem Geist der Gewerkschaft oder zu zwei parallelen Kirchen kommen.
  9. Religionsunterricht: zu theoretisch; wenig die Jugendseelsorge durch vollzeitig Beschäftigte. Die Lehrenden kümmern sich mehr um ihr Gehalt und die Unterrichtsstunden als um die Seelsorge zu jeder Zeit.

Der Episkopat: Seine Treue zum Heiligen Stuhl ist ohne Vorbehalte. Er ist für ein tiefes Verständnis der christlichen Caritas offen. Vielleicht in keiner anderen Kirche als der österreichischen gibt es eine ausgeprägtere Großzügigkeit gegenüber der Dritten Welt, den Ländern des Ostens und den Flüchtlingen. In ihrer Selsorge stellen viele Bischöfe ihre große Hingabe unter Beweis, freilich mit nicht wenigen Kompromissen. Sie kümmern sich nur wenig um die Pastoral der jungen Generation, besonders an den Universitäten. Sie wollen ihre Priester nicht für die Jugendseelsorge opfern. Um eine Brücke zwischen dem Volk und der Hierarchie zu schlagen, wird es nötig sein, die Hierarchie zu verjüngen. Es braucht dringend Seelsorger, die in Einfachheit mitten im Volk leben. Das Morgen des Großteils der Jugend und der Kirche selbst steht auf dem Spiel. Die Menschen warten. Österreich ist ein Missionsland.

Zusammenfassend: Angesichts der jetzigen Lage sollte man sich über eine rasche Genesung keine Illusionen machen. Dazu braucht es Jahre und mutige und heilige Bischöfe, die mit Vorsicht, Entschlußkraft und ohne Verzögerung die Strukturen und die Personen austauschen, die Seminare beleben, die guten Priester ermutigen, die schwachen und vom rechten Weg abgekommenen zurechtweisen, die Bürokratie ausdünnen, die rechte Lehre ausdauernd verkünden und überall die Angleichung an den Papst und sein Lehramt bestärken. All dies ist wirklich möglich, weil es viele gute Leute gibt, die beten und Opfer bringen, damit diese lange Prüfung ein Ende habe.

Mit unterwürfiger Ergebenheit

bin ich Eurer verehrungswürdigster Eminenz ergebenster Diener im Herrn Mario Cagna

Apostolische Nuntiatur in Österreich

Schlußrelation der Mission von Mons. Mario Cagna, 1976 – 1985

Wien, Januar 1985

An Seine Eminenz

Agostino Kardinal Casaroli

Staatssekretär Seiner Heiligkeit

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